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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2018  

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Lokales
Fast 700 Tote in der Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie Brauweiler
"Menschen wie Vieh gehalten" - Teil 1
Von Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Pulheim

"‘Menschen wie Vieh gehalten‘ – Der Skandal um die Schließung der Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie des Landeskrankenhauses Brauweiler 1978“. So lautet der Titel einer Arbeit über die Misshandlung von Psychiatrie-Patienten in Gebäuden der ehemaligen Abtei Brauweiler, für die die SchülerInnen des Leistungskurses Geschichte unter der Leitung ihres Tutors Jens Tanzmann am Pulheimer Geschwister-Scholl-Gymnasium am 18. Juli im Bonner Haus der Geschichte durch NRW-Jugendministerin Ute Schäfer ausgezeichnet wurden. Wir werden diese Arbeit über einen weitgehend unbekannten Teil Kölner Geschichte in den nächsten Ausgaben veröffentlichen.
 

Gebäude der ehemaligen Abtei Brauweiler –
bis 1978 Ort für Misshandlungen von
Psychiatrie-Patienten
In der damaligen Psychiatrie, deren Gebäude auf dem Gelände der Brauweiler Abtei standen, sind in den Jahren 1970 bis 1978 fast siebenhundert Menschen gestorben – viele von ihnen nachweislich wegen falscher Behandlung oder durch fahrlässiges Verhalten der Ärzte und des Pflegepersonals. Entstanden ist der Bericht der Schülerinnen und Schüler durch intensive Spurensuche in Archiven und durch zahlreiche Interviews mit dem damals ermittelnden Polizeikommissar, einem Lokalhistoriker, Journalisten und politischen Aktivisten der Gruppe SSK, die im Jahre 1969 als „Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Köln“ entstand und heute als Sozialistische Selbsthilfe Köln weiter aktiv ist. – Die Redaktion
 
Einleitung
 
Von 1970 bis 1978 starben in der Ehrenfriedstraße 17 bis 19, so die damalige Adresse des Landeskrankenhauses Brauweiler, mindestens 698 Menschen.(1) Auf den ersten Blick mag diese Zahl nicht so erschreckend klingen, denn in einem Krankenhaus ist es ja nun einmal üblich, dass Menschen sterben. Doch das Landeskrankenhaus Brauweiler war eben kein normales Krankenhaus sondern eine kleine psychiatrische Einrichtung gewesen – und vor diesem Hintergrund ist die Zahl erschütternd. Insbesondere wenn man den kurzen Zeitraum betrachtet, in dem es zu solch einer Zahl an Todesopfern kam.
 
Die Vorgänge in der „Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie des Landeskrankenhauses Brauweiler“, so die offizielle Bezeichnung, ließen die Öffentlichkeit aufhorchen und provozierten einen Skandal sondergleichen. Eine wesentliche Triebkraft bei der Initiierung des Skandals war die Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK), die vehement auf die Ereignisse in Pulheim-Brauweiler aufmerksam gemacht hatte. Besonders die Printmedien aber auch das Fernsehen hatten damals ein reges Interesse an diesem Fall und berichteten auch überregional.


Die SchülerInnen der Geschwister Scholl-Schule bei der Preisverleihung durch NRW-Jugendministerin Ute Schäfer.
Foto: Jens Tanzmann
 
In der Folge des Skandals gab es ein juristisches Nachspiel: einen Prozess gegen den haupt-verantwortlichen Arzt Dr. Fritz Walter Stockhausen. So einen Prozess gegen einen leitenden Mediziner hatte es vorher noch nicht gegeben. Zum ersten Mal musste sich ein Leiter einer Psychiatrie, vor einem Gericht verantworten und wurde sogar verurteilt. Die Gebäude des Landeskrankenhauses wurden nach dessen Schließung abgerissen, sodass heute fast nichts mehr an diese psychiatrische Einrichtung erinnert. Unser Interesse wurde durch einen Impuls des Stadtarchivars Pulheim geweckt, der unserem Geschichtslehrer über diesen Vorfall berichtet hatte.
 
