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Inland
Der Bundespräsident nervt seine Jäger mit Widerborstigkeit
Wulffs letzte Tage – das System entpuppt sich
Von Christoph R. Hörstel
Während anderswo um einen Waffengang mit Iran oder gar Syrien gerungen wird und „Merkozy“ deutsche Steuergelder in die sinn- und ziellose Eurorettung verpulvern, schwelgt die Republik im Luxus, sich über ihren Bundesspräsidenten aufzuregen. Das liegt an einer Medienmeute aus Springer-Konzern, Spiegel und Süddeutsche Zeitung, die in Tatgemeinschaft mit einer total machtgierigen Opposition offenbar einen kleinen Konzern- und US-freundlichen Machtwechsel bei uns mit durchziehen helfen will. Dafür muss zunächst einmal der renitente Wulff weg, der es gewagt hat, die Euro-Politik anzugreifen (1) und auch sonst interessante Punkte zu setzen. (2)
Online-Flyer Nr. 336 vom 11.01.2012
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Inland
Der Bundespräsident nervt seine Jäger mit Widerborstigkeit
Wulffs letzte Tage – das System entpuppt sich
Von Christoph R. Hörstel
Während anderswo um einen Waffengang mit Iran oder gar Syrien gerungen wird und „Merkozy“ deutsche Steuergelder in die sinn- und ziellose Eurorettung verpulvern, schwelgt die Republik im Luxus, sich über ihren Bundesspräsidenten aufzuregen. Das liegt an einer Medienmeute aus Springer-Konzern, Spiegel und Süddeutsche Zeitung, die in Tatgemeinschaft mit einer total machtgierigen Opposition offenbar einen kleinen Konzern- und US-freundlichen Machtwechsel bei uns mit durchziehen helfen will. Dafür muss zunächst einmal der renitente Wulff weg, der es gewagt hat, die Euro-Politik anzugreifen (1) und auch sonst interessante Punkte zu setzen. (2)

Cartoon: Kostas Koufogiorgos
Mit diesen wichtigen Äußerungen zur gesellschaftlichen und politischen Lage in Deutschland und der Welt hat er sich ganz offenbar in den Augen (inter)nationaler Strippenzieher ins Abseits geschossen – „disqualifiziert“, könnte man sagen. Er hat exakt das getan, was man von einem Bundes-präsidenten erwartet – und was man gern von diesen künstlich aufgeblasenen Gurus wie Helmut Schmidt gehört hätte, dem Alles-Erklärer für politisch frustrierte oder heimatlose Bundesbürger mit Sehnsucht nach Pappi. Interessant: Unsere verlogenen Leitmedien sind nicht weiter darauf eingestiegen, haben sich stattdessen die Nase gepudert wie eine Dame in der Theaterloge, wenn der Nachbar furzt. Und behaupten bis heute steif und fest, Wulff habe als Bundespräsident nichts Erinnernswertes beigetragen zur Kursbestimmung dieser (ethisch heruntergekommenen und bonitätsmäßig stark gefährdeten) Republik.
Das Problem mit Wulff: Er tut nicht, was er soll. Da ist nun alles schön ausgedacht, bis zum Bundesgerichtshof wird prozessiert um Einsicht in die Grundbuchakte von Großburgwedel (nein, da steht nichts von einem Darlehen) – und dann tritt der Mann nicht zurück! Das nervt, (3) jeder weiß doch, dass zum ungeschriebenen Gesetz gehört, dass der „BuPrä“ nicht ins Gerede zu kommen hat, sonst ist er nicht mehr „präsidial“, die stufenmäßig angepasste Entsprechung für „ministrabel“. Gut, wir haben schon bei der Flugaffäre von Johannes Rau mehrere Augen zugedrückt, und der Autor, damals noch in ARD-Diensten, erinnert sich sehr wohl an mündlich erteilte Dienstanweisungen in der entscheidenden Phase, dass das Thema zu „unterbleiben“ habe. Aber nachdem das so blendend gelungen war, schien bisher das ungeschriebene Gesetz noch intakt.
Und dann dies: Die Abfolge interessanter Hausfinanzierungen mit scheibchenweisen Informationen über die Wulffschen Sonderlocken auf der Grundlage von „Vitamin B“ brachte lediglich zutage, was wir alle schon wissen. Bessere Leute bekommen bessere Konditionen, zu deutsch: billigere Kredite. Und der Mann bleibt einfach auf Posten! Springer, nicht faul, holt die schweren Keulen der Demokratie und unserer ebenso geliebten wie in Wahrheit chimärenhaften Pressefreiheit aus dem Sack und schlägt sie dem bösen Wulff über den Kopf. Aber: Der kippt immer noch nicht um.
Der Wutanfall von Wulff auf Diekmanns Handy-Anrufbeantworter wird „verschriftet“ – und offenbar dem Spiegel und der „Süddeutschen“ übermittelt – die sich beide nicht zu schade sind, für Bild den Postboten ans geneigte Volk zu machen. Genüsslich wird zitiert, immer wieder, immer neu. Und nachgelegt: auch Springer-Vorstand Döpfner hat ein Brüllband. Keine Chance bei Wulff.
Im Fernseh-Interview wählt der Schlossherr vom Bellevue die schwierigere Form: zwei Profi-Interviewer, die freundlich aber bestimmt eine genehmigte, angemessen unangenehme Fragen-Agenda durchziehen – statt 50 Hauptstadt-Journalisten wirr und ergebnislos herumfragen zu lassen. Er muss sogar versprechen, 400 Anfragen und Antworten ins Netz zu stellen – für jeden sichtbar. Nebenbei: Wulff hat beiseite gewischt, was alles „über meine Frau im Internet phantasiert wird“ (6:25). Beide Interviewer nickten heftig. Ergebnis: wieder nichts! Vielmehr steigt sogar die Zustimmung kurzfristig um 5%.
