NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 28. August 2014  

zurück  
Druckversion

Globales
Als Robert Fisk vom Massaker von Sabra und Shatila berichtete
Vergessener Genozid
Von Markus Omar Braun

Im Juni 1982 begannen die sogenannten "Israelischen Verteidigungskräfte" (Israeli Defense Forces, IDF) unter Leitung des damaligen "Verteidigungsministers" Ariel Sharon die Aktion "Frieden für Galiläa" - Krieg für Libanon. Die PLO, damals im Libanon mit mehreren Brigaden regelrecht militärisch aufgestellt – heute darin ersetzt durch Hezbollah – war das Ziel des Vorstosses, der schnell jeglichen palästinensischen, syrischen, libanesischen Widerstand überrollte und nach Norden, auf Beirut vorstieß.

Frieden für Galiläa - Krieg für Libanon
 
Im August wurde eine sogenannte Multinationale Streitmacht (MNF), bestehend aus US-amerikanischen, französischen und italienischen Soldaten gebildet, die den Abzug der PLO-Kräfte aus Beirut überwachen und kontrollieren sollte. Die MNF landete im August 1982 in Beirut und überwachte den Abzug der gesamten organisierten PLO-Streitmacht. Philip Habib (arabischstämmiger US-Amerikaner), der Sondergesandte des US-amerikanischen Präsidenten, sagte persönlich und ausdrücklich dabei der PLO-Führung den Schutz der Flüchtlingslager und ihrer Bewohner im Libanon zu. Am 14. September – PLO-Führung und Kämpfer waren aus Beirut und Umgebung bereits abgezogen – wurde der palästinensische Präsident und Führer der phalangistischen Faktion Bashir Gemayel von einem Maroniten und Mitglied der Syrisch Sozialistisch-Nationalistischen Partei ermordet.
 
Krieg im Libanon – Schlachten in Beirut
 
Am 15. September umstellten die israelischen Streitkräfte IDF sämtliche Flüchtlingslager des Großraums Beirut und riegelten sie ab. Robert Fisk, der damalige Korrespondent der Times in Beirut, befand sich im Urlaub in Irland, als er von der Ermordung Gemayels erfuhr. Mit dem Instinkt des Krisenjournalisten begabt, erkannte er die besondere Situation, in die das Land geraten war, und kehrte auf Schleichwegen – der Luftraum war geschlossen worden – nach Libanon, nach Beirut zurück, und kam dort am Abend des 16. an. Er sah von seinem Balkon, wie das Gebiet des Viertels Sabra – in bzw. neben dem sich das Lager Shatila befindet – durch von israelischen Kampfflugzeugen abgeschossene Leuchtkugeln planmäßig taghell erleuchtet wurde. Am 18. September betraten Robert Fisk und seine Kollegen Karsten Tveit und Loren Jenkins das Lager Shatila und wurden für die Weltöffentlichkeit Zeugen dessen, was geschehen war.
 
