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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 29
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Die Flure im Haus sind gefliest. Zum Obergeschoß führt eine steinerne Treppe, auf der eine Stacheldrahttür mit Kette und Vorhängeschloß den Durchgang versperrt.
Max und Bodo kommen beide auf Stube 15 und belegen das gleiche Doppelstockbett, Bodo unten, Max oben. Die Stube sieht aus wie alle Kasernenstuben: doppelstöckige Betten mit Strohsäcken, hier sind es vier, ein vielfach zerkratzter und bekleckerter Holztisch, hölzerne Schemel und Bänke. Die Wände sind gemauert und verputzt, es scheint wenigstens keine Wanzen zu geben.
Das Gespräch ist zunächst noch angeregt durch die Fahrt, die neue Umgebung und die zu erwartenden Ereignisse. Fragen gehen hin und her, Neuigkeiten, die keine sind, werden ausgetauscht, man rückt sich auf den Strohsäcken zurecht und verstaut seine paar Habseligkeiten an Kopf- und Fußende.
Die falsche Euphorie der Ankunft legt sich bald.
Viele der Insassen von Salbris haben schon einmal versucht, aus anderen Lagern zu fliehen, vergeblich, wie man sieht, oder sie sind irgendwie unangenehm aufgefallen und deshalb hier gelandet. Die goldene Regel des Soldatenlebens „Nur nicht auffallen!“ gilt doppelt für Gefangene.
Aus dem Fenster blickt man auf den Drahtzaun und kann sehen, daß wenig weiter ein zweiter Zaun ist. Die Stacheldrahttür zum ersten Stock ist ein drittes Hindernis für den, der Ausflüge vorhat. Die Heiterkeit tendiert gegen null.
Alle sind von der Fahrt ermüdet, das Gefühl des Gefangen­seins dominiert und man fühlt sich verlassen und vergessen und gibt sich der Resignation hin. „Türmen ist hier nicht!“ betonen die alten Insassen. „Bei den Arbeiten im Gelände“, erzählt einer, „kannst du dich vielleicht in die Büsche schla­gen, aber es dauert keine Viertelstunde, bis klar ist, daß einer fehlt. Dann suchen sie dich mit Hunden, und wo willst du dich verkriechen? Ringsum ist Bruch und Sumpfgelände. Da kommst du nicht mal vernünftig vorwärts. Da ist nur die Bahnstrecke, und auf der marschierst du wie auf dem Präsentierteller. Nördlich liegt Orléans, etwa eine Bahnstunde weit. Das müßte dir bekannt sein. Südlich kommst du nach Vierzon. Da ist ein großer Verschiebebahnhof, etwa zwanzig Kilometer von hier. Außerdem kannst du nichts mitnehmen. Beim Morgenappell filzen sie uns manchmal, und wenn du bloß ’ne Zahnbürste bei dir hast, gehste in’ Bau. Und die andern kriegen verkürzte Rationen, Lichtentzug abends und was weiß ich noch für Schikanen. Und dann machen dir die Kameraden die Hölle heiß. Also Fehlanzeige! Letzten Sommer hat der Udo versucht, von der Baustelle zu türmen, und hat sich in die Büsche geschlagen. Den hatten sie nach zwei Stunden. Wir alle haben drei Tage lang halbe Ration bekommen, und daß da mancher sauer war, kannste ihm kaum verübeln. Nachts haben sie ihn auf seiner Stube verdroschen.“
Is ja ’ne feine Kameradschaft hier, denkt Max, aber er hält die Schnauze.
„Ja, und nachts hier aus dem Lager?“ Der andere hört sich an, als ob er sich für seine Feigheit entschuldigen müsse. „Wie willst du hier raus? Du hast ja die Zäune gesehen, die Lampen, die Posten. Vor Jahren ist mal einer über den Zaun geklettert. Das heißt, er hat es versucht. Die Posten haben durchgedreht. Diese Beutesoldaten sind drei Mal so schlimm wie die Aktiven. Na ja. Von uns war keiner dabei.“
Ob das alles stimmt? denkt Max. Mancher erfindet so ’n Scheiß, bloß um sich dickezutun. Aber es könnte ja doch stimmen.
