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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2017  

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Krieg und Frieden
Bericht eines italienischen Unternehmers von einem Besuch in Libyen
Bomben auch auf Schulen
Von Alessandro Landero

Der italienische Unternehmer Alessandro Landero hat vor einigen Tagen Libyen besucht. Er hat der Friedensgruppe Freundschaft mit Valjevo e.V., die aufgrund der verheerenden Bombenangriffe auf Jugoslawien seit dem 24. März 1999 im Juli 1999 in Pfaffenhofen an der Ilm gegründet wurde, einen Bericht über seine aktuellen Erfahrungen in Tripolis geschickt. Der Text beschreibt die Situation der libyschen Bevölkerung, deren Lebensgrundlagen seit Monaten von der Nato zerstört werden.


Durch Nato-Bomben umgebrachtes Kind in einer Moschee
Fotos: Von: Alessandro Londero
 
Wir sind eine Gruppe von Italienern, 4 Männer und 4 Frauen. Am 28. Juli waren wir in Libyen eingetroffen. Wir sind als Privatleute gereist, nicht als Mitglieder
einer Agentur. Wir versuchen, etwas für diese Menschen zu tun, zu berichten,
was wir sehen, die Medien zu sensibilisieren und eine humanitäre Aktion in Gang zu setzen, die Lebensmittel und Hilfe bringen könnte.
 
Die Lage in Tripolis schien uns bei unserer Ankunft gut zu sein. Wir hatten die tunesische Grenze von Djerba kommend über Ras Ajdir überquert und waren nach einer schweren Reise entlang der gefährlichen Küstenstrasse Richtung Sabratha und Tajura in Tripolis angekommen.
 
Die Situation an der Grenze war sehr angespannt. Auf beiden Seiten gab es kilometerlange Schlangen von Reisenden. Viele Libyer kehrten zurück, um den Ramadan in ihrer gemarterten Heimat zu verbringen, andere verließen das Land auf dem Weg nach Tunesien oder um zu versuchen, sich mit Benzin einzudecken.
 
Aktuell gehört der Mangel an Treibstoff zu Problemen, die sofort ins Auge fallen. Die beiden einzigen Tankstellen, die wir auf unserer nächtlichen Reise (rund 300 km) vorfanden, wurden von Fahrzeugen, die auf ihre Öffnung warteten, buchstäblich belagert. Es dürften zwei bis dreitausend Autos vor jeder Tankstelle gewartet haben. Die Libyer wechseln sich ab. Eine Person kümmert sich jeweils um 8, 9, 10 Autos, schiebt eines nach dem anderen mit der Hand mühsam jede Stunde einige Meter weiter. Wahrscheinlich braucht man mehrere Tage, um endlich bis zur Tankstelle vorzukommen in der Hoffnung, dass diese noch genügend Treibstoff hat. Eine vergebliche Hoffnung. Bei unserer Rückfahrt gab es keine Autoschlangen mehr, Benzin war nicht mehr aufzutreiben.
 
Nach unserer Ankunft im Rixos, einem 5 Sterne-Hotel für Journalisten, dem einzigen, das noch richtig arbeitet, haben wir die ersten Bomben wahrgenommen. Die Explosionen dauerten mit einer kleinen Unterbrechung zwischen dem 1. und 2. August die ganze Zeit an und wurden danach immer stärker und umfangreicher als an den Tage zuvor. 
 
Unglaublicherweise hatten wir uns nach zwei bis drei Tagen an sie gewöhnt. Der Lärm der Bomben bildete eine makabre Geräuschkulisse, die uns ständig begleitete. Die Leute in Tripolis und den anderen Städten in diesem Landesteil wie Zuwarah, Surman, Az-Zawiyah, Zlitan sind stark vom Krieg betroffen. Gleichzeitig hat dieser Krieg unter der Bevölkerung zu beeindruckendem Zusammenhalt und Zusammenarbeit geführt. Sie helfen sich mit den Autos aus. Wer zu Fuß ist, wie der größte Teil, wird mitgenommen. Wer ein Fahrzeug ohne Benzin hat, zahlt dem, der noch ein halbwegs fahrendes Fahrzeug hat, einen Dinar. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es praktisch nicht mehr. Immer weniger Geschäfte sind geöffnet. Lebensmittel und grundlegende Versorgungsgüter werden zur Mangelware.
 
