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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Sport
Sachsens Frauenfußball startet gut gerüstet ins Abenteuer 1. Bundesliga
Blau-Gelbe Leipzig Lok – Teil 2
Von Bernd J. R. Henke

In Leipzig plant man auf anderem Level, aber nicht weniger konsequent. Die Übergabe der bestehenden DFB Eliteschule „Egidus-Braun“, dem Nachwuchs-Landesleistungszentrum des Sächsischen Fußballverband, an Lok Leipzig ab Spielzeit 2010/2011 bedeutet einen großen Meilenstein für den Verein. Man wird dort im Laufe der Saison auch seinen Trainingsmittelpunkt verlegen. Florin Wagner´s Nominierung in das neue Leipziger Team zeigt, dass Talente im eigenen sächsischen Treibhaus wachsen können. Florin Wagner wird jetzt als 16-jährige bei Lok Leipzig, wie Birgit Prinz zu Anbeginn beim FSV Frankfurt, ihre Chance erhalten, in die härtere Welt der 1. Bundesliga hinein zu schnuppern.


Florin Wagner im FIFA WM-Stadion Dresden
Foto: Privat Leipzig
 
Stammplätze
 
Solche Strategien, so scheint es für viele Beobachter des Vereins, hat man beim 1. FFC Frankfurt schon abgehakt, verdrängt und den Aufbau einer Eliteschule vor Ort verschlafen. Zudem kommt, dass durch die aufgeblähte Leistungsstärke nicht mal U-20-Weltmeisterin Valerie Kleiner in der vergangenen Saison zu nennenswerten Einsätzen in der 1. Bundesliga kam. Die kostenintensive und risikoreiche Verdoppelung des FFC-Kaders aus Nationalspielerinnen aller Herren Länder (Japan, Schweden, USA, Schweiz, Neuseeland) schadet insbesondere den jungen deutschen U-20- Weltmeisterinnen von 2009, die es nie wie Kulig und Popp schaffen werden, in die A-Nationalmannschaft berufen zu werden. Es bleibt abzuwarten, ob Svenja Huth ihre verdienten Spielchancen erhält. Der Hessische Fußballverband ist jetzt am Zuge, im eigenen Interesse dafür zu sorgen, dass eine zweite hessische Frauenmannschaft in die Region der 2. Bundesliga aufrücken könnte, um für den in der Vergangenheit in der Regel guten hessischen Nachwuchs eine Alternative anbieten zu können. Eine frühe, sehr junge Birgit Prinz - „Krümel“ - bekäme wahrscheinlich in unseren Tagen keine Chance beim Rekordmeister, sich mit den „Großen“ frühzeitig messen zu können. Ergo wäre Lok Leipzig eine gute Adresse.


Angelina Lübcke im Zweikampf mit Fatmire Bajamaj
Fotoagentur Jan Kuppert
 
Zugzwang
 
Eine weitere Hessin, die 19-jährige Jobina Lahr aus Klein-Zimmern bei Offenbach, suchte neben Safi Nyembo ihr Fußballglück in der Ferne. Beim FFC Frankfurt gelang ihr der Sprung von den Juniorinnen in die zweite Mannschaft - der Schritt ins erste Team und damit ins Fußball-Oberhaus blieb ihr verwehrt. „Der FFC holt sich lieber fertige Spielerinnen mit Erfahrung“, moniert sie die mangelnde Geduld in Frankfurt. Die hatte sie auch selber nicht, packte ihre Sachen und unterschrieb beim Hamburger SV. Unter Trainer Armin Feifel (1. Mannschaft HSV) und Claudia von Lanken (damals 2. Mannschaft HSV) entstand eine steile Karriere. Zum Schluss erkämpfte sie sich einen Stammplatz neben der Nationalspielerin und U-20-Weltmeisterin Kim Kulig. Jobina´s Stärke liegt in der Schnelligkeit und Ausdauer. „Ich kann den Sprint auch noch in der letzten Minute anziehen“, meint die Mittelfeldspielerin. Auch für den U-23-Lehrgang wurde sie bereits nominiert.