Ganz besonders übel: Wulff hatte schon frühzeitig nicht untersagt, dass Bild seine Entgleisung am Telefon veröffentlicht. Der Hick-Hack im Briefwechsel zeigt zuletzt eine gewisse Nonchalance: Macht nur, was „man nicht tut“, ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt! Siehe da: Wulff wirkt schon wieder. Heute hätte der Text veröffentlicht werden müssen, aber Springer kneift, die anderen auch.
Am Samstag hängen dreihundert Demonstranten Schuhe an den Zaun vom Bellevue. (4) Es gibt sogar ein bisschen Gerangel. Organisiert hat den Volkszorn der Verein Creative Lobby of Future (Cof), der viele bunte Logos systemunschädlicher Vereine auf seiner Website führt – auch CDU, SPD und Grüne. (5) Na denn. Wichtiges Thema bei CoF: gender mainstreaming.
Bei Jauch am Sonntag kommt „Wulff Zwei“. Diesmal gibt sogar der „Verteidiger“, ex-Ministerpräsident Bernhard Vogel, zu erkennen, dass er Wulf nicht stützt. Die sorgsam ausgetüftelt staatstragende Jauch-Show führt aber nur dazu, dass der Moderator inzwischen selbst zum Nachfolge-Kandidaten wird. Hoffnungslos natürlich, denn der Amtsinhaber denkt gar nicht daran. Das Theater geht weiter. Viele Deutsche finden die Medienmacht inzwischen unheimlich. (6)
Dann „Hart aber fair“: WDR-Star Plasberg hat seine Karriere scharf angefangen und ist weich oben gelandet. Was kommt da raus? Sein ehemaliger Intendant Fritz Pleitgen faselt amüsant von der eigenen „galoppierender Altersmilde“ – und wünscht Wulff „eine zweite Chance“. Eine derart wachsweiche Sendung lässt den Kandidaten nun garantiert nicht einknicken. Bläst die Opposition zum Rückzug? Interessant: CDU-Generalsekretär Gröhe, Krokodilsgesicht mit unterschiedlich hoch hängenden Augenlidern, verteidigt den Kandidaten vehement. Am Dienstag hatte er mit seinem wortgewaltigen Kollegen Pofalla einen Termin bei Wulff. Das wurde kaum ein Bruch-Termin. Wulffs Chancen sind aber indes wieder gesunken, sagt Infratest-Dimap. (7) Über unsere alerten Umfrage-Firmen wäre auch das eine oder andere zu sagen. Einer der Chefs hat eine tiefe Zuneigung zum Alkohol und schätzt vertrauliche Gespräche, eine normalerweise tödliche Mischung. Also erzählte er dem Autor, wie und mit welchen Absprachen er die Zahlen selbst fälscht.
Was noch? Gaucks Nachfolge-Chancen steigen.
Alle drücken sich gemeinsam und offensichtlich abgesprochen um die Bettina-Körner-Geschichte. Bild hat alle Trümpfe, zögert aber – Spiegel will nicht. Wulff hat nicht den Hauch einer Chance, seine Amtsführung bietet ausreichend Stoff für eine wahre Skandal-Enzyklopädie. Klar ist: Wir können jetzt noch eine weitere Woche um das Döpfner-Band herumtanzen. Wenn Springer und der Rest nicht mehr Substanz nachlegen, werden sie noch stärker verlieren als jetzt schon. Die Glaubwürdigkeit der Leitmedien liegt ohnehin so niedrig, dass sie Probleme haben, für ihre Internetauftritte von den Lesern Geld einzutreiben. Wulff verweigert soeben die oben erwähnte und mit Augenaufschlag versprochene Übersicht über 400 Fragen und Antworten. Wikiwulff bleibt vorerst ein Traum der Meute.
Die Politik zerlegt sich inzwischen selbst. Merkel hat sich offenbar sicher damit gefühlt, den maximal kontrollierbaren Präsidenten vor-ausgewählt zu haben. Schade, dass die Hebel nicht allein in ihrer Hand liegen, so dass auch andere daran ziehen können – und automatisch ist sie mit beschädigt. Im Fußball heißt der Vorgang Eigentor.
Hier erschließt sich ein interessantes Spektakel: Wulff bietet bisher die Gewähr, alle vorgelegten Gesetze abzuzeichnen, auch die, die von Sachkennern als „Hochverrat“ bezeichnet werden (8), wie zum Beispiel das erste ESFS-Paket von 214 Milliarden Euro Ende September – oder im Frühsommer das ESM-Gesetz zum „Europäischen Stabilitätsmechanismus“, der nur eines stabilisiert: die rechtlich dann nicht mehr anfechtbare Herrschaft der Finanzmachthaber über die Steuerzahler. Die Nebenwirkung des unanfechtbaren Amtsinhabers Wulff sind nicht heilbare Schäden im System.
Vielleicht kann man es so sehen: Je länger dieses eindrucksvolle Kaspertheater dauert, desto stärker die Verunsicherung des Bundesbürgers, desto größer die Lernbereitschaft für gänzlich neue Ansätze. Hinzu kommt: Der nächste BuPrä wird aus der jüngsten Erfahrung heraus nicht einmal wagen, verbale Kritik zu üben. Er wird gleich alles unterschreiben.
Schade. Während die Titanic schneller sinkt, hören wir doch gern noch ein paar bahnbrechende Kommentare. Eigentlich könnte Wulff noch ein bisschen bleiben. (PK)
Online-Flyer Nr. 336 vom 11.01.2012
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