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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
GenReis-GAU für BAYER in den USA und im EU-Parlament
Zu 516 Mio. € Entschädigung verurteilt
Von Peter Kleinert

Der BAYER-Konzern muss amerikanischen Landwirten wegen der Verunreinigung ihrer Ernten mit genmodifiziertem Reis mehr als eine halbe Milliarde Euro Schadenersatz zahlen. Im Jahr 2006 war herbizidresistenter Reis der Sorte Liberty Link 601, die nicht für den menschlichen Verzehr zugelassen war, weltweit in den Handel gelangt. Die EU und Japan stoppten daraufhin alle Importe aus den USA. Damit der Vergleich gültig wird, müssen 85% der geschädigten Landwirte der Regelung zustimmen. Außerdem beschloß das Europaparlament am Dienstag, dass die EU-Staaten nun rechtsverbindlich die Möglichkeit bekommen sollen, ihr Territorium gentechnikfrei zu halten.


Karikatur: Latuff
Quelle: http://www.cbgnetwork.org/
 
Hierzu erklärt Philipp Mimkes, Vorstandsmitglied der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „Wir gratulieren den Reis-Bauern zu diesem mühsam erstrittenen Erfolg. Zudem fordern wir die Europäische Union auf, den Antrag von Bayer CropScience auf Importzulassung für herbizidresistenten Reis endgültig abzulehnen. Der Kontaminations-Skandal in den USA zeigt einmal mehr, dass die Risiken gentechnischer Pflanzen schlicht unkalkulierbar sind."
 
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren kooperiert seit Jahren mit den Anwälten der US-Landwirte und forderte mehrfach – so auch in diesem Jahr – in der Hauptversammlung der BAYER AG einen endgültigen Verzicht auf "Liberty Link“-Reis. Die CBG erinnert auch daran, dass BAYER die Betroffenen seinerzeit verhöhnt hatte, indem die Auskreuzungen als ein "Act of God“ bezeichnet wurden. Erst durch kostspielige Prozesse, die die Reis-Bauern ausnahmslos gewonnen hatten, konnte der Konzern zu der nun getroffenen Entschädigungslösung gezwungen werden. „Die weitreichende Kontamination war keineswegs unausweichlich. Gemeinsam mit anderen Umweltverbänden hatten wir schon Jahre zuvor gewarnt, dass der Einsatz von LL Reis zu Auskreuzungen und zur Verdrängung herkömmlicher Sorten führt“, so Philipp Mimkes.
 
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren führt seit dem Jahr 2004 auch eine Kampagne gegen eine EU-Importzulassung der GenReis-Sorte LL62. Diese ist wie LL 601 gegen das Herbizid Glufosinat resistent. Der Antrag von BAYER erhielt bei den Abstimmungen im EU-Ministerrat mehrfach keine Zustimmung, wurde bis heute aber nicht zurückgezogen. Liberty Link-Reis wäre das erste genveränderte Nahrungsmittel, das nicht nur als Tierfutter eine Zulassung erhielte, sondern direkt auf den Tisch der Konsumenten käme.
 
Ein großflächiger Anbau von LL-Reis hätte in den Anbauländern ein erhöhtes Schädlingsaufkommen und infolgedessen einen verstärkten Einsatz gefährlicher Pestizide zu Folge. Besonders in Asien droht der Verlust traditioneller, lokal angepasster Reis-Sorten, wodurch langfristig die Ernährungssicherheit gefährdet wird. Das mit LL-Reis gekoppelte Herbizid Glufosinat ist laut CBG zudem hochgiftig, der Wirkstoff gehört zu denjenigen Pestiziden, die wegen erwiesener Gefahren für Anwender und Verbraucher keine erneute EU-Zulassung erhalten werden. Obwohl der Giftstoff in Europa künftig nicht mehr vertrieben werden darf, erhöhte BAYER kürzlich die Produktions-Kapazitäten für den Export – nach Ansicht der CBG ein klassisches Beispiel für „doppelte Sicherheits-Standards“.


Karikatur: Latuff
Quelle: http://www.cbgnetwork.org/
 
Auf der Jahresvollversammlung der Bayer AG am 29. April 2011 in Köln hatte Philipp Strohm, Gentechnik-Experte von Greenpeace, in einem Vortrag den BAYER-Vorstand und die Aktionäre mit drei Problemen konfrontiert:
> den ökonomischen Verlusten, "die die Gentechnik der Bayer AG inzwischen beschert hat - und damit natürlich leider auch der Dividende Ihrer Aktie, sehr geehrte Damen und Herren"
> den Risiken, "die diese Technologie für Mensch und Natur mit sich bringt und weshalb sie in vielen Punkten der Atomkraft sehr ähnlich ist,
> Alternativen zur Gentechnik in der Landwirtschaft und der Frage: "brauchen wir Gentechnik überhaupt und wie könnte eine Landwirtschaft der Zukunft aussehen?"
 
Wunderreis von Bayer?
 
