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Kultur und Wissen
Gedenken an Else Lasker-Schüler und Karl Kraus - beide waren Juden
"Was tun Sie da in… Wien?"
Von Peter Kleinert

Mit dem XVIII. Else Lasker-Schüler-Forum vom 10. – 15. April 2012 präsentiert sich erstmals eine deutsche Literaturgesellschaft in Österreich. Der „Prinz von Theben“ alias Abigail alias Else Lasker-Schüler war mit dem österreichischen Schriftsteller Karl Kraus befreundet; beide waren Juden. Sie sollen sich am 20. April 1912 kennen gelernt haben, als die Wuppertalerin dem Wiener die in der Überschrift stehende Frage stellte.
 

ELS – Dichterin, Zeichnerin, Flötespielerin
NRhZ-Archiv
Die Verfolgung von Künstlern und Intellektuellen verbindet die deutsche mit der österreichi- schen Geschichte und wird in Wien thematisiert mit inszenierten Lesungen von Theaterstücken von Gerold Theobalt (bis in die Gegenwart mit einem Werk über die ermordete Anna Politkowskaja mit Doina Weber und Nikolaus Kinsky) oder mit den Lasker-Schüler-Lyrikvertonungen durch Charles Kalman, der mit seinem Vater, dem Operettenkompo-nisten Emmerich Kalman, aus Wien über Paris in die USA exilieren musste – präsentiert von den Berliner Künstlerinnen Peggy Voigt, Piano, und Carola Krautz-Brasin, Gesang. 
 

Schriftsteller Karl Kraus – Sohn
eines jüdischen Fabrikanten
Aus Paris kommen Alfred Grosser und Georg Stefan Troller, der u.a. mit Jugendlichen des Gymnasiums diskutieren wird, das er 1938 verlassen musste. Das gilt ähnlich auch für die in Wien geborenen Zeitzeuginnen Hazel Rosenstrauch und Greta Klingsberg aus Jerusalem. Sie spielte im KZ die "Annika“ und ist damit die letzte überlebende Hauptdarstellerin der Theresienstädter Kinderoper-Aufführung "Brundibár“ von Hans Krasa, der in Auschwitz ermordet wurde. Greta Klingsberg ist mehrspra- chig. Sie spricht Arabisch und selbst-verständlich auch Englisch. Aber die "Brundibár“-Texte kann sie nur auf Tschechisch singen wie damals in Terezin.
 
 Seit 1993 organisiert Hajo Jahn, Vorsitzender der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, Kulturforen im Namen der malenden Dichterin. Nach Foren in Wuppertal und Solingen fanden solche mehrtägigen Veranstaltungen in Polen, Tschechien, der Schweiz, Italien und Israel statt – auch in diesen Ländern waren es die ersten Präsentationen einer deutschen Literaturvereinigung.
 

Selbstporträt von Else Lasker-Schüler
NRhZ-Archiv
Das Programm des ELS-Forums wartet mit österreichischen Erstaufführungen auf, mit Diskussionen, Lesungen (u. a. Eva Menasse), Filmvorführung (Michael Verhoeven) bis hin zu einer Ausstellung von (faksimilierten) Else Lasker-Schüler-Zeichnungen, die 1937 als "entartet“ aus den Museen entfernt worden sind. „Wir wollen damit zeigen, wie ein Zentrum für verfolgte Künste arbeiten kann. Das ist bereits realisiert mit Sammlungen verfemter Maler und verfolgter Autoren unter dem Dach des Kunstmuseums Solingen und im Internet unter www.exil-zentrum.de mit einem Exil-Archiv und rund 1.600 Lebensläufen einst und jetzt verfolgter Künstler und anderer Intellektueller sowie mit dem pädagogischen Internetportal www.exil-club.de“, so Hajo Jahn zur NRhZ.
 
Das Forum beginnt am Dienstag, den 10. April, um 18 Uhr in der Freien Bühne Wieden mit einer Ausstellung von Else Lasker-Schüler-Zeichnungen (Faksimiles) und einer Sprach-Musik-Collage über Ernst Jandl. Seine Lebensgefährtin Friederike Mayröcker wird als Trägerin des Else Lasker-Schüler-Preises von 1996 Ehrengast sein, wenn um 20 Uhr die offizielle Eröffnung stattfindet. Die Burgschauspielerin Therese Affolter und ihre Wiener Kollegin Dagmar Schwarz stellen in einer inszenierten Lesung die "Verscheuchte“ vor: Else Lasker-Schüler. Das "aron-quartett“ spielt im Rahmenprogramm eine Korngold-Komposition. Erich W. Korngold, der aus Wien stammt, hatte sich vor den Nazis in die USA retten können.
 
Beendet wird das XVIII. ELS-Forum mit einer Diskussion unter dem Titel “Illusionen der Vergangenheitsbewältigung oder: Verordnete Gedenkkultur versus Betroffenheits-Kitsch“.
 
Alle Abendveranstaltungen finden in der Freien Bühne Wieden, Wiedner Hauptstr. 60b, statt. Am Tag im Theater Akzent, Theresianumgasse 16-18. Der Eintritt ist frei. 
 
Veranstalter ist die internationale Else Lasker-Schüler-Gesellschaft e.V. mit rd. 1.400 Mitgliedern, Sitz ist Wuppertal. Kooperationspartner ist in Wien die Erika Mitterer-Gesellschaft. Den österreichischen Schriftstellern wird vorgeworfen, sie hätten die Gräuel des Nationalsozialismus zu lange verschwiegen und die Mitschuld Österreichs nicht „aufzuarbeiten“ versucht. In einem Vortrag „Verschwiegen und verdrängt. Die Rolle der Vermittler“ geht Martin G. Petrowsky, Vorsitzender der Mitterer-Gesellschaft, anhand der Verlagskorrespondenz Erika Mitterers diesem Vorwurf nach.  (PK)


Online-Flyer Nr. 338  vom 25.01.2012

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