NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Glossen
Geht’s noch hässlicher, Herr Wachtmeister? – Na freilich! In BILD!
Noch 'mal Herr Friedrich
Von Markus Omar Braun

Der Mann beruft sich nicht nur gerne auf Amtsvorgänger aus seiner Partei und andere CSU-Altvordere so unseligen Angedenkens wie FJS – er ist auch so. Wenn einer Zweifel daran hat, dann räumt er sie gleich aus: Mit einer öffentlichkeitswirksam gelegten Stinkbombe nach der anderen beweist uns Dr. Hans-Peter Friedrich von der CSU, dass er im Amt unbedingt Schaden anrichten muss, und sei es am guten öffentlichen Ton. (1)
 
Erkenntnisse auf der Studienreise in Israel
 
Er hatte uns durch seine Expertise in der Frage der nordafrikanischen Flüchtlinge bereits erklärt, Reisebeschränkungen könnten etwas schönes sein, wenn "wir" sie verordnet haben. Eine Mauer kann dementsprechend auch etwas schönes sein, wenn sie an der richtigen Stelle steht. Wir wissen zwar nicht, was Minister Friedrich über den Anti-Armuts-Wall an der Südgrenze der USA denkt (und man möchte es lieber auch gar nicht wissen), er hat uns aber implizit verraten, was er über den putzigen "Zaun" denkt, der die illegalen Siedlungen und das Staatsgebiet Israels vom minimalen Rest der Westbank trennt: Prima Terrorbekämpfung! Von der könne man "viel lernen"! (2)
 
Ob er genauer Professor Martin van Creveld zugehört hat, der gerne im Stil von US-amerikanischen und israelischen "Wissenschaftlern" sinniert, wie man am besten Volksaufstände (in ihrem Jargon: "insurgencies") erstickt? (3) Auf jeden Fall hat dieser europäische Humanist aus Franken nicht anders können, als der humanitären Arbeit, die von den israelischen Sicherheitsorganen erledigt wird (samt mancher "Terroristen" inkl. Kollateralschäden), höchsten Respekt zu zollen. Klar, so etwas wie Mossad oder Shin-Bet hätten weltweit viele amtliche Paranoiker, Kontrollfanatiker und ähnliche Unsympathen gerne auch zuhause, zur eigenen Verfügung.
 
Die Deutschen parieren nicht mehr gut genug
 
Nachdem nun Deutsche mit und ohne "Migrationshintergrund" durch die vielen Späße dieses sauberen Herren gut in CSU-Albträume einer "sauberen" Republik eingeführt waren, Zeit für den Hauptschlag: Die gleichnamige Zeitung macht uns ein BILD vom Herrn Oberpolizisten, treffenderweise mit dem Aufruf: "Ich fordere mehr Respekt für die Arbeit der Polizei" im Titel, und im Text: "Früher waren Pfarrer, Polizisten, Lehrer und Beamte Respektspersonen. Diese Respektspersonen sind vor 40 Jahren unter dem Schlachtruf 'Demokratisierung' mutwillig demontiert worden." (4) Wie schlimm aber auch: Vor '69 war noch ein Rechtsstaat, wie der Friedrich Hans-Peter den versteht. Der Staat hatte immer Recht, und die Kirche natürlich auch, und ebenso ihre eilfertigen Diener. Der gute Mann hält deshalb tatsächlich den Willy Brandt für einen Revoluzzer, weil der zuviel Demokratie gewagt habe! Was Herrn Friedrich gleich dazu motiviert, ein wenig konterrevolutionär tätig werden zu wollen. Bürger, denen nicht gleich das Herz in das Hose fällt, wenn der Herr Wachtmeister oder der Herr Pfarrer in Person vor ihnen stehen: da muss Lieutenant Friedrich übernehmen, ohne dass wir ihn darum gebeten hätten.
 
Vertrauensstiftende Maßnahmen?
 