Der erste Punkt in seinem Vortrag war "der vermeintliche Wunderreis von Bayer" und was er bereits gekostet hat: "In den Jahren 1998 bis 2001 experimentierte Bayer in den USA auf Testfeldern mit einem Gentech-Reis. Zur Vermarktung kam es nie. Dennoch aber verunreinigte der Reis ganze 30% des Anbaus in den USA. Im Jahr 2006 tauchte er plötzlich in 24 Ländern der Erde auf, und sogar bis heute, 2011, wird das Bayer-Konstrukt immer wieder in Reislieferungen gefunden, erst kürzlich in Polen. Der Reis ist also völlig außer Kontrolle geraten und Bayer-Führung muss heute zugeben, dass sie keine Macht darüber haben, wo ihre einmal produzierten Konstrukte später einmal landen. Gentechnik ist nicht rückholbar!
 
Nach den ersten Entdeckungen im Jahr 2006 sperrte Europa sofort die Grenzen für Reisimporte aus den USA - um die Bevölkerung zu schützen. Der Handel mit den USA kam zum völligen Stillstand. Die Reisbauern aus den USA, die mit Gentechnik nichts am Hut hatten, verloren ihr Einkommen. Die Lebensgrundlage von Bauern war auf einmal bedroht, weil Bayer die Kontrolle über seinen Gentech-Reis verloren hatte. Schätzungen zufolge verursachte dieser Vorfall einen Gesamtschaden von bis zu 1,3 Milliarden US-Dollar.
Daraufhin zogen viele US-Bauern gegen Bayer vor Gericht. Seit meinem letzten Besuch vor zwei Jahren hier auf der Versammlung, sind inzwischen die ersten Urteile gefallen. Bayer hat sie bislang ALLE verloren und seither hageln fast monatlich Schadenersatzzahlungen auf Bayer ein….
 
Schadenersatzzahlungen am laufenden Band
 
Im Dezember 2009 musste Bayer an einen Bauern 2 Mio. USD zahlen, im Februar 2010 an einen weiteren 1,5 Mio. USD, im Juli 1 Mio. USD. Dann 48 Mio., und das letzte Urteil im März 2011 schlug mit 137 Mio. USD Schadenersatzzahlungen in der Bilanz von Bayer zu buche.
 
Und sehr geehrte Aktionäre, das war erst der Anfang. Noch knapp 6.000 weitere Kläger warten auf Schadenersatzzahlungen von Bayer. Momentan sieht es nicht danach aus, als würde die Bayer AG auch nur ein einziges gewinnen. Und eine Versicherung hat Bayer für solche Vorfälle nicht, denn es gibt weltweit kein einziges Versicherungsunternehmen, welches Gentechnikanwender versichern würde. Und warum? Weil das Risiko unkalkulierbar ist!
 
Frage an den Vorstand
 
Und nun meine Frage an den Vorstand: Die Bayer AG ist eindeutig schuld an der Verunreinigung der weltweiten Reislieferungen mit Gentechnik und war in der Vergangenheit offensichtlich nicht in der Lage das zu verhindern. Welche Pläne haben Sie, damit die Gentechnik-Konstrukte, an denen Sie derzeit basteln, nicht wieder außer Kontrolle geraten und erneut ein enormer Schaden entsteht?"
 
Eine menschen- und naturfreundliche Antwort auf diese Frage ist dem BAYER-Vorstand bisher auf diese Frage offenbar noch nicht eingefallen. Möglicherweise werden ihn weitere Urteile in den USA und weltweit bis zur nächsten Aktionärsversammlung zum Nachdenken bewegen…
 
Am Dienstag, 5. Juli, stimmte das Europaparlament darüber ab, ob Länder, die ihr Staatsgebiet gentechnikfrei halten wollen, dafür die notwendigen rechtlichen Spielräume bekommen. Dazu lag ein Vorschlag des EU-Umweltausschusses vor. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) unterstützte diesen Vorschlag und rief das EU-Parlament auf, diesem zuzustimmen. Denn der Bericht des Umweltausschusses hatte Schwächen des ursprünglichen Kommissionsentwurfs beiseite geräumt. Anders als die Kommission nannte der neue Entwurf konkrete Verbotsgründe und schuf so ein solides rechtliches Fundament für die Mitgliedstaaten.

Heike Moldenhauer, BUND-Gentechnikexpertin, hatte nach der Abstimmung Grund zur Freunde: „Die Europaparlamentarier haben sich heute als Volksvertreter im besten Sinne erwiesen. Die EU-Staaten sollen rechtsverbindlich die Möglichkeit bekommen, ihr Territorium gentechnikfrei zu halten. Damit erfüllen die Abgeordneten den Wunsch der Mehrheit der EU-Bürger, die keine Gentechnik auf dem Acker und im Essen wollen. Jetzt müssen die Mitgliedstaaten und die EU-Kommission dem Beschluss des Parlaments zustimmen. Besonders Deutschland ist gefordert, seine Blockadehaltung aufzugeben. Bundeskanzlerin Merkel und Agrarministerin Aigner dürfen sich nicht länger in den Dienst großer Gentechfirmen wie BAYER oder BASF stellen, sondern müssen sich in Brüssel für nationale Anbauverbote einsetzen.“ (PK)
 
Der bekannte Karikaturist Latuff hat für die Kampagne gegen Genreis Karikaturen bereit gestellt, von denen wir hier zwei veröffentlicht haben.


Online-Flyer Nr. 309  vom 06.07.2011

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