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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Glossen
Terminologie des Wirtschaftslebens – Was steckt dahinter?
Munteres Begrifferaten - Teil I
Von Markus Omar Braun

Jedem, der einmal, und sei es auf der Schulfreizeit oder im Jugendheim, Tischtennis gespielt hat, ist diese Erfahrung bekannt: Der Ball kommt an, man ist bereit und säbelt gekonnt – daneben. Der Ball hatte sich nämlich in kaum vorhersehbarer Bahn am eigenen Schläger vorbei gedreht. Frustriert musste sich der junge Adept des Pingpongs auch für die Zukunft auf weitere angeschnittene Bälle gefasst machen. Den Drall eines solchen für den Laien in seiner Bahn vollständig unberechenbaren Balles nennt man auf Englisch „spin“. So nennen wir heute aus gutem Grunde ebenfalls (post-)moderne Propagandablasen. Kein Begriff steht mehr einfach für sich, mit jedem Politikersatz werden gleich siebzehn oder mehr Sprachregelungen an- aber nie ausgesprochen. So dass der einfache Zeitgenosse sich gar nicht mehr auskennt, was jetzt was meint, und was nicht. „Ist ja alles so bunt hier!“ bemerkte schon Nina Hagen. Wer aus diesem gedanklichen Irrenhaus, in das Funk, Fernsehen und freie Presse uns so hineinstecken, herausfinden möchte, muss sich seinen Weg schon selber suchen. Hier und heute ein kleiner Wegweiser zum Thema Wirtschaftsleben.

Warum heißt der Kapitalismus Kapitalismus?
 
1.     Weil Profitismus viel schlechter klingt. Von „Zinssklaverei“ gar nicht zu reden.

2.     Weil sich seit der Veröffentlichung des Hauptwerks des Ökonomen Karl M. nichts wesentliches mehr geändert hat.

3.     Weil sich der Staat kapital gut damit stellt, dass er die Reichen reicher und Armen ärmer werden lässt.

4.     Weil in dieser Gesellschaft Menschen als Humankapital, die Natur als Ressource, schlichtweg alles als Pfund gilt, mit dem „die Wirtschaft“ wuchert, egal ob es jenen bekommt.

5.     Weil sich diese Gesellschaft als kapitaler Fehlgriff der Menschheit in die Mottenkiste der Geschichte erwiesen hat.

6.     Damit alle wissen, dass sich Effizienz hier nur um das eine dreht.

 
 
Warum heißt die soziale Marktwirtschaft soziale Marktwirtschaft?
 
1.     Weil in ihr die Wirtschaft längst das Soziale auf dem Markt zu Geld gemacht hat.

2.     Weil die Lüge von Adam Smith, dass die Armen zu essen haben, wenn die Reichen geiern dürfen, in ein Wort nicht gepasst hat. In zwei Wörter aber schon.

3.     Weil es reichen muss, dass das Soziale im Namen vorkommt.

4.     Damit klar ist, das Soziale nur dafür da sein darf, dass sich die Wirtschaft auf dem Markt dumm und dämlich verdient.

5.     Weil die PR-Experten gesagt haben, dass Asoziale Marktwirtschaft zwar richtig ist, aber hässlich klingt.

6.     Weil die Sozis beim Kapitalismus-Spiel auch mitmachen wollten.

 
 
Warum heißen Wirtschaftsexperten Wirtschaftsexperten?
 
1.     Weil man sonst nicht wüsste, ob sie sich überhaupt in irgendetwas auskennen.

2.     Weil man von ihrem Gerede besoffen wird wie eine ganze Wirtschaft voller Quartals(!)säufer.

3.     Weil diese Wirtschaft extra Experten braucht, die uns erklären, dass das alles so in Ordnung geht.

4.     Weil man so kluge Experten in jeder ersten besten Wirtschaft findet.

5.     Kaffeesatzlesen war gestern. Wirtschaftsexpertise ist heute.

6.     Wer nichts wird, wird Wirtschaftsexperte.

 
 
Warum heißen Arbeitgeber Arbeitgeber?
 
1.     Weil es, bevor es Arbeitgeber gab, anscheinend keine Arbeit gab.

2.     Weil sie es ihren Arbeitern richtig geben.

3.     Weil sie außer Arbeit nicht viel geben wollen.

4.     Weil sie die Gabe haben, andere für sich arbeiten zu lassen.

5.     Weil Geben seliger denn Nehmen ist.

6.     Weil ganz Deutschland faulenzen müsste, wenn die Arbeitgeber den anderen nichts zu tun gäben.

7.     Weil es heißt: Gebet, damit Euch gegeben werde!

 
 
Warum heißen Arbeitnehmer Arbeitnehmer?
 
1.     Damit sie denken, dass der eine von ihnen dem anderen die Arbeit nimmt.

2.     Weil man bei mancher Arbeit ganz schön hart im Nehmen sein muss.

3.     Weil sie durch das viele Nehmen schuld sind, wenn die Arbeit knapp ist.

4.     Weil sie sich bei der Arbeit meist etwas übernehmen.

5.     Weil sie die Arbeit am liebsten noch mit heim nehmen.

6.     Weil sie nicht begreifen wollen, dass Geben seliger denn Nehmen ist.

7.     Weil sie außer Arbeit nicht viel kassieren.

 
 
Warum heißen die Arbeitslosen arbeitslos?
 
1.     Weil die Arbeit im Kapitalismus ein Los ist.

2.     Weil ohne Arbeit und Geld zu sein, im Kapitalismus ein Los ist.

3.     Weil ihre Arbeit anderen gehört und die Arbeitslosen die erst noch kaufen sollen.

4.     Damit man nicht merkt, dass man auf manche Arbeit ganz gut verzichten kann.

5.     Weil man sonst schlecht vermitteln kann, dass nur für Vermögenslose gelten soll, dass wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll.

6.     Weil demnächst die Arbeitslosen um die Arbeit losen.

7.     Weil sie so die Arbeit auch als Arbeitslose nicht los werden.

 
 
Warum heißen die Jobcenter Jobcenter?
 
1.    Damit wenigstens der Name, wenn sonst nichts, dieser Läden die Arbeitslosigkeit halbiert.

2.     Das Sozialamt ist nicht sozial, das Wohnung hat keine Wohnungen, die Arbeitsagentur verwaltet die Arbeitslosigkeit – da musste doch noch einer für die Billigjobs zuständig zeichnen!

3.    Weil Job auf englisch Hiob heißt und es den Kunden dieser Center auch nicht besser gehen soll als weiland dem Hiob.

4.     Damit kein Hilfebedürftiger denkt, es ginge dort um Hilfe.

5.     Weil es einen Vollzeitjob darstellt, in diesem Center einen Antrag zu stellen und bearbeitet zu sehen.

6.     Damit Langzeitarbeitslose immer einen Job haben, und sei es im Name ihrer Behörde.

7.     Weil das die beste Übersetzung der Werbefuzzis für „Euch machen wir noch Beine!“ war.

8.     Weil an dem Laden nichts effizient ist und doch wenigstens der neu-englische Name so tun muss, als ob.(PK)



Der Autor, Jahrgang '67, ist seit 1999 Muslim (praktizierend), Diplom-Mathematiker und lebt zur Zeit in Frankfurt am Main.

Online-Flyer Nr. 300  vom 04.05.2011

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