Vielleicht liegt diese Erosion des bürgerlichen Zutrauens zum deutschen Polizeibeamten und sonstigen Beamten aber auch an Oberbeamten wie Friedrich. Dem ist Gewalt gegen Polizisten ein Dorn im Auge – Gewalt gegen Bürger aber weniger. Die US-amerikanischen Soldaten, die einem Anschlag auf dem Frankfurter Flughafen zum Opfer gefallen sind (wohlgemerkt: auf dem Wege in den Kriegseinsatz!) sind ihm daher weit wichtiger als die Deutsche Christy Schwundeck, die einen Besuch auf dem Jobcenter nicht überlebt hat. (5) Mit ersteren kann man ja prima Politik machen! Für letztere gilt: Deutsche Beamte machen definitionsgemäß keine Fehler – und wenn doch, tritt Paragraph 1 (Rechthaben) in Kraft, notfalls 1b: Schweigen, Übergehen, Ignorieren, Aussitzen. Ob schon einmal ein deutscher Minister die Familie von Ouri Jalloh besucht hat? (6) Bei Minister Friedrich sollten wir schon gelernt haben, kämen solche Ausrutscher falsch verstandener Opfernähe nie in die Tüte. Die Christy Schwundeck ist ja auch keine Deutsche von Geburt, sondern nur eingeheiratet, sozusagen. Aus Nigeria! Da gibt es keine CSU-Stimmen zu holen, und auch sonst möchte der Herr Friedrich nicht gerne so viele Leute von dort weder zu Gast noch als Staatsbürger haben. Das hat er uns ja bereits in der Tunesienfrage klar signalisiert.
 
Es gibt auch gute "Salafisten"!
 
Liebe zur Macht und Staatsgewalt sowie deren Ausübung liegen diesem unfeinen Herrn geradezu im Blute: kaum eine Ungelegenheit, dies zu beweisen, die er ausgelassen hätte. Zuletzt war ihm und seinesgleichen ganz klar: Salafisten streben auch nach der Macht, sind also als lästige Konkurrenten sofort zu kriminalisieren. (7) Verzeihung: die verstoßen natürlich ganz schwer mit Gedankenverbrechen gegen die Menschenrechte! Gegen ihre Brüder im Geiste, die in Saudi-Arabien an der Regierung sind, hat Minister Friedrich natürlich gar nichts. Die machen ja "unsere" Terrorbekämpfer vor Ort und im Großen und Ganzen recht wunschgemäß. "Viel lernen" möchte seine Excellence, der Herr Bundesminister des Inneren, offiziell nicht von den Obersaudis. Die Panzer, die ihnen geliefert werden sollen, sind ja auch bloß für die Verteidigung nach außen, und gar nicht gegen deren eigenes Volk gerichtet, ehrlich!
 
Aber wen stört das alles schon? Der Mann ist schließlich nicht Minister für Logik, sondern für Innere Sicherheit, also für Friedhofsruhe und Stillhalten der Bevölkerung. Das hat in Deutschland christ-sozial-demokratisch und gar nicht salafistisch zu geschehen, das Still-Halten, und ist in Saudistan traditionell eine ganz andere Sache. Da können "wir" die amtlichen "Salafisten" gut gebrauchen! Man könnte glatt meinen, der Mann hätte uns gerade die Haken und Ösen neudeutschen Imperialismus erklärt – wenn aber doch nicht sein kann, was nicht sein darf: "Ich bitte um Verständnis, aber ich kann hier weder zu Verteidigung noch zu Außenwirtschaft etwas sagen."
 
Die Bösen gehören derschossen!
 
So gerüstet, läuft Minister Friedrich zu großer Form auf und legt zur öffentlich erklärten "Freude" über den Tod von Usama bin Laden noch einen drauf: "Wer anderen nach dem Leben trachtet, kann kein Mitleid erwarten." Denn Hörr Minister "kann" an der Schilyschen humanistischen Weisheit, "Wer den Tod so liebt, der kann ihn haben", natürlich "nicht erkennen, dass an diesem Satz etwas falsch ist." Bei soviel Beweis unchristlich-abendländischer Kulturlosigkeit fallen den Bildzeitungsjournalisten auch gleich der Waffennarr und "harte Hund" Friedrich Zimmermann und John Wayne als Leitbilder unseres Staatsmannes von Kabinettsrang ein. (8) Das streitet dieser Obersheriff auch gar nicht ab. Er muss aber ein wenig bedauern, dass man wegen dem Brandt Willy seiner verfehlten Politik "vor vierzig Jahren", und weil die Bürger sich mehr trauen, als Politiker nicht mehr so zulangen kann. Verbal gesehen. Mist aber auch!
 
