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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Erinnern am 80. Jahrestag der Hitler-Rede im Düsseldorfer Industrie-Club
Einig gegen Kommunisten und dann auch gegen Juden
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Vor 80 Jahren fand in Düsseldorf etwas statt, was der historischen Entwicklung eine entscheidende Wendung gab und den Nazis den Weg zur Macht in Deutschland ebnete. Adolf Hitler sprach im Industrie-Club vor Vertretern der Wirtschaft, darunter vielen Großindustriellen. Er entwarf ein düsteres Bild von einer vermeintlichen bolschewistischen und jüdischen Weltherrschaft. Daran wurde am 26. Januar mit einer Mahnwache und Kundgebung erinnert. Einer der Redner war Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA: „Hier im Industrieclub legte Hitler in einem Vortrag vor 500 Unternehmern sein Programm dar. Er sprach davon, dass der Marxismus ausgerottet werden solle, die Gewerkschaften zerschlagen, das Parteiwesen, das Parteiunwesen beseitigt, also die Demokratie, abgeschafft, die Reichswehr aufgerüstet wird, und er wolle sich um Lebensraum im Osten kümmern…“

 
Kundgebung vor dem Düsseldorfer Industrie-Club am 26.1.2012
Alle Fotos: arbeiterfotografie.com - Gisela Blomberg, Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
 
Der große Saal im Düsseldorfer Industrie-Club heute
 
„Nie wieder Faschismus“ – Mahnung vor dem Düsseldorfer Industrie-Club am 26.1.2012

Das Schild am Eingang zum Düsseldorfer Industrie-Club

„Nie wieder Krieg“ – Mahnung vor dem Düsseldorfer Industrie-Club am 26.1.2012
 
Die Tür zum ThyssenKrupp-Zimmer im Düsseldorfer Industrie-Club heute
 
Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA spricht am 26.1.2012 vor dem Düsseldorfer Industrie-Club
 
Kundgebungsteilnehmer vor dem Düsseldorfer Industrie-Club am 26.1.2012 

„Sieht man denn nicht, daß sich in uns bereits ein Riß aufgetan hat, ein Riß, der nicht etwa in einigen Köpfen spukt, sondern dessen geistiger Exponent heute die Grundlage einer der größten Weltmächte bildet? Daß der Bolschewismus nicht nur eine in Deutschland auf einigen Straßen herumtobende Rotte ist, sondern eine Weltauffassung, die im Begriffe steht, sich den ganzen asiatischen Kontinent zu unterwerfen, und die heute staatlich fast von unserer Ostgrenze bis nach Wladiwostok reicht?! Es wird bei uns so dargestellt, als ob es sich hier bloß um rein geistige Probleme einzelner Phantasten oder einzelner Übelwollender handelte. Nein, eine Weltanschauung hat sich einen Staat erobert, und von ihm ausgehend wird sie die ganze Welt langsam erschüttern und zum Einsturz bringen. Der Bolschewismus wird, wenn sein Weg nicht unterbrochen wird, die Welt genau so einer vollständigen Umwandlung aussetzen wie einst das Christentum. […] Es ist nicht so, daß diese gigantische Erscheinung etwa aus der heutigen Welt weggedacht werden könnte. Sie ist eine Realität und muß zwangsläufig eine der Voraussetzungen zu unserem Bestand als weiße Rasse zerstören und beseitigen.“ 

Herrenmenschen gegen Bolschewismus

Das ist eine Passage aus Hitlers Rede vom Januar 1932. Es war ganz zentral der Bolschewismus, auf dessen Beseitigung Hitler das deutsche Großkapital einschwor. Die bolschewistische Gefahr durchzog Hitlers Rede wie ein roter Faden. 