Er gibt seine Erfahrung zum besten: „In Collet-de-Dèze, in der Mine, hatten wir zuerst auch Zivilposten. Die waren aber ganz in Ordnung. Haben nicht mehr Brei gemacht als nötig. Später wurden sie ganz abgeschafft, weil wir uns nicht nach den Posten gerichtet haben, sondern allein zur Mine gegangen sind.“ Er läßt sich nicht weiter auf das Thema Flucht ein. Nicht auffallen. Wie Vertrauensseligkeit belohnt wird, ist ihm ja gerade erst beigebracht worden. Sicher ist er sich nur, er ist fest entschlossen, zum Jahresende zu Hause zu sein! Er wird hier abhauen, wie, wird sich finden. Und er wird allein gehen! Schmude soll selber sehen, wie er zurechtkommt.
Das Abendbrot ist noch kümmerlicher, als sie es vom Haupt­lager gewöhnt sind, soweit das möglich ist: ein Stückchen Brot, ein Krümel Käse, fünfzig Gramm Olivenöl. Dazu irgendein Kräutertee, so viel man will.
Max schläft mit knurrendem Magen ein und hat unruhige Träume. Er will über den Zaun fliegen, aber jemand hat seine Schnürsenkel am Draht festgebunden, so daß er hängenbleibt und beinahe Kopf voran in den Stacheldraht stürzt.

*

Das Frühstück besteht hauptsächlich aus Zichorienkaffee. Danach treten sie im Hof an, werden in Zwölferkolonnen eingeteilt und von einem französischen Vormann ins Gelände geführt. Der Boden ist feucht, die aufkommende Sonne läßt ihn dampfen, und mit dem Dampf steigen Wolken von Mücken auf und stürzen sich auf die menschlichen Opfer.
Max’ Kolonne muß Gleise bauen. Sie graben eine Trasse und legen ein Schotterbett. Der Schotter wird von Hand geladen, angekarrt und verteilt. Dann verlegen sie Eichen­schwellen. Drei Mann haben Mühe, eine Schwelle zu schultern. Sie befestigen Schellen darauf, schleppen zu zwölft die Schienenstücke heran und schrauben sie auf den Schwellen fest. Mit einer Lehre mißt der Vorarbeiter den Schienenabstand. Dann wird der Schotter gestopft, mit speziellen Stopfhacken unter die Schwellen geschlagen, um ihnen festen Halt zu geben.
Die Arbeit ist schwer, aber Max ist an schwere Arbeit gewöhnt, obwohl man ihm das nicht ansieht. Er weiß seine Kräfte einzuteilen und findet den Aufenthalt an der frischen Luft ganz angenehm – bis auf die Mücken. Hinzu kommt, daß die ganze Situation ein bißchen nach Freiheit riecht, obwohl jeder weiß, daß man sich höchstens zum Austreten in die Büsche schlagen kann, und daß der Vormann nach drei Minuten das Fehlen bemerken wird. Max sieht sich um und prägt sich das Gelände ein: Wo sind Baumgruppen, wo freie Flächen? Wo lagern Barackenteile, wo Schwellen? Wie weit ist der Außenzaun entfernt, und wie hoch ist er?
Um halb zehn ist die Frühstückspause. Max hat nichts zu essen, er haut sich im Gras auf den Rücken, hält der schon kräftigen Aprilsonne sein Gesicht hin und hat abends den ersten Sonnenbrand dieses Jahres.
