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Aktueller Online-Flyer vom 22. November 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Shell-Ölförderung nicht nur in der Nordsee hochproblematisch
Verheerend im Nigerdelta
Von Peter Kleinert

Nach und nach werden Details zur neuesten Ölkatastrophe bekannt: Aus einem Bohrturm der Firma Shell in der Nordsee strömte in den vergangenen Tagen tonnenweise Öl ins Meer. Die Informationen, die der britisch-niederländische Konzern preisgibt, sind vage - derzeit scheint zumindest eines der beiden Lecks noch nicht wieder geschlossen. Bereits jetzt sprechen die britischen Behörden von der größten Katastrophe in der Nordsee seit dem Jahr 2000, als 500 Tonnen Öl austraten.
 

Nnimmo Bassey, Vorsitzender von Friends
of the Earth International, erhielt den
alternativen Nobelpreis für seinen Einsatz
gegen die Ölkatastrophe im Nigerdelta
"Dies ist aber nur die Spitze des Eisbergs", sagt Gerald Osterbauer von GLOBAL 2000, Mitglied von Friends of the Earth International: "Shell macht sich an vielen seiner Abbaugebiete durch die Zerstörung der Umwelt sowie des Lebensraumes unzähliger Menschen die Finger schmutzig." GLOBAL 2000 kritisiert insbesondere das Vorgehen des Öl-Konzerns im Nigerdelta im südlichen Nigeria.
 
Dieses eigentlich sehr fruchtbare Gebiet wird seit Jahrzehnten durch die Erdölförderung verseucht. Mehr als 400.000 Tonnen Öl sind in den letzten 30 Jahren in die Bäche geflossen und in den Böden versickert. Die Mehrheit der Öllecks entstehen durch veraltete Anlagen und menschliche Fehler. Durch das Öl und das Abfackeln von Gas erleiden die Menschen vor Ort schwere gesundheitliche Schäden. Der Schaden in der Natur ist unermesslich: tote Fische, unfruchtbar gewordene Böden und verschmutztes Trinkwasser - den Menschen wird dadurch die Lebensgrundlage zerstört. Einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge wurden auf dem Grundwasser bis zu acht Zentimeter dicke Schichten Raffinierieöl gefunden, die gemessenen Werte des krebseregenden Giftes Benzen übersteigen die vorgeschlagenen Höchstwerte um bis zu 900-mal.

Folgen der Ölförderung von Shell in der Landschaft Nigerias
Quelle: http://nok-ind.tumblr.com/
 
"Der größte ausländische Investor in Nigeria heißt Shell. Nicht nur GLOBAL 2000, sondern auch die Vereinten Nationen sehen in dem Konzern den Hauptschuldigen für diese Katastrophe", erklärt Gerald Osterbauer. Erst in knapp 30 Jahren könnte der milliardenteure Schaden wieder behoben sein. Neben der Forderung von GLOBAL 2000 nach einer Finanzierung der Sanierung der Umwelt in Nigeria durch Shell betont Osterbauer auch: "Das Ölgeschäft wird immer schmutziger, man muss immer tiefer bohren, die Anlagen werden immer älter und fehleranfälliger. Es erwarten uns noch viel schlimmere Katastrophen in der Zukunft. Man muss endlich aufhören, in Öl zu investieren - die Zukunft liegt in der Nutzung erneuerbarer Energien."
 
