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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Arbeit und Soziales
Nachrichten aus der Welt des "administrativen Bösen"
Der Fall Slaviatours
Von Markus Omar Braun

Der Verein Business Crime Control BCC (1) machte auf seiner diesjährigen Konferenz am 14. Mai in Frankfurt am Main durch eine Preisverleihung auf einen besonders tragischen Fall des gegenwärtigen "administrativen Bösen", nämlich die behördlich sanktionierte Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz und des Lebens von Günter und Marlen Kozica aufmerksam (2). Günter Kozica hat darüber unter anderem in seinem Buch "Der Fall Slaviatours" (3) berichtet, das hier kurz vorgestellt werden soll (4).
 

Günter Kozica
Foto: privat
Das alltägliche Grauen im Milgram-Experiment
 
"Administrative evil", auf Deutsch "Das administrative Böse", wird in verschieden- ster Form von US-amerikanischen Sozialwissenschaftlern schon seit Jahren thematisiert. Ohne die Prägung des Begriffes vorzunehmen, hat Prof. Milgram mit seinem berühmten Experiment 1961 dabei den Anfang gemacht. Berühmt das Experiment, in dessen Verlauf die teilnehmenden Versuchspersonen als scheinbare Helfer der Versuchsleitung ersucht wurden, vorgeblichen mensch-lichen Versuchskaninchen, die unsichtbar im Nebenraum säßen, Elektro-schocks in steigender Spannungsstärke "zur Verbesserung der Merk- fähigkeit" ("sanfte Schläge auf den Hinterkopf...") zu verabreichen. Berühmt auch der Ausgang, nach welchem zwei Drittel der Teilnehmer bereit waren, die Schocks bis zur Maximalstärke von 400 Volt zu verabreichen und damit die vermeintlichen Probanden wahrscheinlich sogar zu töten. Die meisten Psychologen, denen das Testkonzept vorher vorgelegt worden war, hatten hier mit einer Rate nicht von knapp 70 Prozent, sondern bloß von ungefähr 2 Prozent gerechnet, alldieweil sie den gesellschaftlichen Anteil an verhärteten Sadisten so hoch einschätzten.
 
Vom KZ-Wächter im braven Staatsbürger
 
Stanley Milgram hatte sich für die Frage interessiert, ob auch der durchschnittliche US-Amerikaner als KZ-Wächter getaugt hätte, und wie sich die so moralisch veranlagten Personen von anderen unterschieden. Es geht hier um ein Phänomen, das bereits in aller Welt mit dem gehörigen Erschrecken vor menschlichen Abgründen bestaunt werden konnte, vom Gulag nicht nur der Stalin-Ära (der wiederum die hervorragend organisierte Ochrana der Zarenzeit beerbte) über das perfekt (auch mit durchgehender Hilfe von IBM) organisierte System der Vernichtung der Juden, Sinti und Roma und vieler Regimegegner durch die Nazis, bis hin zur Teppichbombardierung Vietnams, den Killing Fields in Kambodscha und der Käfighaltung von Menschen nicht nur in Guantanamo. Das administrative Böse zeigt sich aber auch in der Kälte, mit der den Angehörigen der von der Nazi-Justiz Hingerichteten noch eine Rechnung für Henker und Sarg übersandt wurde. Wer Deutschland als Asylant, sonstiger ansässiger Ausländer oder als sozial Bedürftiger kennen lernt, merkt schnell, dass weniger ausgesprochener Sadismus, sondern vor allem das viel banalere Böse der "funktionierenden" Gleichgültigkeit von Verwaltungsbeamten auch im heutigen Amt seinen Platz hat und dies vielleicht nur deshalb nicht in KZ-Wächterei endet, weil das offizielle Deutschland gerade einmal keine baut und betreibt.



 
Ein Reiseleiter macht sich nach Osten auf
 
Wer aber nicht nur das Gruseln lernen, sondern regelrechtes Grauen, das auf Amtsmist gezogen wurde, kennenlernen will, der soll zum Buch von Günter Kozica greifen. Im Jahr 1934 geboren, erwarb er nach dem Krieg gleichzeitig in einer Lehre den Gesellenbrief als Feinmechaniker und im Abendgymnasium die Hochschulzugangsberechtigung durch das Abitur, um dann Geschichte, Politikwissenschaften und Anglistik, später noch Slawistik und speziell Osteuropäische Geschichte zu studieren und abzuschließen. In der Erwachsenenbildung beruflich tätig, wurde Kozica bald nebenberuflich Reiseleiter für Bildungsreisen in Osteuropa. Frustriert durch den örtlichen Filz gab er Anfang der 1970er seine Stelle als Kreiskulturdezernent auf, um sich in seiner bisherigen Nebentätigkeit, der Reiseleitung, selbständig und im Haupterwerb zu betätigen. 1975 bekam er von einem Kapitän der sowjetischen Donauschifffahrtsgesellschaft, auf deren Schiffen er bereits mehreren seiner Reisegruppen die Donau gezeigt hatte, das Angebot, Schiffe dieser Gesellschaft in Vollcharter zu erhalten.
 
