NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - letzte Folge Nr. 33
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag klettert Max mit neun­und­dreißig anderen Kameraden in einen Güterwaggon, der anderthalb Stunden später wirklich zu rollen beginnt. Max kann sein Gelöbnis einlösen: Zum Jahreswechsel wird er in Deutschland sein!
Inzwischen ist es Winter geworden. Der Himmel ist von klarem Porzellanblau, die Sonne darin eine blaßgelbe Scheibe, die Temperatur sinkt unter null. Eine dünne Schneedecke liegt über dem Land, Reif bekleidet Bäume und Sträucher, und aus fernen Schornsteinen steigt Rauch kerzengerade in die klare Luft.
Die Männer hocken an der offenen Tür des Waggons und genießen die wechselnde Landschaft: fernblaue Hügelketten, die ineinandergeschachtelten Häuser eines Dorfes, überragt vom Kirchturm, ein paar zerschossene Waggons an der Strecke oder einige kümmerliche Bahnhofsgebäude. Manch­mal schaut ein Bauer von seinem Futterwagen zu ihnen herüber, manchmal richtet sich jemand neugierig von seiner Arbeit auf. Der Transport bewegt sich langsam und stoßweise. Dann stehen sie stundenlang, lassen andere Züge passieren und hoffen, daß es irgendwann weitergeht.
Der Waggon ist nicht heizbar, aber was macht das schon, wenn man auf dem Weg nach Hause ist. Beinahe dankbar sind sie jetzt dafür, daß sie zu vierzig Mann in den Waggon gestopft worden sind. Trotz der Enge hopsen sie und singen. Sie spinnen Zukunftspläne und erwärmen sich gegenseitig durch geistige wie körperliche Bewegung.
Was wird Paule jetzt machen? Im Entschwinden fühlt Max sich ihr nahe: ihre Lippen auf seinem Mundwinkel, ihre Wange unter seinen Fingerspitzen, die Rundung ihrer Brust in seiner Hand. Aber diese Empfindungen werden seltener, verlieren ihre hypnotische Kraft, verblassen in dem neuen Gefühl des Freiwerdens.
Der Zug hält wieder einmal mit kreischenden Bremsen und ruckenden Pufferstößen. Wieder wird rangiert, die Lokomotive getauscht.
In der Neujahrsnacht 1947 zu 1948 rollen sie über die Grenze nach Deutschland.
Für eine Nacht müssen sie in Saarbrücken in ein Zwischen-lager. Aber man ist in der Heimat, in Reisestimmung, rechnet die Kilometer aus, die vor ihnen liegen, und die Stunden, die es noch dauern kann. Die Neuankömmlinge werden sortiert nach Besatzungszonen, in die sie zurückkehren wollen. Schon in Norwegen war klargeworden, daß die westlichen Alliierten die Rückkehr in ihre Besatzungsgebiete bevorzugen, obwohl viele auch annehmen, sie würden, im Gegenteil, mit ‚ihren‘ Gefangenen rücksichtsloser umgehen als mit den anderen. Jetzt spielt das keine Rolle mehr. Sie haben sich fast alle für bestimmte Heimatorte entschieden, die meisten für ihren alten Wohnort, soweit sie nicht ausgebombt oder vertrieben sind.
