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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Kultur und Wissen
Nach Peter Handkes Verzicht auf den Düsseldorfer Preis:
Krähwinkels Magistrat wird wieder frech
Von Klaus Stein

Aus der Verleihung des Düsseldorfer Heinrich Heine-Preises an Peter Handke und dem darauf vom Kölner Stadt-Anzeiger und anderen Medien erfolgreich ausgerufenen "Skandal" ist seit dem NRhZ-Flyer 46 eine echte Serie geworden. Heute, in "Folge 4", kommt einer der wenigen Düsseldorfer zum Zuge, die Handkes skandaliertes Buch über den Jugoslawien-Krieg tatsächlich gelesen haben. Die Redaktion.

Peter Handke hat am 2. Juni in einem Brief an Oberbürgermeister Joachim Erwin aus guten Gründen auf die Verleihung des Heinrich Heine-Preises der Stadt verzichtet. Er schreibt darin, dass der Preis "für ein endliches allgemeines Auftauen der gefrorenen Blicke und Sprache in Hinsicht auf das jugoslawische Problem, einschließlich des Prozesses gegen Slobodan Milosevic" gut gewesen wäre. Er wolle sich und sein Werk aber "nicht wieder und wieder Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker ausgesetzt sehen". Als er endlich die eigene Antwort parat hat, gibt OB Erwin den Brief des Dichters am 7. Juni bekannt. Er grenzt sich scharf von den Politikern ab, "die sich in hellem Aufruhr um den kühlen Verstand bringen und in ihrer vorauseilenden Angst panisch alles niedertrampeln". Außerdem verspricht er eine Schelte. Auf "das jugoslawische Problem" geht er indes nicht ein.

Handkes Verzicht löste Erleichterung bei den Düsseldorfer Lokalpolitikern aus. Vage hatten sie gespürt, dass da irgendwas falsch gelaufen war. Nach dem Austritt von Sigrid Löffler und Jean-Pierre Lefèbvre aus der Jury verwahrten sie sich ungerührt gegen den Vorwurf einer Hetzkampagne gegen Handke (z.B. Günter Karen-Jungen von den Grünen) und bescheinigen Sigrid Löffler "unerträgliche intellektuelle Arroganz" (so Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP). Allein der Rektor der Heinrich-Heine-Uni, Alfons Labisch, bemerkte, dass die gescheiterte Preisverleihung dem Ruf der Stadt geschadet habe.

Die peinliche Diskussion darüber, ob man die Preisverleihung durch ein - rechtlich gar nicht vorgesehenes – Ratsvotum verhindern solle, ist durch Handkes Entscheidung obsolet geworden. Krähwinkels Magistrat wird wieder frech und bedankt sich süffisant beim Dichter, glücklich über den wiedererlangten Zustand vollständiger Schmerzfreiheit. Nur OB Erwin bedauert. "Dass man einen freien Geist seitens der Politik derart undifferenziert und mit großer Ignoranz durch die Medienlandschaft hetzt, ist einmalig." Sicher scheint, dass Düsseldorf künftig auf die Zierde seines Heine-Preises wird verzichten müssen.

Vorläufig ungesprochen bleibt leider aber auch die Rede, mit der Handke bei der Preisverleihung die Unterschiede von journalistischer und literarischer Sprache zu erklären versprach. Die werden aber auch in seinem Text über das bombardierte Jugoslawien erkennbar und zum Thema. Peter Handke hatte sich im April 1999, während des Krieges, zweimal in das Land begeben. In dem danach entstandenen Text "Unter Tränen fragend" (erschienen bei Suhrkamp) schreibt er gegen die Lügen von Politik und Medien an. Klar wird einem beim Lesen: Unsere Sprache taugt immer weniger zu Mitteilungen über die Umstände in dem geschundenen Land. Die Verblendung ist so umfassend, dass Handkes Mut, sich Brandstätten und der Gefahr von Bomben auszusetzen, kaum größer anmutet als der Versuch, den poetischen Blick auf sie zu richten. Doch ihm gelingt das. Er deckt die kanonischen Lügen der westlichen Medienwalze auf, füllt das Buch mit sperrigen Wahrheiten.

Einige Beispiele:
Ein Transparent, serbisch-kyrillisch: "Unsere Brücken haben eine Seele, ihr habt keine" (S. 105).
Eine Bücke über die Drina bei Zvornik, sechste Grenze, die zu überschreiten war, an beiden Seiten Grenzschranken und zwischen diesen eine Menge von Leuten "ein sichtlich frei durcheinandergemischtes Hin und Her", vielleicht mehr als in den beiden Orten, die die Brücke verbindet (S. 103 ff.).
Die Schlichtheit der Mahlzeit einer alten Partisanin (S. 99).

In Kragujevac berühren Handke die kaum fotografierbaren, wiederholten Zerstörungen, mehr noch: die Zertrümmerungen einfacher Werkzeuge, der Werkbänke, der Hämmer, Zangen, der Zentimeterstäbe, der Schrauben und Nägel. Hier im Zastava-Werk, der einst größten Fabrik Jugoslawiens, wurden Autos hergestellt. Auch das Heizkraftwerk (toplana), das 200 000 Menschen versorgte, ist zerstört. "Selber schuld, diese zersplitterte Toplana war als 'Schutzschild' benutzt, ja schon gebaut worden für die böse Autoproduktion der bösen Jugo-Kommunisten! Und selber schuld auch jene '124 schwerverletzten Arbeiter', von den Westbomben kollateral erwischt - auch die 'mißbraucht als Schutzschilder'." (S. 116 ff.)

Peter Handke: 'Gerechtigkeit für Serbien'
Peter Handke - sperrige Wahrheiten
Foto: © Isolde Ohlbaum


Das sind nur wenige Sätze aus einer Fülle von Beobachtungen und Fragen. Aber der herrschende Wahn muß – komme, was da wolle – aufrechterhalten werden. Deswegen wird die Vergabe des Heinepreises an Handke skandalisiert und verweigert. Aber mittlerweile dämmert einigen Akteuren, dass der Wahn nicht nachhaltig ist, dass ihre hektischen Reflexe auf die poetischen Wahrheiten Handkes nicht überzeugen. Irgendein Kind wird laut sagen, dass der Kaiser keine Kleider hat.

Unterdessen macht eine Initiative von sich reden: "Der Berliner Heinrich-Heine-Preis". Rolf Becker, Dietrich Kittner, Arno Klönne, Monika und Otto Köhler, Käthe Reichel, Eckart Spoo, Ingrid und Gerhard Zwerenz rufen zu Unterschrift und Finanzierung auf. Sie zitieren in ihrem Aufruf, was Handke bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic sagte: "Die Welt, die vermeintliche Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die vermeintliche Welt kennt die Wahrheit. Eben deshalb ist die vermeintliche Welt heute nicht anwesend, und nicht nur heute und hier. Ich kenne die Wahrheit auch nicht. Aber ich schaue. Ich begreife. Ich empfinde. Ich erinnere mich. Ich frage. Eben deshalb bin ich heute hier zugegen."

Die Aufrufer stellen fest, dass der Düsseldorfer Heine-Preis entwertet ist, übernehmen aber seine Kriterien, sogar die Höhe des Preisgeldes. Der erste Preisträger des neuen Heine-Preises soll Peter Handke sein. 

Klaus Stein ist - nach vier Jahren Berufsverbot wegen DKP-Mitgliedschaft - seit 1980 Kunsterzieher am Düsseldorfer Georg-Büchner-Gymnasium und Mitglied der Heinrich Heine-Gesellschaft.
 

Online-Flyer Nr. 49  vom 20.06.2006

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