Ein Reiseunternehmen wird gegründet
 
Nachdem er dieses Angebot angenommen hatte, stürzte sich das Ehepaar Kozica in die Arbeit, denn es stand vor einer großen Herausforderung und bedeutenden wirtschaftlichen Verpflichtung. Dank ihrer harten unermüdlichen Arbeit, aber auch aufgrund der Fähigkeiten und Interessen, die sie von Haus aus mitbrachten und offenbar zum Wohle der Gäste ihres Reiseunternehmens einzusetzen wussten, nicht zuletzt aber auch durch den hervorragenden Kontakt zu den sowjetischen Mannschaften der eingesetzten Donauschiffe, wussten Günter und Marlen Kozica ihre Aufgabe zu meistern und wurden auch durch schnell zunehmenden ökonomischen Erfolg belohnt. Was sie nicht wussten: dieser Erfolg wurde erzielt, obwohl sie damals bereits zu wirtschaftlich deutlich schlechteren Bedingungen als ihre viel größeren Konkurrenten charterten.
 
Schluss mit lustig: der KGB auf dem Plan
 
Bis 1982 nun schien alles ruhig zu verlaufen, das Geschäft ließ sich gut an, die Zusammenarbeit mit den sowjetischen Geschäftspartnern, auch den Besatzungen lief nach wie vor gut. Längst gingen die Fahrten nicht mehr nur über die Donau, es waren sogar transatlantische Kreuzfahrten dazugekommen. Erfolg weckt Begehrlichkeiten, und nicht alle Begehrlichkeiten messen sich gleich in Mark und Pfennig. Die Welt der Geheimdienste war auf Günter Kozica aufmerksam geworden, in Gestalt des KGB, der einen Anwerbeversuch startete. Wer könnte besser geeignet sein als er, der Sozialdemokrat mit Parteibuch, der Reiseveranstalter mit Moral, dem die Völkerverständigung selbstverständlicher Auftrag war, der mittelständische Unternehmer aber auch, der in seinem Geschäft vollständig vom sowjetischen Partner abhing: Keine russischen Kontakte, kein Geschäft. Dumm gelaufen, für den KGB: dieser Geschäftspartner ließ sich weder ködern noch erpressen.
 
Das Unheil nimmt seinen Lauf
 
Eigenartigerweise – und vielleicht sollten Günter und Marlen Kozica so eingelullt werden – eigenartigerweise wurde die Geschäftsbeziehung auch von sowjetischer Seite fortgesetzt, als ob nichts gewesen wäre, an der Oberfläche jedenfalls. Im April 1983 dann, bei Verhandlungen in Wien, an denen auch Vertreter der beiden mit Slaviatours konkurrierenden Reiseunternehmen teilnahmen, entdeckte Günter Kozica durch (un-)glückliche Fügung, dass in den Vorjahren seinen Konkurrenten weit bessere Konditionen geboten worden waren. Aufgrund dieser Benachteiligungen, so rechnete er wenig später aus, hatte ihm der sowjetische Partner einen Schaden von über zwei Millionen D-Mark zugefügt. Das offene Wort, das Kozica schon in der Führung des Kreisverbandes der SPD und in den Kreisbehörden seiner Heimat unbeliebt gemacht hatte, verließ ihn auch jetzt nicht: Von Anfang an griff er die Untreue seines Geschäftspartners offen an und verließ sich auf das deutsche Kartellrecht und – deutsche Behörden.
 
Wer solche Behörden hat, braucht sich um Feinde nicht zu sorgen...
 
Dumm gelaufen, für die Kozicas und die Firma Slaviatours. Sie dachten, dass ihnen im Unterschied zum staatsmonopolistischen und daher strukturell korrupten Geschäftspartner aus der Sowjetunion die heimische Behörde, Regierung und Parlament den Rücken stärken würden. Weit gefehlt: an der Regierung waren gerade CDU, CSU und FDP, also "Freiheit statt Sozialismus". Dass diese Freiheit in ihrem Falle die der Regierenden, das Recht so zu manipulieren, wie ihnen politisch opportun erscheint, gemeint war, nicht die der Regierten von Willkür, Raub und Erpressung, von Lüge und Betrug, das sollten die Kozicas schnell, nachhaltig und auf bitterste Weise zu spüren bekommen. Denn offensichtlich war die Sache den Sowjets wichtig – zumindest der KGB-Leitung –, der deutschen Seite aber nicht. Was machen westdeutsch-demokratische Politiker in so einem Falle? Ihre Verantwortungsethik drängt sie zum Bauernopfer: Günter Kozica und Gattin, Slaviatours und Mitarbeiter sollten also nach allen Regeln der Kunst ökonomisch geschlachtet werden.
 
