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Aktueller Online-Flyer vom 03. Februar 2023  

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Der Unfug der Woche - Folge 3
Sanierungsfall
Von Christian Spin

Warum das Fahnenmeer nichts mit Patriotismus zu tun hat, die Fußball WM das beste Ablenkungsmanöver seit langer Zeit ist, das achte Gebot auch für Christdemokraten gilt und es KEINEN Sanierungsfall BRD gibt, weder heute, noch zukünftig.

Angela Merkel nannte am Dienstag, 20. Juni, die Bundesrepublik Deutschland einen Sanierungsfall in desolatem Zustand. So deutliche Worte in einer Rede, die auch Ausdrücke wie "Geldprobleme" und "bis an die äußersten Grenzen gehend" enthielt, gaben Anlass zur Hoffnung, endlich wäre der Startschuss gefallen, das Problem werde nun offen angesprochen und in der Ursache gelöst.

Erlaubt sein muss dazu eine Frage: Wer hat die BRD denn in den vergangenen Jahren so krank gemacht, dass ihr Zustand so desolat und ein Kuraufenthalt im Sanatorium das einzige Mittel scheint? - Werktätige? - Mütter? - Studenten? - Rentner? Die Antwort müsste Ja lauten, denn die hat man schließlich schon bestraft.

Vielleicht auch Politiker? Keinesfalls! Die haben ja an Eides statt geschworen, dem Wohl des Volkes und Vaterlandes zu dienen und dessen Reichtum zu mehren (wie man das macht, indem man das Tafelsilber verscheuert, kann mir ja mal jemand erklären, der diesen Unfug verstanden hat).

Um deutlich zu machen, dass Frau (Bundeskanzlerin) nichts sanieren kann, was vom Grundsatz her gar nicht sanierbar ist, müssen wir etwas tiefer in die Thematik einsteigen und uns der Problemursache nähern. Sanieren, so schreibt der Duden, leitet sich vom lateinischen Begriff sanare ab, was soviel bedeutet wie gesund machen oder heilen. Im deutschen Sprachgebrauch finden wir den Begriff Sanieren häufig im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Problemen. Hier meint Sanieren die betriebswirtschaftliche Betrachtung der Probleme und die Chance auf eine nachhaltige Behebung ebendieser mit geeigneten Methoden.

Liebe Angela, a) ist die Bundesrepublik Deutschland kein Betrieb, sondern ein Staat, ergo eine Volkswirtschaft und keine betriebswirtschaftliche Unternehmung, und b) sind Reformen kein geeignetes Instrument, nachhaltig die Ursache eines solchen Problems zu lösen. Wer heilen und gesund machen will, sollte zuerst die Krankheit kennen. Sonst läuft jede Therapie nicht nur ins Leere, sondern verschlimmert unter Umständen den Zustand zusätzlich.

Das von ihr zitierte "Geldproblem", das auch mittels der "Mehrwertsteuererhöhung nicht zu lösen sei", ist aber gerade der Kern des Problems. Ein strukturelles Haushaltsdefizit von 60 Milliarden Euro entspricht einer Karre, die bereits bis zu den Haltegriffen im Dreck versunken ist. Da steckt nichts einfach nur fest, da ist Hopfen und Malz verloren. Einsicht wäre der erste Schritt zur Besserung

Also, warum die Karre nicht aufgeben und eine Neue bauen, sprich, das Geldproblem lösen, statt mit düsterer Wortwahl galant das Problem umschiffen? Damit müsste die Bundesregierung allerdings zugeben, dass sie das Geldsystem verstanden hat. Damit würde auch zugegeben, dass es in unserem System darum geht, immer neue Schuldner zu finden, die die alten Schuldner ablösen und dass dies eine Spirale ist, die sich zwangsläufig ob des Zinseszins immer weiter hochdrehen muss! Fällt der Staat als zusätzlicher, lebensnotwendiger Schuldner aber aus, weil er sparen will, dann haben wir den Übeltäter für die Krankheit bereits identifiziert.

Dazu ein kleines Beispiel: Wir erinnern uns, dass sich die jährlichen Zinsen für die Staatsschulden auf 65 Milliarden Euro belaufen. Ohne Tilgung bucht sich diese Summe (bei Annahme gleich bleibender Zinsen) bereits 2007 auf 67,8 Milliarden auf. Dem allgemeinen, grossen Erstaunen entgeht dabei nicht: es "fehlen" plötzlich weitere 2,8 Milliarden. Diese Summe muss von zusätzlichen Schuldnern in irgendeiner Form aufgebracht werden, und, was noch wichtiger ist, sie "fehlt" auch deshalb, weil der Staat nicht nur an neuen Schulden "spart", sondern eben auch die zusätzlichen Zinsverpflichtungen aus dem laufenden Haushalt eingehen muss. (Die "" Zeichen verdeutlichen einen umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes zum leichteren Verständnis)

Die Maastricht-Kriterien sind dabei nichts anderes, als die Blutspende eines an Blutarmut leidenden Patienten. Aber eigentlich wäre hier eher eine Transfusion notwendig. Die WM kommt da gerade richtig.

Lassen wir die vergangene Woche kurz Revue passieren: Mehrwertsteuer erhöht, Pendlerpauschale gekürzt, Ein-Euro-Jobbern den Schutz des Personalvertretungsgesetzes abgesprochen, unter grossem Jubel die Gesundheitsausgaben über Steuerfinanzierung geplant, den Unternehmen 8.0 Milliarden Euro Entlastung versprochen.

Das geht natürlich nur deshalb, weil die Deutschen einen neuen Patriotismus entwickelt haben, der ihnen klar gemacht hat: unser Land ist wunderschön und muss saniert werden. Klar liebe Angela, und die Kinder wachsen auf der Wiese, man muss sie nur pflücken.

Wer solche Grausamkeiten verordnet bekommt wie der deutsche Werktätige und seine im Schlepptau befindlichen Zwangspausierer, der braucht ein Ventil. Dass dies sein Fahnenschwenken gegenüber unseren Gästen ist, gefällt uns natürlich besser, als wenn er die Keule schwingen würde. Hier geht´s nicht um Nationalstolz, hier geht´s stinklangweilig nur um vier Wochen, die einen den ganzen Mist um einen herum mal vergessen lassen.


Bleibt zum Schluss noch das achte Gebot. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, oder einfacher: Du sollst nicht lügen! Wenn Angelas Kollege Ääähm-Stoiber schon das zweite Gebot heraufbeschwört und Gotteslästerung härter bestrafen möchte, dann sollten sich die Christen in der Union auch an das achte Gebot halten. Dann bekäme die Politik im Zusammenhang mit dem Ausdruck Sanieren mehr Glaubwürdigkeit, der Deutsche einen gesunden Nationalstolz und die soziale Gerechtigkeit ein ganz neues Gesicht.

Alles andere ist sanierungsbedürftiges und desolates Dummschwätz!

Christian SpinChristian Spin, 38 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, ist technischer Betriebswirt und Industriemeister Chemie. Er beschäftigt sich seit 1998 mit Wirtschaftsthemen, nachdem ihm an einem TV-Abend aufgefallen war, dass weder der Bundesfinanzminister, noch der Ministerpräsident von NRW, noch der OB einer Ruhrgebietsstadt über das notwendige Geld zur Lösung eines dringenden Problems verfügten. Daraus entwickelte er sein persönliches "Ursache-Wirkungsprinzip".



Online-Flyer Nr. 50  vom 27.06.2006

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