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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Rede unseres wissenschaftlichen Beraters in Fragen der Transdemokratie
Marktkonform leben!
Von Professor Dr. gutt. Otto Flott

Guten Abend, meine Damen und Herren! Da es bekanntlich nie zu spät ist für was auch immer, finden Sie hier eine weitere Neujahrsansprache, auch wenn sowohl der verehrte Herr Bundespräsident als auch die mächtigste Frau der Welt, unsere noch viel verehrtere Bundeskanzlerin, schon so viel Kluges und Wegweisendes gesagt haben; nur eben, meines Erachtens, noch nicht das Wichtigste und nicht mit der nötigen Klarheit.

Cartoon: Kostas Koufogiorgos
 
Meine Empfehlung: leben Sie dieses Jahr endlich richtig marktkonform! Das ist übrigens gar nicht so schwierig, wie es vielleicht klingt und es ist auch nicht so verschwurbelt, wie Kanzlerin Merkel es bezüglich unserer Demokratie vor ein paar Wochen formuliert hat (s. unten!). Im Gegenteil! Über weite Strecken Ihres Lebens, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, tun Sie das doch schon längst.
 
Ihre Kleidung beispielsweise ist absolut marktkonform. Und wenn Sie jetzt ein bisschen empört einwenden, das stimme überhaupt nicht, Sie entschieden völlig autonom, welche Tennisschuhe, Unterwäsche, Oberhemden und Daunenjacken Sie kaufen und anziehen, dann ist das nur ein Hinweis darauf, dass Sie bereits eine weitere Stufe der Marktkonformität erreicht haben, nämlich die gefestigte falsche Überzeugung, selbst zu entscheiden, was Sie tun. Auch in anderen Bereichen des Lebens übrigens.
 
Welches Auto Sie erwerben, welchen Fernsehapparat, welchen Computer, welches Emailprogramm; was Sie zum Frühstück verzehren und was zum Abendessen; wo Sie die dazu benötigten Waren einkaufen, ob im Tante-Emma-Laden um die Ecke (so es denn in Ihrer Nähe noch so was Exotisches gibt), ob im Billig-Super­markt oder im schicken, auf Bio gestylten Edelschuppen – immer ist Ihre Entscheidung davon abhängig, was Ihnen angeboten wird. Und von wem angeboten? Vom Markt natürlich. Oder, wie es neuerdings eleganter formuliert wird, von „den Märkten“. Und auf welche Weise angeboten? Durch objektive, ehrliche, umfangreiche Information über all die eben genannten schönen Dinge des Lebens, Tag für Tag, Stunde um Stunde, in Fernsehen, Rundfunk und gedruckt, was leider oftmals so diffamierend negativ als „Werbung“ verunglimpft wird. Oder gar als „Propaganda“. Womit wir bei einem weiteren Bereich Ihres Lebens sind: Ihrem Verhalten als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger.
 
Seit Ewigkeiten, also schon seit Jahrzehnten, sind Sie gefestigt in der Überzeugung, dass Sie Ihre Entscheidungen nach reiflicher Abwägung aller Pros und Contras treffen und dann die Parteien oder Kandidatinnen und Kandidaten mit Ihrer Stimme auf dem Wahlzettel küren. Deshalb weisen Sie natürlich empört den Verdacht zurück, Sie ließen sich irgendwie beeinflussen oder gar manipulieren. Und doch: auch hierbei, in Ihrem so bedeutenden staatsbürgerlichen Verhalten, helfen Ihnen „die Märkte“, indem sie Ihnen die objektiven, ehrlichen, umfangreichen Angebote zur Auswahl vorstellen, immer wieder, in allen Medien. Und die fürsorglichen Märkte haben dabei stets und immer nur Ihr Wohl im Auge. So wie sie, die Märkte, Ihnen doch niemals gesundheitsschädliche Produkte, schnell verderbliche Lebensmittel oder gar lebensgefährliche Waren offerieren würden, so stellen sie Ihnen auch nur marktkonforme, will sagen auf ihren wahren Wert geprüfte Angebote an Frauen und Männern für die politische Arbeit zur Wahl. Das waren zu Beginn der endgültig richtigen deutschen Demokratie, also nach 1945 im Westen unseres Landes, zunächst die christlichen und die national-liberalen Parteien. Später dann, als sie dank ihrem Godesbergführer (kleiner Scherz...!) Herbert Wehner ebenfalls die lichten Höhen der Marktkonformität erklettert hatte, auch die SPD.
 
Immer mal wieder jedoch gab es auch schwierige Zeiten für die Märkte. So wie die eben erwähnten frühen Sozialdemokraten – oder gar, horribile dictu! - die Kommunisten (die dann ja durch Verbot aus dem Vertrieb genommen wurden), tauchten (und tauchen) gelegentlich gefährliche, die wahre Demokratie bedrohende Wildwüchse auf. Erinnert sei, als warnendes Beispiel, an die Infektion des deutschen demokratischen Lebens durch die „Grünen“. Viele Jahre haben die Märkte gebraucht, um Wege zu finden, auch diese Erscheinung so zu gestalten, dass sie heute ebenfalls marktkonform ist. Die hierbei erbrachte Leistung kann ermessen, wer sich die Formung des ehemaligen chaotischen Straßenkämpfers und Taxifahrers Joschka Fischer zu einem späteren Außenminister und heutigen Erdgas-Lobbyisten vor Augen hält.
 
Auch in diesem Jahr 2012 wieder – und damit zurück zum Anfang dieser Ansprache – haben wir schwere Zeiten vor uns – dazu hat die Bundeskanzlerin ja bereits in ihrer Ansprache Wichtiges gesagt. Trotz des überall sichtbaren und segensreichen Wirkens der immer freier gewordenen freien Märkte gibt es auch jetzt wieder Versuchungen und Versuche, diese Entwicklung zu diffamieren, zu bekämpfen, ja womöglich zu beenden. Und deshalb, liebe Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, dieser mein Aufruf: lassen Sie sich nicht beirren und verwirren! Nicht durch Mäkeleien an unseren höchsten Repräsentanten und -onkels (kleiner Scherz...!) im Lande! Nicht durch verlogene und einseitige Darstellungen dessen, was etwa die Banken und Börsen und Konzerne leisten, in Wahrheit zu unser aller Wohl! Nicht durch leider immer noch nicht zu verhindernde Krakeelereien auf öffentlichen Straßen und Plätzen, leider auch auf deutschem Boden.
 
Nein: leben Sie marktkonform! Nur das allein ist, wie auch unsere Kanzlerin so eindringlich und klar formuliert hat, wahrhaft demokratisch. In diesem Sinne: ein gutes Jahr 2012 Ihnen und uns allen!
 
09.01.2012
 
Zitat Kanzlerin Merkel: “Wir leben ja in einer Demokratie und das ist eine parlamentarische Demokratie und deshalb ist das Budgetrecht ein Kernrecht des Parlaments und insofern werden wir Wege finden, wie die parlamentarische Mitbestimmung so gestaltet wird, dass sie trotzdem auch marktkonform ist.” (PK)
 
Mehr zum Thema unter http://www.der-transdemokrat.de/TransD1-2012.html


Online-Flyer Nr. 337  vom 18.01.2012

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