Doyen der Nahost-Korrespondenten
 
Robert Fisk, Brite, Jahrgang '46, war damals noch Berichterstatter für die Times, später wechselte er zum Independent – für ihn wahrhaftig "Nomen est omen"(1). Durch sein Leben in Beirut, seine durchgehende Berichterstattung aus dem Nahen Osten, unter anderem vom Libanon-Konflikt, vom Iran-Irak-Krieg, und von den Irak-Kriegen beider Bushs, vor allem aber durch seine Perspektive, kann er mit gewissem Recht als einer der bedeutendsten lebenden Zeitzeugen der jüngeren Geschichte des Nahen Ostens gelten (2). Eine Zusammenschau dieser Geschichte aus seiner Perspektive versuchte er 2005 in "Great War for Civilisation. The Conquest of the Middle East" zu geben (3). In "The Age of the Warrior" (2008) behandelt Fisk die Kontinuität und Rückkehr des Militarismus, die sich im US-amerikanischen Diskurs durch die Rehabilitierung, gar Glorifizierung des Terminus "Krieger" zeigt (4). Im Jahre 1993 produzierte er einen Film über die – im wesentlich passive – Rolle von Muslimen in Konflikten rund um das Mittelmeer: "From Beirut to Bosnia" (5). Berühmt sollte daraus die Szene werden, in der Fisk in einer zerstörten Dorfmoschee in Bosnien sein Entsetzen in diese Worte fasst: "'Mindless terrorism' is the phrase we like to use about them [the muslims]. And every time I see things like this, I wonder what the muslim world has in store for us." ("Sinnloser Terrorismus" ist ein Begriff, den wir für sie (die Muslime) benutzen. Und jedes Mal, wenn ich solche Dinge sehe, frage ich mich, was die muslimische Welt für uns (als Antwort) bereit halten mag.") Diese Worte fielen am 11. September (!) 1992, wie Fisk mithilfe seiner Unterlagen neun Jahre später zweifelsfrei rekonstruieren konnte (6). In einem Vortrag, den er 2002 vor Ostküsten-Studenten hielt (mit dem Titel: "Frag was Du willst über 9'11, frag aber bloß nicht: Warum?") (7) wies er darauf hin, warum jeder, der einmal im Irak gewesen sei, die Behauptungen und Belege im berühmten Irak-Vortrag Powells vor dem Sicherheitsrat als fabriziert hätte erkennen müssen.
 
Neuerscheinung auf Deutsch
 
All die angegebenen Quellen sind leider im Netz nur auf Englisch aufzufinden – der Rezensent selber wäre für Hinweise auf Übersetzungen ins Deutsche dankbar. Denn so bedeutend Robert Fisk sein mag, so berühmt in der arabischen Welt, so fleißig und gründlich in seiner journalistischen und schriftstellerischen Arbeit – im deutschsprachigen Raum ist er kaum bekannt, kaum gehört, kaum gelesen, kaum oder gar nicht übersetzt. Insofern muss man das Unterfangen des kleinen, aber dynamischen Promedia-Verlages (8), Fisk durch die Übersetzung seines Berichtes über Sabra und Shatila dem hiesigen Publikum näherzubringen (9), als dem Thema und dem Autor angemessen loben. Es handelt sich hier um ein Kapitel aus dem dem Libanon gewidmeten Werk "Pity the Nation" von ihm Fisk, das nach dem ersten Erscheinen im Jahre 1990 seine letzte Neuauflage im Jahre 2001 erfahren durfte. Und in der Tat verdient nicht nur der Reporter Fisk mit diesem speziellen Bericht auch außerhalb des erwähnten großen Werkes Beachtung (wobei die Reportage ihn auch sehr bekannt machen sollte), das Massaker selber hat ja eine immense zeitgeschichtliche Bedeutung, unabhängig von seiner Einordnung in die Geschichte des regionalen Konflikts.
 
Resumé einer Säuberungsaktion
 
Als Fisk das Lager zusammen mit seinen Journalistenkollegen betrat, war das wesentliche Morden schon geschehen. Alle Bewohner, die sich nicht hatten verstecken können, Junge und Alte, Männer und Frauen, Gesunde und Kranke, vom Wiegenkind bis zum Neunzigjährigen auf Krücken oder im Krankenbett, einfach jeder Mensch war dem Schlachten zum Opfer gefallen. In der Hitze war die Verwesung in vollstem Gange, waren Millionen Fliegen vor Ort, so dass der Gestank später in der Kleidung der Journalisten hängen bleiben sollte und ihnen bei jedem Öffnen des Mundes die Fliegen gleich dutzendfach hineinfliegen sollten. Einige der Toten waren sogar soeben erst umgebracht worden: Die von den ersten Wellen der massenhaften Tötung offensichtlich in Verstecken Verschonten verließen diese, nachdem das Schießen aufgehört hatte, um von "Aufräum-Abteilungen" der organisierten Mörder überrascht zu werden. Alles, wie Fisk an spiegelnden Militär-Ferngläsern feststellen konnte, alles beobachtet von israelischen Soldaten, die das Camp durchgehend umstellt hatten und immer noch ihre Positionen hielten. (11)
 
