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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Lokales
Offener Brief an den Hörfunkdirektor des WDR, Wolfgang Schmitz
Wem gehört das Radio?
Von Lothar Fend und Prof. Hans Joachim-Lenger

Passend zu dem seit gestern in dieser NRhZ-Ausgabe stehenden Dokumentarfilm "Ist die Rundfunkfreiheit bedroht?" haben "Die Radioretter" von der Initiative für Kultur im Rundfunk aus gutem Grund einen Offenen Brief an den Hörfunkdirektor des WDR, Wolfgang Schmitz, geschrieben. Da Wolfgang Schmitz sich als WDR-Redakteur vor dem Beginn seiner Karriere ähnlich für die Rundfunkfreiheit eingesetzt hat wie sein damaliger Kollege Ludwig Metzger, empfehlen wir ihm, sich nach dem Lesen dieses Briefes auch den hier anliegenden und im WDR vorsichtshalber ein paar Tage vor der geplanten Sendung aus dem Programm gekippten Dokumentarfilm anzuschauen. Vielleicht nimmt er ja auch an einem der unten angekündigten Termine teil. – Die Redaktion
 

WDR-Programmdirektor Wolfgang Schmitz
Quelle:WDR-Foto: Herby Sachs
Sehr geehrter Herr Schmitz,
es ist an der Zeit, uns erneut in einem Offenen Brief an Sie zu wenden. Die Art und Weise, in der Sie sich bislang den Diskussionen um die geplante Reform von WDR 3 entzogen haben, zwingt uns dazu - ebenso Ihre Ankündigungen, sich auch weiterhin jedem direkten Gespräch mit ihren Kritikern zu verweigern. Offenbar glauben Sie, dass der WDR-Hörfunk Ihnen gehört, weswegen Sie ihn allein zu Monologen in eigener Sache und nicht zu Dialogen mit Kritikern nutzen, die in die Materie eingearbeitet sind.
 
Als Reaktion auf die große Unterstützung für die „Radioretter“ äußerten Sie sich vor wenigen Wochen zunächst im Medienmagazin von WDR 5, indem Sie der Moderatorin auf offenbar vereinbarte Fragen Ihre Antworten erteilten. Sie führten also eine Art öffentliches Selbstgespräch, was hoffentlich nicht eine Ihrer Programminnovationen für ein zukunftsfähiges Radio ist. Fast könnte man es vermuten, da Sie dieses Selbstgespräch jetzt in einer anderen Variante fortsetzen wollen. Für den 14. April haben Sie sich zur Verteidigung der geplanten WDR 3-Streichungen in die WDR 5-Sendung „Funkhaus Wallrafplatz“ eingeladen - eine Sendung, in der Hörer anrufen können. Dieses Mal wird die Sendung ab 9.20 Uhr freilich nicht nur auf WDR 5 gesendet, sondern gleich noch zu WDR 3 durchgeschaltet. Dort wird schon ab 9.05 Uhr WDR 3-Wellenchef Karl Karst die WDR 3-Reform verteidigen, um dann an Sie zu übergeben. Der Aufwand ist zwar beachtlich. Glauben Sie aber wirklich, der Kritik an Ihren Plänen durch eine Okkupation öffentlicher Sendekapazitäten begegnen zu können?
 
Als Gesprächspartner haben Sie sich Olaf Zimmermann ins „Funkhaus Wallrafplatz“ eingeladen, den Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Bekanntlich ist die ARD Mitglied des Deutschen Kulturrates, was sicher dafür sorgt, dass Herr Zimmermann keine echte Kritik an Ihrer Programmpolitik üben kann. Dies verbietet schon die „Etikette“, denn er ist quasi ein Angestellter der Kulturrates bzw. seiner Mitglieder, also auch des WDR. Zudem ist Olaf Zimmermann gemeinsam mit WDR 3-Wellenchef Karl Karst Vorstandsmitglied der „Initiative Hören e.V.“, die Herr Karst gegründet hat. Auch diese Verbindung wird Olaf Zimmermann an kritischen Tönen hindern. Er soll Ihnen als Stichwortgeber dienen und den Eindruck erwecken, Sie führten ein Gespräch mit „der Kultur“. Wir sind gespannt, ob er aus der ihm zugedachten Rolle fallen wird. Glauben Sie aber allen Ernstes, Ihr Manöver bleibe von der Öffentlichkeit unbemerkt?
 