Die Recherchen zu der Problematik „Schließung Landeskrankenhaus Brauweiler gestalteten sich anfangs nicht so einfach wie gedacht. Es gibt lediglich eine übersichtliche Anzahl von Büchern zu dieser Thematik(2), und die Unterstützungsbereitschaft, die uns vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), dem damaligen Träger der Psychiatrie signalisiert wurde, war eher gering. Dies tat unserem Interesse jedoch keinen Abbruch – im Gegenteil, es bestärkte uns in unserem Vorhaben nur noch mehr. 
 
Nun standen wir also zunächst einmal vor dem Problem der Beschaffung von detaillierten Hintergrundinformationen. Im Gedächtnis vieler Pulheimer Bürgerinnen und Bürger schien das Ereignis vergessen bzw. kein Thema zu sein. Wir besorgten uns deshalb zunächst in den örtlichen Bibliotheken die vorhandene Literatur und informierten uns im Internet über die Problematik. Das Ergebnis war eher dürftig, sodass wir nach weiteren Informationsquellen suchten, die uns zu einem Ergebnis führen konnten. Hierzu hatten wir zum Glück den ehemaligen, diesen Fall leitenden Kriminalbeamten an der Hand. Dank ihm bekamen wir einen genauen Überblick über das Thema, denn er konnte uns sowohl zu den Vorkommnissen als auch zu den „Behandlungsmethoden“ im Landeskrankenhaus Brauweiler genauestens berichten. Wir konnten uns aufgrund seiner Erzählung ein genaues Bild der Schicksale einzelner Insassen machen, welche uns zum Teil tief erschütterten und uns an dem Gesamtapparat psychologischer Einrichtungen in Deutschland zu jener Zeit zweifeln ließen. Auf Grundlage dieses ergiebigen Zeitzeugeninterviews führten wir weitere Interviews u.a. mit einem Mitglied der SSK (3), einem Lokalhistoriker und einem Beerdigungsinstitut, das damals die Toten aus der Psychiatrie bestattet hatte, durch. Wir recherchierten auch im Pulheimer Stadtarchiv und konnten auf Basis der erstmals zugängigen Sterbeakten, die genaue Anzahl an Sterbefällen in der Zeit von 1970 bis 1978 ermitteln.
 
Bei einer Ortsbegehung schauten wir uns die aktuelle Situation des Geländes, auf dem das Landeskrankenhaus stand, an. Weiterhin suchten wir in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln nach Zeitungsartikeln und schauten uns im Archiv des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Köln Fernsehbeiträge zu dem Thema an.
 
In verschiedenen Kleingruppen unsres sechzehnköpfigen Leistungskurses haben wir die Unterkapitel dieser Arbeit erstellt. Unser Lehrer hat uns schließlich bei der Zusammenführung der Themen und der einheitlichen Formatierung der Ergebnisse geholfen.
 
Die Arbeit beginnt mit einem kurzen Überblick über die Gebäudegeschichte, die für die Vorgänge in der Landesklinik nicht unwichtig ist, dann folgt eine knappe Darstellung des Zeitgeists der siebziger Jahre, bevor es um den eigentlichen Skandal, dessen Akteure und die Folgen geht. (PK)
 
(1) Vgl. Ergebnisse der Recherchen des Geschichtsleistungskurses im Stadtarchiv Pulheim im Anhang dieser Arbeit.
(2) Vgl.Herman Daners: "Ab nach Brauweiler ...!" Nutzung der Abtei Brauweiler als Arbeitsanstalt, Gestapogefängnis, Landeskrankenhaus Pulheim : Verein für Geschichte und Heimatkunde, 1996.
Joseph Wißkirchen: Stadt Pulheim. Geschichte ihrer Orte von 1914 bis zur Gegenwart, Köln 1992 S.266 309
Ders. und Hermann Daners: Was in Brauweiler geschah. Die NS-Zeit und ihre Folgen in der Rheinischen Provinzial-Arbeitsanstelt, Köln 2006.
(3) von der Redaktion ergänzt: http://www.sozonline.de/2011/06/der-landschaftsverband-rheinland-und-seine-psychiatrischen-anstalten/
 

Teil 2 folgt in der nächsten NRhZ-Ausgabe


Online-Flyer Nr. 312  vom 27.07.2011

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