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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Hiroshima-Nagasaki-Tage 2011 in Köln
Tribunal für General Tibbets
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Vom 5. bis 7. August fanden in Köln die vom Hiroshima-Nagasaki-Arbeitskreis im Kölner Friedensforum organisierten Hiroshima-Nagasaki-Tage 2011 statt. Im Mittelpunkt der ereignisreichen Tage standen der Besuch von Kazuo Soda, Überlebender des Atombombenabwurfs von Nagasaki, ein Empfang für ihn im Rathaus der Stadt Köln, sein Besuch bei der gefährdeten Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung, ein Zusammentreffen mit seinem langjährigen Freund Walter Herrmann, der die Klagemauer jetzt seit 20 Jahren betreibt, und eine Veranstaltung zwischen Kölner Dom und Klagemauer zum Gedenken an das Jahrhundertverbrechen von Hiroshima und Nagasaki, das 66 Jahre danach immer noch nicht vor einem Kriegsverbrechertribunal verhandelt worden ist.


Kazuo Soda, Überlebender des Atombombenabwurfs auf Nagasaki, vor der Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung
Fotos: Anneliese Fikentscher, Senne Glanschneider und Andreas Neumann, 
Arbeiterfotografie
 
„"Ich finde es wahrhaft bedauerlich, dass der Vorschlag nicht verwirklicht wurde, die Atombombe vor einem Einsatz erst in ihrer Wirkung zu demonstrieren", äußert Dr. Edward Teller, der Erfinder der Wasserstoffbombe (1). Auch im Krieg ist nicht alles erlaubt, wie die Tribunale von Nürnberg und Den Haag zeigen. Das Verbrechen an hunderttausenden Menschen, die selbst oder deren Kinder heute noch an den Folgen der von US-Präsident Truman verantworteten Atombombeneinsätze sterben, reicht weit hinaus über den Abwurf und die "Beobachtung“ der verstrahlten Überlebenden im ABCC-Studienzentrum ohne Behandlung (sic!) in Hiroshima (Atomic Bomb Causalty Commission).

Noch nie hat jemand die Uhr der Evolution zurückgedreht

„Einzellige Lebewesen konnten erst existieren, als die Strahlung vor vielen Millionen Jahren auf den heutigen Stand gesunken war. Und für unser Überleben brauchen wir eine genauso sorgfältig ausbalancierte Umwelt. Doch die Menschheit in ihrer Arroganz erhöht mittlerweile die Strahlenbelastung und dreht die Uhr der Evolution zurück", stellt Dr. Alice Stewart vom Birmingham Regional Cancer Registry, England, fest. Dr. Stewart ist eine Autorität auf dem Gebiet der gesundheitlichen Gefahren von Niedrigstrahlung.(2) „Noch nie hat jemand diese Uhr zurückgedreht.“ Die Rede ist hier vom Fallout - nicht nur der Bomben, sondern auch der Tests, die über Jahrzehnte in der Atmosphäre durchgeführt wurden. Die Fachärztin für Onkologie (Krebsheilkunde) und ehemalige Beraterin der Atomenergiebehörde in den Vereinigten Staaten und des Ministeriums für Umwelt und Gesundheit in Kanada, Dr. Rosalie Bertell, hat die Auswirkung der Radioaktivität untersucht: „Es macht mir große Angst, dass die ganze obere Atmosphäre von radioaktiven Partikeln durchsetzt ist. Und wir können tun, was wir wollen - das kommt auf uns herunter. - Der dritte Weltkrieg hat bereits begonnen“ (3) (4)


Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung zum Thema Atomwaffen


Der 3. Weltkrieg hat bereits begonnen

Am 5. August wurde Kazuo Soda, Überlebender des Atomwaffenabwurfs von Nagasaki, von der Stadt Köln offiziell empfangen. Im Senatssaal des historischen Rathauses wurde er im Beisein von zahlreichen Medienvertretern stellvertretend für den Oberbürgermeister von Dr. Sabine Müller begrüßt. Sowohl Frau Müller als auch Kazuo Soda machten auf die nach wie vor bestehenden Gefahren durch Atomwaffen und die so genannte friedliche Nutzung der Atomenergie aufmerksam. Nach der Übergabe einer Fortuna-Figur an Kuzuo Soda wurde ein Appell des Bundesverbands Arbeiterfotografie an die Stadt Köln verlesen und anschließend an Dr. Sabine Müller als Vertreterin der Stadt Köln überreicht.


