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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Kommentar
Kampagne des Untersuchungsausschusses Conterganverbrechen gestartet
Grünenthal-Familie Wirtz am Pranger
Von Stephan Nuding

Den Auftakt zur "Sommerkampagne 2011" des Untersuchungsausschusses
Conterganverbrechen (U.A.C.) stellten an den beiden vergangenen Freitagen Plakataktionen in Stolberg (Rheinland) und Köln dar. Sie sollen das weitgehende Schweigen in der Öffentlichkeit über das skandalöse Verhalten der Schadensverursacherfirma Grünenthal und deren Eigentümerfamilie Wirtz brechen. Der Contergan-Skandal wurde in den Jahren 1961 und 1962 aufgedeckt. Durch die schädlichen Nebenwirkungen des Beruhigungsmedikaments Contergan, das den Wirkstoff Thalidomid enthält, war es zu Schädigungen bei einer großen Zahl von Neugeborenen gekommen. – Hier ein Kommentar des Sprechers der U.A.C., die Redaktion.
 
 
Mit dem Angebot Almosen in Härtefällen auf Antrag an die Schwerstgeschädigten des Conterganverbrechens zu verteilen, haben Grünenthal und die Familie Wirtz erneut die Grenzen des Anstandes, der Moral und des Respekts vor ihren Opfern überschritten. Es stellt wohl den Gipfel einer Dreistigkeit dar, wenn ein Schadensverursacher, der seinen Opfern seit Jahrzehnten eine Entschädigung und Entschuldigung verweigert, glaubt, dass er sich jetzt noch als deren Wohltäter aufspielen kann.
 
Umso verwerflicher ist dieses Verhalten wenn man bedenkt, dass allein das Privatvermögen des Eigentümerclans Wirtz ca. 4 Milliarden Euro ausmacht. Dieser ist nicht nur der Besitzer der Pharmafirma Grünenthal in Stolberg bei Aachen. Auch die DALLI - Werke und die Parfümfabrik Mäurer & Wirtz gehören zum Wirtz-Konsortium. Erst kürzlich verkündete der Geschäftsführer der Pharmafirma Grünenthal, Dr. Harald Stock, dass allein der Umsatz in der Pharmasparte in den kommenden Jahren auf ca. 1,5 Milliarden Euro p.A. gesteigert werden soll.
 

Protestaktion vor dem Contergan-Hersteller Grünenthal
Quelle: U.A.C.
 
Michael Wirtz, "Familienpatriarch", Honorarkonsul von Ecuador, Ehrensenator der RWTH Aachen und ehemaliger Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer Aachen, ist auch Mitglied im Kuratorium des Aachener Karlspreises und Ritter des ultrakonservativen, katholischen Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Andreas Wirtz, ein weiteres Mitglied der Familie und zuständig für die DALLI-Werke und Mäurer & Wirtz, ist Alter Herr der elitären, pflichtschlagenden Studentenverbindung "Corps Marco-Guestephalia zu Aachen".
 
"Die Wirtzens haben in der Städteregion Aachen das Sagen, da geht nichts ohne sie", erfährt man in Stolberg hinter vorgehaltener Hand. Auch von besten Verbindungen in die politischen Spitzen der CDU ist die Rede. Kein Wunder, denn der ehemalige Ministerpräsident des Landes NRW, Dr. Jürgen Rüttgers, war auch schon gern gesehener Gast bei den "Rittern vom Heiligen Grab" und Michael Wirtz unterstützte in der Vergangenheit die CDU mit großzügigen "Spenden".


Quelle: U.A.C.
 
Da sieht man mancherorts gerne darüber hinweg, dass bis in die 1970er Jahre hochkarätige NS-Kriegsverbrecher, wie der ehemalige IG Farben Direktor Otto Ambros oder der Lagerarzt des KZ Sachsenhausen Heinz Baumkötter, für Grünenthal tätig waren. Ganz zu schweigen von Dr. Heinrich Mückter, dem angeblichen Erfinder von Contergan, der während des 2. Weltkrieges als Stabsarzt und stellvertretender Direktor des "Institutes für Fleckfieber- und Virusforschung des Oberkommandos des Heeres" im besetzten Krakau (Polen) sein pseudowissenschaftliches Unwesen trieb. So überrascht es auch nicht, dass über die Enthüllungen, die seit 2009 insbesondere in britischen, australischen und türkischen Zeitungen über die dunklen Kapitel der Familiengeschichte Wirtz veröffentlicht wurden, in der Bundesrepublik wenig zu hören und zu lesen ist.
 
Weiß man all dies, so kann man auch verstehen, warum Grünenthal und dessen Eigentümer bis heute das Conterganverbrechen erfolgreich leugnen und ihren Opfern einen Schadensersatz verweigern können.
 
Trotzdem setzten die Conterganopfer ihren Kampf fort: "Grünenthal und die Familie Wirtz haben den Bogen eindeutig überspannt. Weder die sogenannte "Spende", noch deren Almosenangebot, befriedigen unsere legitimen Schadensersatzforderungen. Auch das, was Grünenthal einen "vertrauensvollen Dialog" und "Projekte" nennt, lehnen wir ab. Unsere Forderungen sind nicht verhandelbar. Wir werden keinen Millimeter nachgeben oder in unseren Kampagnen zurückstecken, bis Grünenthal und der Wirtz-Clan sich ihrer Verantwortung und Schuld gestellt haben und diese lückenlos aufdecken und eingestehen", sagt die stellvertretende Sprecherin des U.A.C., Gihan Higasi.
 
"Wir halten noch viele legale, gewaltfreie Überraschungen bereit. Versprochen: Es wird ein heißer Sommer, Familie Wirtz!" (PK)
 
Stephan Nuding ist der Sprecher des Untersuchungsausschusses Conterganverbrechen.

Mehr Informationen in der NRhZ-Ausgabe Nr. 252  vom 02.06.2010
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15213


Online-Flyer Nr. 311  vom 20.07.2011

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