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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Krieg und Frieden
Uran-Geschosse verwandeln Schlachtfelder in Atommüllhalden
Costa Rica ächtet Uran-Munition
Von Norbert Suchanek

Vor genau 20 Jahren während des Golfkriegs, 1991, setzten die USA erstmals Uran-Munition in großen Mengen gegen die irakischen Truppen ein. Nun hat Costa Rica als weltweit zweites Land - nach Belgien - ein Gesetz zum Verbot dieser radioaktiven Munition beschlossen. Der Gebrauch von Geschossen - hergestellt mit Uran 238 - verletze mehrere Prinzipien des internationalen Menschenrechts und habe unverantwortbare Langzeitfolgen für Mensch und Umwelt, so die internationale Kampagne zur Ächtung der Uran-Waffen (ICBUW).
 

Damacio Lopez (links) mit Studenten auf
dem Film-Festival in Rio de Janeiro
Foto: Norbert Suchanek
Das im vergangenen April vom costaricanischen Parlament verabschiedete und jetzt auch von Präsidentin Laura Chinchilla unterschriebene Gesetz verbietet Gebrauch, Handel, Transport sowie Produktion und Aufbewah- rung dieser vor allem von den USA verwendeten Geschosse.
 
Uran 238 ist ein giftiges und radioaktives Schwermetall. Dieses so genannte "abgereicherte Uran" fällt in großen Mengen bei der Anreicherung von Uran 235 zur Kernbrennstoffproduktion an und findet sich auch zusammen mit Plutonium und dem in der Natur nicht vorkommenden Uran 236 in abgebrannten Atombrennstäben. Geschosse - hergestellt mit abgereichertem Uran - durchbohren Panzer wie Butter. Die Uran-Munition entzündet sich im Innenraum, die Panzercrew verbrennt, der Panzer explodiert und unzählige radioaktive, giftige Mikropartikel werden in die Luft geschleudert: Die im Irak-Krieg von den USA erstmals in großen Mengen eingesetzten Uran-238-Geschosse hatten einen durchschlagendem Erfolg - allerdings mit katastrophalen "Kollateralschäden".
 
Eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen erzeugt der radioaktive Staub der verschossenen Uranmunition schwerste Erkrankungen, Krebs, Erbgutdefekte und Missbildungen bei Neugeborenen, so die Erfahrungen von irakischen und deutschen Ärzten. Betroffen sind nicht nur die in den Kriegsgebieten lebende Zivilbevölkerung, sondern ebenso die Uran-Waffen einsetzenden Soldaten selbst.
 
"Jedes Schlachtfeld oder jeder Truppenübungsplatz auf dem Armeen Uran-Geschosse einsetzen, wird für 4,5 Milliarden Jahre verseucht sein", warnt Damacio A. Lopez, Direktor des Internationalen Forschungsteams für Abgereichertes Uran (International Depleted Uranium Study Team - IDUST). Etwa drei Viertel des Schwermetalls verwandelt sich beim Aufprall in Staub. Seit 1985, als er erfuhr, dass die US-Armee Uran-Waffen in nur zwei Kilometern Entfernung von seinem Heimatort in Socorro, New Mexiko testeten, erforscht Lopez weltweit die Folgen dieser Munition und setzt sich für eine globale Ächtung dieser Waffengattung ein.
 
Das Problem der Geschosse sei aber nicht nur abgereichertes Uran. Geschosse, hergestellt mit Uran 238, das aus abgebrannten Atombrennstäben stamme, enthalte ebenso das noch gefährlichere Plutonium, erläutert er. Nichtsdestoweniger setzten Nato-Truppen Uran-Munition nachweislich auch im Kosovo und in den Golfkriegen ein. Auch gibt es Hinweise für Einsätze in Afghanistan, im Libanon und in Somalia möglicherweise auch auf Truppenübungsplätzen in Deutschland. "Mehr als 18 Länder besitzen diese Waffen", weiß Damacio Lopez. Die USA und das Vereinigte Königreich verwendeten sie regelmäßig.
 
Ende Mai war der IDUST-Chef in Rio de Janeiro beim Ersten Internationalen Uranium Film Festival, wo der auf seinen Forschungen und Erfahrungen basierende Dokumentarfilm "Uranium 238: The Pentagon's Dirty Pool" von Pablo Ortega über Uran-Munition als bester Kurzfilm ausgezeichnet wurde. Lopez nahm den Preis zusammen mit der ICBUW-Lateinamerikakampagnerin und Mitarbeiterin des Friedenszentrums von San Jose, Isabel Macdonald, im Namen des costaricanischen Filmregisseurs Ortega entgegen. Isabel Macdonald: "Der Gewinn des Uranium Film Festival-Preises von Rio de Janeiro wird uns helfen, ein internationals Abkommen zum weltweiten Verbot der Uran-Waffen zu erreichen."