Terroristen töten Zivilisten
 
"Terroristen" – dazu waren diese Zivilisten (die bewaffnete PLO hatte Beirut und die Lager längst verlassen) erklärt worden – "Terroristen" im Mutterschoß, in der Wiege, in der Schuluniform, der Hausschürze, dem Kleid des alten Mannes – "Terroristen" – als deren Waffe ihre schiere Existenz galt, denen ihr Opferdasein als Schuld zur Last gelegt wurde – "Terroristen" waren getötet worden, denn dazu waren die IDF ja von Galiläa ausgezogen. "Reinheit der Waffen" – etwas, das Freunde der Wehrmacht auch heute noch lügenhaft unter anderem Namen reklamieren – die "Reinheit der Waffen" der IDF war erhalten geblieben: sie hatten ja bloß die Abriegelung des Flüchtlingslagers unternommen, die Milizen der Phalange herbeigeschafft und zugeschaut. Wie so mancher Wehrmachtsoffizier, der seine Hände sauber vom Blute massakrierter Juden und anderer Opfer des Vernichtungskrieges wähnte, weil die Schmutzarbeit von litauischen SS-Söldnern oder kroatischer Ustascha unternommen wurde.
 
Robert Fisk als aktiver Zeuge
 
Die Entlarvung dieser wahrhaft dämonischen Lügen verdanken wir auch dem Mut, dem Können und der Beharrlichkeit von Robert Fisk. Im besprochenen Büchlein finden wir nicht nur den Bericht über den Besuch der Journalisten im Camp, als sie wortwörtlich über Leichen gingen, besser gesagt: treten mussten, sondern auch die Recherchen, die er und Kollegen nachher unternahmen und in welchen sich die tiefe Verstrickung der Leitung des israelischen Militärs in die Planung und Durchführung des Massakers offenbart. Zu danken ist Fisk auch die treffsichere Analyse der schrecklichen Konsequenzen der offensichtlich rassistischen Verwendung des Begriffes "Terrorismus" (historisch nichts Neues: dem deutschen Soldaten war ja durch "Partisanenbekämpfung" ganz offiziell das Abschlachten von Nicht-Kombattanten nicht nur erlaubt, sondern bei Vergeltungsmaßnahmen sogar geboten worden), die nicht nur Soldaten, sondern alle, die dieser Propagandaform aufsitzen, also ganze Nationen und Kulturkreise, in geistige Komplizenschaft des Genozids hineinzieht.
 
Rassismus tötet gern in Massen
 
Dies wiederum – wie das oben zitierte Wort Fisks zum 11. September – erinnert uns an gegenwärtige Diskurse und ihre Verstrickung in gewalttätige Politik weltweit. Ein Grund, gerade jetzt Fisks Bericht zu studieren (10). Ein weiterer Grund: "Frieden für Galiläa" sollte damals mit Waffen geschaffen werden, die PLO wurde als militärische regionale Kraft erfolgreich zerstört, die palästinensische Bevölkerung, die zurückgeblieben war, erfolgreich durch das Massaker an "Terroristen" terrorisiert, so daß, wie mancher israelische Stratege stolz festhält, der regionale Widerstand der PLO gebrochen wurde – nur um vom ebenso gut organisierten durch Hezbollah und Hamas ersetzt zu werden, die in der militarisierten Sprache politischer Rhetorik auch die damalige Rolle der PLO eingenommen haben. Noch eine Kontinuität, die das Blut in den Adern gefrieren lassen könnte – wenn man sie denn wahrnehmen wollte. (PK)
 