Um zwölf Uhr latschen sie zum Haus, mancher etwas krumm von der ungewohnten Arbeit, und scharen sich in der Stube um den Essenkübel, den der Stubenälteste inzwischen geholt hat. Es gibt Mohrrübensuppe – von nun an jeden Tag. Fingerlange Mohrrübenstücke treiben in einer trüben, blinden Brühe, die kein Fettauge hat. Es gibt so viel Suppe, wie jeder will. Man muß ein vernünftiges Mittelmaß zwischen einigermaßen ausreichender Sättigung und dem Aufnahmevermögen des Magens finden, wenn man nicht platzen will. Unter den schon länger im Lager lebenden Kameraden gibt es einen, der frißt drei Mal am Tag drei Liter Suppe. Er benutzt eine Drei-Liter-Hash-Büchse als Kochgeschirr. Er hat Beine wie ein Elefant, und wenn man mit dem Finger darauf drückt, kriegen sie tiefe Dellen.
Max kommt sein unerwartetes Guthaben, spärlicher Lohn anderthalbjähriger Schufterei, jetzt zugute. Er kann sich in der Kantine Hash kaufen, oder Pferdefleisch in Büchsen. Das Hash ist eine Art Ragout aus Gemüse, Kartoffeln und Fleischstücken, das Pferdefleisch ist in Fruchtsaft eingemacht, für Max eine ganz neue kulinarische Erfahrung. Er bleibt dadurch einigermaßen bei Kräften.
Um ein Uhr geht es wieder ins Gelände an die Arbeit.
Max probiert aus, wie lange er sich im Gebüsch aufhalten darf, wenn er sich zum Austreten abgemeldet hat. Es sind keine fünf Minuten, bis der Vorarbeiter schreit: „He du! Dépêche-toi! Mak hin. Vite, vite!“ Und Max schreit zurück: „Ich komm ja schon! Tout de suite!“ und nicht ganz so laut: „Du Scheißer!“
Das Leben im Lager ist eintönig: Frühstück, Gleisbau, Mit-tag, Gleisbau, Abend mit etwas Geschwätz und Kartenspiel, Bummel am Lagerzaun, mieses Essen – ein wenig aufgebes-sert durch die Kantinennahrung –, es ergibt sich nichts Neues, die Bedingungen für eine Flucht bleiben miserabel.
Um am Tage bei der Arbeit abzuhauen, müßte man eine Situation abwarten, bei der die Gruppe aufgeteilt und schwerer kontrollierbar ist. Aber der Vormann hält sie nach Möglichkeit zusammen. Sodann müßte diese Situation möglichst kurz vor Feierabend eintreten, damit bald die Dunkelheit kommt, Verfolger also so wenig Zeit wie möglich haben. Jetzt, April, Mai, wird es aber immer später dunkel, das strahlende Frühlingslicht steht einer Flucht entgegen.
Immerhin kann Max feststellen, daß ein Tor in der äußeren Umzäunung nachts nicht verschlossen wird. Die Wachen sind sich ihrer Sache zu sicher. Man müßte also nicht – ein kleiner Vorteil – den Doppelzaun überklettern, zwischen dessen beiden Stacheldrahtzäunen auch noch eine dichte Schlehdornhecke gewachsen ist.
Trotz aller Widrigkeiten setzt sich Max eine Frist: Innerhalb von vier Wochen will er hier raus und wieder auf dem Weg sein! Aber er wird nicht am Tag fliehen, vom Arbeitsgelände aus, wo eine Flucht denkbar scheint und deshalb besondere Aufmerksamkeit waltet, sondern nachts aus dem bewachten Haus selbst, wo die Flucht als unmöglich gilt!
Wie sind dafür die Bedingungen?
