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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 18
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Die Tage des Altweibersommers sind heiß. Der Garon besteht nur noch aus einem schwachen Rinnsal, das die blaugrünen Kolke unter den ausgewaschenen Felsen durchfließt. Diese natürlichen Badewannen liegen größtenteils im Schatten, ihr Wasser ist tief und kühl. Sie sind manches Mal ein wenig unheimlich – wenn sie sich unter die Felsen erstrecken und man sich in diese Höhle hineingezogen fühlt. Aber das Wasser ist ebenso ruhig wie klar und vertrauenerweckend.
Die Kinder des Dorfes baden lieber in den flachen, treppenförmigen Becken, die sich weiter flußabwärts anstelle der Stromschnellen des Frühjahrs herausbilden. Dort kann man plantschen und spritzen, und dort herrscht außerhalb der Schulstunden immer fröhliches Geschrei.
Max und Paule wollen zum Dornröschenschloß gehen, finden das aber bei fünfunddreißig Grad im Schatten zu anstrengend, und Max schlägt vor, auch Abkühlung zu suchen und baden zu gehen. Zuerst wandern sie zur Dorfbadestelle, aber das Kindergeschrei stoppt sie auf halbem Wege. Sie haben keine Lust, sich den neugierigen Blicken und frechen Bemerkungen der Dorfjugend auszusetzen. Paule kennt flußaufwärts ein Bassin, das zwischen zwei Felsvorsprüngen liegt und den Blicken zufälliger Passanten weitgehend ent­zogen ist. Also machen sie kehrt und klettern am Rande des Flußbetts stromaufwärts.
In dem Kolk ist das Wasser blaugrün, in der Tiefe fast schwarz, und es ist still und kühl. Eine kleine Felsplatte springt dicht über dem Wasser hervor und bildet eine natürliche Terrasse.
Max ist für alle Fälle darauf eingerichtet, baden zu gehen und hat seine Badehose unter der langen Hose angezogen. Paule ist nicht darauf eingestellt, aber ihre Vertrautheit mit Max und ihre natürliche Unbefangenheit lassen sie nicht zögern, sich auszuziehen.
Sie entkleiden sich auf der kleinen Terrasse, denken aber nicht daran, nackt zu baden. Das gehört nicht zu ihren Ver­haltensmustern. Und in den Augen des Dorfes käme das unbekleidete Beieinander eines Mädchens und eines Jungen in der Öffentlichkeit einer Orgie gleich.
Paule hat ein leichtes Bauwollkleid an, darunter Slip und BH. Sie möchte nicht in voller Bekleidung baden, aber das Kleid auszuziehen käme ihr wie ein Striptease vor (obwohl sie kaum nähere Kenntnis von diesem Entkleidungsritual haben kann). Also knöpft sie entschlossen den BH hinter dem Rücken auf, greift in den kurzen Ärmel des Kleides, zieht den Träger über die Schulter herab und das intime Kleidungsstück aus. Dann dreht sie Max den Rücken zu und streift mit einer flinken Bewegung den Slip über die Füße ab. Unter dem Kleid ist sie jetzt nackt.
Das wird den beiden in dem Moment bewußt, als sie sich wieder zu Max umdreht. Max macht das mehr verlegen als Paule. Er hat das erregende, wenn auch unbegründete Gefühl, sie habe sich für ihn ausgezogen. Gegen seinen Willen beginnt sein Glied sich aufzurichten, glücklicherweise gebändigt durch die enge Dreiecksbadehose. Max ist am Ende des Sommers zu braungebrannt, um rot werden zu können. Er wendet sich dem Wasser zu, um zu verhindern, daß Paule seine Erregung bemerkt. Sie ahnt mehr als sie sieht, daß er in Bedrängnis kommt, und vergißt darüber die eigene Verlegenheit. Sie läßt sich ins Wasser gleiten und schreit lachend „Huuh!“ wegen der überraschenden Kühle.
Max folgt ihr schnell und taucht erst einmal unter, so tief das Wasser ist, emotionale Distanz suchend. Über sich sieht er Paule schwimmen. Ihr Kleid schmiegt sich eng an den Oberkörper und umflattert lose die Schenkel. Schwimmt sie ins Sonnenlicht, zeichnet sich ihr Körper gegen den glänzenden Wasserspiegel wie ein Schattenriß ab, aber durch die Brechung des Wassers erscheint ihre Gestalt feenhaft verzaubert, und das Licht legt ihr prächtige, flirrende Ge­wän­der an.