Angelina Lübcke mit dem HSV gegen den 1.FFC Frankfurt
Bildagentur A2 Hartenfelser
 
Riegel vorschieben
 
Nachdem der neue HSV-Präsident Carl-Edgar Jarchow, ein FDP-Parteipolitiker, die absolute Frauenfürsprecherin Katja Kraus nicht mehr unterstützte und ihre Wiederwahl in den HSV-Vorstand nicht mehr zustande brachte, wurde der Gesamtetat der Frauenabteilung des Hamburger SV um circa ein Drittel reduziert. Angetreten war der neue HSV-Präsident Carl-Edgar Jarchow mit dem Versprechen, Ruhe in den Verein bringen zu wollen. Er wolle auf Kontinuität setzen. Es gehe nicht um große Einschnitte, sondern um neue Fronten. „Was das heißt, wissen die Aktiven und Verantwortlichen beim Frauen- und Mädchenfußball im HSV nun ganz genau: Keine großen Einschnitte für den Profifußball - sprich Männerfußball. Neue Fronten - im vereinsinternen Krieg ums Überleben der Abteilungen. Dieses Beispiel sollte nicht Schule machen. Hier gilt es, durch neue DFB-Vorschriften oder verbindliche Absprachen einen Riegel vorzuschieben“, bemerkte Fußballexperte Joe Blaha. „Es ist und bleibt ein Skandal, den Gewinnerinnen der Meisterschaft in der 2. Bundesliga-Staffel Nord einen Tag danach mitzuteilen, dass der Verein die Lizenz zurückgeben würde. So viel Elefanten können nicht auf einmal im Porzellanladen stehen.“

Ann-Kathrin Schinkel(4) im Zweikampf mit Jessica Wich
Fotoagentur Jan Kuppert
 
 
Überzeugungstäter
 
Für Jobina Lahr war es aber, ohne Kenntnis der überraschenden Beschädigung der HSV-Frauenabteilung schon vorher klar, den HSV zu verlassen. Ihre Ex-Trainerin und nunmehr Trainerin in Leipzig, Claudia von Lanken, stellte deshalb öffentlich in einem Sommer-Interview fest: „Man hat ja jetzt das Gefühl, dass man (als Frauenfußballerin) nicht richtig gewollt ist. Über Jahre waren wir beim Hamburger SV erfolgreich, zum Saisonende wurde die Erste Vierter, wir wurden Meister mit der Zweiten, die Dritte wurde auch Vierter. Die Mädchenmannschaften waren erfolgreich. Zwei aus der Ersten des HSV, Jobina Lahr und Angelina Lübcke, hatten schon mit Leipzig verhandelt, bevor alle wussten, dass ich dort die Trainerin werde. Ich wollte nicht, dass ich das Argument für den Wechsel bin. Das Konzept sollte sie überzeugen.“ Die Hamburger Stammspielerin Angelina Lübcke (171 cm) unterschrieb schon vor Saisonende einen mehrjährigen Vertrag mit Lok Leipzig. Die Zwanzigjährige war seit 2007 beim Hamburger SV und spielte 50 Spiele in den roten Hosen des Vereins. Mit der U-17-Nationalmannschaft war sie 2008 in Neuseeland und die belegte dort den 3. Platz.

Anne van Bonn (mi), ehemalige U-19-Nationalspielerin,
Foto: Privat
 
Abwehrgrößen
 
Mit der U-19-Nationalmannschaft spielte Lübcke 2010 in Mazedonien um den EM-Titel, dort unterlagen sie aber im Halbfinale dem Gegner aus Frankreich. Die gebürtige Hamburgerin - mit dem Spitznamen Angie - ist eine sehr variabel einsetzbare Spielerin - rechte Abwehr, Innenverteidigerin und zentrales Mittelfeld sind ihre bisherigen Positionen. Mit der groß gewachsenen Spielerin verstärkt sich Lok Leipzig insbesondere für die wichtigen ersten Ligaspiele in der Abwehr. Eine weitere Verstärkung stellt die Verpflichtung der Verteidigerin Ann-Katrin Schinkel (172 cm) vom 1.FC Saarbrücken dar. Mit dem 1. FC Lok Leipzig strebt Schinkel Platz zehn, also den Klassenverbleib in der Bundesliga, an: "Wir sind Aufsteiger, deshalb kann nur das unser Ziel sein", verdeutlichte die 22-jährige. Fast 450 Kilometer Umzug von Baumholder (Rheinland-Pfalz) nach Leipzig hat sie hinter sich, eine Verletzung ist überwunden, voll belastbar wartet sie auf ihre Einsätze in den beiden ersten Spielen der 1. Bundesliga. 