Nnimmo Bassey, Vorsitzender von Friends of the Earth International, des weltweit größten Umweltnetzwerks, ist gebürtiger Nigerianer. Er erhielt für seinen Einsatz für Menschenrechte und gegen die Ölkatastrophe im Nigerdelta 2010 den alternativen Nobelpreis. Seit Jahren kämpft er gegen die Ausbeutung und Umweltzerstörung seines Landes durch die Ölkonzerne. In einem Interview des Fernsehsenders ARTE zu den Auswirkungen der Ölförderung auf die Umwelt in Nigeria erklärte er: "Das Nigerdelta ist im Laufe der Zeit durch ausgelaufenes Öl beträchtlich zerstört worden. Im Moment läuft jeden Tag mindestens ein Mal Öl aus. Es gibt zwar eine Behörde, die für die Erfassung und Beseitigung von Ölverschmutzungen zuständig ist, trotzdem gibt es noch Tausende von alten Ölteppichen. Und es entstehen ständig neue. Die ganze Landschaft ist mit alten und neuen Ölteppichen bedeckt. Es ist ein trauriger Anblick. Wenn Ölbohrungen vorgenommen werden, kommt mit dem Rohöl Erdgas an die Oberfläche. Damit das Öl verarbeitet werden kann, muss es erst vom Gas getrennt werden. Das Gas ist für die Ölfirmen nur ein nutzloses Nebenprodukt. Also entzünden sie es und fackeln es ab (englisch: flaring). Mit den richtigen Methoden könnte das Gas problemlos gesammelt und zur Energieerzeugung und Versorgung von Haushalten genutzt werden. Aber es ist billiger, es einfach zu verbrennen. Das passiert schon seit 1958, seit Shell als erster Ölkonzern im Nigerdelta mit den Bohrungen begann. Andere Ölfirmen haben diese Methode dann einfach übernommen. Mittlerweile wird Tag und Nacht im Nigerdelta Gas verbrannt, jährlich allein 23 Milliarden Kubikmeter. Das sind 2,5 Milliarden Dollar des tatsächlichen Handelswertes des Erdgases, die jedes Jahr in Rauch aufgehen. Millionen von Tonnen von Treibhausgasen gelangen durch das gas flaring in die Atmosphäre und zerstören das Weltklima.


Shell Pipeline-Explosion in Nigeria
Quelle: www.biafranigeriaworld.com
 
Auf die Frage von ARTE: "Seit 2005 ist Gas Flaring in Nigeria sogar verfassungswidrig, es sei Menschen und Umwelt schädigend und müsse sofort aufhören. Hat sich die Umweltsituation in Nigeria seitdem verbessert?" antwortete Nnimmo Bassey:
 
"Ja, es gibt ein Urteil des Obersten Gerichts von Nigeria, das Gas Flaring als illegal einstuft. Diese Entscheidung hat mehr oder weniger zur Ächtung des Gas Flarings beigetragen. Aber es ist immer noch ein klares Gesetz mit klaren Strafen nötig, das besagt: „Diejenigen, die Erdgas verbrennen, müssen den eigentlichen Handelswert des verbrannten Gases zahlen oder eine andere Strafe ableisten.“ Obwohl das Gas Flaring eindeutig illegal ist, richten sich die Ölfirmen nicht danach. Sie legen die Urteile nach ihren Vorstellungen aus. Diese Konzerne denken nicht an morgen, an die Zukunft, sie wollen Geld machen. Es geht nur um Profit, um die Gegenwart, nur um sie. Die Umwelt und die Menschen sind ihnen vollkommen egal.
 
ARTE: "Dennoch gibt es Hoffnung für Nigerias Bevölkerung. 2008 klagten vier nigerianische Bauern vor dem Internationalen Gerichtshof gegen die Firma Shell – erfolgreich. Das ist das erste Mal, dass ein multinationaler Konzern wie Shell in Europa auf der Anklagebank sitzt und seine Umweltverbrechen in einem Entwicklungsland rechtfertigen muss. Besteht die Möglichkeit, dass Shell seine Umweltverbrechen zugibt und für den Schaden aufkommen muss?"
 
Nnimmo Bassey: "Ich bin mir vollkommen sicher, dass Shell dieser Anklage nicht entkommen kann. Es geht dabei um Umweltverschmutzung, und ich bezweifle, dass sie erfolgreich vor Gericht behaupten können, es hätte keine Verschmutzung stattgefunden. Am Wochenende war ich an zwei der betroffenen Orte, an denen das Öl ausgelaufen ist. Der Schaden ist ganz offensichtlich. Es wäre klug, wenn Shell allen Beteiligten Zeit ersparen, sich schuldig bekennen und sich den Konsequenzen seiner Handlungen stellen würde." (PK) 
 
Mehr Informationen unter www.global2000.at und www.arte.tv


Online-Flyer Nr. 316  vom 24.08.2011

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