Ihre Flucht in Monologe, die sich in Form und Inhalt selbst diskreditieren, könnten an das Selbstgespräch von Potentaten erinnern, die ihrer eigenen Vergangenheit hinterherlaufen, gäbe es da nicht die bekannte Beziehung von Tragödie und Farce. Fehlende Argumente aber lassen sich nicht durchs Sendemonopol ersetzen – und auch, wenn wir am 14. April zweifellos zu Ihren Hörern zählen werden, wir ahnen bereits, was Sie vortragen dürften. Denn in Ihrer Antwort auf unseren „Offenen Brief“, in dem folgenden „Interview“ auf den WDR-Internetseiten oder in dem Beitrag in der WDR-Hauszeitschrift wiederholen Sie sich ständig: Sie werden erneut als Erfolg verkaufen, dass sich WDR 3 durch die in 2001, 2004 und 2008 erfolgten Reformen zu einem tagesaktuellen Kulturradio mit Live-Moderation entwickelt habe, dessen Organisation jetzt angepasst werden müsse.
 
Doch hinter der „Weiterentwicklung“ zu einem „tagesaktuelles Kulturradio mit Live-Moderation und acht Stunden Kulturmagazinen werktäglich“ verbirgt sich die Zurichtung zu einem formatierten Begleitmedium, in dem kein Platz mehr ist für reflektierende, provozierende oder hintergründige Programme; kein Raum mehr für Sendungen, die sich inhaltlich und sprachlich an ein Publikum wenden, das an ungewöhnlichen Denkanstößen interessiert ist. Sie werden verkünden, dass man auf WDR 3 in Zukunft „einem von vielen Hörerinnen und Hörern als Ärgernis empfundenen Zustand abhelfen“ werde: dem Fehlen eines aktuellen Kulturmagazins am Sonntag im WDR Hörfunk. Sie werden verschweigen, dass Sie dieses auch von Redakteuren seit Jahren geforderte Kulturmagazin längst hätten einführen können. Sie werden klein reden, dass für das neue Kulturmagazin die bisher letzte Programminnovation, die Sendung „Resonanzen weltweit“ abgeschafft werden soll. Und Sie werden nicht erwähnen, dass es nach der von Ihnen um jeden Preis gewollten Organisationsreform überhaupt kein Personal mehr gibt, um ein anspruchsvolles Kultur-Sonntagsmagazin zu planen und auszuführen.
 
Sie werden von einem „deutlich verbesserten Online-Auftritt“ schwärmen und von einem neuen täglichen kulturpolitischen Kommentar oder von „regelmäßigen größeren Programmaktionen“. Sie werden aber nicht sagen können, wie der Online-Auftritt „reicher“ werden kann, wenn das Programm „ärmer“ wird. Sie werden wahrscheinlich zu erwähnen vergessen, dass in den „Resonanzen“, dem Feuilleton von WDR 3, jetzt schon regelmäßig kulturpolitische Kommentare gesendet werden, die allerdings - anders als die jetzt von Ihnen vorgeschlagen - nicht auf zweieinhalb Minuten beschränkt sind. Und Sie werden den Hörern einreden wollen, dass mehr Hörer-„Aktionen“ das Programm „auf Augenhöhe mit dem Publikum“ brächten. Verschweigen werden Sie hingegen, dass sich nur der auf einer Höhe mit dem Publikum befindet, der Aufklärung betreibt und Wissen vermittelt.
 