Der Lagerhof ist ein regelmäßiges Rechteck, in dem quer im hinteren Drittel das Wohnhaus steht. Das Areal ist in der Regel durch Tiefstrahler hell erleuchtet, unbewachsen und überschaubar. Der innere Zaun mag drei Meter hoch sein, der äußere ist einen halben Meter niedriger. Der Zwischenraum ist mit Stacheldrahtrollen ausgefüllt. An drei Seiten stehen Postenhäuschen, die rund um die Uhr besetzt sind. Eine einzige unregelmäßige und daher weniger übersichtliche Stelle befindet sich hinter dem Haus, wo der Zaun, zweimal abgewinkelt, eine Fläche von zehn, zwölf Quadratmetern abgrenzt, auf der sich ein Fahrradständer und die Abfalltonnen befinden. An dieser Seite steht auch kein Postenhäuschen. Die Mülltonnen wären beim Überklettern des Zauns eine Hilfe, aber man müßte den Doppelzaun zwei Mal übersteigen. Dafür gäbe es die Chance, ungesehen zu bleiben. Max hofft, daß er auf den inneren Zaun hinaufklettern und sich mit einem Fuß auf den höheren Pfahl stellen könnte, um den äußeren, niedrigeren zu überspringen.
Hinter dem Zaun liegen fünfzig Meter freie Fläche, noch erhellt von den Tiefstrahlern, dann folgt ein Rondell von Rhododendren, und nach nochmals dreißig Metern der Wald. Dort vermutet Max das Aufenthaltshaus der Posten. Unbekannt ist, wie der Postenwechsel vonstatten geht und welchen Weg die Posten nehmen. Mindestens einer hält sich in einem der Häuschen auf, und ein Doppelposten durchstreift das Gelände.
 Die Fenster der Stuben gehen nach hinten hinaus, man kann nichts von den Posten sehen, und die Fenster der Toilette am Ende des Ganges, die zur Seite zeigen, sind zugestrichen und verriegelt. Auch der Weg vom Wohnhaus durch das Arbeitsgelände bis an den äußeren Zaun ist voller Unwägbarkeiten. Wo halten sich die Posten auf? Wo gibt es Deckung, wo nicht? Sind sie aufmerksam oder nachlässig?
Und was weiß man von den Bedingungen in der Umgebung? Das Gelände ist unbekannt, denn die Gefangenen arbeiten nur auf dem Lagergelände. Man weiß nicht, wo es Wege gibt und wohin sie führen. Es existiert keine Karte. Der einzig sichere Weg ist die nahe Bahnstrecke, an der zwanzig Kilometer weiter südlich der Bahnknotenpunkt Vierzon liegt, wo man vielleicht einen Güterzug nach Paris oder weiter findet.
Auch eine Reihe näherer Umstände kann Max nicht vorher erkunden: Hält sich die Streife im äußeren Gelände auch in der Nähe des Lagers auf? Kann man das Schloß der Stacheldrahttür auf der Treppe öffnen? Wann schlafen Lagerältester und Dolmetscher? Ist im Parterre ein Raum offen, dessen Fenster nach hinten hinausgehen, und läßt sich ein Fenster öffnen? Wird es nicht schnell auffallen, wenn unten ein Fenster offen steht?
Max muß versuchen, alles in einem Anlauf zu schaffen.
Er bereitet seine Flucht vor, soweit das möglich ist. Aus Collet-de-Dèze hat er noch siebzig Francs ,richtiges‘ Geld, das näht er in seine lange Militärunterhose ein, damit es beim Filzen nicht gefunden wird. Er besorgt sich einen Kerzenstummel für seine Lampe, und er legt eine Büchse Fleisch beiseite, ein Eckchen Käse, einen Kanten Brot. Als er einmal eine Minute allein in der Stube ist, schmiert er die Angeln der Tür mit Olivenöl, damit sie nicht knarren.
Bodo Schmude erzählt er nichts von alledem, den anderen Kameraden erst recht nicht.

*

Am Mittwoch, den 4. Mai, macht er sich wieder auf den Weg.
Als abends um halb zehn das Licht erlischt, noch ist Stimmengewirr und Lärm im Haus, geht er zum Schein auf die Toilette und dann zurück zur Tür auf der Treppe. Er würgt ein zusammengedrehtes Handtuch durch den Bügel des Schlosses, legt die Kette stramm und reißt das Schloß mit einem Ruck auf. Das kurze scharfe Klirren geht im allgemeinen Lärm unter. Unbeweglich lauscht er zehn Sekunden lang, aber niemand kommt. Vorsichtig hängt er das offene Schloß so wieder ein, daß ein flüchtiger Betrachter annehmen kann, es sei noch geschlossen.