Max kommt sich vor wie ein Voyeur, kann aber den Blick nicht von Paule lassen und möchte sie am liebsten im Wasser umarmen.
Sie balgen ein bißchen herum, bespritzen sich, tauchen sich gegenseitig unter und genießen die körperlichen Berüh­rungen, die durch das Wasser verfremdet werden und, von der Wirklichkeit abgehoben, eine ästhetische Qualität be­kom­men.
Max zieht sich als erster auf die Felsplatte hoch. Er ist zu dünn, um lange im kalten Wasser zu bleiben.
Paule scheint die Kühle nichts auszumachen. Sie schwimmt und taucht wie eine Nixe und versucht, Max wieder ins Wasser zu locken. Er aber rückt ein Stückchen in die Sonne und zittert wohlig in den wärmenden Strahlen.
So entschließt sich Paule auch, aus dem Wasser zu kommen. Max reicht ihr die Hand und hilft ihr, sich hochzuziehen. Das nasse Kleid klebt ihr am Körper wie eine zweite Haut und verbirgt nichts mehr. Überdeutlich sieht man die Brüste und die Brustwarzen, die durch die Kühle des Wassers steif emporstehen, oder die runden, ein wenig üppigen Hinterbacken. Auch das dunkle Dreieck über den Schenkeln zeichnet sich deutlich ab.
Beiden stockt ein wenig der Atem angesichts dieser un-erwarteten Situation, aber sie versuchen nicht, ihr schreckhaft zu entkommen.
Max wagt nicht, Paule genau zu betrachten, sie widersteht dem Impuls, das Kleid vom Körper abzuziehen, damit sich ihr Körper nicht mehr so deutlich abzeichnet. Sie schaut Max offen an. Mit wachsender, zurückgedrängter Erregung setzt sie sich seinen Blicken aus, hockt sich dann aber neben ihn in die Sonne, ohne daß einer den anderen berührt.

*

Nach dem Abendessen herrscht Frieden in der Bude. Einer liest, ein anderer stopft schon ganz verzweifelt aussehende Socken, zwei spielen Schafskopf.
Max versucht ein unpopuläres Anliegen so widerspruchs-los wie möglich über die Bühne zu bringen. „Hört doch mal her!“ setzt er vorsichtig an. „Ihr kennt doch den Garten von der kleinen Paule. Der aus dem Bistro.“
Emil grinst und meint seine Grobheit eigentlich gar nicht böse: „Du meinst deine Onaniervorlage?“
Die anderen lachen, je nach Laune und ihrem Verhältnis zu Max meckernd, glucksend, höhnisch oder verkrampft. Max macht sich klein und schluckt die Kränkung: „Also ihr kennt den Garten. Ich wollte euch bitten, da nicht mehr klauen zu gehen!“
Emil bleibt bei seinem Ton: „Wir vermasseln dir sonst wohl die Tour, wie?“
Max versucht zu argumentieren: „Ich finde, sie hat’s nicht verdient!“
Skroszny reagiert erbost: „Du machst mir Spaß! Haben wir es verdient, hier anderthalb Jahre nach dem Krieg noch zu malochen?“
Max kann sich nicht verkneifen zu sagen: „Einige ja!“
Frömmich fährt heftig dazwischen: „Erst einmal klaue ich überhaupt nichts aus den Gärten. Und zweitens, wen meinst du denn, der es verdient hätte, hier als Sklavenarbeiter zu schuften?!“
Max kneift vor dem drohenden Ton: „Ich meine das allgemein. Wir wissen doch längst, daß manche im Dritten Reich dicke Schweinereien gemacht haben.“
Skroszny rückt sich auch bedrohlich zurecht: „Paß mal auf! Wenn du unser eigenes Nest vollscheißt, werden wir dir was aufs Maul hauen! Ist das klar?“
Emil hat keine Gewalt im Sinne gehabt und wiegelt ab: „Nu sei doch nicht immer gleich so grob, Hein! Dem Jungen ist es doch bloß um sein Fotzchen zu tun. Gönn ihm das doch!“
Max glaubt, die Ehre seines Mädchens verteidigen zu müssen, und legt sich ausgerechnet mit seinem Verteidiger an: „Du bist ’ne Sau, Emil!“ fährt es ihm heraus, und Emil wird fuchtig: „Hör mal! Dat steht dir nich zu, mich zur Sau zu machen! Das laß ich mir jarnich jefallen! Du mußt wohl wirklich ’ne Tracht kriejen!“
Max begreift, daß er nicht den richtigen Ton gefunden hat, und versucht die Spannung abzubauen: „Ach, Emil! Ihr denkt immerzu bloß ans Vögeln.“
„Du etwa nicht? Du bist bloß so ’n Heuchler, wie unser Pastor war. Der hat immer von Keuschheit jeredet und seine Haushälterin hat die Kinder jekriegt.“
„Aber es gibt doch noch was anderes, Freundschaft, Gefühle ...“
„Frühlingsgefühle!“ wirft Skroszny ein, und die anderen lachen wieder.