Max hat, wie die meisten, keinen Überblick über Zustände, Verhaltensweisen und Rechtsverhältnisse in den verschie­denen Zonen. Er nimmt nur wie alle an, es werde sehr viel strenger und prinzipieller zugehen, wie er es von deutscher Bürokratie und Gründlichkeit gewohnt ist. In Wirklichkeit geht vieles durcheinander, gibt es wenig klare Regeln, muß jeder selber seinen Weg suchen.
Max hat noch aus Norwegen ein paar Adressen von Bekannten in den Westzonen, aber er weiß nicht, wen er nach so langer Zeit dort antreffen und wie er aufgenommen werden würde. Er will nach Hause, nach Falkensee bei Berlin. Und er wird schon auf sich aufpassen.
Plötzlich stockt Max der Atem! Im Gewimmel von Gefangenen sieht er ein bekanntes Gesicht: Frömmich! Sein erster Reflex – untertauchen und der Begegnung ausweichen! Er duckt sich und tut so, als ob er den Schuh zuschnüren müsse. Aber Frömmich hat ihn auch gesehen, und als Max notgedrungen wieder auftaucht, winkt Frömmich ihm zu und durchpflügt die Menge zu ihm hin.
Max weiß nicht, was jetzt kommt, sieht sich nach einer Fluchtmöglichkeit um und hält die Luft an. Aber da ist Frömmich schon bei ihm und begrüßt ihn gemütlich und beinahe freundschaftlich: „Hallo, Kleiner!“
„Tag, Heinz ...“
Frömmich zeigt sich interessiert: „Du bist ja auch noch da. Du wolltest doch abhauen?“
„Hat nicht ganz geklappt“, atmet Max aus, „... ’ne lange Geschichte.“
„Erzählste mir ’n andermal. Jetzt geht inner halben Stunde mein Zug, hoffentlich.“
„Und wohin?“
„Na wohin wohl? Nach Wuppertal doch.“
„Ach, zu deinen zwei Frauen ...“ Max wird schon wieder kühn, aber Frömmich versteht das als Kompliment: „Klar, zu meinen zwei Frauen! Und du? Nach Berlin?“
„Klar doch!“
„Na denn viel Spaß bei den Russen.“
„Viel Spaß in Wuppertal!“
„Das kannste annehmen“, grinst Frömmich, tippt an die nicht vorhandene Mütze und schiebt durch die Menge davon.
Max fängt an zu grübeln ... Wer ist Frömmich?
Im Lager Saarbrücken gibt es ein Unterhaltungsprogramm. Für die neuen Heimkehrer spielt das Lagertheater das „Schwarzwaldmädel“. Max ist erstaunt über die Buntheit der Inszenierung, findet es aber ein wenig schmierig, daß die durchweg männlichen Darsteller, auf der Bühne als Frauen, so tun, als wenn sie sich küssen, oder sogar richtig knutschen.
Aber das sind Eindrücke im Vorübergehen, er hat gar keine Zeit, sich damit zu befassen, denn am zweiten Tag schon geht es weiter nach Deutschland hinein.