Dann eilt er, möglichst leise auftretend, in seine Stube zurück, legt die gepackte Segeltuchtasche aufs Bett, klettert angezogen hinauf und tauscht ein paar Belanglosigkeiten mit Schmude aus, um glauben zu machen, daß alles normal sei: „Morgen ist der 5. Mai. Vor zwei Jahren plus drei Tagen war der Krieg zu Ende.“
„Was meinst du, schicken sie uns dieses Jahr nach Hause?“
„Mußte den Papst fragen! Aber was wir hier treiben, ist doch bloß noch Beschäftigungstheorie. Oder siehst du den Sinn unserer Schipperei?“
„Von einem Munitionslager ist jedenfalls nichts zu sehen.“
„Du willst zurück in die russische Zone?“
„Wat ’n denn? Da bin ick zu Hause. Und die Russen sind ooch nich schlimmer als die Franzosen oder die Amis. Ist doch alles eine Soße. Allerdings, wenn ick jewußt hätte, det die inne amerikanische und englische Zone viel eher entlassen werden, hätt’ ick mich wahrscheinlich dahin gemeldet und denn irgendwie die Kurve jekriegt.“
„Ja. Dann wär’ ich wahrscheinlich schon in Bremen oder in Bretzenheim abgehauen. Oktober vierundvierzig war ich das letzte Mal zu Hause.“
„Aber ich penne jetzt. Gute Nacht.“
„Nacht auch.“
Die Gespräche verebben, man rückt sich noch mal auf dem Strohsack zurecht, Schnarchtöne füllen den Raum.
Max wartet, bis alle eingeschlafen sind; es kommt ihm endlos vor. Als keine unregelmäßigen Geräusche mehr zu hören sind, läßt er sich vorsichtig vom Bett gleiten, Zentimeter um Zentimeter, sorgfältig darauf achtend, daß Bettgestell und Dielen nicht knarren, nimmt seine Tasche auf den Rücken, damit er die Hände frei hat, und schleicht zur Tür. Langsam, langsam drückt er die Klinke herunter. Die Schließfeder läßt ein häßliches Schnappen hören, bevor sie den Riegel freigibt. Genau so langsam zieht er die Tür auf und hinter sich zu – und steht auf dem Gang. Der Gang kommt ihm taghell vor, es ist Vollmond. Außer ein paar gedämpften Schnarchtönen aus den Stuben herrscht absolute Stille.
Er wendet sich der Treppe zu und schreckt beim ersten Schritt zusammen: Sandkörner zerkrachen unter seinen Ledersohlen auf den Fliesen. Vorsichtig setzt er Fuß vor Fuß bis zur Treppe, bis zur Stacheldrahttür. Das Schloß hängt unverändert in der Kette. Er hebt es heraus, zieht dann die Kette zentimeterweise aus der Tür. Beim Öffnen knarrt die Tür. Er öffnet sie so langsam, daß das Knarren in Einzellaute zerlegt wird, wie das Ticken eines Holzwurms. Genau so langsam wird die Tür geschlossen, die Kette wieder eingehängt, dann auch das Schloß. Er drückt es wieder zusammen, es rastet ein. Später wird man darüber rätseln, wie jemand durch die verschlossene Tür entwischen konnte.
Der Weg die Treppe hinab und durch den Gang, vorbei an der Tür des Lagerältesten bis zur Toilette am Ende des Hauses dauert stundenlang. Im Vorbeischleichen kann er erleichtert feststellen, daß eines der Zimmer nach hinten hinaus nicht abgeschlossen ist. Er drückt sich in die Toilette und betet, daß Lagerältester und Dolmetscher keine Bedürfnisse verspüren.
