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Medien
Nicht veröffentlicht: Leserbrief eines Palästinensers an die SPD-Zeitung vorwärts
Global gedacht?
Von Dr. Izzeddin Musa

Am 6. Juni erschien in der "Zeitung der deutschen Sozialdemokratie" vorwärts ein Kommentar des deutsch-israelischen Schriftstellers, Publizisten, Politologen und Zeithistorikers Rafael Seligmann mit dem Titel "Global gedacht". Dadurch wurde der in Wachtberg, in der Nähe von Köln lebende Diplom-Geologe und Palästinenser Dr. Izzeddin Musa zu einem Leserbrief angeregt, den wir hier  veröffentlichen. – Die Redaktion


Hannelore Kraft beim vorwärts-Empfang am 26. April in Düsseldorf
Quelle: http://www.vorwaerts.de
Foto: Uta Wagner
 
An die Genossinnen und Genossen beim vorwärts, zum Abdruck in der nächsten Ausgabe und Weiterleitung an Eueren Kolumnisten Rafael Seligmann, als Antwort auf seine Kolumne: „Global gedacht“ vom 06/2012 http://www.vorwaerts.de/Politik/Kolumnen/72732/global_gedacht_06.html
Rafael Seligmann: Ein „Musterjude und zionistischer Fantast!“ Es muss gesagt werden, was längst hätte gesagt werden müssen!
 
Sehr geehrter Herr Seligmann,
 
ich verwahre mich dagegen, Sie mit Genosse anzureden. Ehrbare Sozialdemokraten verwischen keine Wahrheiten. Wahrheit, Solidarität und Gerechtigkeit sollen bekanntlich sozialdemokratische Tugenden sein. Die vermisse ich bei Ihnen. Jeden Monat habe ich Ihre  politischen Dusseligkeiten im vorwärts lesen müssen. Mit Ihrer zionistischen Chuzpe überholen Sie sich selbst und zeigen uns, wie schräg die Zionisten ticken. Mit Ihren Thesen zur politischen Szene und den Urteilen über den Literaturnobelpreisträger Günter Grass, über den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad und sein „Atomwaffenprogramm“, das die „Mullahs“ nicht haben und nicht haben wollen, und ganz zum Schluss, wenn Sie anfangen, über die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ zu fantasieren, um uns auch das noch unterzujubeln, ist der Beweis erbracht, dass Sie bestenfalls ein zionistischer „Musterjude“ und Fantast sind. Sozialdemokratische Tugenden besitzen Sie nicht.
 
Im Einzelnen: Zu Günter Grass, Mahmud Ahmadinedschad und „der einzigen Demokratie“ im Nahen Osten, verweise ich auf meinen Beitrag: http://palaestina-heute.de/Pinwand/Gunter_Grass__Was_gesagt_werde/Izzeddin_Musa/izzeddin_musa.html.
Und soviel noch dazu: Ich empfinde es als eine Anmaßung, wenn Sie - als journalistischer Trittbrettfahrer - dem Gedicht, das mit „letzter Tinte“ von Günter Grass geschrieben wurde, auch nur im Geringsten etwas anhaben wollen; wenn Sie die wahren und zutreffenden Worte, mit Ihrem „letztem Atem“, auf eine sehr plumpe Art und Weise, versuchen anzuzweifeln. Dies steht Ihnen, als Möchtegern-Analyst und Globaldenker, mit Sicherheit nicht zu!
 
Was Ahmadinedschad und die „Vernichtung Israels“ betrifft, sei hier der Verfasser zitiert: „Keiner, nicht die Politiker und Volksvertreter, nicht die Lobbyisten oder die Mainstream-Medien, haben richtig zugehört, was Ahmadinedschad gesagt hatte. Sie wollten und durften wahrscheinlich auch nicht. Wo bleibt der Anstand der Parlamentarier, die, bei ihren Entscheidungen, nur ihrem Gewissen gegenüber verantwortlich sind? Ahmadinedschad hat lediglich ein Zitat von Ayatollah Khomeini wiedergegeben: „Das Regime, das Al-Quds besetzt hält, wird von den Seiten der Geschichte verschwinden.“ Von einer Vernichtung oder Auslöschung von Menschen, kann hier gar keine Rede sein.
 
Was die Mainstream-Kampagne behauptet, ist ein dokumentarisches Zeugnis für eine verlogene Interpretation und Verdrehung von Tatsachen nach eigenem Gutdünken, um die eigene Ohnmacht und aufgezwungene Unterwürfigkeit westlicher Politiker gegenüber Israel zu vertuschen. Warum hat man sich nicht aufgeregt, als Hillary Clinton, bei ihrer Präsidenten-Wahlkampfkampagne im Jahre 2008 wörtlich sagte: „Wir würden Iran ausradieren, falls er Israel angreifen würde.“ Ist es nicht so: wenn man ein Land ausradiert, dann radiert man automatisch auch seine gesamte Bevölkerung aus? Aber keine Bange, sie weiß und wir wissen, dass der Iran erst dann angreift, wenn er selbst angegriffen wird. Wie oft haben sich westliche Politiker und ihre Medien den Vorwurf einhandeln müssen „verlogene Heuchler“ zu sein, ohne dabei auch nur ein bisschen rot zu werden? Pfui Teufel!
 