Die Nato bombt weiter, trifft militärische Ziele und manchmal unbeabsichtigt (?)
auch zivile Ziele; in den letzten Tage gehörten zu ihren Angriffszielen leider auch wichtige zivile Einrichtungen: Stromkraftwerke, Leitungen, Rundfunk und Fernsehen. Häufig gibt es in der Stadt kein Licht und Wasser. Das systematische Bombardieren hat nichts mit einer "Flugverbotszone“ zu tun, wie sie bekanntlich von der UNO beschlossen wurde. Selbst wenn eine solche in korrekter Weise eingerichtet worden wäre, gäbe es dafür keine Rechtsgrundlage. Dieses Instrument darf nicht bei internen Konflikten eingesetzt werden.
 
Am 31 Juli wurde auch das libysche Fernsehen bombardiert. Mit ihm wurde die Informationsfreiheit bombardiert. Nach wenigen Stunden Unterbrechung ging der Sender wieder auf Station. Die Nato hat die Bombardierung des Senders und die drei Toten und 15 Verletzten damit gerechtfertigt, die Sender würden mit ihren Bildern zur Gewalt aufstacheln. Wir haben aber einige Sendungen gesehen: Sie zeigten Menschen, die demonstrierten, Berichte über den Krieg, Interviews, Nachrichten, politische Propaganda und hin und wieder auch eine Seifenoper und Werbung.


Auch Wohnhäuser werden immer wieder durch Nato Bomben in Tripolis zerstört
 
Seit dem 1. August feiert man in Libyen den Ramadan und fastet. Von 5 Uhr am Morgen bis 8 Uhr am Abend isst und trinkt man nicht. Wenn man abends den Kühlschrank öffnet, findet man nur Ware, die dabei ist, kaputt zu gehen oder schon verdorben ist. Zwei Tage ohne Strom bei 35 bis 37 Grad bedeuten, dass alles verdirbt. Aus der Ferne versteht man nicht, was es heißt, wenn es kein Benzin gibt, um einzukaufen zu können, die Supermärkte sich leeren, die Vorräte kaputtgehen, weil der Strom fehlt. Es leiden Menschen, denen es vorher gut ging, und deren Leben jetzt zerstört ist. Kleine Kinder erhalten keine Milch mehr, Diabetiker, können ihr Insulin nicht gekühlt halten. Das sind nur kleine Beispiele, an die man aus der Ferne nicht denkt. 
 
Es sieht leider danach aus, als ob es die UN-Resolution 1973 ermöglicht und erlaubt, ein Volk in eine solche Notlage zu bringen, dass ihm jegliche Mittel fehlen, um sich zu wehren, bis es eben völlig erschöpft ist. Die Schwächsten, die Kinder und Alten, sind davon am stärksten betroffen.
 
Die Leute versuchen alles, um den Eindruck zu erwecken, das Leben gehe normal weiter. Am Freitag füllen sich die Strände, während von oben das beängstigende Brummen der Jagdflieger zu hören ist, die ungestört über den Köpfen kreisen. Luftwaffe und Marine wurden durch die Angriffe der Nato zerstört. Deshalb ist es für sie ein gefahrloses Kinderspiel, über Tripolis hinwegzufliegen. Die einzigen verbliebenen Mittel zur Verteidigung sind jetzt leichte Artillerie und Kalaschnikows. Die wurden millionenfach an die Bevölkerung verteilt.
 
Nach dem Gebet strömen die Leute auf die Marktplätze und schreien ihre Wut hinaus. Sie richten ihren Blick hinauf zum Himmel, wo die Flugzeuge der Alliierten mit ihrer Arbeit zum "Schutz der Zivilisten“ erbarmungslos fortfahren. 
 
Am 3. August fuhren wir zusammen mit einigen Journalisten nach Zlitan. Am Tag zuvor hatte uns der libysche Pressesprecher Mussa Ibrahim bei einer Pressekonferenz gesagt, dass wir diese Stadt am nächsten Tag besuchen könnten. Sie ist nur wenige Kilometer von Misurata und der Front entfernt. Entlang der Strasse fanden wir die schon gewohnte Trostlosigkeit vor. Es gibt kaum noch Versorgungseinrichtungen. Gleich bei der Ankunft sahen wir verschiedene zerstörte Wohngebäude und Einrichtungen. In einem Gebäude waren noch viele Leute, die protestierten und auf den Trümmern ausharrten. Es scheint, dass dort vier Menschen, zwei Kinder, ihre Mutter und ihre Großmutter ums Leben gekommen waren.