Aus einem Fenster kann er ein Postenhäuschen sehen. Wenn ein Posten darin ist, bleibt er im Schatten verborgen. Max’ Uhr zeigt dreiviertel elf. Nichts rührt sich. Die Nacht ist totenstill und hell, die Schatten bleiben schwarz. Max getraut sich nicht, sich zu setzen, um keine Bewegung zu verpassen. Die Zeiger der Uhr schleichen auf Mitternacht zu. Um Punkt zwölf löst sich aus dem Häuschen ein Posten und wandert in Richtung des Wäldchens, wo vermutlich das Wachlokal steht. Die Posten lösen sich also nicht am Häuschen selbst ab, sondern machen es sich bequemer, indem sie die Ablösung aufsuchen, vielleicht noch ein paar Worte tauschen. Niemand beobachtet in diesen Minuten das Lager, jedenfalls nicht an dieser Seite. Was die anderen Posten tun, bleibt ein Risiko.
Es dauert drei, vier Minuten, bis die Ablösung kommt. Das wäre die Zeit, in der Max über die Zäune steigen und im Dunkel verschwinden könnte. Der nächste Postenwechsel ist vermutlich um zwei Uhr. Das heißt zwei Stunden warten, in Sorge, daß jemand kommen könnte.
Irgendwann einmal kommt der Posten aus seinem Häus­chen und geht ein paar Schritte hin und her.
Das ist die einzige Bewegung in zwei Stunden, aber Max darf den Platz nicht aus den Augen lassen.

Max denkt an Orléans, an Collet-de-Dèze, an einen der ersten Spaziergänge zum Dornröschenschloß.
Sie steigen jenseits des Flusses durch Büsche wilder Rosen den Hang hinauf, Paule geht voran, sie kennt den Weg. Er sieht ihre behenden, beherrschten Bewegungen.
Und Paule weint.
Mit Anstrengung löst er sich von dieser Vision und zwingt seine Aufmerksamkeit wieder auf den scheinbar leblosen Lagerhof, den Stacheldrahtzaun und das Postenhäuschen, um gleich wieder in seinen Traum zurückzukehren.
Wieder leistet ihm Paule Gesellschaft. Was wird sie jetzt tun? Ist sie traurig, daß er ohne Abschied gegangen ist? Oder geht sie so leicht darüber hinweg, wie sie vorgegeben hat? Das wäre ihm lieber.
Aber wer ist jetzt lieb zu ihr? „Je t’aime“, denkt er, schließt die Augen und atmet den Duft ihres Haares, küßt ihre Mundwinkel und spürt die zärtliche, vorwitzige und begehrliche Zunge zwischen den Lippen. Er sieht die Sonnen­kringel um ihren Körper im Wasser durch den dünnen Stoff des Kleides.
Wieder reißt er sich los aus seinen Träumen.

Der Stacheldraht zieht einen schwarzen Streifen um den gelbgrauen Schotter des Hofes. Ein paar Minuten vor zwei taucht der Posten schließlich aus dem Schatten seines Häuschens auf und geht in Richtung Unterkunft!
Max huscht den Gang zurück in das offene Zimmer, auf das Knirschen der Schritte kann er jetzt keine Rücksicht nehmen, und schiebt sich zwischen abgestellten Möbeln, Haushaltsgeräten und Reinigungsmitteln hindurch bis zum Fenster.
Der Posten ist nicht zu sehen, das Fenster läßt sich öffnen! Max hockt sich aufs Fensterbrett und läßt sich knapp zwei Meter tief auf den Hof hinuntergleiten. Das Fenster zieht er hinter sich zu, nur ein kleiner Spalt bleibt offen. Dann läuft er gebückt über den hellen Hof bis zu der Ecke mit den Abfalltonnen, seine Schritte kommen ihm wieder gefährlich laut vor, klettert von den Tonnen über die Tür des inneren Zaunes, die auch mit Stacheldraht bewehrt ist. Das macht Max nicht viel aus. Er hat Maschinenhandschuhe, weiche Wildlederhandschuhe mit verstärkter Handfläche, noch in Norwegen gegen ein Päckchen Zigaretten eingetauscht. Nur die blaue Jacke meldete mit knarrendem Schmerzenslaut einen Riß.