Der Botschafter, und alle anderen, wollen nicht wissen, dass der Iran seit zweihundert Jahren keinen einzigen anderen Staat angegriffen hat. Aber sie wissen auch ganz genau, ohne es zuzugeben, dass derselbe Iran nicht eine einzige Atombombe besitzt. Im Gegensatz zu Israel, das tagtäglich seine Nachbarn angreift und mordet, ihre Häuser, Plantagen und Felder, ja ihre Lebensgrundlage zerstört und die Menschen vertreibt. Und sie wissen auch über die 300 israelische Atombomben, worüber sie sprechen, höchstens um sie zu segnen und heilig zu sprechen. Genauso halten sie still über die fünf gelieferten mit Atomwaffen bestückbaren und mit Steuergeld subventionierten U-Boote, denen jetzt ein sechstes folgen wird. Genau über diese unsäglichen Schweinereien hat sich Günter Grass beklagt und vor der Mittäterschaft und Mitschuld an Kriegsverbrechen gewarnt.
 
Die Meute nimmt die unverhüllte Drohung Israels gegen den Iran nicht zum Anlass, um Kritik gegen eine flagrante Verletzung des Völkerrechts zu üben. All das nimmt sie in Kauf und macht sich zum Mittäter. Auch das befürchtet Günter Grass“. Haben Sie das gewusst, Herr Seligmann, oder sollte man Sie erst mal „selig“ sprechen, damit Sie die Zusammenhänge dann vielleicht kapieren würden?
 
Und nun zum Höhepunkt Ihrer Chuzpe: Israel sei „die einzige Demokratie im Nahen Osten“. Das sprengt wirklich jeden Rahmen. Wer das behauptet, hält entweder alle für politisch naiv oder er sagt bewusst die Unwahrheit. Welcher Staat kann so etwas von sich behaupten, wenn er nach seiner Religion, in diesem Fall „jüdisch“, benannt werden will. Israel ist bestenfalls eine jüdische Demokratie, was einen großen Unterschied zur westlichen und liberalen Demokratie bedeutet. Israel ist eine Ethnokratie, genauso wie Iran eine Theokratie ist, beide haben mit westlichen Wertvorstellungen nichts zu tun.
 
Über das zionistische Gebilde Israel und seine Untaten ist, im o.g. Link einiges wiedergeben. Und hier füge ich noch hinzu: Als die Madrider Konferenz 1991 stattfand, lehnte Isaac Shamir, einst Terrorist und von England wegen Mordes gesucht, seinerzeit israelischer Premier, die Teilnahme ab. Erst auf die Androhung von George H. W. Bush, die 10-Milliarden-Dollar-Bürgschaft zu stornieren, kam Shamir zu den Friedensverhandlungen und gab von sich: „Wir werden mit den Palästinensern zehn Jahre ohne Ergebnis verhandeln.“ Recht hat der Terrorist für seine Zeit behalten. Denn bis heute wird verhandelt, und zwar ohne Ergebnisse und nur zum unermesslichen Nachteil der Palästinenser, die eigentlichen Besitzer des Landes.
 
Schon damals nannte ich das Madrider Theater „die Hinterhof-Friedenskonferenz“. Ich erkannte und forderte, lange Zeit vor Imam Ruhollah Ayatollah Khomeini, was Ahmadinedschad nur wiedergab: das israelische Besatzungsregime kann und darf keinen Bestand im Nahen Osten, inmitten der arabischen Welt, haben. Israel ist ein künstliches Gebilde und ein Retortenstaat, eingepflanzt als Fremdkörper und Dolch mitten im Herzen der arabischen Nation, ein heterogener Störenfried, um die Einheit zu verhindern und die Region zu destabilisieren. Ganz im Sinne der USA und seiner westlichen Lakaien. Dieses Gebilde hat wieder zu verschwinden. An seine Stelle muss ein „echter“ demokratischer Staat treten, der für alle seiner Bürgerinnen und Bürger, Muslime, Christen und Juden, da ist. Alle ultra-radikalen und fanatischen Siedler, die sich ein fremdes Territorium mit Terror und Gewalt, die jede Norm von Recht sprengen, aneignen und nicht integrieren wollen, haben in einem demokratischen Staat Palästina keinen Platz. Sie mögen dort hingehen, woher sie gekommen sind, und zwar überwiegend in die USA. Ihnen sei mit auf dem Weg gegeben: „Du sollst nicht töten!“ – fünftes Gebot. Aber sie töten fast jeden Tag. Und das siebte Gebot: „Du sollst nicht stehlen!“. Auch das tun sie jeden Tag und stehlen das Land der Ureinwohner Palästinas.
 
Vielleicht beherzigen Sie das achte Gebot: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!“ Bedenken Sie dies, wenn Sie Ihren nächsten Artikel schreiben, mit dem Sie sonst wieder das Bewusstsein der Deutschen im zionistischen Sinne verwirren könnten.
 
Dr. Izzeddin Musa
Wachtberg
4. Juni 2012

Der Autor des Briefes an die vorwärts-Redaktion ist zwar Sozialdemokrat, hat aber "mit den Berliner-Bilderberger-Sozialdemokraten nichts am Hut". Auf Anfrage erfuhren wir von ihm: "Meine Stimme haben sie auch nicht mehr. Ich kann Ihnen ein Lied von den Sozialdemokraten in Berlin, seit Schröder bis heute, singen. Ich habe eine Klage gegen Schröder/Fischer wegen Irak und der U-Boote 2004, etc., erhoben und habe mich, wenn nötig, immer wieder scharf beschwert: Struck/Hindukusch, Steinmeier und die Trennmauer gegen Gaza, Gabriel und sein Rückwärtsgang wegen Hebron u.a.m."

Lesen Sie hierzu auchden Kommentar vom Hochblauen
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Von Evelyn Hecht-Galinski

Aus der NRhZ Nr. 337  vom 18.01.2012
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17399 (PK)



Online-Flyer Nr. 359  vom 20.06.2012

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