Die Aufregung legt sich, man wendet sich wieder seiner Beschäftigung zu, Max macht sich dünne und geht eine Runde spazieren, um über sein Verhältnis zu den anderen nachzudenken. Ihre Primitivität, wie er findet, geht ihm auf die Nerven. Er kann sich nicht auf ihre Denkweise einstellen. Aber muß er das? Kann man es allen recht machen? Vermutlich nicht, aber man muß mit ihnen auskommen. Wenn man die Mehrzahl gegen sich hat, kann das Leben verdammt ungemütlich werden. Klein beigeben? Das wohl nicht. Aber einmal öfter den Mund halten. Im Streit unterliegen kann viel Sympathie einbringen.
Und vielleicht macht der eine oder andere in Zukunft doch einen Bogen um Paules Garten.

*

Max kramt allein in dem kleinen Labor der alten ‚usine‘ herum. Er begutachtet verstaubtes Labormaterial, einen Schlangenkühler, Erlenmeyerkolben, Glastrichter, Bunsen­brenner (woher nimmt man hier das Gas?), Flaschen mit ein­geschliffenen Stopfen und verschiedene pulverförmige oder kristalline Substanzen.
Darunter ist auch eine Flasche mit kleinen violetten länglichen Kristallen, die Max als Kaliumpermanganat iden­ti­fi­zieren kann. Er kennt es aus dem Labor seines Vaters: Kaliumpermanganat. Ein Desinfektionsmittel, zum Beispiel zum Gurgeln bei Halskratzen. Er will es als Mittel gegen den Hautausschlag verwenden. Ob die rot-violetten Kristalle die erwünschte Wirkung haben, ist nicht bewiesen, jedenfalls bekommt Max keinen Ausschlag.
Er steckt das Fläschchen ein und schlendert hinüber zur Schmiedewerkstatt. Den Schlüssel kramt er hinter einem verrosteten Fensterrahmen hervor, das Schloß öffnet sich mit einem leisen Knacken. Frömmich und er haben es letztens fachgerecht in Ordnung gebracht.
In der Werkstatt steht der kleine Simca-Rennwagen, dessen Generalreparatur sich die beiden vorgenommen haben, nachdem alle erreichbaren Werkstätten abgelehnt hatten, sich damit zu befassen. Max zwängt sich hinter das Lenkrad. Unklar bleibt ihm dabei, wie sich der dicke Cauchon, sein Besitzer, in diesen Sitz quetschen will. Er mimt akustisch den Start und das Rennen: Er tritt die Kupplung durch, startet den Motor: „Uiuiuiui blubb blubb blubb rrrauauauii“, legt einen Gang ein, läßt die Kupplung fahren und schießt mit aufheulendem Motor davon: „Wuhuhu-wuh, wuuhuiii-wuh!“
Erst auf das Türscheppern hin bemerkt er Frömmich, der eingetreten ist und Max angrinst: „Ja, da möchte man abhauen! Mit dem Autochen allen davonflitzen. Das war auch immer der Kick beim Motorradfahren – schneller sein als alle andern. Nicht vor der Kurve abbremsen, nur das Gas wegnehmen, runterschalten, und mitten in der Kurve wieder volle Pulle, daß du denkst, das Hinterrad will sich selbständig machen, damit es die Karre heulend aus der Kurve herauszieht und in die Gerade katapultiert. Nur fliegen ist vielleicht genauso schön.“
„Ich wollte mich zur Luftwaffe melden“, berichtet Max. „Ich habe Segelfliegen gemacht, aber bloß die B. Sie haben mich nicht genommen, weil ich so klein war.“