Walter Herrmann und Kazuo Soda vor dem gekündigten Pförtnerhäuschen am Eingang zum Bürgerzentrum Alte Feuerwache: „Die erste Botschaft der geplanten Kölner 'Kulturbotschaft: Hausverbot für den Frieden“


Darin heißt es: „Sie ehren heute Kazuo Soda, einen Atombombenüberleben- den von Nagasaki, mit einem Empfang. An der Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung, die Kazuo Soda gestern besucht hat, befindet sich eine Karte, auf der er über die Klagemauer sagt: ‘Die Mauer ist heute ein heiliger Platz, der die ganze Menschheit gegen alles verteidigt, was die Würde des Menschen beeinträchtigt.’ Wie Sie sehr wahrscheinlich wissen, ist dieser ‘Heilige Platz’ aufgrund der Aktivitäten seiner Gegner stark gefährdet. Der Initiative Klagemauer und ihrem Betreiber Walter Herrmann sind die für den Fortbestand der Klagemauer existenziell wichtigen Räume im Bürgerzentrum Alte Feuerwache gekündigt worden. Wir bitten Sie und alle weiteren Bürgermeister der Stadt Köln sowie Herrn Oberbürgermeister Roters, sich mit all ihrer Kraft dafür einzusetzen, daß die Behinderungen einer Friedensarbeit, die in Köln und Deutschland ihresgleichen sucht, unterbleiben bzw. aufgehoben werden.“


Eine Karte der Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung erkennt die Propaganda für den drohenden (Atom-)Krieg gegen den Iran - OB-Stellvertreterin Müller (Grüne) dagegen verbreitet sie bei der Hiroshima-Nagasaki-Kundgebung in extremer Weise: „...Iran, dessen Präsident Israel nicht nur verbal mit der Vernichtung droht...“


Die Klagemauer ist heute ein heiliger Platz

Kazuo Soda, wie Walter Herrmann Träger des Aachener Friedenspreises, hat sicherlich keinen vollständigen Überblick über all die Kampagnen, die gegen seinen Freund Walter Herrmann und die Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung gefahren worden sind und weiter gefahren werden. Fest steht aber, dass Kazuo Soda, Überlebender des Atomwaffenabwurfs von Nagasaki, es sich nicht hat nehmen lassen, seinen Freund gleich am ersten Tag seines Köln-Aufenthalts aufzusuchen und ihm am Tag darauf seine Solidarität zu bekunden. Beide zusammen haben das Bürgerzentrum Alte Feuerwache aufgesucht, dessen Vorstand sich infolge des Drucks des persönlich auftretenden Israel-Lobbyisten Henryk M. Broder der städtischen Resolution gegen die Klagemauer angeschlossen hatte und dann im Juni Walter Herrmann Hausverbot erteilt und das Pförtnerhäuschen gekündigt hat, das für die Klagemauer existenziell notwendig ist. Kazuo Soda wendet sich gegen das "Hausverbot für den Frieden“, mit dem Walter Herrmann aus der Feuerwache vertrieben und seine Friedensarbeit verunmöglicht werden soll.


Hiroshima-Nagasaki-Kundgebung: Forderung nach einem Tribunal für General Paul Tibbets, Pilot des Flugzeugs „Enola Gay“, aus dem die Bombe auf Hiroshima abgeworfen wurde


Dies ist unser Ruf. Dies ist unser Gebet. Für Frieden auf der Welt

Jedes Jahr schicken Kinder aus ganz Japan etwa vier Millionen Papierkraniche nach Hiroshima, denn ein japanisches Sprichwort lautet: „Wenn du 1000 Papierkraniche faltest, werden dir alle Wünsche erfüllt". Das Mädchen Sadako, das im Alter von zwei Jahren Opfer der Bombe in Hiroshima wurde, faltete 645 Kraniche, bevor es im Alter von 12 Jahren an Leukämie starb. Die Tradition der Papierkraniche wird auch an der Klagemauer für Frieden gepflegt.


Hiroshima-Nagasaki-Kundgebung: Kazuo Soda, Überlebender des Atombombenabwurfs auf Nagasaki, mahnt zum Frieden


Am Samstag, dem 6. August, erreichten die Hiroshima-Nagasaki-Tage 2011 dann ihren Höhepunkt mit einer Kundgebung auf der Dom-Platte. Etwa hundert Menschen hatten sich zwischen Kölner Dom und Klagemauer eingefunden, um des Ereignisses vor 66 Jahren zu gedenken und auf eine friedliche Welt ohne Atomwaffen zu orientieren. Moderiert von Harald Fuchs (DFG/VK) sprachen Kazuo Soda, Dr. Sabine Müller in Vertretung des Kölner Oberbürgermeisters und die abrüstungspolitische Sprecherin der Grünen, Agnes Malczak. Für einen musikalischen Rahmen sorgten Margarete Menke und Klaus der Geiger.
 


Klaus der Geiger wendet sich bei der Hiroshima-Nagasaki-Kundgebung vor dem Dom an die Passanten: "Wir sind die schweigende Mehrheit, wir sind der Macht liebstes Kind..."


Die Rede von Kazuo Soda endete mit den Worten: „Wir wollen die Abschaffung von Atomwaffen und den Austritt aus der Atomenergie erreichen, um das Wohl der kommenden Generationen zu sichern. Hierfür, verspreche ich, dass ich mich mit Euch solidarisiere und weiter kämpfen werde.“ Er wurde mit lang anhaltendem Beifall bedacht.


Hiroshima-Nagasaki-Kundgebung am 6. August vor dem Kölner Dom


Mit der Atomlüge begann der Angriffskrieg

Doch die beiden Reden von Sabine Müller und Agnes Malczak, beide Funktionsträger der GRÜNEN, ernteten nicht nur Zustimmung. Als Sabine Müller davon sprach, dass wir uns Sorgen machen müssten, weil „immer mehr Staaten in den Besitz atomarer Waffen kommen“ und dann die tausendfach verbreitete Propagandalüge nicht nur wiederholte sondern auf die Spitze trieb, indem sie vom „Iran, dessen Präsident Israel nicht nur verbal mit der Vernichtung droht“, sprach, kam es zu einer Reihe von verärgerten Zwischenrufen. Das wiederholte sich, als auch Agnes Malczak in die gleiche Kerbe schlug, indem sie dem Iran „militärische Nutzung von Atomenergie“ unterstellte. Und der Moderator Harald Fuchs bekam zu hören: „Es darf nicht sein, dass mit einer Veranstaltung, bei der vergangener Verbrechen gedacht wird, die nächsten Kriege vorbereitet werden.“ Die benachbarte Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung gab zu dieser Thematik den passenden Kommentar: „Mit der Atomlüge begann der Angriffskrieg gegen den Irak, mit der nächsten Atomlüge wird der nächste Krieg gegen den Iran vorbereitet.“


Im Rahmen des Empfangs für Kazuo Soda im historischen Kölner Rathaus wird ein Appell an die Stadt Köln verlesen und überreicht, sich gegen die Repressalien gegen Walter Herrmann einzusetzen


Unverständnis kam auch auf, als Agnes Malczak äußerte, die Bewegung gegen Atomwaffen habe viel erreicht, und sie dies wie folgt begründete: „Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass ein amerikanischer Präsident die Vision einer atomwaffenfreien Welt vertritt.“ Sie bezog sich damit auf die propagandistische Rede des US-Präsidenten Obama am 5.4.2009 in Prag, in der dieser mit der gängigen Verdrehung der Bedrohungslage gegen den Iran mit den Worten zu Felde zog: „Ich sage es ganz deutlich: Irans Atom- und Raketen-Aktivitäten stellen eine reale Bedrohung dar – nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für Irans Nachbarn und unsere Bündnispartner“ und in diesem Zusammenhang auch davon sprach, sich für eine „Welt ohne Atomwaffen“ einsetzen zu wollen. Äußerst vage hieß es in dieser Rede: „Dieses Ziel wird nicht schnell erreicht werden – möglicherweise nicht zu meinen Lebzeiten.“ (6)


Karte von Kazuo Soda an der Klagemauer für Frieden und Völkerverständigung: „'Die Mauer' ist heute ein heiliger Platz, der die ganze Menschheit gegen alles verteidigt, was die Würde des Menschen beeinträchtigt.“

Nach wie vor gibt es Fragen in Zusammenhang mit den Atombombenabwürfen, die selten gestellt werden. Das eine ist die Frage, welches Ziel die USA mit der kaltblütigen Durchführung des Jahrhundertverbrechens tatsächlich verfolgt haben. Einen Hinweis zur Beantwortung gibt möglicherweise der in Belgien geborene, in Kanada lebende Historiker Jacques R. Pauwels, der darlegt, dass die „zwei japanischen Städte ins Visier genommen [wurden], um Stalins Aufmerksamkeit auf die tödliche Wirkung der Atombombe, der schrecklichen neuen Waffe der USA, zu lenken.“ Das habe „wenig oder nichts mit dem Krieg gegen Nazi-Deutschland zu tun; es hatte viel, wenn nicht sogar alles mit einem neuen Konflikt zu tun, in dem der Feind die Sowjetunion war.“(5) Und eine weitere selten gestellte Frage ist, warum das Verbrechen bis heute vor keinem Kriegsverbrechertribunal verhandelt worden ist.


Beim Konzert im Rahmen der Hiroshima-Nagasaki-Tage 2011

1000 Kraniche und Kirschblüten

Die Schülerin Sadako starb nach zehn Jahren schmerzvoll an den Folgen des Atombombenabwurfs von Hiroshima. Es war General Paul Tibbets, der am 6. August 1945 als Pilot den B-29-Bomber mit der Bombe "Little Boy“ selbst steuerte. Das 15jährige Mädchen Kayoko verkohlte in der Schule am Tag des Bombenabwurfes auf Nagasaki. Ihr offener Mund bildete ein "ah", als würde sie sagen "Ka-a-a-a". Ihre Mutter Tsue Hayashi hatte tagelang nach ihrem Kind in den Trümmern gesucht. Als sie sie fand dachte sie, ihr Kind müsse "O-ka-cha-ma" (Mammi) gerufen haben, bevor es starb. Paul Tibbets Bomber trug den Namen "Enola Gay“. Das ist der Name seiner Mutter. Später sagte er „Ich würde es wieder tun.“ (PK)

(1,2,3)
Unsere Bombe - "At Work in the Fields of the Bomb"
Fotos und Texte von Robert del Tredici, ZWEITAUSENDEINS 1988
www.rikart.de/bmb/html/042.html

(4) Bertell und Stewart erhielten 1986 den Alternativen Nobelpreis

(5) http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP02811_110211.pdf

(6) http://blogs.usembassy.gov/amerikadienst/2009/04/05/eine-atomwaffenfreie-welt/

siehe auch die Videodokumentationen im Klagemauer-Kanal
http://www.youtube.com/user/KoelnerKlagemauer


Online-Flyer Nr. 314  vom 10.08.2011

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