„Heute stehen wir an der Wende des deutschen Schicksals. Nimmt die derzeitige Entwicklung ihren Fortgang, so wird Deutschland eines Tages zwangsläufig im bolschewistischen Chaos landen, wird diese Entwicklung aber abgebrochen, so muss unser Volk in eine Schule eiserner Disziplin genommen und langsam vom Vorurteil beider Lager geheilt werden. Eine schwere Erziehung, um die wir aber nicht herumkommen! Wenn man glaubt, für alle Zukunft die Begriffe ,bürgerlich’ und ,proletarisch’ konservieren zu können, dann konserviert man entweder die deutsche Ohnmacht und damit unseren Untergang, oder aber man leitet den Sieg des Bolschewismus ein. Will man auf jene Begriffe nicht Verzicht leisten, dann ist meiner Überzeugung nach ein Wiederaufstieg der deutschen Nation nicht mehr möglich. Der Kreidestrich, den Weltanschauungen in der Weltgeschichte Völkern gezogen haben, ist schon öfters als einmal der Todesstrich gewesen.“ 

So endet Hitlers Gedankengang zum Bolschewismus. Und das Ganze ist durchsetzt mit seinen Vorstellungen über den Herrencharakter der weißen und arischen Rasse: 

„Auch unser Volk und unser Staat sind einstmals nur durch die Ausübung des absoluten Herrenrechtes und Herrensinns der so genannten nordischen Menschen aufgebaut worden, der arischen Rassebestandteile, die wir auch heute noch in unserem Volke besitzen. Damit ist es aber nur eine Frage der Regeneration des deutschen Volkskörpers nach den Gesetzen einer ehernen Logik, ob wir zu neuer politischer Kraft zurückfinden oder nicht.“ 

Und am Ende seiner Rede insgesamt findet man eine Passage, die von den Anwesenden mit stürmischem, lang anhaltendem Beifall bedacht worden sein soll. Sie lautet: 

„So sehe ich denn das Mittel des deutschen Wiederaufstiegs im Unterschied zu unserer offiziellen Regierung nicht im Primat der deutschen Außenpolitik, sondern im Primat der Wiederherstellung eines gesunden, nationalen und schlagkräftigen deutschen Volkskörpers. Diese Aufgabe zu leisten, habe ich vor 13 Jahren die nationalsozialistische Bewegung gegründet und sie seit 12 Jahren geführt und hoffe, dass sie diese Aufgabe dereinst auch erfüllen, dass sie als schönstes Ergebnis ihres Ringens wieder einen vollständig innerlich regenerierten deutschen Volkskörper zurücklassen wird, unduldsam gegen jeden, der sich an der Nation und ihren Interessen versündigt, unduldsam gegen jeden, der ihre Lebensinteressen nicht anerkennt oder sich gegen sie stellt, unduldsam und unerbittlich gegen jeden, der diesen Volkskörper wieder zu zerstören und zu zersetzen trachtet - und im übrigen zu Freundschaft und Frieden bereit mit jedem, der Freundschaft und Frieden will!“ 

Hitler sprach nicht offen über seine Absichten hinsichtlich Juden und Krieg. Seine Schlagworte waren: Eiserne Disziplin. Ein gesunder deutscher Volkskörper. Regeneration des deutschen Volkskörpers auf der Basis der arischen Rassebestandteile. Den Weg des Bolschewismus unterbrechen. Frieden mit denen, die zum Frieden bereit sind. Und es war die KPD, die Anfang 1932 im Vorfeld der Reichspräsidentenwahlen am 13. März 1932 zumindest in einer Hinsicht Klartext sprach: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg.“ 

Nie wieder Krieg - Nie wieder Faschismus!

Das Schlüsselereignis der Rede Hitlers vor den deutschen Industriellen liegt nun 80 Jahre zurück. Das war der Anlass für die Kundgebung am Ort des damaligen Geschehens. Unter dem Motto „Nie wieder Krieg - Nie wieder Faschismus!“ hieß es dazu im Aufruf der LINKEN: „In einem breiten Bündnis wollen wir an dieses Ereignis erinnern, um den Widerstand gegen Faschismus und Rassismus zu stärken, besonders vor dem Hintergrund der Verbrechen der Neonazis. Nie wieder dürfen Faschisten politischen Einfluss gewinnen.“ Angekündigt wurden Beiträge von Andreas Rimkus (Vorsitzender SPD Düsseldorf), Clara Deilmann (Ratsfrau Bündnis 90/Die Grünen Düsseldorf), Lutz Pfundner (Kreissprecher DIE LINKE.Düsseldorf), Ulrich Sander (Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), GewerkschafterInnen und ein junger Antifaschist. 