 
(1) http://www.independent.co.uk/opinion/commentators/fisk/
In der NrhZ von Fisk ein Artikel über Sprache der Journalisten: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15453
(2) Vgl. auch den betreffenden Beitrag in der hervorragenden Serie "Conversations with History": http://www.youtube.com/watch?v=jjoGLA4mVxU
Vgl. ferner das Interview durch seinen Kollegen und Freund Jeremy Bowen:
http://www.youtube.com/watch?v=aOowVZauIlU (Auszüge) bzw.:
http://www.viddler.com/explore/frontlineclub/videos/199/ (das volle Interview).
(3) Vgl. hierzu auch http://www.youtube.com/watch?v=TWhMhZiO3iw
(4) Vgl. hierzu u.a. den Vortrag: http://www.youtube.com/watch?v=RfQYhU1IfbQ
(5) Im englischen Original: http://video.google.com/videoplay?docid=2545407262514496562#
Hier, im ersten Teil der Dokumentation, auch eine Sequenz zum Massaker in Sabra und Shatila, nämlich ab Minute 8.30.
(6) Im dritten Teil: http://video.google.com/videoplay?docid=-5904743936230037024, hier ab Minute 41.
(7) http://mitworld.mit.edu/video/107
(8) http://www.mediashop.at/typolight/
(9) Hier der Titel bei Libri. Dieser Großhändler beliefert die meisten kleinen Buchhandlungen in Deutschland über Nacht, so dass man die von ihm geführten Medien meist beim Buchhändler um die Ecke auf Bestellung schon am nächsten Werktage erwerben kann:
http://www.libri.de/shop/action/productDetails/13907315/robert_fisk_sabra_und_schatila_3853713262.html
(10) Zur Aktualität der Perspektive von Robert Fisk, vgl. auch das Interview durch Yosri Fouda aus dem Oktober 2010: http://www.youtube.com/watch?v=PLuIBl6p4Qs
(11) Diese Website bietet im Netz eine kleine, ansprechende Text-Dokumentation zu Sabra und Schatila: http://www.sabra-schatila.de/page/titel.html.
Eine deutsche Übersetzung einer BBC-Reportage, die sowohl Überlebende, als auch politische und militärische Akteure sprechen läßt:
http://www.youtube.com/watch?v=fa3jsIY_xKM
Dies das Original von BBC, hier mit spanischen Untertiteln:
http://www.youtube.com/watch?v=uy-JKaFfIPU
Eine weitere hervorragende filmische Dokumentation der Massaker, dieses Mal nur mittels Berichten aus der Perspektive der phalangistischen Täter:
http://www.youtube.com/watch?v=uZG3EhqxgIo
Nichts für schwache Nerven, diese in Al-Jazirah zuerst in arabischer Sprache (z.B. Dialekt), ausgestrahlte Dokumentation, die neben vielen libanesischen Akteuren auch zwei Überlebende zu Wort kommen läßt:
http://www.dailymotion.com/video/x88nb2_war-of-lebanon-sabra-and-shatila-ma_news
http://www.dailymotion.com/video/x88o8j_war-of-lebanon-sabra-and-shatila-ma_news
http://www.dailymotion.com/video/x88ort_war-of-lebanon-sabra-and-shatila-ma_news
Sehr bewegend, sehr eindrücklich, eine Filmdokumentation des Lebens der mittellosen im Beirut des Jahres 1982 arabischen Jedermanns – und -frauen, „Beirut, not enough death to go round“, entweder hier: http://www.youtube.com/watch?v=TpNlqtwmQUs
oder hier: http://www.nfb.ca/film/beirut_not_enough_death_to_go_round
Dieser im einfachen Wortsinne sehr schöne Film "Kinder von Shatila“ von Mai Masri, aus dem Jahre 1998, in arabischer Sprache (palästinensischem Dialekt) mit englischen Untertiteln, zeigt das Leben und die Generation nach dem Massaker: http://www.youtube.com/watch?v=lK1PyvIgj9w
 
Robert Fisk, Sabra und Schatila, Ein Augenzeugenbericht Libanon 1982, übersetzt von Jürgen Heiser, Edition Reportagen, Promedia Verlag, Wien 2011. Vgl. auch:
http://www.mediashop.at/typolight/index.php/buecher/items/fisk-robert-sabra-und-schatila
 
Der Rezensent, Jahrgang '67, seit 1999 Muslim (praktizierend), Diplom-Mathematiker, lebt z. Zt. in Frankfurt am Main.


Online-Flyer Nr. 304  vom 01.06.2011

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP
Erwin Stache - Der Orgelspieler

Der Orgelflieger
Von Erwin Stache
FOTOGALERIE
Tralauer Strichkabinett


Turbulente Aufloesung

Von Marianne Tralau