*

Der Zug, oder wenigstens einige Waggons, sollen bis Berlin rollen. Man sagt ihnen, daß sie unterwegs nach Belieben aus­steigen können, nur die Schlafdecken sollen vorher ab­gegeben werden. Kaum einer steigt aus, sie haben sich entschieden, wohin sie wollen. Die Stimmung ist auf­ge­kratzt. Gerüchte über die Zustände in der sowjetischen Be­satzungszone, der ‚Sowjetzone‘, flammen wieder auf: Qua­rantänezeit nach der Heimkehr, Zwangsarbeit, Ar­beits­lager, vielleicht sogar Sibirien. So hat einer „selber ge­sehen“, wie ein russischer Posten, dem ein Mann in seiner Arbeitskolonne abhanden gekommen war, sich einfach einen Pas­santen vom Straßenrand gegriffen und als Ersatzmann in die Gruppe gestopft hat. Soll, entschärft ein anderer durch Verallgemeinerung solche Willkür, auch bei den Amis vorgekommen sein. Das eine oder andere mag stimmen, aber die Häufung von Greuelmeldungen nimmt keiner ernst. Gegenüber der Gerüchteküche ist man abgebrüht. Man muß sich eben vorsehen. Und was das Quarantänelager betrifft, so wird man sehen, wie man darum herumkommt.
Die Waggons sind vollgestopft, die Verpflegung ist kümmerlich, die Fahrt zieht sich hin. Es gibt Streit über Nichtigkeiten und über politische Fragen. Viele akzeptieren die Ergebnisse des verlorenen Krieges noch nicht, manche hängen noch großdeutschen Gedanken nach, und mit dem Nationalsozialismus ist man noch lange nicht fertig. Max versucht, dem bedrückenden Wirrwarr, der streitträchtigen Nervosität zu entkommen und bietet sich der französischen Begleitmannschaft als Dolmetscher an. Der Colonel verlangt, daß Max bei seiner Meldung „Haltung annimmt“. Das geht Max zunächst einmal gegen den Strich. Warum soll er sich einem französischen Offizier unterordnen? Aber er hat in den letzten Jahren vor so vielen Arschlöchern strammstehen müssen, daß es auf eins mehr oder weniger nicht mehr ankommt. So wird er als Dolmetscher akzeptiert und darf in den Personenwagen umsteigen, in dem auch die französische Wachmannschaft reist. Mit drei anderen Hiwis, Hilfswilligen, teilt er sich ein Abteil. Sie schlafen abwechselnd auf den Bänken oder im Gepäcknetz, und das ist wesentlich bequemer als auf Stroh im Viehwagen. Sie sind auch mit der Verpflegung wesentlich besser dran, denn die französische Begleitmannschaft überläßt ihren reichlichen Verpflegungsüberschuß den deutschen Helfern.
Andererseits bringen Max’ Sonderaufgaben gelegentlich Ärger mit sich. So fragt der Transportkommandant, ob Max nicht unter den Gefangenen einen Musiker kennt, der ihnen die eintönige Fahrt ein wenig aufheitern könnte. Max fragt in aller Harmlosigkeit einen Konzertmeister der Dresdener Oper, den er im Lager kennengelernt hatte, ob er den Franzosen nicht ein wenig aufspielen wolle.
Der lehnt beleidigt ab. Er wolle seine Wärter nicht auch noch unterhalten, das sei unter seiner Würde! Max versteht das nicht. Das Gefühl für die ‚Erbfeindschaft‘ hat ihm immer gefehlt. Mit dem Kriegsgegner, der nie sein persönlicher Feind war, hat er mehr und mehr einen zivilen Umgang gefunden. Er akzeptiert, daß er dazu beitragen muß, eine große Schuld der Deutschen gegenüber anderen Völkern abzutragen, obwohl er sich selber kaum mitschuldig fühlen kann. Auch seine Eltern haben keine persönliche Schuld auf sich geladen. Sie waren in keiner einzigen der Naziorganisationen. Max hält es auch einfach für dumm, fortgesetzt mit einer Situation zu hadern, die er nicht beeinflussen kann. Er quält sich nicht mit dem Gedanken, daß die Nazis, der Krieg und seine Folgen ihn fünf seiner besten Jugendjahre, fünf Jahre freier Entwicklung, Bildung, Entfaltung und eines ungezwungenen jugendlichen Lebens gekostet haben. Er fühlt sich mit zwanzig jung, er hat in den letzten drei Jahren sehr viel mehr erfahren und ge-lernt, als das unter ‚normalen‘ Umständen der Fall gewesen wäre, und er hat noch unendlich viel Zeit und Leben vor sich. Er wird immer so leben, als habe das Leben kein Ende, und seine Devise wird sein: „Aller Anfang ist schön!“
Der Zug ist lange Tage unterwegs. Sie sehen Menschen auf der Flucht vor den Folgen des Krieges, auf der Suche nach Nahrung, nach einer Unterkunft, nach den nächsten Angehörigen. Sie sehen frierende und hungernde Kinder, verzweifelte Frauen, herumirrende heimkehrende Soldaten. Sie sehen nimmermüde Hoffnung und hoffnungslose Ver­zweif­lung. Sie passieren zerstörte Bahnhöfe und Städte, Züge mit vernagelten Fenstern, ausgebrannte Häuser, in Trüm­mern liegende Fabriken. An den Waggons steht immer noch „Räder müssen rollen für den Sieg!“ und „Pst! Feind hört mit!“. Sie bekommen Blick für Blick und Satz für Satz eine Vorstellung vom Ausmaß der Katastrophe, in die sich das deutsche Volk hineingestürzt hat.
Am 15. Januar erreicht der Zug Hannover.