Sie werden versichern, „dass WDR 3 keinen Euro aus seinem Etat verliert und im Zusammenhang mit den Veränderungen keine Stelle abgeben muss“. Und Sie werden gleichzeitig erklären, dass Sie sich „im Sinne eines schonenden Umgangs mit Personal- und Finanzressourcen“ geradezu „verpflichtet“ fühlen, in der Sendung „Resonanzen“ Wiederholungen einzusetzen.
 
Doch wo bleibt das bisher für Honorare gezahlte Geld, das Sie durch die Kündigung der Journal-Moderatoren, die Einführung von Wiederholungen in den „Resonanzen“ oder die Streichung eines wöchentlichen Originalfeatureplatzes einsparen? Kaum zugeben werden Sie, dass die Programmmacher in den Resonanzen nur deshalb fehlen, weil Sie zu viele Kollegen in eine der Formatierung verpflichtete Planungsredaktion oder in Zwischenhierarchien packen. Sie schaffen den Personalmangel erst, auf dessen Zwänge sie angeblich reagieren müssen. Sie werden vermutlich mit den seit Wochen geübten verbalen Tricks arbeiten: Die starke Kürzung des Musikfeatures heißt bei Ihnen Ausstrahlung „schwerpunktmäßig an Feiertagen“, die Kürzung des Literaturfeatures „Integration auf dem Sendeplatz Kulturfeature“. Politikersprache, die Fakten zu verbergen sucht und darauf spekuliert, dass niemand die Details durchschaut. Und Sie werden Ihren Hörern und den Gremien mitteilen, dass die geplante „Organisationsreform“ von WDR 3, mit der Sie neue Zwischenhierarchien einführen, Arbeitsabläufe komplizieren und Zuständigkeitsquerelen zur Dauereinrichtung machen, nicht mehr zurück zu drehen seien, weil sonst der Sendeablauf zusammenbreche. Sie dürften darin dem Chirurgen ähneln, der das falsche Bein amputiert, nur weil sein Team zuvor die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen hat. Dabei wäre der organisatorische Rückbau ganz einfach. Alle Redakteure müssten nur - statt ihre Zeit in Konferenzen, Arbeitsgruppen und Planungstools zu vergeuden - wieder ihre angestammten Arbeitsplätze aufsuchen und hier an dem arbeiten, wofür sie bezahlt werden: an einem guten Programm.
 
Doch statt Räume für die Rettung des Programms zu schaffen, verpflichten Sie Ihre Wellenchefs und Hauptabteilungsleiter zu öffentlichen Treueschwüren auf Ihre Reformvorhaben und schauen zu, wie sich einige Ihrer Mitarbeiter und Kollegen im Dienste Ihrer Sache blamieren: Vielleicht hat Sie das Wortspiel von den „Radiorentnern“ ja sogar amüsiert, das Ihr Internetchef ins Netz brachte, um bei dieser Gelegenheit gleich noch eine Probe seines technischen Könnens abzuliefern. Uns dagegen haben diese traurigen Stücke eher desillusioniert und ratlos gemacht. Sollte man einen Sender, so fragten wir uns, der es im Niveau so weit gebracht hat, nicht eher sich selbst überlassen, anstatt ihm noch einen einzigen Gedanken zu widmen? Wenn wir uns nach kurzer Zeit von unserer Ratlosigkeit wieder erholen konnten, so deshalb, weil ein Sender von der Bedeutung des WDR solchen Manövern nicht überlassen werden darf. Der Auftrag, den man Ihnen anvertraute, hat öffentlichen Charakter. Und die Öffentlichkeit hat ein Recht, nein: die Pflicht zum Widerspruch, wenn dieser Auftrag so erfüllt wird, wie Sie ihn erfüllen.
 