Es wäre sicher begrüßenswert, wenn die hier zusammengekommenen Kräfte tatsächlich ein breites Bündnis gegen Rassismus, Faschismus und Krieg bilden würden. Bedauerlicherweise ist die Realität davon weit entfernt. Es reicht, sich die Haltung der verschiedenen Kräfte zum NATO-Krieg gegen Libyen und zum Vorgehen Israels gegen Teile der Bevölkerung Palästinas vor Augen zu führen. Damals wie heute besteht die Schwierigkeit darin zu erkennen, wo die Hauptgefahren lauern. Rückblickend ist die Beantwortung einfach, auf die heutige Zeit bezogen anscheinend wesentlich schwieriger. Dabei liegt es doch fast auf der Hand, dass die Hauptbedrohung der Menschheit heute viel weniger von ein paar Neonazis ausgeht, als vielmehr von den imperialistischen Kräften mit der NATO als ihrem militärischen Arm und den Neonazis als ihrem Spielball. Gladio, die Geheimarmee der NATO, lässt grüssen. 

Deutscher Faschismus - ein Kind des Kapitalismus

VVN-BdA-Bundessprecher Ulrich Sander erinnerte in seiner Rede (unter kritischer Auswertung neuer Literatur) an den 2010 verstorbenen ehemaligen nordrhein-westfälischen VVN-BdA-Vorsitzenden Jupp Angenfort, der vorgeschlagen hatte, eine Mahntafel am historischen Ort anzubringen. Ulrich Sander: „Im Grunde genommen müsste an den Seitenflügeln des Steigenberger Hotels eine Tafel mit der Aufschrift stehen: ‚1932 – Hier bekam Hitler von der Industrie Beifall und Geld. Hier wurden die Weichen zum Krieg gestellt.’ Arbeiter Düsseldorfs protestierten während der Veranstaltung. Sie wurden von der Polizei vertrieben.“ In Kürze soll eine Eingabe an den Rat der Stadt Düsseldorf erfolgen, die Anbringung einer solchen Mahntafel zu beschließen. 

Dem Treffen im Düsseldorfer Industrieclub 1932 folgte am 4. Januar 1933 die Zusammenkunft im Hause des Kölner Privatbankiers Kurt Freiherr von Schröder mit Franz von Papen, bei der „die Weichen für Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 gestellt und die Voraussetzung für die menschenverachtende Diktatur der Nationalsozialisten geschaffen“ wurde – so der Wortlaut einer Mahntafel vor der Schröder-Villa. 

Ulrich Sander: „Als sich schließlich am 20. Februar 1933 Hitler und Göring in Berlin mit der Spitze des Reichsverbandes der Deutschen Industrie (Vorsitzender: Gustav Krupp von Bohlen und Halbach) treffen, sagt Hitler: ‚Wir stehen jetzt vor der letzten Wahl. Sie mag ausgehen wie sie will ... Wenn die Wahl nicht entscheidet, muß die Entscheidung eben auf einem anderen Wege fallen ... oder es wird ein Kampf mit anderen Waffen geführt werden, der vielleicht größere Opfer fordert ...’ Nach dieser offenen Darlegung seiner Putschpläne für den Fall einer Wahlniederlage spenden die rund 20 geladenen Industriellen für den Wahlkampf der NSDAP drei Millionen Reichsmark. Krupp fertigt abends eine Notiz über die Begegnung an: ‚Ruhe in der inneren Politik: keine weiteren Wahlen. ... Ermöglichung der Kapitalbildung. ... Dementsprechend Entlastung von Steuern und öffentlichen Lasten.’“ 