Interview mit Damacio A. Lopez
 
In einem Interview mit dem Autor erklärte Damacio A. Lopez auf die Frage: Was ist Uran 238? Es handele sich um "radioaktiven Abfall - produziert von der Atomindustrie. Er fällt bei der Urananreicherung an und findet sich ebenso zusammen mit Plutonium in abgebrannten Kernbrennstäben." - "Warum wird dieses hoch giftige und als "schwach" radioaktiv bewertete Schwermetall in Geschossen und Raketen eingesetzt?" - "Weil es nichts kostet, und weil die Geschosse Panzer brechen und sich entzünden, wenn sie das Zielobjekt treffen."
 
"Was sind die Effekte und Folgen des Einsatzes von U-238 Waffen?" - "Sie zerstören das Zielobjekt, und in der Konsequenz wird ein radioaktives und toxisches Gas aus radioaktiven Mikropartikeln freigesetzt, die inhaliert oder anderweitig aufgenommen werden können."
 
"Das heißt, daß Schlachtfelder wie im Kosovo, Irak oder jetzt vielleicht in Libyen radioaktiv verseucht sind?" – "Jedes Schlachtfeld, wo Abgereichertes Uran eingesetzt wurde, ist für 4,5 Milliarden Jahre kontaminiert. Wer auch immer in Kontakt mit Uran 238 kommt, wird negative Folgen davon tragen." – "Auch die U-Waffen einsetzenden Soldaten selbst erkranken?" – "Wie beim Chlorgas-Einsatz der deutschen Armee während des 1. Weltkriegs in Belgien, werden zuerst sowohl die Soldaten, die die Waffen abschießen, als auch deren "Ziele" kontaminiert. Und im Anschluss daran die lokale Zivilbevölkerung. Der Staub aus radioaktiven Mikropartikeln macht keinen Unterschied zwischen Feind, Freund oder Zivilisten."
 
"Welche Länder setzen U-Waffen ein?" – "Mehr als 18 Länder besitzen diese Waffen. Die USA und Großbritannien setzen sie regelmäßig ein, doch es ist schwierig nachzuweisen, ob andere Länder Uran-Geschosse gleichfalls bereits eingesetzt haben, da dies im Geheimen geschieht. Die Daten über Uran-Waffen-Einsätze werden nicht veröffentlicht. Einer der Gründe, weshalb wir über U 238-Einsätze der USA und Großbritanniens Bescheid wissen, sind unabhängige Forscher, die mit Geigerzählern in die Kriegsgebiete gingen und Proben nahmen. Ich habe dies im Irak, im Kosovo und in Palästina gemacht. Später haben dann die UN eigene Untersuchungsteams gesandt, um die Daten der unabhängigen Forscher zu verifizieren."
 
"Seit wann arbeiten sie gegen den Einsatz des Abgereicherten Urans?" – "Ich habe mit dieser Arbeit 1985 begonnen, als ich erfuhr, dass Uran-Geschosse in nur 2 Kilometer Entfernung von meinem Heimatort in New Mexiko getestet wurden, unter der Leitung des New Mexiko Institute of Mining and Technology (NMIMT) in Socorro. Viele Menschen in der Umgebung des Testgebiets erkrankten."
 
"Seitdem versuchen Sie die Vereinten Nationen von der Notwendigkeit einer globalen Ächtung dieser Munition zu überzeugen?" –"Belgien war das erste Land, das gerade auch aufgrund ihrer Initiative ein Verbot beschlossen hat." "Nun hat Costa Ricas Präsidentin Laura Chinchilla U-238-Waffen auf ihrem Staatsgebiet verboten, was gleichfalls zu einem beträchtlichen Teil in Ihrer Arbeit begründet ist. Welches ist Ihr nächster Schritt?" – "Ein drittes Land ausfindig zu machen, das an einem Bann dieser Waffen interessiert ist, and wo ich bei seiner Verwirklichung mithelfen kann." – "Glauben Sie, dass Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff dem Beispiel ihrer Amtskollegin in Costa Rica nachfolgt?" – "Das wäre wundervoll. Ich bin mehr als bereit dabei mitzuhelfen. Brasilien ist eines der Schlüsselländer Lateinamerikas." (PK)

Zum Thema finden Sie hier einen Dokumentarfilm von Frieder Wagner
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15744
und drei Artikel von dem Filmemacher
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15733
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15757
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15775


Online-Flyer Nr. 308  vom 29.06.2011

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