Bundesdeutsche Büttel des KGB
 
In Italien wird der Unterschied zwischen Mafiosi südlich und nördlich der Alpen so gesehen: Die italienischen Gauner müssen schießen können, damit sie lästige Staatsanwälte und Untersuchungsrichter los werden – deutsche Gauner müssen nur telefonieren können. Vater Staat hilft gerne, wo er kann, Hauptsache, das Geld ist groß oder der Machtgewinn. Unser bundesdeutsches-wilhelminisches Zauberwort lautet: Weisungsabhängigkeit der Staatsanwaltschaft. Diese sorgt dann dafür, dass gegen mächtige Personen garantiert nur noch verfolgt wird, was nicht den Interessen der gerade Regierenden zuwider läuft. Die sich daraus ergebende Lügenkultur im öffentlichen und juristischen Bereich lieferte dann, so belegt der Bericht von Günter Kozica haarklein, den notwendigen Hintergrund, um zwei Menschen, die niemanden antelefonieren konnten, ökonomisch so gründlich hinzurichten, wie das nach Abschaffung der Todesstrafe nur möglich ist. Die sowjetische Seite musste nämlich nur nachträglich die Berechnungsweise der an sie abzuliefernden Gebühren für die Schiffscharter so manipulieren, dass sich der Schaden der Kozicas in ein Guthaben der Donaureederei verwandelte und so Slaviatours ein erschwindelter Betrug in Millionenhöhe zur Last gelegt werden konnte. Dann ließ man sich noch von westdeutscher Regierungsseite ein ebenfalls manipuliertes Schiedsgerichtsverfahren in Moskau absegnen: und schon war die Klappe zu und Herr Kozica geschäftlich tot.
 
Nächstes Mal für den KGB arbeiten?
 
Firma weg, Haus weg, Ersparnisse weg, die Frau an Kummer gestorben: an Herrn und Frau Kozica durften deutsche Beamte und Juristen beweisen, dass sie, ganz nach Milgrams Erkenntnis, ganz nach den Forschungen von Professor Zimbardo zum Luzifer-Effekt, immer noch wissen, wie man als Verwalter, als Jurist ein KZ baut, einrichtet und betreibt. Hauptzutaten laut Zimbardo: Macht ohne Rechenschaftspflicht, Distanz zwischen Täter und Opfer. Den für die Distanz nötigen, berufsmäßigen Mangel an Mitempfinden, an Menschlichkeit bekommt der jeweilige (Un-)Verantwortliche bei seinem Aufstieg durch Partei- und Amtshierarchie einfach mit – oder er wird ihm antrainiert. Der Nachweis solch menschlicher Kälte scheint notwendiges Eintrittsbillett für die Kommandohöhen, nicht nur unter Kaiser oder Führer, sondern auch in West- und wiedervereinigtem Deutschland. Eine Frage bleibt: Wollen deutsche Politiker uns signalisieren, dass sie am liebsten, wenn niemand sie hindert und sie einen materiellen Vorteil erwarten, genauso totalitär und verlogen wie ein stalinscher Staatsanwalt handeln möchten? Wollen sie uns sagen: Wenn die Chinesen oder Russen, Saudis oder Iraner kommen und Dich für ihre Dienste anwerben wollen – nimm an, nimm an, nimm an, sonst haut Dich Dein Vater Staat in die Pfanne!? (PK)
 
 
(1) Im Internet: http://businesscrime.de/ bzw. http://www.wirtschaftsverbrechen.de/
(2) Die NrhZ berichtete: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16521
(3) Günter Kozica, Der Fall Slaviatours, SLAVIA-Verlag, Calden 2001
Zu beziehen u.a. über die BCC-Geschäftsstelle: http://businesscrime.de/?page_id=3
(4) Vgl. auch Günter Kozicas dem Fall gewidmete Website: http://www.slaviatours.de/
 
 
Der Autor, Jahrgang '67, seit 1999 Muslim (praktizierend), Diplom-Mathematiker, lebt zur Zeit in Frankfurt am Main.


Online-Flyer Nr. 304  vom 01.06.2011

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