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Globales
Indien: Vater der Nation gerät zunehmend in Vergessenh
Abkehr von der großen Seele
Von Tobias Grote-Beverborg

Angesichts des gegenwärtigen Booms scheint die Geschichte des Landes, das nun über sechzig Jahre unabhängig ist, zusehends in Vergessenheit zu geraten. Und damit droht auch einer ihrer bedeutendsten Gründerväter – nämlich Mohandas Karamchand Gandhi, von vielen als große Seele bzw. Mahatma bezeichnet – zu einer rein historischen Gestalt zu werden, die zwar auf die Tradition Indiens verweist, jedoch im modernen Indien keine Platz mehr hat.

Keine Stadt in Indien, die nicht ihre Hauptstraße nach dem so genannten

Große Seele Mahatma Gandhi
Foto: Wikipedia
Vater der Nation benannt hat: Die Mahatma Gandhi Road – kurz M.G. Road – mit dazugehörigem Platz, in dessen Zentrum die obligatorische Gandhi-Statue steht, gehört zum indischen Stadtbild. In Bronze oder Stein, mit nichts anderem als Lendentuch und einfachen Sandalen bekleidet, schweift Gandhis brillenumrandeter Blick über ein Land im Auf- und Umbruch.

Die sorgsam gepflegten Blumenbeete zu seinen Füßen sowie die feierlichen Aufmärsche an den Nationalfeiertagen sollen das Andenken an ihn lebendig halten. Ansonsten aber scheinen Gandhi und seine Ideale immer mehr der Vergangenheit anzugehören.

Selbst Politiker, die sich – zumindest während des Wahlkampfs – mit ihrer ausgeprägten Nähe zur „Großen Seele“ brüsten und Gandhi liebevoll Bapuji (Väterchen) nennen, gehen inzwischen auf vorsichtige Distanz. Gandhis ökonomische Ideen – wie etwa sein Konzept von Svadeshi, der Rückkehr zur idealisierten Dorfgemeinschaft als einzig funktionierende Wirtschaftseinheit – kommt vielen mittlerweile hoffnungslos überholt vor. Nicht das einfache Spinnrad – Gandhis Symbol der wirtschaftlichen Unabhängigkeit – sondern vielmehr das brandneue Motorrad oder der Labtop symbolisieren im heutigen Indien Freiheit und Fortschritt. Erreichbar sind diese Symbole allerdings nur für eine sehr kleine, überwiegend städtische Schicht.


Raj Ghat, Mahatma Gandhi memorial, Delhi/Indien
Foto: nomo/michael hoefner/wiki



Der größte Teil der Bevölkerung hingegen, vor allem auf dem Land, fühlt sich durch zunehmende Kommerzialisierung und wachsenden Wettbewerb immer stärker unter Druck gesetzt und weiter in die Armut getrieben. Im Kampf gegen den als Unterdrückung und Ausbeutung empfundenen neoliberalen Wirtschaftskurs Indiens setzt nun in manchen Kreisen eine Rückbesinnung auf Gandhis Ideale ein. So spricht die indische Bürgerrechtlerin Medha Patkar, Symbolfigur des Widerstands gegen das umstrittene Narmada-Staudammprojekt, vielen aus der Seele, wenn sie zum Umdenken in der Gesellschaft auffordert.

Sie sagt: „Wir müssen unseren Lebensstil grundsätzlich unter den Gesichtspunkten von Schlichtheit, Selbstgenügsamkeit, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit überprüfen. Genau das hat uns Mahatma Gandhi gelehrt, als er seinen großen politischen Kampf führte.“

So wird von einigen der Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit weiterhin mit Gandhis zeitlosen Idealen des zivilen Ungehorsams, passiven Widerstands und konstruktiver Gewaltlosigkeit geführt. Ideale, die auch Friedensnobelpreisträger wie Martin Luther King Jr., Nelson Mandela, den Dalai Lama oder Aung San Suu Kyi sowie Bürgerinitiativen und Umweltgruppen in aller Welt inspirierten. (PK)

Tobias Grote-Beverborg ist Mitglied im Bundesvorstand der Deutsch-Indischen Gesellschaft e.V.


Online-Flyer Nr. 306  vom 15.06.2011

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