Frömmich zieht die Augenbrauen hoch: „So was Dämliches! Als ob ein Pilot den Kopf aus der Kanzel stecken muß und im Cockpit zu viel Platz sei. Aber die haben vielleicht mehr an ihre Paraden als ans Fliegen gedacht. Ich wollte mal Motorradprofi werden und Rennen fahren. Aber dazu mußt du ’n Werksvertrag haben, denn das ist alles zu teuer: Wartung, Ersatzteile, neue Maschinen, selbst die Startgebühren. Letzt-endlich habe ich es wegen meiner Frau aufgegeben.“ Er zeigt seine linke Hand vor, an der der Mittelhandknochen des Daumens unnatürlich eckig hervorsteht. Max hatte das schon bemerkt, aber nicht zu fragen gewagt. „Ein Unfall! War noch mal gutgegangen. Bei Nässe ist mir das Rad hinten weggerutscht. Ich hab’ Sekunden vorher gemerkt, daß das passiert, und habe, bevor die Karre flach lag, schon auf dem Tank gesessen. Wir haben Funken gesprüht wie ein Komet! Nur meine Linke habe ich zu spät vom Lenker genommen, bevor wir mit hundertzwanzig gegen die Schutzwand geknallt sind. Immerhin ist sie drangeblieben. Aber meine Frau hat einen Schreikrampf gekriegt, und ich hab’ die Rennen auf­gegeben. Weiber!“
Er wendet sich der Werkstatt zu. „Aber anstatt hier Rennen zu fahren, hättest du das letzte Ventil einschleifen können! Das kannste doch schon.“
Max weist lässig mit dem Daumen über die Schulter zur Werkbank.
Frömmich findet dort den Zylinderkopf mit allen Ventilen vor, wendet ihn kritisch hin und her, prüft den Sitz der Ventile und knurrt schließlich: „Das sieht ja erträglich aus“, findet aber auch gleich wieder etwas auszusetzen: „Aber die Nut für den Sprengring solltest du anständig saubermachen. Bei sieben und acht ist sie ja noch voller Schleifpaste!“
Max empfindet das dennoch als hohes Lob und verteidigt sich: „Mir haben die Daumen schon weh getan!“
„Als ich gelernt habe, konnte ich manchmal abends nicht mehr den Löffel halten. Aber das gibt Kraft“, grinst Frömmich. Er nimmt vom Arbeitstisch eine große, vielleicht zwei Millimeter starke Unterlegscheibe und biegt sie zwischen Daumen und Zeigefinger langsam zu einem Halbmond zusammen. Seine Hand zittert dabei vor Anstrengung. Er wirft sie Max zu: „Na? Willst du sie wieder geradebiegen?“
Max weiß, daß er das nicht kann, versucht es aber trotzdem, und kann die Form der zusammengedrückten Scheibe nicht um einen Millimeter verändern.
Frömmich triumphiert: „Na, Student? Mußt wohl noch ’n bißchen üben.“
Max wirft die unbrauchbar gewordene Scheibe auf den Schrott, tippt auf seinen Oberarm und sagt etwas großspurig: „Hier!“ Dann tippt er sich an die Stirn: „Aber nicht hier!“
Frömmich kneift etwas die Lider zusammen, beschließt aber, das nicht auf sich zu beziehen und verzichtet auf eine Erwiderung. Dafür fragt er: „Wie war’s bei der Witwe?“
Max berichtet: „Ich habe Germaine nach Hause gebracht, sie war mit dem Fahrrad gestürzt.“
Frömmich winkt ab: „Das hat sich herumgesprochen. Und dann?“
Max ärgert sich über das Verhör und reagiert etwas patzig: „Was dann? Dann bin ich nach Hause gegangen.“
Frömmich ist eifersüchtig auf die Sympathien der Wit­we. Aber deren Beziehungen zu ihm und zu Max sind ver­schie­dener Art. Max genießt die familiäre Atmosphäre bei Ma­dame Lacombe und sieht in ihr eine mütterliche Freundin und in Germaine eine kleine Schwester.
An Intimitäten oder gar Sex denkt Max nicht. Die Witwe gehört einer anderen Generation an und liegt für ihn außerhalb jeder erotischen Vorstellung. Und Germaine, obwohl sie schon weibliche Formen bekommt, ist für Max noch ein Kind.