Sander: „Die Aufrüstung, die Vorbereitung auf den Krieg und die Eroberung neuen ‚Lebensraums’ konnten beginnen. Sodann die Sklavenarbeit von Millionen Menschen, die nach Kriegsbeginn ‚ins Reich’ geholt wurden, wo sie die Profite der Industriellen mehrten. Luntowski (Autor des Buches 'Hitler und die Herren an der Ruhr', 2000) findet am Schluss für alles eine Entschuldigung: ‚Vielmehr scheint ihr Handeln letztlich fast allein von der Sorge um Bestand und Fortexistenz ihrer Unternehmen bestimmt gewesen zu sein.’ Diese ‚Fortexistenz’ des Kapitalismus brachte 55 Millionen Menschen den Tod.“ Von den 6 Millionen Juden starben auch Tausende in speziell von der Großindustrie für Arbeitssklaven - darunter hatürlich auch Kommunisten und andere "Staatsfeinde" - genutzten KZs wie Auschwitz-Monowitz, das Hitler zunächst den Buna-Werken der IG Farben AG zur Verfügung stellte. Weitere Unternehmen, die von Auschwitz profitierten, waren Siemens, Krupp, DKW, Deutsche Ausrüstungswerke, Deutsche Erd- und Steinwerke, Luftwaffen-Zerlegebetrieb, Deutsche Lebensmittel GmbH, u.a. 

Die Verbindung von Faschismus und Kapitalismus ist selbstverständlich auch heute eine ungeliebte Sicht, auch wenn die (Rüstungs-)Konzerne keine "Wehrwirtschaftsführer“ mehr entsenden (müssen). Und so wenig das "deutsche Volk“ Widerstand leistete, sondern in der Mehrheit einfach "mitgemacht" hat – ohne die Industrie hätte es einen Krieg weder anfangen noch führen können. 

Vernichtung und Zwangsarbeit

Organisator der Mahn- und Gedenkveranstaltung Frank Werkmeister, Vertreter der Linksfraktion in Düsseldorf, kündigte auch einen jungen Antifaschisten an, der das Ergebnis einer kollektiven Diskussion der Düsseldorfer Antifa-Gruppe vortrug:  „Wer den Schrecken des Nationalsozialismus verstehen möchte, kommt nicht umhin, auch die Rolle des Kapitals zu berücksichtigen. Doch eine rein an ökonomischen Interessen orientierte Erklärung des deutschen Faschismus kann einigen seiner wichtigsten Aspekte nicht gerecht werden. In den Vernichtungslagern der Nazis wurden Menschen nicht umgebracht, weil sie keinen wirtschaftlichen Nutzen hatten. Im Gegenteil. Als die Firma IG Farben von der SS zusätzliche ZwangsarbeiterInnen für ihr eigenes Konzentrationslager Auschwitz III - Monowitz anforderte, wurde dies abgelehnt. In den Augen der SS waren die jüdischen Häftlinge nicht für die Arbeit für den Chemiekonzern bestimmt, sondern für den Tod. Die Vernichtung von menschlichem Leben war somit Selbstzweck.“ 

Für die große Industrie der Zwangsarbeiter-Ausbeutung trifft dies nicht zu. Es waren „zeitweilig 50 Prozent der bei Flick Beschäftigten Zwangsarbeiter“, so Sander. „In einzelnen Flick-Betrieben lag der Anteil der Zwangsarbeiter bei bis zu 85 Prozent.“ Und auch in Bezug auf Auschwitz lässt sich eine ökonomische Ausbeutung nicht verleugnen. Der vorhergegangenen Enteignung des gesamten Besitzes folgte die Rest-Verwertung, bei der das Zahngold, das bei Schweizer Banken umgeschlagen wurde, nicht allein zu Buche schlug. Sander: Der Autor Wixfort ('Der Flick-Konzern im Dritten Reich', 2008) „erinnert an Josef Neckermann, diese Lichtgestalt des Wirtschaftswunders und der Olympischen Bewegung. Es war ein Verbrecher, der mit den Kleidungsstücken der Juden von Auschwitz seinen ersten schwunghaften Handel trieb.“ (PK) 

Vollständige Reden: 

Rede von Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA
http://www.nrw.vvn-bda.de/texte/0900_industrieclub.htm

Rede des jungen Antifaschistenhttp://adhduesseldorf.blogsport.eu/von-uns/rede-zum-80-jahrestag-der-rede-von-hitler-vor-dem-dusseldorfer-industrieclub



Online-Flyer Nr. 339  vom 01.02.2012

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