Um ein getötetes Kind trauernde Moschee-Besucher
 
Ziel des Angriffes sei ein Professor gewesen, ein Freund der Familie Gaddafi, wie sie erzählten. Er scheint sich gerettet zu haben. Die Bomben haben das Haus im Morgengrauen getroffen. Einer sagte gleichsam als subtile Begründung für den Bombenangriff und Mord, das Haus sei wohl zu schön für einen Professor gewesen. Wir fuhren weiter, wollten ein Krankenhaus besuchen, machten aber eine Abzweigung, als wir auf dem Weg zu einer bescheidenen Moschee von einer Beerdigung für einige Menschen, die in der Morgendämmerung starben, erfuhren. In der Moschee beteten einige hundert Menschen. Am Ende des Saales waren drei Särge aufgereiht, auf die Sonnenstrahlen durch die Gitter ein bedrückendes Mosaik zeichneten. Nach dem Gebet gingen die Menschen zu den Särgen, schlugen die Tücher zurück, die das Grauen verhüllten. Wir sahen zwei fürchterlich zugerichtete Kinder und einen Erwachsenen. Zwei Männer weinten besonders laut. Einer ist der Vater, der andere der Bruder eines der Opfer. Die Gesichter der kleinen Kinder waren fürchterlich entstellt. Auch einige Journalisten konnten die Tränen nicht zurückhalten. Das ist das Ergebnis dieses Krieges, wie ihn die Flugpiloten niemals zu Gesicht bekommen.
 
Sie bomben, meinen Hilfe zu bringen und bringen oft nur Tod und Zerstörung. Wir warteten, bis die Leute die armen Opfer begraben hatten. Am Schluss sahen wir wie der Bruder eines der Opfer mit einem Maschinengewehr hinauf zum Himmel ballerte. Es sah so aus, als wolle er damit sein ganzes Leid und seinen Hass auf die, die sie massakriert hatten, aus dem Gewehrlauf schießen. Er blickte zum Himmel hinauf und schrie etwas in Arabisch. Ich weiß nicht was, was er sagte, aber wir konnten es uns vorstellen: „Seht her, was ihr angerichtet habt. Welche Schuld hatten diese Kinder? Warum hasst ihr uns? Warum lasst ihr uns nicht in Frieden?“
 
Auf der Rückfahrt kamen wir an einer Schule vorbei, die von den Bomben komplett zerstört wurde. Ich fragte ein Kind, ob es weiß, warum sie getroffen wurde. Es gab mir scherzhaft zur Antwort, das sei Ibrahim gewesen. Er wolle nicht in die Schule gehen. Anstatt über seinen Scherz zu lachen, sah es mich wütend an als es durch den Übersetzer erfuhr, dass ich Italiener bin. Es drehte sich um und ging weg, ohne sich nochmal umzusehen.
 
Die Schule wurde um 5.30 Uhr am Morgen getroffen. Ein Journalist sagte uns, dass sie um diese Zeit bombardieren, weil sie wissen, dass die Kinder dann noch nicht in ihren Klassen sitzen. Ich fragte: „Aber warum eine Schule“? Die Antwort liess erschrecken: „Weil sich Truppen und Soldaten der Regierung dort verstecken und während der Nacht ausruhen könnten. In den Kasernen wären sie ein leichtes Ziel für die Bombenangriffe“. Das bedeutet, alles ist erlaubt, selbst die Bombardierung   einer Schule, eines Kinderkrankenhauses, einer Moschee. Immer kann man sagen, es wäre ein legitimer Angriff gewesen.
 
So ist der Krieg. Inzwischen bereiten wir Italiener, Franzosen, Engländer, Amerikaner uns und natürlich unsere Präsidenten sich auch auf den Urlaub vor. Es macht nichts, wenn weitere Tausende Libyer, Militärs und Zivilisten tot sind, wenn wir zurückkommen. Denn: "Den Krieg musste man machen und den machen wir. Wir reden nicht über die toten Zivilisten. Wir denken, der Krieg wird gegen Gaddafi geführt und der ist uns nicht symphatisch. Wenn wir den Leuten klarmachen, dass der Krieg gegen ihn geführt wird, so ist er in Ordnung.“
 
Viele namhafte Persönlichkeiten sagen, die Nato habe den Krieg und mit ihm ihr Gesicht verloren, als Millionen Menschen auf die öffentlichen Plätze strömten und gegen diese Intervention und für ihren Revolutionsführer demonstriert haben. Die Führer der Angreifer können versuchen, das alles vor der Welt zu verheimlichen. Ihre Medien helfen ihnen dabei, filtern die Nachrichten, zensieren, was nicht bekannt werden soll. Früher oder später aber wird die Wahrheit herauskommen.
 
Wenn die Leute die Gesichter dieser Unschuldigen sehen würden, könnten sie verstehen, dass wir doch nicht so gut sind wie wir tun. Sie würden begreifen, dass man diesen Krieg hätte vermeiden müssen und endlich stoppen muss, bevor unser letzter Rest an Würde verloren geht. (PK)
 
Übersetzung: Bernd Duschner


Online-Flyer Nr. 315  vom 17.08.2011

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