*

Der Bahnsteig ist voller Menschen in abenteuerlicher Klei-dung, mit abenteuerlichen Gepäckstücken. Da sind alle mög-lichen Arten von Uniformteilen, meist ohne Rangabzeichen, oft geflickt, gekürzt, verlängert, abgenäht, abenteuerliche Kopf­bedeckungen, Schimützen, Schirmmützen, Strickmüt-zen, Filz­hüte, Käppis, Turbane, Ohrenschützer, da sind Jacken aus Pferdedecken, Kleider über langen Hosen, Stiefel, Stöckel­schuhe, Schuhe mit Holzsohlen, Sandalen mit Sohlen aus Autoreifen. Die Menschen schleppen mit Riemen oder Schnur umwickelte Koffer, Rucksäcke, fellbekleidete ‚Affen‘, wie die Tornister heißen, eingerollte Decken oder Zeltpla-nen, Säcke, Taschen, Netze, Pakete.
Ein Kumpel, der ausgestiegen ist, verabschiedet sich vom Nebenbahnsteig her mit einer obszönen Geste: Er geht breitbeinig in die Knie, klatscht sich auf den Schenkel, macht die Geste des Pissens und schreit: „Dä!“
Max findet das unmöglich. Aber es ist nur ein Punkt unter all die Zumutungen, Roheiten, Sauereien der letzten drei Jahre, von denen er genug hat. Er will einen Schlußstrich. Auch er steigt aus.
Die Züge verkehren ohne Fahrplan, sofern sie überhaupt fahren. Die Ankündigungen sind sporadisch, oft unter Vorbehalt, die angesagten Ankunfts- und Abfahrtszeiten sind reine Phantasie.
In diesem Wirrwarr haben Gedanken an Paule kaum noch Platz. Max versucht sich zwar gelegentlich vorzustellen, was sie gerade täte, aber die Bilder verfestigen sich nicht und nehmen keine klare Gestalt an. Sein Herz schmerzt ihn ein wenig.
Es dauert Stunden, bis ein Zug nach Berlin angekündigt wird und schließlich auch kommt. Er kommt von sonstwoher und ist schon knackevoll. Nur wenige wollen aussteigen. Sie haben kaum eine Chance, gegen die hineindrängende Menge die Wagen zu verlassen. Sie schaffen den Ausstieg nur unter Aufbietung aller Kraft und Rücksichtslosigkeit. Knöpfe platzen ab, Nähte reißen, Kopfbedeckungen, Schals gehen verloren, Gepäckstücke platzen und verstreuen ihren Inhalt unter die Menge. Das Gedränge am Riviera-Expreß in Ste-Cécile war ein Kinderspiel gegen das hiesige Chaos.
Die Menschen drängen wie Vieh in Panik, Frauen und Kinder schreien, weil sie fürchten, zerquetscht zu werden. Aus den Fenstern, die mit Pappe vernagelt sind, werden die ersten schon wieder herausgepreßt, wie Zahnpasta aus der Tube. Der Schaffner rudert verzweifelt und hilflos in der Menge.
Max steht noch draußen.
Nahe dem Einstieg gibt es ein Abteil mit einigen reservierten Plätzen, für Mütter mit Kleinkindern und Invaliden. Max hat keinen Anspruch auf einen solchen Platz, und er versucht auch nicht, einen einzunehmen, aber der Schaffner hat dadurch noch einen kleinen Handlungsspielraum.
Heimkehrer genießen in dieser Zeit fast überall eine besondere Unterstützung, und man sieht Max den Heimkehrer an, mit seinem grauen Militärmantel, der Schimütze, der Segeltuchtasche und dem Brotbeutel.
Gegen ein Päckchen Preßtabak verhilft ihm der Schaffner zu einem Quadratfuß freien Bodens in der Ziehharmonika zwischen zwei Wagen. Max schwebt mehr als er steht, zusammengequetscht von den Leibern anderer Glücklicher, ihren Atem im Gesicht und im Nacken. Aber er ist in dieser Zwangslage seit langer Zeit zum ersten Mal frei und wirklich und endlich in einem regulären Zug, der nach Berlin fahren soll!
Es dauert noch einige Zeit, die Max nicht messen kann, denn er kann nicht einmal den Arm in der Menge bewegen, aber irgendwann setzt sich der Zug in Bewegung. Er fährt wieder lange, steht auf der Strecke, fährt die Nacht hindurch und steht immer mal wieder eine Weile. Man redet ein bißchen miteinander, aber auf die Dauer wird das zu anstrengend. Man döst vor sich hin, man schläft im Stehen.
Irgendwann früh am 16. Januar, Max ist schon ganz lahm von seiner Zwangslage, rumpelt der Zug durch die Berliner Vororte, passiert Hausruinen, kahlgeschlagene ehemalige Parks, Schuttberge und demolierte Straßen und fährt schließ­lich in den Bahnhof Berlin-Charlottenburg ein.
Die Sonne verspricht einen warmen, hoffnungsvollen Vorfrühlingstag.