Gaelle Thalmann
Fotoagentur Jan Kuppert
 
Schüsselspielerinnen
 
Zum Saisonstart bekam es der 1. FC Lok gleich mit einem schweren Brocken zu tun. Zum Auftakt am 21. August muss das Team von Trainerin Claudia von Lanken beim Vorjahres-Dritten FCR Duisburg antreten. Eine Woche später stieg im Bruno-Plache-Stadion das erste Heimspiel gegen Vize-Meister und Topfavorit 1. FFC Frankfurt und ging verloren (s. NRhZ 317). Für Cheftrainerin Claudia von Lanken gab es zwei personelle Grundbedingungen für ihren Arbeitsbeginn in Leipzig. Zum einen forderte sie eine erstligaerfahrene Torfrau, zum anderen forderte sie eine erstligaerfahrene Abwehrchefin an. Beide Wünsche wurden erfüllt. Die international bewährte 25-jährige Verteidigerin Anne van Bonn (168 cm) vom Topteam FCR 01 Duisburg war erfreulicherweise sehr früh wechselbereit. Vor zwei Jahren hielt sie noch den Siegerpokal der UEFA Women’s Champions League in den Händen, nun wird sie um den Klassenerhalt in der Frauenbundesliga kämpfen. Sie entschied sich ganz bewusst für diese neue Herausforderung. Sie wird entweder in Leipzig oder in Dresden ein Studium im Bauingenieurswesen beginnen. „Ich kenne es ja eigentlich nur, um Titel zu spielen. Aber Abstiegskampf ist vom Druck her noch mal eine ganz andere Qualität - ich kenne sie nicht und das reizt mich einfach. Das tolle Angebot und interessante Gesamtkonzept haben mich sofort überzeugt“, sagte die 25-jährige vom Niederrhein.

"FC Hollywood" Frankfurt in Pose
 Bildagentur A2 Hartenfelser
 
Schnelles Wiedersehen
 
"Für mich war es an der Zeit, aus Duisburg wegzugehen, weil ich dort meine faire Chance nicht mehr bekommen habe", begründet Anne van Bonn ihren Schritt, „ich bin sehr ehrgeizig und möchte spielen". Zudem möchte sie sich nicht nur sportlich, sondern auch persönlich weiterentwickeln. Sie habe Vertrauen in den Verein und in die Trainerin, dass der Kader erstligatauglich ist und den Klassenerhalt schafft. Die routinierte Defensivspielerin gewann 2004 mit der deutschen U-19-Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft. Einen kleinen Schock bekam die sonst unerschrockene Anne van Bonn, als sie nach der Auslosung recht schnell erfuhr, dass das erste Spiel und die erste Bewährungsprobe der Saison auswärts gegen ihren ehemaligen Verein FCR 01 Duisburg terminiert wurde. Die Entscheidung für eine erfahrene Torfrau kam relativ spät. Zu sehr belegt waren der Markt und die Suche anderer Bundesligavereine nach erstklassigen Torfrauen. Trainerin Claudia von Lanken zögerte nicht lange, die ehemalige HSV-Torhüterin, die schweizerische Nationaltorhüterin Gaelle Thalmann, zu kontaktieren. Die wartete gespannt, endlich wieder ein gescheites Angebot aus der besten Frauenfußballliga der Welt zu erhalten.
 
