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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Lokales
Diskussion mit Aktivisten aus Kairo, Tel Aviv und Barcelona am 1.7. in Köln
Wie öffentlich ist die Politik der Zukunft?
Von Dr. Tilman Lenssen-Erz

Es begann mit einer erschreckenden Einzelaktion: Im tunesischen Sidi Bou Sid verbrennt sich im Dezember 2010 Mohamed Bouazizi aus Wut und Verzweiflung über die Grausamkeit des Machtapparats und seine aussichtslose Lebenssituation. Die Bedingungen und Gefühle, die ihn trieben, werden global geteilt, und so konnte die Einzelaktion in Tunesien und in weiteren Ländern Volksaufstände hervorrufen, die mehrere Regierungen zu Fall brachten. Es dauerte nicht lange, da erreichten die Forderungen nach Teilhabe und Transparenz, aus der Peripherie der Wohlstandswelt kommend, auch als wohlhabend geltende Länder wie Israel, Spanien und zuletzt sogar die USA.


Aktion von Occupy Köln
Quelle: Occupy

Schon mit der Revolution in Ägypten wurde eine überraschende und neue politische Kultur geboren: Nicht allein, dass Neue Medien und Mobilfunktechnologie eine wichtige Rolle spielten, sondern die Revolutionäre aller Couleur setzten sich auf dem zentralen Tahrir Platz in Kairo fest und formten ihn zu einer hoch politisierten basisdemokratischen Gegenwelt zur bestehenden Diktatur. Dieses Modell fand schnell Widerhall in weltweiten Platzbesetzungen die "Revolution" als unideologischen Begriff verstehen möchten. Die zentralen Forderungen an die Mächtigen nach Teilhabe und Transparenz sollten auf den Plätzen real umgesetzt werden. So wurden Konsensbeschlüsse riesiger Menschenmengen gefasst und neue Kommunikationsformen und -mittel entwickelt. Einzig große Versammlungen, 'Asambleas', die besonders von der spanischen M15 Bewegung kultiviert wurden, sind ein gültiges Beschlussorgan, ein System der Wahlen und Abordnung gibt es nicht.
 

Daniel Dor, Uni TelAviv
Quelle: Uni TelAviv
In vielen Großstädten weltweit wurden zentrale Plätze okkupiert und in politische Arenen verwandelt. Als schließlich der Zuccotti Park in New York unter dem Begriff "Occupy Wall Street" besetzt wurde, war auch ein Begriff für die neue Bewegung geboren. Was zuvor als "Arabischer Frühling" und als "Arabellion" regional begrenzt schien, wurde nun zur weltweiten "Occupy-Bewegung". Diese Bewegung identifiziert sich also anhand ihres primären politischen Mittels, nicht anhand ihrer Ziele. Bei den Besetzungen ging es nicht allein darum, ausreichend Platz für große Demonstrationen zu okkupieren, vielmehr ermächtigte man sich des Herzstücks einer Stadt, um dort modellhaft die ersehnten neuen Lebenswelten zu etablieren. Interessanterweise reagierten demokratische wie despotische Administrationen weltweit auf dieselbe Art und Weise, um sich diese Gegenentwürfe vom Hals zu schaffen: mit einem bizarren Hygiene-Argument wurden viele Plätze von Kairo über Madrid bis New York mit brutaler Polizeigewalt geräumt. Nach einer 'natürlichen' Ruhephase im Winter erwarten aber AktivistInnen von Tel Aviv über Frankfurt bis Oakland ein Wiederaufleben der Bewegung im Frühjahr 2012. Dabei wird es wieder darum gehen, zentrale Plätze zu okkupieren.
 
 

Lia Nirgad, Menschenrechts-
Aktivisten aus Tel Aviv
NRhZ-Archiv
Vor diesem Hintergrund möchten wir in einer Diskussion, die mehr einer Asamblea als einer Podiumsdiskussion ähnelt, mit AktivistInnen aus Kairo, Tel Aviv und Barcelona herausfinden, worin diese symbolische Macht der Platzbesetzungen liegt. Denkbare Leitfragen wären: Welche Symbolkraft strahlen diese Plätze aus, dass sie in ganz verschiedenen Kulturen zu den Orten werden, an denen politische Zukunft gelebt und verhandelt wird? Ist dieses neue politische Ethos in lokalen Traditionen verankert oder eine positive Globalisierungsfolge? Wurde vom Tahrir Platz in Kairo eine neue politische Kultur in die Welt exportiert? Wurde auf den städtischen Plätzen der Welt die unideologische und unbewaffnete Revolution des 21. Jahrhunderts geboren? Weist das spontane, am Gemeinwohl orientierte Handeln den Weg aus den Besetzer-Camps in eine neue Politik oder gar Gesellschaftsordnung? Welche Handlungsmacht hat die weltweite Demokratiebewegung zwischen Autokraten und globalen Finanzmärkten? Was kann die im Westen in bürokratischem Parlamentarismus erstarrte Demokratie daraus lernen? Ist "Occupy" die erste wirklich globale Bewegung? (PK)
  

Hamed Abdel-Samad, Aktivist
auf dem Tahrir Platz
Foto: Markus_Röleke
Es diskutieren:
Hamed Abdel-Samad, Kairo und Berlin (Aktivist auf dem Tahrir Platz; Buchautor, Mitglied der Deutschen Islam Konferenz)
Dr. Daniel Dor und Lia Nirgad, Tel Aviv (Menschenrechts-Aktivisten, führende Teilnehmer der sozialen Proteste im Sommer 2011 in Tel Aviv; Kommunikationsforscher und Autorin)
Joel Sans, Barcelona (Beobachter und Aktivist der spanischen 15M Bewegung; Student der Gegenwartsgeschichte)
Moderation Dr. Achim Schmitz-Forte (WDR)
 
Eine Veranstaltung von: Rautenstrauch-Joest-Museum, Heinrich-Barth-Institut e.V., Heinrich Barth Gesellschaft e.V., Stimmen Afrikas/Allerweltshaus Köln und Occupy Cologne.
Sonntag, 1. Juli 2012, um 13 Uhr im Rautenstrauch-Joest-Museum, direkt am Neumarkt
 
Dr. Tilman Lenssen-Erz arbeitet am Institut für Ur- und Frühgeschichte, Forschungsstelle Afrika in der Uni Köln. Er hat die Veranstaltung über die Heinrich Barth-Gesellschaft mit organisiert.


Online-Flyer Nr. 359  vom 20.06.2012

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