Wir fordern endlich eine offene Diskussion, eine Kultur der Debatte. In der das Kulturradio neu definiert und tatsächlich weiterentwickelt werden könnte.
Mit freundlichen Grüßen,
Lothar Fend
Prof. Hans Joachim-Lenger
(PK)

Termine der "Initiative für Kultur im Rundfunk"
 
Montag, 16. April um 16 Uhr - Öffentliche Rundfunkratssitzung
Die geplante WDR 3-Reform ist Thema auf der Öffentlichen Rundfunkratssitzung in der WDR-Kantine (WDR-Arkaden, Elstergasse 1, 50667 Köln). Bis 18 Uhr muss zugehört werden, aber ab 18 Uhr haben die ZuhörerInnen Gelegenheit zum Gespräch mit den Vorsitzenden des Rundfunkrates und der Ausschüsse zu den Themen der Sitzung. Anmeldung: rundfunkrat@wdr.de oder 0221/220-5601.

Sonntag, 22. April ab 11.30 Uhr, DGB-Haus Köln

ver.di und die "Radioretter“ laden zum 1. Öffentlichen Arbeitsgespräch über bessere Konzepte für ein kommendes Kulturradio - mit Musik, Vorträgen und Diskussionen, Kabarett ein.
ver.di und unsere "Initiative für Kultur im Rundfunk“ wollen die Leitung des WDR für den Gedanken gewinnen, eine breite öffentliche Diskussion über die weitere Entwicklung des Kulturprogramms WDR 3 und über Konturen eines kommenden Kulturradios zu führen.
Am Sonntag, 22. April, soll diese Diskussion eröffnet werden – inspiriert durch einige kurze Impulsreferate, für die wir u.a. Gerhart Baum, den Vorsitzenden des Kulturrates NRW, die Publizisten Richard David Precht und Matthias Greffrath sowie Burkhard Baltzer, den Chefredakteur der kulturpolitischen ver.di-Zeitschrift „KUNST UND KULTUR“ gewonnen haben. In jeweils acht bis zehn Minuten werden sie Aspekte und Ideen eines zukünftigen Kulturradios beleuchten, die dann in einem offenen Gespräch weiterentwickelt werden. Wir setzen auf die Teilnahme auch von Programmmachern und Hörern.
 
Einzelne Aspekte zur Frage eines künftigen Kulturradios sind übrigens bereits in den Beiträgen benannt, die auf der Internet-Seite der "Radioretter“ (unter "Werkstatt“) zu finden sind. Es geht um eine künftige Musikpublizistik, um die Rolle des Worts in einem Kulturprogramm wie dem von WDR 3, um die Formen, in denen es sich der Literatur, der Kunst, dem Theater, dem Film, den Kulturwissenschaften oder auch den populären Kulturen widmen sollte. Zu den Fragen gehören auch: Welche Rolle spielen politische und kulturpolitische Reflexionen in einem solchen Programm – und wie kann es sich unter den Bedingungen digitaler Medienwelten wie dem Internet auf seine eigenen Stärken und Unverwechselbarkeiten besinnen?
 
Um die Arbeitsatmosphäre ein wenig aufzulockern, werden wir mit Musik beginnen, zudem werden wir für Getränke, Schnittchen und Knabbereien sorgen.
 
Mittwoch, 9. Mai ab 20 Uhr im Kölner Schauspielhaus
„RETTET DAS KULTUR­RADIO JETZT!“
Am 9. Mai um 20 Uhr veranstaltet das Kölner Schauspielhaus in seiner Gesprächsreihe "Streitbar“ im Großen Haus eine Podiumsdiskussion zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Der Titel des Abends: „RETTET DAS KULTUR­RADIO JETZT!“ Neben Vertretern unserer Initiative für Kultur im Rundfunk“ ist auch Monika Piel, Intendantin des WDR, eingeladen. Gemeinsam mit weiteren Gästen soll über Fragen und Inhalte gestritten werden, die durch den breiten öffentlichen Protest gegen die geplanten Reformen von WDR 3 in die Diskussion geraten sind.
Weitere Informationen: http://www.schauspielkoeln.de/stueck.php?ID=513&tID=2789
 


Online-Flyer Nr. 349  vom 12.04.2012

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