Staatsbürgerkunde beim Minister
 
Was Demokratie ist, hat uns Dr.jur. dann auch noch erklärt: "In einer funktionierenden Demokratie funktionieren die Auswahlmechanismen. Am Ende kommen die Richtigen in Funktion und Verantwortung." Damit meint Friedrich tatsächlich sich und Konsorten, ganz ohne Scham. In seiner Welt, wie im John Wayne-Film, ist sonnenklar, wer welche Rolle wie zu spielen hat, und alle, BILD dazu, stimmen mit Reinhard Mey ein: "Wir sind die Guten und die andern sind die Schlechten, so einfach ist das mit den Menschenrechten." (9) Dank Friedrich und dem Hausblatt deutscher "Hooligans" (der Stern über den Minister) (2) sind wir also wieder einmal voll im BILDe. (PK)
 
(1) Die Neue Rheinische Zeitung berichtete: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16404
(2) Vergleiche den Stern-Artikel mit der bezeichnenden Bezeichnung "Hooligan":
http://www.stern.de/politik/deutschland/innenminister-hans-peter-friedrich-der-hooligan-der-aus-dem-nichts-kam-1670248.html
und
http://www.stern.de/politik/deutschland/innenminister-hans-peter-friedrich-der-anti-terror-minister-1675293.html
(3) Vergleiche:
http://en.wikipedia.org/wiki/Martin_van_Creveld und
http://en.wikipedia.org/wiki/Counter-insurgency
So etwas wird leider selten ins Deutsche übersetzt! Genauso wenig, was sonst so Erhebendes von "Experten" der organisierten Totschlägerei abgesondert wird:
http://www.jcpa.org/text/Amidror-perspectives-2.pdf
Es gibt viel zu tun für Fans israelischer "Sicherheitspolitik" und Friedrich möchte es gerne anpacken...
(4) Man findet den Text hier:
http://www.bild.de/politik/inland/hans-peter-friedrich/mehr-respekt-fuer-die-arbeit-der-polizei-teil-1-18776040.bild.html
und Teil 2 hier:
http://www.bild.de/politik/inland/hans-peter-friedrich/mehr-respekt-fuer-die-arbeit-der-polizei-teil-2-18776574.bild.html
(5) Vgl. aktuell in der Frankfurter Gemeinen Zeitung:
http://kwassl.net/2011/07/10/tod-im-jobcenter-gallus-eine-bestandsaufnahme/
und in der Neuen Rheinischen Zeitung u.a.: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16655
(6) Man vergleiche:
http://www.sueddeutsche.de/politik/fall-jalloh-bgh-kippt-freispruch-bedenkenlos-und-grottendaemlich-1.55411
und die Oury Jalloh und dem Prozess gewidmeten Blogs:
http://initiativeouryjalloh.wordpress.com/ bzw. http://www.prozessouryjalloh.de/
Außerdem in der Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Oury_Jalloh
(7) Vgl. den Artikel: http://dasmigrantenstadl.blogspot.com/2011/07/religiose-extremisten.html
(8) Kaum jemand mag sich erinnern, wie der Zimmermann Friedrich politisch groß wurde:
http://de.wikipedia.org/wiki/Spielbankenaff%C3%A4re_%28Bayern%29
Tja, damals lief das noch, sich für unzurechnungsfähig erklären lassen. Schade, dass das beim Guttenberg Karl-Theodor Freiherr von und zu nicht recht funktionieren wollte...
(9) Vgl. den Text von "Alles OK in Guantanamo Bay":
http://www.xlyrics.de/reinhard-mey-lyrics/alles-o-k-in-guantanamo-bay-lyrics.html
 
 
Der Autor, Jahrgang '67, ethnisch Deutscher, sei 1999 Muslim (praktizierend), Diplom-Mathematiker, lebt zur Zeit in Frankfurt am Main.


Online-Flyer Nr. 310  vom 13.07.2011

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie