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Aktueller Online-Flyer vom 24. August 2016  

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Arbeit und Soziales
Materieller Reichtum versus geistige und soziale Armut
Der Leviathan frisst Menschen
Von Markus Omar Braun

Gestern war ich kühn. Selber vom Antragsstress mit dem „Haus, das Verrückte macht“ verärgert, verwirrt und schlicht angeödet, war ich so kühn, mir im lieben Internet, auf youtube, Beiträge über Hartz IV anzusehen. Der erste war auch eher vergnüglich, insofern seelisch hilfreich: „Hartz IV gewinnt“ (1) Da macht ein kleiner Selbstständiger aus Köln, Filmer von Beruf, über seine wahnwitzigen einmonatigen Jobcenter-Erfahrungen ein hübsches Filmchen, bei dem ihm sein Kabarettistenfreund hilft. Nun schön, Lachen befreit, offensichtlich auch die Macher dieses Beitrags.
 

Titel von Thomas Hobbes’ staatstheoretischer
Schrift "Leviathan" - Der Souverän, der über
Land, Städte und deren Bewohner herrscht.
Die Deutschen Lande: Schöne Lande, arme Lande
 
Doch dann kam es dicke: ich war so kühn, vielleicht auch angefeuert von diesem in seinem Humor auch ästhetischen Film, mir "Abgestempelt. Wie Hartz IV-Empfänger behandelt werden“ (2) anzusehen. Den Tag, den der hier vorgestellte Wolfgang Dinse nie vergessen wird, der wird auch mir, so scheint es, noch lange in Erinnerung bleiben: Ein wohl Mittfünfziger wird per Gerichtsvollzieher und amtlich bestelltem Umzugsunternehmen umstands- und ersatzlos aus seinem Heim befördert. Der Grund: Mietüberschuldung, Kündigung, Räumungsklage und -beschluss. Der Hintergrund: Der Ex-Hartz IV-Empfänger erhält mittlerweile vom Jobcenter keinen Pfennig mehr, und schon lange nicht mehr für die Miete. Durch eine Sanktion nach der anderen ist er auf "Förderung“ der Höhe Null angekommen. Kein Wunder, hat er doch versäumt, die von ihm verlangte Menge an x Bewerbungen monatlich nachzuweisen. Auch dies kein Wunder, alldieweil der gute Mann – nicht lesen und nicht schreiben kann.
 
Aktion Mensch?
 
Analphabet, ledig, keine Kinder, keine engen Freunde oder Verwandte, ohne Ausbildung, langzeitarbeitslos. Die nächsten ein, zwei Tage kommt Herr Dinse bei Bekannten unter. Und dann? Dieser Vorgang, der dem Hartz IV-Fass nicht den Boden ausschlagen kann, da dieses offensichtlich nie einen hatte, dieser Vorgang ist nun endgültig nicht mehr zum Ärgern oder zum Wüten, zum Lachen schon gar nicht, der ist zum Heulen. Was ich auch pflichtschuldigst erledigte, ganz von selbst. Das funktioniert sogar beim Darandenken, beim Darüberreden, beim Darüber-Nachdenken: Denk ich an Wolfgang Dinse, Tag oder Nacht, Hat's schon die Trän ins Aug' gebracht. Das Ganze aber machte mich nicht etwa traurig, sondern lässt mich entsetzt und – zornig. Gottes Fluch, so der Edle Quran, liege auf denen, die andere böswillig unterdrücken. Das Jobcenter, von Gott verflucht?
 
Sozialer Analphabetismus
 
„Da kann man sehen, wie schnell man draußen ist“, sagt Wolfgang Dinse, der weder im Tonfall, noch in Wortwahl je ausfallender wird. Wem Geld und Geltung noch nicht auf Hirn und Herz geschlagen sind, wer mit sozial noch sozial meint und nicht SPD, wer Christus von der CDU unterscheiden kann und den Gegensatz zwischen beiden erkennt, wer als Grüner zuerst die moralische Luftverschmutzung bekämpft sehen möchte, wer keine Freiheitlichkeit erkennen kann, wenn Menschen an Leib und Leben, an Körper und Seele zugrunde gerichtet werden, wer also kaum wahlfähig ist für deutsche "Volksvertretungen“ und selber auf dem Wahlzettel zuerst einmal eine Wüste erblickt, wem also der Mensch nicht erst als Fabrikbesitzer oder Staatsanwalt, nicht erst im "galonierten Rock“ etwas bedeutet, der erkennt in der Schwäche von Wolfgang Dinse seine eigene. Wer umgekehrt dieses nicht vermag, wer eben den Mitmenschen als Spiegel seiner selbst, damit natürlich auch als Warnung „Das kann auch Dir geschehen!“, übersieht, der ist seiner Erkenntnisfähigkeit am Ende dauerhaft verlustig gegangen, kein Schelm, sondern moralischer Idiot oder gar ethisch kriminell.
 
Eulenspiegelei von Amts wegen
 
Herr Wolfgang Dinse ist dann gerade noch einmal "davon gekommen“: ins Obdachlosenheim. Dessen Leiter erkennt unschwer wie jeder normale Mensch – Versagen des Jobcenters. Die gesellschaftliche „Effizienz“ des unsäglichen Vorgangs gipfelt ja noch darin, dass wahrscheinlich die Kosten der Zwangsräumung von Herrn Dinse den Mietrückstand locker hätten decken können. Das Jobcenter hat also dafür gesorgt, dass der Staat das Geld, das die ARGE nicht zahlen wollte, doch gezahlt hat, nur nicht an Herrn Dinse, sondern an Gerichtsvollzieher, Rechtsanwalt und Umzugsunternehmen. Tuen Sie, lieber Leser, sich doch den Gefallen, einmal in SGB 2 – das Hartz IV-Gesetz sozusagen – hineinzuschauen. Sie werden die Realität der ARGEs und Jobcenter dort nicht wiederfinden, und umgekehrt. Auch nicht als Jurist, bei solchen habe ich mich umgehört: Das Jobcenter ist anscheinend eine Art rechtsfreier Raum. Schauen Sie bei der Gelegenheit auch einmal in das Grundgesetz, Art. 1 bis 20, insbesondere 1 und 19. Jobcenter und Arbeitsagentur jedoch bleiben ganz ungerührt, Pardon: ungeniert; nur dass sie meinen, ihr Ruf sei gar nicht ruiniert...
 
Tödliche Effizienz
 
Unter Gaunern gibt es keine Etikette, so der syrische Volksmund. Warum ins Gesetz nun schauen? Da liest man, die Tätigkeit des Jobcenters ziele vor allem darauf, Hilfebedürftigkeit zu verringern oder ihr abzuhelfen, auf jeden Fall einer Verschärfung der Lage durch vermehrte Hilfebedürftigkeit vorzubeugen. Guter Erfolg, die Arbeit des Arbeitsamts in Greifswald: Der Staat zahlt in jedem Falle, nur nicht für Herrn Dinse, so dass der nicht nur arbeits-, erwerbslos, nein: zum Obdachlosen wird. Durch Hinweis anderer aufmerksam geworden, überlege ich nun bei jedem offensichtlichen Fall von Sozialbehördenwillkür, den ich in meiner Sache oder von anderen erfahre: Wieviel Prozent der Leute, die auf die gleiche Art abgemeiert werden, sterben eigentlich in Folge dieser Unterdrückung? Der Leiter des Obdachlosenasyls von Greifswald bestätigte mir für den Beitrag dies durch seinen Hinweis, dass manch solche tragische Geschichte im Selbstmord oder Tod durch Obdachlosigkeit auf der Straße ende. „Wieviel Kinder hat der Maskenmann getötet?“ fragt mich soeben mein Mail-Portal – statt: „Wieviele wie Du und ich hat Hartz-IV all die Jahre schon getötet?“
 

Der römische Gott Janus
Der Kaiser nimmt, was nicht des Kaisers ist
 
Fragt man einen "Leistungsträger“ – Politiker, Führungskraft der Wirtschaft, Meinungsmacher und wie dieser moralische Pöbel mit Schlips und Kostüm sonst noch sein Sozialschmarotzertum nennt – wieso sie dies menschliche Mitleiden, das uns, die einfachen, also: normalen Menschen, befällt, wenn wir des Loses des Herrn Dinse gewärtig werden, wieso sie davon verschont bleiben, so antworten sie mit Sachlichkeit. Die übrigens an dieser Stelle in der vorgebrachten Form nicht nur unmenschlich, sondern unsachlich ist: Am Jobcenter ist nur eines effizient, nämlich das Vergraulen, Wegschieben, Aushungern und im Endeffekt auch (leider) stille Töten von Bedürftigen. Das goldene Kalb dieser unserer, leider wie ein Fisch von ihren Hydrahäuptern stinkenden, zutiefst verdorbenen Gesellschaft tritt alltäglich unter tausend lügnerischen Masken auf, als da wären Sachzwang, Effizienz, Globalisierung, Wachstum, Fortschritt usw. usw., doch in Wahrheit hat es eine Janusgestalt mit zwei Gesichtern: Geld und Macht. Effizient ist doch bei uns gar nichts, der moderne Kapitalismus ist in Wahrheit die ineffizienteste Gesellschaftsform, die diese schöne Erde je gesehen hat, ineffizient im Umgang mit jeder Ressource, vor allem dem Menschen, seinem Verstand und seiner Arbeitskraft. Diese Unwirtschaftsform leistet uns den Luxus, alles als Input zu begreifen, als Input ihrer Leviathane, auf dass die nur einen Output produzieren: Geld+Macht, was zum Schluss beides dasselbe ist. Also wird alles andere zerstört, damit diese beiden wachsen.
 
Wer weiterschläft, verliert
 
Wer also „Effizienz“ sagt, meint: die von Geld und Macht, und hat in der Regel an einem von beiden so teil, dass er glaubt, dem Schicksal von Herrn Dinse nie ausgesetzt zu sein. Wer „Effizienz“ sagt, meint also nur „ich und meinesgleichen“, ist also gar nicht sachlich, sondern fordert ein, dass sein Partikularinteresse von der Gesellschaftsordnung unwiderleglich geadelt wird. Warum wachen wir nicht auf, dass wir dem kollektiven "ich“ dieser feinen Widerlinge ein kollektives "Wir" der Menschen, die bloß Menschen sein wollen, entgegensetzen? (PK)
 
(1)       http://www.youtube.com/watch?v=1783D9Qlx14
(2)       http://www.youtube.com/watch?v=eF_R8NG0fpg
 
 
Der Autor, Jahrgang '67, ist seit 1999 Muslim (praktizierend), Diplom-Mathematiker und lebt zur Zeit in Frankfurt am Main.


Online-Flyer Nr. 301  vom 11.05.2011

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