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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Der christliche Sarrazin, aber noch schlimmer:
Kurt Hans Biedenkopf
Von Werner Rügemer

Achtung: Die Politsatire in Deutschland lebt! Peter Sodann (75), viele Jahre lang Schauspieler, Regisseur und Theaterintendant in Halle an der Saale, hat als Herausgeber des Buches "Lügenbarone und Ganoven" im Eulenspiegel-Verlag im September "fünfzig wahrheitsgemäße Porträts wichtiger, aber unnötiger Deutscher" veröffentlicht. Der Journalist, Buchautor und Kölner Karls-Preis-Träger der NRhZ, Werner Rügemer, ist mit fünf Beiträgen dabei - Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Jean-Claude Juncker und Henryk Broder haben wir schon vorgestellt. Diesmal geht es um Kurt Hans Biedenkopf, den Rügemer sich genauer als andere Journalisten angeschaut hat. Viel Spaß wünscht die Redaktion.
 

Biedenkopf als Ehrengast beim Firmenjubiläum
von Jaeger Ausbau in Sachsen
Als besonderes Subjekt gilt ein gewisser Kurt Hans Biedenkopf, der seit Jahrzehnten als besonders intelligenter Querdenker zelebriert wird. Gegen diesen Ethno- und Reichtumsrassisten ist der Sarrazin mit seinem Juden-Gen und dem Hass auf muslimische Kopftuchmädchen nur ein Waisenknabe. Während der SPD-Sarrazin deswegen gelegentlich kritisiert wird, wird der christlich lackierte Ex-Ministerpräsident von Sachsen bis heute als elder statesman und weiser Schlichter hemmungslos weiter angehimmelt.
 
Im Jahre 2000 veröffentlichte der damals beliebteste deutsche Politiker das Buch „1989 – 1990. Ein deutsches Tagebuch“. Da beschreibt der Vorreiter der „deutschen Einheit“ seinen Weg zur Wahl als sächsischer Ministerpräsident. Selbstgefällig verbreitet er die Legende, dass einer seiner zukünftigen Untertanen ihn beim Aussteigen aus dem Westmercedes vor dem Leipziger Gewandhaus strammstehend als „neien sächs'schen Keenich“ begrüßt haben soll, schon vor der Wahl.
 
Der Wahlkämpfer erzählt, dass er sich „ein schönes Haus“ mit Garten am See der Reichen in der Nähe Münchens, am Chiemsee, gekauft hat. Dort erholte er sich von den Wahlkampfstrapazen. Für den schnellen Transport per Privatjet von Dresden zum seenächsten Flugplatz und zurück sorgte der Kölner Bauunternehmer Heinz Barth, der damals auch den Leipziger Lehrstuhl sponserte, auf dem Biedenkopf sich vor der Wahl bei den Sachsen einschleimte.
 
Am 12. September 1990 notierte der zukünftige Sachsenkönig in seinem Tagebuch einen Traum, der vor dem Abflug nach Dresden in ihm aufstieg: „Wir wohnten in unserem Haus am Chiemsee. Am hinteren Gartentor standen einige Menschen brauner Hautfarbe. Plötzlich kamen weitere Menschen in weißen Gewändern, zum Teil mit Turbanen und weißen Kopfbedeckungen. Sie warfen Abfall in den Garten, zum Teil mit zerbeulten Behältnissen. Eines dieser Behältnisse flog in die Nähe des Hauses und fing an zu brennen. Die Menschen fingen an, in den Garten einzudringen. Ihnen voran kam ein kräftig gewachsener großer Mann mit weißen Turban und weißem Gewand auf mich zu. Er hielt einen schweren Gegenstand in der Hand, mit dem er mich angreifen wollte. Dann endete der Traum.“
 
Träumen kann man ja mal. Aber für Kurt Hans war der Traum ernst: „Können wir die Menschenrechte noch aufrechterhalten, wenn fremde Völker in unser Land drängen?“ Nein, sagt der Träumer, Menschenrechte passen nicht mehr. Und dann fragt er: „Können wir es ertragen, wenn ein nicht unwesentlicher Teil der Menschheit verhungert?“ Ja, sagt der Träumer, wir müssen das Verhungern der andern ertragen können.
 
Der Gewerkschaftshasser ist nämlich sehr intelligent und weiß, daß nicht alle Menschen ein schönes Haus am Chiemsee und einen Mercedes und einen Privatjet haben können, sonst erstickt die Menschheit in der vergifteten Umwelt. Er folgert haarscharf: „Die Fortführung unserer Lebensweise ist nur möglich, wenn sie auch in Zukunft einer privilegierten Minderheit vorbehalten bleibt.“ So kann zwar die Menschheit nicht überleben, leider, folgert der Ethno- und Reichtumsrassist. Aber das ist im Blick auf den CDU-Gott auch nicht so schlimm: „Warum soll der HERR nicht diese Form des Daseins zugrunde gehen lassen?“ Eben. Es kömmt nur darauf an, dass die Biedenkopfs und die anderen, die er in seinem Tagebuch lobt, also die befreundeten Subjekte im Aufsichtsrat von Bertelsmann, Hoesch und Buna und die von der Trilateralen Kommission und vom Weltwirtschaftsforum in Davos ihre letzten langen Tage in schönen Häusern komfortabel überleben. Mit der „deutschen Einheit“ in den Untergang! Nach uns die Sintflut!
 
Vorher wissen die Biedenkopfs und ihresgleichen noch unverfroren zu raffen, seien es die ungerechtfertigten paar Rabattprozente beim Ikea-Einkauf, seien es die vom Staat finanzierten Diener in der Dresdner Regierungsvilla, seien es die Abwasser-Privatisierungsaufträge, die den Amigos aus der Westfalen-Connection zugeschanzt werden, seien des die überteuerten Bauaufträge der Regierung Biedenkopf an den Baunternehmer Barth.
 
Vielleicht kann man vom Sohn eines Vaters, der bei den Nazis im IG Farben-Konzern zum führerbelohnten Buna-Wehrwirtschaftsführer aufstieg, weil er durch Zwangsarbeiter reich wurde, nichts anderes erwarten, zumal der Sohn dann als sächsischer Ministerpräsident wieder im Buna-Aufsichtsrat landete. Denn wenn es ernst wird, denkt der angebliche „Querdenker“ doch lieber geradeaus nach rückwärts in die Zukunft.
 
Aber wie verkommen muss eine selbsternannte Elite sein, die diesen Hassprediger nicht nur zum Krawattenmann des Jahres und zum Pfeifenraucher des Jahres wählt, sondern diese Pfeife auch noch bis heute als Vermittler bei der Deutschen Bahn, als Ombudsmann für Hartz IV-Empfänger, als Schlichter im Dresdner Gagfah-Streit und als endlosen Talkshow-Herumquatscher am untoten Leben erhält?
 
Und, so frage ich euch, warum soll der HERR diese Form des Daseins nicht zugrunde gehen lassen? Ja, HERR und alle, die es vermögen: erlöset uns endlich von dieser, ja genau dieser Form des christlichen Daseins! (PK)


Online-Flyer Nr. 329  vom 23.11.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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