Für Frömmich sind die Beziehungen anderer Art. Die mol­lige, aber gut proportionierte Witwe ist durchaus Ge­gen­stand körperlichen Begehrens und kommt solchen Emp­fin­dungen wohl auch entgegen. Schließlich ist er ein großer kräftiger Kerl mit anständigen, manchmal etwas provinziellen Manieren (was allenfalls Max auffällt), auch nicht dumm. Und da sie selbst seit mehreren Jahren ohne einen Mann auskommen muß – der ihre gehörte gleich zu Anfang des Krieges zu den wenigen Gefallenen –, ist verständlich, daß sie einen Gefährten nicht unbedingt aus dem Haus weist. Des Geredes der Leute wegen muß das natürlich hinter verschlossenen Türen bleiben. Germaine ist für Frömmich ohne erotisches Interesse, aber er kann nicht ausschließen, daß sich ein solches zwischen ihr und Max entwickelt, zumal sie aus ihrer Zuneigung zu Max keinen Hehl macht.
Deshalb bohrt Frömmich weiter: „Paß mal auf, Kleiner! Ich habe dich bei der Witwe eingeführt, da darf ich doch mal fragen, wie du dich aufführst!“ Die Frage hat einen drohenden Unterton.
Max bleibt bockig: „Wieso nimmst du an, daß ich mich nicht anständig aufführe? Bist du mein Beichtvater?“
„Du setzt dich ganz schön in Szene!“ Er spielt den gezierten Laffen: „Oui, madame! S’il vous plaît, madame! Küß die Hand, madame!“ Schleimst dich bei ihr ein und vor allem, schmierst der Kleinen Honig ums Maul und willst ihr an die Wäsche! Ich sage dir: Wenn du die Kleine anfaßt, kannst du was erleben!“
Max ist schwer gekränkt und wehrt wütend ab: „Du spinnst ja! Ich denke nicht im Traum daran!“
Frömmich sieht, daß er zu weit gegangen ist, und weicht zurück, wenn auch nicht gerade auf feine Art: „Ah ja. Du hast ja deine Küchenfee ...“
Max lenkt notgedrungen ein: „Ich weiß gar nicht, was du hast. Nachdem Madame Lacombe Germaine verbunden hat, hat sie mir ein Glas Wein und ein paar Kekse angeboten. Und wir haben noch ein bißchen gequatscht. Das war alles.“
Frömmich will die Übersicht behalten: „Ich möchte jedenfalls nicht, daß du allein zur Witwe marschierst! Zur Arbeit können wir auch zu zweit hingehen.“
Max beißt die Zähne zusammen. Hier darf er nicht nachgeben, sonst wird er zum Fußabtreter: „Ich bin nicht dein Hündchen! Ich gehe zur Witwe, wenn sie mich auffordert, ihr zu helfen oder sonstwie einlädt! Und da spielt sich gar nichts Besonderes ab, sondern wir gehen freundlich miteinander um, wie normale Menschen, und das ist alles!“
Frömmich wendet sich dem Motor auf der Werkbank zu und brummelt noch etwas vor sich hin wie: „Von Dankbarkeit hast du wohl noch nie was gehört ...“

*

Frömmich und Max haben den kleinen Simca wieder fahrbereit. Irgendwann spuckt, stottert und knattert das Motorchen, bereit, das Auto anzutreiben. Der kleine rote Pfeil plärrt schrill wie ein Teufel über die Bergstraße und frißt quietschend die spitzen Kehren. Er ist noch nicht lackiert und leuchtet im Mennigerot des Vorstrichs. Er ist auch noch nicht völlig montiert, aber die beiden konnten die erste Probefahrt nicht erwarten. Frömmich sitzt am Steuer und Max liegt auf dem Vorderkotflügel und bedient den Gashebel am Ver-gaser. Frömmich schreit: „Nimm das Gas weg, wenn wir in die Kurve gehen! Erst wenn wir drin sind in der Kurve gib wieder Gas, damit wir rausgezogen werden!“
Max klammert sich krampfhaft fest. Vor der nächsten Kurve sinkt das Plärren des Motors um eine Oktave ab, um in der Kurve wieder hoch und schrill zu werden, so daß der Wagen mit kreischenden Reifen durch die Kurve geht.
Die Bäume fliegen auf sie zu, die kastanienbewachsenen Hänge, dann wieder ein Keil blauen Himmels, den der nächste Berghang verschluckt.
Max schwebt auf dem Schrillen des Motors wie auf einer Sturzwelle und kann sich nicht zurückhalten, in den Kurven zu schreien: „Hei! Heiooh!“ (PK)

Lesen Sie die Fortsetzung des biografischen Romans in der kommenden Ausgabe, oder - bequemer - bestellen Sie das Buch bei edition winterwork

max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war
von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in
französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den
Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und
studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der
Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 311  vom 20.07.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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