Wechselspiele
 
Die Schweizerin hat schon einige Routine in Sachen Vereinswechsel. Leipzig ist in ihrer bisher 16-jährigen Fußballerinnen-Laufbahn bereits die zehnte Station. Gleich ihrem ersten Club, dem FC Bulle, blieb sie dabei mit fünf Jahren Verweildauer am längsten treu. „In der Schweiz habe ich früher gewechselt, weil ich einen Schritt nach vorn machen wollte", begründet sie die Wechselspiele, „ich bin immer in einen besseren Verein gewechselt und meist auch in eine bessere Liga." Im Jahr 2008 zog es die Torfrau nach Deutschland in die Bundesliga. Hier fing Gaelle Thalmann nicht irgendwo an, sondern direkt bei Turbine Potsdam. Dort kam sie aber nicht so zum Zug, wie sie es sich gewünscht hätte. Nach anderthalb Jahren führte ihr Weg deshalb weiter nach Hamburg zum HSV, um wieder mehr Spielpraxis zu bekommen. Auch der Plan ging nicht auf. In der Rückrunde verletzte sich Gaelle Thalmann. Ihr Engagement beim HSV war kurz. Trotzdem sind die Spielerinnen vom HSV, die zu Lok Leipzig in die 1. Bundesliga wechseln, alle mit der Schweizerin bekannt. Sie schrieb damals: „Nach meiner Verletzung, die bald auskuriert sein sollte, ist es mir wichtig, dass ich einen Verein finde, wo ich regelmäßig zum Einsatz komme, wo ich das Vertrauen des Trainerstabs habe und wo eine positive Stimmung herrscht.“
 
Erfolge
 
Sie wechselte dann zurück in die Schweiz zu GCZ Grasshoppers Zürich. Nach einer Saison beim GCZ will sie nun wieder in der Bundesliga angreifen. Ihre bisherigen Vereine waren insgesamt FC Bulle (Junioren), FC Riaz, FC Vétroz, FC Rot-Schwarz Thun, FFC Zuchwil 05, SC Luwin, 1. FFC Turbine Potsdam, Hamburger SV, GCZ Grasshoppers Zürich. Gaelle Thalmann war Finalistin der Jugendolympiade 2003, Teilnehmerin am UEFA Women´s Cup 2004, Teilnehmerin im Schweizer Team bei der U-19-Europameisterschaft, Schweizer Hochschulmeisterin 2006, Schweizer Vize-Meisterin 2006, Teilnehmerin der U-20-WM 2006, Schweizer Ligapokal Finalistin 2006, DFB-Hallenpokalsiegerin 2009 mit Turbine Potsdam, DFB-Pokalfinalistin 2009 mit Turbine Potsdam und Deutsche Meisterin 2009 mit Turbine Potsdam. Der Grund für sie, zum 1.FC Lok zu kommen, war der Reiz, wieder 1. Bundesliga zu spielen und die Herausforderung, auch in der Liga zu bleiben. Erleichtert habe ihr diesen Schritt die Tatsache, auf einige bekannte Gesichter zu treffen, die sie während ihrer Bundesligazeit in Potsdam und Hamburg kennengelernt hatte. "Ich habe mir gedacht, das macht die Sache ein bisschen einfacher und ich gehe nicht ins Unbekannte."
 
Vielseitigkeit
 
Die Tochter des ehemaligen HSV-Bundesligaprofis Tobias Homp, Vera Homp, spielte in der Zweiten der Hamburger Rothosen, sie folgte mangels Perspektiven beim HSV ihren Mitspielerinnen nach Leipzig mit dem Wunsch und Ehrgeiz, einmal Lok-Stammspielerin in der 1. Bundesliga werden zu können. In Hamburg brachte es die Zwanzigjährige außer Einsätzen in der 2. Bundesliga auch zu Spielen in der 1. Bundesliga. Sie stellte mehrmals unter Beweis, dass sie nicht nur auf der offiziellen Position in der Abwehr, sondern auch im Mittelfeld und Angriff gute Leistungen zeigen kann. In noch jüngeren Jahren hatte sie eine erfolgreiche Zeit als Kunstturnerin. Obwohl der HSV ihr angeboten hatte, sie könne in den Kader der Ersten wechseln, hat sich Vera Homp entschieden, ihrer Trainerin Claudia von Lanken nach Leipzig zu folgen. Eine weitere hessische Spielerin, die 19-jährige Jil Ludwig vom TSV Jahn Calden, wurde ebenfalls in den Kader von Lok Leipzig aufgenommen. Ihr größter Erfolg war ein Sieg im Länderpokal mit der U-15-Hessenauswahl in Duisburg. Sie wird in Leipzig Zeit bekommen zu reifen. (PK)
 
 
Schluß folgt in der nächsten NRhZ-Ausgabe


Online-Flyer Nr. 318  vom 07.09.2011

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