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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Medien
Rettet den WDR! - Offener Brief an Intendantin Monika Piel:
"Gestrichen, gekürzt, abgebaut oder ausgelagert"
Von den UnterzeichnerInnen

Sehr geehrte Frau Intendantin, die Gerüchte aus den WDR 3-Redaktionen und auch die Berichte in der Presse machen uns keine Sorgen, denn es geht ja nur um Kleinigkeiten, die Sie mit einem Federstrich verhindern können: die Streichung von täglich 32 Minuten politischer Berichterstattung im „Journal“, das Verschwinden eines wöchentlichen Feature-Platzes für Musik und Literatur, die Verwandlung des werktäglichen aktuellen Kulturmagazins „Resonanzen“ in ein Wiederholungsprogramm und das Aus für das sonntägliche Auslandsmagazin „Resonanzen weltweit - um nur einige der Kleinigkeiten zu nennen.
 
Diese und andere Gerüchte sorgen uns deshalb nicht, weil Sie sich als Intendantin dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag verpflichtet fühlen und sich den Blick für die Verhältnismäßigkeit der Mittel bewahrt haben. Die Einsparungen im WDR 3-Radio wären ein Klacks im Vergleich zu den Unsummen, für die der Profi-Fußball im Fernsehen rollt. Oder die der gebührenfinanzierte Selbstfindungsprozess teurer Moderatoren im Vorabendprogramm kostet. Um nur zwei Beispiele zu nennen.
 
Wir sorgen uns auch deshalb nicht, weil Sie sehr genau wissen, dass die Veränderungen im WDR-Kulturradio der letzten zehn Jahre beispiellose Wirkungen hatten: Gestrichen, gekürzt, abgebaut oder ausgelagert wurden das politische Feuilleton des „Kritischen Tagebuchs“, die literarischen Lesungen, Rezensionen, Originaltonmitschnitte in „Dokumente und Debatten“, Gesprächssendungen wie „Zeitfragen/Streitfragen“ oder „Funkhausgespräche“ sowie Features und Hörspiele. 
 
Die Wirkungen dieser Programmpolitik sind katastrophal. Ein Kulturprogramm verarmt und nicht einmal das Argument, man könne mit weniger Qualitäts-Einschaltradio und mit mehr Begleitgedudel auch mehr Hörer gewinnen, stimmt. Im Gegenteil: Die Hörerzahlen sind weiter gesunken. Auch Sie erkennen deshalb: Die allmähliche Zurichtung eines anspruchsvollen Kulturprogramms in ein leicht konsumierbares Häppchenangebot („Kultur to go“) ist nicht nur schädlich, sondern auch gescheitert. 
 
Wir können Ihnen vertrauen, weil Sie genau wissen, dass die Fortsetzung falschen Denkens nicht die Probleme löst, die es schuf. Deshalb haben Sie gewiss schon längst die neuesten Abbau-Pläne für WDR3 in den Papierkorb geworfen. Nur haben Sie das noch nicht öffentlich gemacht. Das bitten wir dringend, jetzt zu tun, indem Sie zum Beispiel die folgenden fünf Punkte als Maßstab ihrer Programmpolitik herausstreichen:
 
1.         Das Kulturradio muss dem Hörer zugewandt sein; es darf ihn nicht unterfordern oder ruhig stellen, es muss sein Interesse wecken und Zusammenhänge wie ungewöhnliche Perspektiven vermitteln. Das Kulturradio füllt einen umfassenden Kulturbegriff mit Leben.
 
 
2.         Das Kulturradio muss dabei den Gegenstand seiner Berichterstattung und Reflexion ernst nehmen und sich auf die Komplexität der Gegenstände einlassen. Das erfordert kompetente Autoren und Redakteure, aber auch die Verteidigung der entsprechenden Sendeplätze.
 
3.         Das Kulturradio muss Anstöße geben. Es vermittelt Kultur, produziert Kultur und ist ein Teil der Kultur. Dazu gehören Konflikt, Streit, Brisanz. Es kann nicht nur Service bieten, denn Kunst, Literatur, Theater und Wissenschaft sind mehr als nur Konsumgüter. Rezension und Kritik sind Motoren der kulturellen Entwicklung in der Literatur, im Theater und im Musikleben.
 
4.         Das Kulturradio orientiert über Probleme auch der Gegenwart und Zukunft, zeigt Handlungsmöglichkeiten auf. Es ist ein Gegenwartsmedium. Die Beschränkung der Politik auf stündliche Nachrichten ist unzureichend.
 
5.         Das Kulturradio öffnet besondere Perspektiven auf die Politik: Das erfordert Sendeplätze für lokale und globale Berichterstattung, für Analyse und Kommentar. Deshalb unterhält der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein Korrespondentennetz. Er überlässt die politische Meinungsbildung nicht nationalen und internationalen Medienkonzernen.
 
Für WDR 3 bedeutet das,
- die politischen Journale zu erhalten und auszubauen,
- kulturelle Berichterstattung, Rezension und Kritik zu verstärken,
- die „Resonanzen“ - mit ihrem besonderen Blick auf die Welt aus kultureller Perspektive - nicht in eine Wiederholungssendung zu verwandeln,
- das Literatur- und Musikfeature nicht zu streichen.
 
WDR 3 sollte vielmehr mit seinen Stärken punkten und wieder mehr Dokumentationen und Kulturproduktionen zu günstigeren Sendezeiten präsentieren - und dafür werben.
 
Köln, Februar 2012
 
Erstunterzeichner:
Matthias Greffrath, Schriftsteller und Journalist, Berlin
Prof. Dr. Manfred Schneider, Germanist, Bochum
Prof. Dr. Hans-Joachim Lenger, Professor für Philosophie, Hamburg
Eberhard Rondholz, Historiker und Journalist, Berlin
Lothar Fend, Journalist, Münster
Frieder Reininghaus, Musikpublizist und Kulturkorrespondent, Köln
Günter Wallraff, Schriftsteller und Journalist, Köln
Dr. Walter van Rossum, Publizist, Köln
Prof. Marie-Luise Angerer, Professorin für Medien- und Kulturwissenschaften, Köln
Prof. Dr. Klaus Kreimeier, Publizist und Medienwissenschaftler, Berlin


Online-Flyer Nr. 342  vom 23.02.2012

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