*

In Max’ Erinnerung stand der Bahnhof inmitten vier- und fünfgeschossiger Wohnhäuser; jetzt steht er frei auf einem weiten Gelände. Kein Haus mehr weit und breit. Max war das letzte Mal hier im Oktober 1944, bevor er zur Marine einberufen wurde. Damals war Berlin noch eine Stadt. Jetzt ist es ein Trümmerfeld.
Viele Menschen sind unterwegs. Max muß die Treppe hinab und auf den Nachbarbahnsteig wieder hinauf, wo die S-Bahn fährt.
Neben ihm geht ein Mann mit einem offenen Rucksack, gehäuft voller Kartoffeln. Hinter ihm nimmt eine Frau zwei, drei Kartoffeln aus dem Rucksack. Eine andere, die das sieht, schlägt ihr ohne Vorwarnung ins Gesicht. Die erste beginnt zu weinen. Der Mann bleibt stehen und dreht sich um: Seine eigene Frau hatte die Kartoffeln genommen, damit sie nicht herunterfallen. Max bekommt eine Ahnung davon, was ihn in der Heimat erwartet.
Die S-Bahn nach Spandau-West fährt ein. Sie hat keine Fensterscheiben. Die Fahrgäste sehen hier genauso aben­teuer­lich aus wie in Hannover. Max setzt sich in die Nähe der Tür, um neben den Aus- und Einsteigenden wenigstens einen Blick auf die Stationen werfen zu können: Westkreuz, Deutschlandhalle, Reichssportfeld, Spandau Hauptbahnhof. Auf den Bahnhöfen überall Behelfskonstruktionen, Holz- oder Pappverkleidungen, jenseits der Bahnhöfe Trümmer und Ruinen.
In Spandau-West endet die S-Bahn, die früher bis Falkensee fuhr. Nebenan müßte der ‚schwarze Zug‘, der Dampfzug, abfahren, vom Lehrter Bahnhof nach Nauen, über Falken-see. Ein Zug soll kommen, bald, wann genau, kann keiner sagen. Max schaut sich die Leute an. Manche schlep­pen Gepäckstücke, einer trägt einen Teppich, andere sitzen apathisch da. Viele wirken gehetzt, ängstlich und wachsam, die meisten haben bedrückte und sorgenvolle Gesichter.
Nach anderthalb Stunden kommt der Nauener Zug. Die Lokomotive stöhnt und stößt rußigen Qualm aus. Sie zerrt eine Schlange alter grüner Personenwagen zweiter Klasse hinter sich her, die zu jedem Abteil eine Tür haben, einmal nach links, zum anderen Mal zur rechten Seite. Zwar warten viele auf den Zug, aber Max bekommt ohne Mühe einen Platz. Dumpf klappen die Türen, die Lokomotive setzt sich fauchend in Bewegung. Sie kommen nach Staaken, nach Falkensee!
Hier ist Max alles bekannt, kaum etwas hat sich ver­ändert.