Max wendet sich dem äußeren Zaun hinter den Mülltonnen zu. Den Raum dazwischen füllen Stacheldrahtrollen. Max’ Hoffnungen erfüllen sich nicht. Das Hinaufklettern im Draht ist nicht schwierig, aber der innere Pfahl wackelt wie ein loser Zahn und gibt nicht genug Halt, um sich daraufzustellen und einen Sprung über den Außenzaun zu wagen. Max muß zwischen beide Zäune hinabklettern, in die Stacheldrahtrollen, die ihm die Kleider aufschlitzen und die Haut zerkratzen und zudem ein höllisches Rasseln von sich geben, das man in der stillen Nacht meilenweit hören muß. Irgendwie kommt er dann auch auf den Außenzaun, von dem er hinabspringen kann. Er hetzt auf das Rhododendronbeet zu und wirft sich hinein, in Deckung. Wieder Stille. Kein Posten zu sehen oder zu hören.
Er wartet zwanzig Sekunden. Als sich nichts rührt, springt er auf und rennt gebückt auf die nahe Baumgruppe zu, deren Schatten Schutz zu gewähren scheint. Hier wendet er sich in Richtung des Tores, das hoffentlich offen geblieben ist. Vorsichtig auftretend, hetzt er durch das lichte Wäldchen. Bald stoppt eine breite Lichtung seinen Lauf. Im Mondlicht wirkt sie taghell und bietet keinerlei Schutz. Erst auf der anderen Seite liegen Barackenbauteile, hinter denen man sich verbergen könnte.
Max holt tief Luft und beginnt, die Wiese geduckt, aber schnell zu überqueren. Seine Schritte rascheln im Gras. Fünfzig Meter weit mag er gekommen sein, als er in der Stille der Nacht ein lautes, deutliches Hüsteln hört. Er bleibt stehen wie angewurzelt und läßt sich langsam, langsam zu Boden sinken. Das Hüsteln wiederholt sich nicht, keine Stimmen, keine Schritte. Es schien von vorne zu kommen, aber sein Urheber ist nicht zu orten. Vermutlich einer der Posten, von denen man annimmt, daß sie im Gelände Streife gehen. Aber wo hält er sich auf? Er kann überall im Schatten stehen und warten, daß Max ihm in die Arme läuft.
Max beginnt langsam zurückzukriechen, eng an den Boden gepreßt. Der Weg ist lang, bis er den Schatten wieder erreicht. Dort richtet er sich auf. Das Tor liegt weiter voraus, aber Max läuft nun zur Seite in Richtung Außenzaun.
Bald steht er vor einem Gespinst aus Stacheldraht und einer dichten Schlehenhecke. Er überlegt nicht lange und steigt im Gitterwerk des Zaunes hoch. Auf das Rasseln des Drahtes kann er keine Rücksicht nehmen. Eile ist sein Hauptgebot. Die Schlehenhecke überragt den Draht, und im Schatten der Bäume kann er nicht sehen, wie es auf der anderen Seite aussieht. Also läßt er sich in die Hecke fallen, kämpft sich hindurch wie ein Schwimmer durch die Brandung, findet Halt am äußeren Zaun, zerrt sich über diesen hinüber ohne darauf zu achten, daß ihm Dornen und Drahtstacheln Kleidung und Handgelenke zerfetzen. Auf der anderen Seite kullert er eine niedrige Böschung hinab und eilt dann am Zaun entlang in Richtung der Bahnstrecke, auf deren Gleisen er nach Süden wandern will.
Stacheldraht und Posten bleiben hinter ihm zurück. (PK)

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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 322  vom 05.10.2011

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