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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Glossen
Hoffnungsträger der Familie
Ein Kuckuck im Meisennest
Von Wolfgang Bittner

Jutta und Wilfried haben einen 34-jährigen Sohn, Patrick. Ein ruhiger und zurückhaltender junger Mann, höflich, sehr reisefreudig. Er studiert im 28. Semester Geschichte. Wilfried sagt, Geschichte müsse man wohl so lange studieren, weil die Geschichte lange gedauert hat. Und Jutta findet es abenteuerlich und recht hilfreich für das Studium, dass ihr Sohn zu den geschichtsträchtigen Stätten in Südeuropa, Asien, Mittel- und Südamerika reist. Dorthin wollten sie und ihr Mann eigentlich schon immer mal, aber leider reicht das Geld dafür nicht. 
 
Immer geht es ums Geld. Ihr Auto haben Jutta und Wilfried schon vor längerer Zeit abgeschafft, außerdem das Theaterabonnement aufgegeben. Wilfried hat sogar seine Lebensversicherung gekündigt. „Unsere Sparkasse ist unser Sohn“, sagt er. Jutta meint: „Es macht doch was her, wenn man sagen kann: Unser Sohn studiert. Dafür kann man doch auch Opfer bringen. Schließlich ist er unser Einziger.“
 
Da die Ausbildungshilfe bereits vor einigen Jahren eingestellt wurde, erhält Patrick natürlich elterlichen Unterhalt. Auch die Studiengebühren, Kosten für Fachliteratur und das Auto sowie die Finanzierung der Studienreisen in ferne Länder übernehmen die Eltern gern. Patrick ist sozusagen der Hoffnungsträger der Familie. Selbst die Oma nimmt Anteil an seinem Werdegang und will ihm demnächst ihr Haus übertragen.
 
Es versteht sich von selbst, dass Patrick – wenn er erstmal sein Examen hinter sich gebracht hat – „seinen Doktor“ machen wird. Darauf freuen sich seine Eltern schon sehr. Eigentlich hätten sie ja gern Enkelkinder gehabt, doch damit wird es wohl in absehbarer Zeit nichts werden. Patrick hat zwar so eine Art Lebensgefährtin, aber das Studium geht vor. Für eine feste Bindung und Familiengründung ist immer noch Zeit. Als Akademiker ist Patrick schließlich eine gute Partie, wie man so sagt.
 
Was er werden will, weiß er noch nicht so genau. Lehrer kommt jedenfalls nicht in Frage, das liegt ihm nicht, noch dazu bei den schwierigen Kindern heutzutage. Vielleicht wird er in die Politik gehen; da kann man rasch Karriere machen, wenn man es geschickt anstellt, ein so einnehmendes Wesen hat wie Patrick und so nett aussieht.
 
Kürzlich haben Jutta und Wilfried ihrem Sohn nun ein Apartment eingerichtet, damit er es bequem fürs Studium hat. Um Patrick einen angemessenen Lebensunterhalt finanzieren zu können, haben sie eine Hypothek auf ihr Haus aufgenommen. „Schließlich kann der Junge in seinem Alter nicht mehr in irgendeiner Bude hausen und von der Hand in den Mund leben“, sagt Jutta.“ Wilfried stimmt ihr zu: „Wir tun das gern für ihn. Er ist ein so strebsamer lieber Junge.“ (PK)


Online-Flyer Nr. 350  vom 18.04.2012

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