*

Max geht durch den Fußgängertunnel, der wie immer nach Urin stinkt, dann wieder hoch, an der Sparkasse und der Post vorbei. Beide stehen unbeschädigt da, daneben der Schreibwarenladen, wo er immer seine Schulhefte gekauft hat oder Uhu-Schnellkleber, um Flugmodelle zu basteln.
Vor der ‚Straße des Friedens‘, die letztens noch ‚Schlage-ter­straße‘ hieß, steht ein großer blau bemalter Triumphbogen mit einem roten Stern in der Mitte; wie er später hört, ist er aus den birkenen Schlafzimmermöbeln des Schlächtermeisters gezimmert. Dahinter liegen Quartiere der Roten Armee. Max macht einen möglichst großen Bogen um dieses Gelände und geht am Sportplatz vorbei.
Das Haus der Abbés steht noch, Carola war zwei Klassen unter ihm auf der Oberschule, auch das von Heinrichs, wo Ingridchen zu Hause ist. Daneben ist noch immer der Kohlenplatz, auf dem es jetzt keine Kohlen gibt.
Der Falkenkorso ist noch immer ungepflastert, sandig und zur Zeit ohne Pfützen. Nach fünfhundert Metern steht Max vor seiner Gartentür. Haus und Garten sind unverändert bis auf einen großen offenen Schuppen unter den Kiefern, in dem mehrere ungewöhnliche Autos stehen. Er erkennt ein braunes Tempo-Dreirad und das Vorderteil einer älteren, roten, rassigen Luxuslimousine, ein Mercedes Nürburg. Der Luxus endet hinter dem Fahrerhaus. Anstelle des Raums für die Fahrgäste trägt das Auto einen großen offenen Kasten, flankiert von einem hohen schwarzen Ofen, einem Holzgasgenerator, dessen Gas anstelle des mangelnden Benzins als Treibstoff dient.
Die Gartentür läßt sich öffnen, sie läßt sich auch hinter Max wieder schließen. Max hat seit Jahren zum ersten Mal das Gefühl, Tore und Zäune hinter sich lassen zu können, zu Hause zu sein.
Von den einundzwanzig Absolventen der Obersekunda 1944 an der Oberschule für Jungen in Falkensee sind acht in die Heimat zurückgekehrt.
Eine Frau kommt aus dem Haus gelaufen, kleiner und älter als Max sie in Erinnerung hat, und ruft: „Hans! Hans! Max ist da!“ Seine Mutter. Der Vater kommt, sehr schmal, ebenfalls älter geworden, und schließt ihn in die Arme. Ein kleines Mädchen drückt sich scheu hinter die Mutter und sagt: „Jetzt gibt’s Kuchen!“ Und die Mutter holt schnell den von Max selbst gebastelten Roller aus dem Versteck, damit ihn Max als Mitbringsel seiner fremden kleinen Schwester schenken kann.

*

Der Fluß liegt wie eine Perlenschnur auf dem bunten Teppich des Tals. Die Häuser des Dorfes zu seinen Füßen sehen aus wie ein Bühnenbild. Ab und zu fährt ein Spielzeugauto über die Straße. Von hier oben, vom Dornröschenschloß aus, scheint man über das Dorf zu fliegen. Vor dreiundvierzig Jahren hat Max hier zum letzten Mal gesessen.
Unten am Fluß sitzt ein Mädchen und spielt mit den Füßen im Wasser. Paule?! Die Vision ist wie ein Schock. Aber Paule kann es nicht sein. Ihr Schicksal ist den Leuten von heute im Dorf nicht bekannt.
Max fühlt ihre zärtlichen Hände auf seinem Gesicht, ihre sanfte Haut unter seinen Lippen. Er lächelt. Ein sanfter Regen setzt ein. Tropfen rinnen über seine Wangen.
***

Sie können das Buch bei edition winterwork  bestellen.(PK)

max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 326  vom 02.11.2011

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE