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Aktueller Online-Flyer vom 19. September 2017  

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Lokales
Landgericht verbietet Aurelis Abbrucharbeiten – SSM lädt zum Hallenfest ein
Zwei aktuelle Gründe zum Feiern in Köln Mülheim
Von Peter Kleinert

Zwei gute aktuelle Gründe zum Feiern gibt es in diesen Tagen in Köln Mülheim: Am 24. August hat das Landgericht Köln in einer einstweiligen Verfügung der Hochtief-Tochter Aurelis verboten, weitere Abbrucharbeiten an den "Alten Güterhallen" in der Schanzenstraße vorzunehmen, die eine islamische und eine christliche Gemeinde für ihre religiösen Versammlungen nutzen konnten. Und für den 3. September lädt die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim (SSM), die die beiden Gemeinden gegen Aurelis erfolgreich unterstützt hat, zum Einweihungsfest ihrer "Halle am Rhein" ein. Seit 2007 renovierte die SSM die abbruchreife aber denkmalgeschützte Halle der HGK. Nun konnte sie diese dank solidarischer UnterstützerInnen auch erwerben.

Demonstration der beiden Gemeinden und ihrer UnterstützerInnen vor dem Rathaus
Fotos: SSM
 
Im August wollte Hochtief-Tochter Aurelis, eine ehemalige Bahntochter, laut einer Mitteilung im "Mülheimer Veedelsbeirat" das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes an die Immobilien-Firma OSMAB-Holding in Rösrath verkaufen und hatte wohl deshalb die Abbruchfirma Krämer aus Bergisch-Gladbach beauftragt, das Pflaster im Hof der alten Güterhallen herauszureißen, einen Graben quer über den Hof zu ziehen, an den Gebäuderampen die Brücken abzubrechen und die Einfahrt mit einem Erdhaufen zuzuschütten. So sollten ganz offensichtlich die islamische Gemeinde und die christliche Gemeinde vom weiteren Nutzen der Gebäude abgehalten werden.

Noch mehr Zerstörungen am Hof, der Rampe und Treppe der Güterhallen in der Schanzenstraße sind nun verboten
 
In einer einstweiligen Verfügung verbot nun das Landgericht Aurelis, weitere Abbrucharbeiten an den Gebäuden und um sie herum vorzunehmen. Weil die Güterhallen wegen einer Verfügung der Stadt Köln zugunsten Aurelis bis auf weiteres nicht für Versammlungen genutzt werden durften, machten die schiitische Gemeinde Abess Alschakeri und die christlich-kongolesische Gemeinde Ministère de la Croix daraus zunächst Lagerräume, um wenigstens weiter auf dem Gelände bleiben zu können. Wie in der NRhZ berichtet, hatte Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) im Mai öffentlich den Gemeinden die Unterstützung der Stadt bei der Suche nach einem Ersatz für ihre Gebets- und Versammlungsräume versprochen.(1) Ein Angebot der Stadt steht allerdings bis heute noch aus. Mit einer Demonstration vor dem Rathaus am 18. August machten die Gemeinden deutlich, dass sie weiterhin auf städtische Hilfe angewiesen sind.
 
Forderungen an die Stadt und ihren OB Roters
 
Hier Auszüge aus ihrem Flugblatt: "Wir sind eine schiitische Gemeinde aus dem Irak und heißen Abess Alschakeri, und eine christliche Gemeinde aus dem Kongo und heißen Ministère de la Croix. Wir haben in Köln Mülheim in der Schanzenstraße 1a in alten Güterhallen ein Zuhause gefunden. Aber die Stadt Köln und der Eigentümer wollen uns nicht mehr länger dulden. Hier trafen wir uns zum Gebet und zur Freizeit, zum Unterricht und zum geselligen Beisammensein. Wir helfen Bedürftigen und kümmern uns um Kinder und Jugendliche. Diese Arbeit ist wichtig für die Integration und das friedliche Zusammenleben im Viertel
 
Die Stadt Köln hat uns dabei nicht geholfen, sie hat vielmehr die Nutzung der Hallen für Versammlungen untersagt und eine Abbruchgenehmigung erteilt. Die Eigentürmerin hat die Zugänge gesperrt und Treppen abgerissen. SIE, HERR OBERBÜRGERMEISTER, haben uns im Mai öffentlich Hilfe bei der Suche nach einem Ersatz für unsere Räume zugesagt. Aber bis heute haben Sie uns keinen einzigen Raum angeboten. Wenn wir Hallen genannt haben, die im Besitz der Stadt oder städtischer Gesellschaften sind und die leer stehen, gab es immer einen Grund, warum wir da nicht rein dürfen. So war das z.B. bei der Halle Dillenburger Straße 97, die der GAG gehört. Wir wollen, dass Sie Ihr Versprechen wahr machen, und uns Räume anbieten, in denen wir beten und arbeiten können. Nur so kann die Integrationsaufgabe, die sich die Stadt im Programm Mülheim 2020 selbst gesetzt hat, erfüllt werden."
 
Ob sich die Stadt Köln an das in dem Flugblatt erwähnte Versprechen ihres OB Roters (SPD) halten wird, weiß man noch immer nicht. Aurelis hingegen dürfte kaum gegen die Einstweilige Verfügung des Landgerichts verstoßen. Der Hochtief-Tochter droht laut Urteil des Landgerichts immerhin "für jeden Fall der Zuwiderhandlung" ein "Ordnungsgeld" von bis zu 250.000 Euro oder "Ordnungshaft von bis zu sechs Monaten".

Die neue/alte SSM-"Halle am Rhein"

Mehr Erfolg hatte die SSM mit ihrer neuen/alten "Halle am Rhein" Am Faulbach, die nur 200 Meter von dem vor vielen Jahren besetzten Fabrik- und inzwischen legalisierten Wohn- und Arbeitsgelände entfernt ist. Nach einer langen Renovierungszeit verkaufen die etwa SSM-lerInnen dort jetzt u.a. sorgfältig restaurierte, zum Teil antike Möbel, die sie von KölnerInnen geschenkt bekommen, denen sie bei Umzügen und Wohnungsräumungen helfen. "Dort kann man auch Kaffee trinken und dabei gemütlich in der Sonne sitzen. Die denkmalgeschützte Halle kann demnächst auch für diverse Veranstaltungen angemietet werden. Reservierung schon jetzt empfohlen", liest man auf der SSM-homepage (2)

Am 3. September wird hier gefeiert - "Halle am Rhein" Am Faulbach - noch während der Restaurierungsarbeiten
 
Für Samstag, den 3. September, von 15-18 Uhr lädt die SSM nun in die seit 2007 renovierte ursprünglich abbruchreife Halle ein, die einst der Häfen und Güterverkehr Köln AG (HGK) gehörte. Höhepunkte sind laut Einladung der Auftritt der vielen bekannten Band "EleganCi" und eine Ausstellung von Bildern der verstorbenen Kölner Künstlerin Helga AVA Colden, deren Nachlassverwalter die SSM geworden ist. Die Bilder werden zum Verkauf angeboten, Erlöse fließen in den weiteren Umbau der Halle. Zur Unterstützung könne auch eine zeitlich begrenzte Spendenpatenschaft beim Förderverein "Mach Mit" gezeichnet werden.


Nur "Wohnen am Strom" für Wohlhabende?

In der Broschüre "30 Jahre SSM" schrieb SSM-Mitgründer Rainer Kippe vor zwei Jahren zur Geschichte der "Halle am Rhein - Halle für Mülheim" unter anderem: "Mit Entsetzen verfolgen die Mülheimer, wie ihnen Jahr für Jahr mehr ihr Rheinufer zugebaut wird. Gerade war die Freifläche des Mülheimer Hafens mit riesigen Wohnklötzen verstellt worden, da ging es an der Schlackenbergwerft auf dem Gelände des Kabellagers von F&G schon weiter. Wo der Blick vom Böcking-Gelände über die Düsseldorfer Straße frei zum Rhein schweifte, drängen sich nun die Hochhäuser aneinander; statt dem gewohnten Anblick von Freiflächen und Kabelrollen müssen die Spaziergänger nun an einer mehr als zweieinhalb Meter hohen Betonmauer entlang schleichen, über der sich die sechs- bis achtgeschossigen Neubauten erheben.
Wertvolles Gewerbegebiet wurde hier dem Profitinteresse der Landesentwicklungsgesellschaft LEG geopfert, die nun konsequent an den amerikanischen "Whitewater"-Konzern veräußert worden ist. Der Ausblick weniger Betuchter aus ihren Wohnzimmern auf den Strom wiegt in Köln mehr, als das Interesse der großen Mehrheit an Flächen für Arbeit und Erholung. 
 

SSM-Mitglieder in einer
Pause während der
Restaurierungsarbeiten
Auch bei der Halle Am Faulbach war "Wohnen am Strom" angesagt. Und auch nachdem es vor einem Jahr von Rot-Grün aus diesem Programm herausgenommen worden war, sollte hier auf 10. 000 qm inmitten eines gewachsenen Gewerbegebietes "gehobenes Wohnen" durchgesetzt werden. Ein Investor stand schon bereit. Den mutigen Protesten Mülheimer Bürger gegen die weitere Vernichtung von Gewerbe- und Erholungsflächen schlossen sich Mülheimer Gewerbetreibende an, gefolgt von der Industrie- und Handelskammer und dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Auch in den Parteien kamen Bedenken auf. Die Bezirksvertretung Mülheim sprach sich zuerst für die Erhaltung des Gewerbegebietes aus, es folgten die SPD und DIE GRÜNEN auf Köln-Ebene.

Die SSM hat auch Hilfsgelder angefragt, um neben der Halle mit ihrem Raum für Trödel, Ausstellungen und Veranstaltungen Werkstätten für Restauration, Schreinerei, Metallarbeiten und Künstler zu schaffen. Vorn an die Halle soll ein Wintergarten angebaut werden, wo die Besucher ganzjährig mit Blick auf den Strom ihren Kaffee genießen können. Noch sind wir nicht "am Schmitz-Backes vorbei", wie man in Köln sagt. Anfang August wurde der Mietvertrag mit der Grundstückseigentümerin geschlossen. Aber noch ist die Unterstützung für den Ausbau nicht gesichert. Gerade deshalb ist jetzt Eure Solidarität gefragt: Wir bitten um Spenden und um Mithilfe beim Bauen, beim provisorischen Café-Betrieb. Spendet Kuchen, helft servieren." - Dieser Appell an die Solidarität der Mülheimer BürgerInnen hat inzwischen geholfen.
 
Erste Ausstellung mit Bildern von Helga AVA Colden

Die Bilder von Helga AVA Colden der ersten Ausstellung in der "Halle am Rhein - Halle für Mülheim" waren ursprünglich ab 2002 eine Dauerleihgabe für das Kölner Job-Center gewesen. Weil dieses aber kein Interesse mehr daran hatte, wurde die SSM Nachlassverwalter von insgesamt 80 Bildern, von denen einige nun in der restaurierten Halle zu sehen sein werden.

Eins der Bilder von Helga AVA Colden

Helmut Ruwoldt, seit 2003 Mitglied im Berufsverband Bildender KünstlerInnen (BBK), schreibt dazu: "Lästige Störenfriede, die nicht dem Wunsch nach paradiesischem Gleichmut blühender Landschaften entsprechen. Im Wissen um das Zerbrechliche unserer Existenz handelt hier eine Künstlerin - unser Handeln hat Konsequenzen. Die Kompromisse im Alltag bzw. Beruf gelten nicht in der Kunst. Hier fallen ganz persönliche Entscheidungen - hier muß nichts erklärt werden - hier muß nichts eindeutig sein. Gute Bilder behalten ihre Rätsel, ihre Vieldeutigkeit…
 
Für die Kunst der Helga AVA Colden gilt: Mir steht alles zur Verfügung, ich nehme, was ich brauche, und Rücksicht braucht es nicht. Was sich auf der Lebensseite anstaut, explodiert in der Malerei als Abenteuer für die eigenen Augen. Unterschiedliche, gegensätzliche Sehweisen können ausgebreitet werden. Hier ist eine "Autorität", die sehr bewußt auch Zufälle provoziert, um sich selber neue Reaktionen abzuverlangen. Die viereckige Fläche wird und ist ein Tatort. Niemand muß etwas von Kunst verstehen - aber man muß frei sein, um das Leben in den Bildern zu sehen.

Gründliche Kenntnis der Kunstgeschichte und ausgesuchte Verwandtschaften - von Felsmalerei zu Penck, von Giotto zu Rouault zu Appel - bilden den Kreis. Sein Radius ist die Reichweite der Künstlerin, die ihn ständig erweitert und Teil der Wiedererkennbarkeit der Physiognomie von Colden-AVA Bildern ist. Die Bilder sind alles in einem: aggressiv und lebendig, dadurch rund und lebendig. Diese Bilder sind ein Erlebnis."

Helga AVA Colden wurde als Helga Golden 1929 in Füssen geboren. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Köln, der Malerei und Keramik in Düsseldorf arbeitete sie zunächst als Lehrerin in Köln, Frankfurt und Düsseldorf und war seit 1985 als freie Malerin in Köln tätig. 2009 ist sie in Köln gestorben. (PK)


(1) über Google: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16819
(2) http://www.ssm-koeln.org/start/start.htm


Online-Flyer Nr. 317  vom 31.08.2011

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