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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2018  

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Kultur und Wissen
Der Fern-Seher - Folge 16
Fantastische Juristen
von Ekkes Frank

Was mich denn - diese Frage wurde mir sehr oft gestellt - an der doch so trockenen Juristerei derart fasziniert habe, dass ich das Studium bis zum bitteren Ende durchzog? Eine Antwort fiel mir nicht leicht. Meistens erklärte ich so etwas wie: es sei diese Mischung aus bestechend logischem und zugleich aberwitzig verschrobenem Denken gewesen, das dieses Genre auszeichnet.

Vor ein paar Tagen fand ich ein weiteres Beispiel dafür, in der SZ vom 23. Mai, im Wirtschaftsteil weit hinten, in einem vierspaltigen Kasten mit der Überschrift: "Der Fall Ackermann und die Wirtschaftsethik". Dass es so etwas überhaupt gibt: Wirtschaftsethiker! Ist ja fast so schön wie... wie Tempelprostituierte z.B.

Der Herr Karl Homann - sorry: auch ich kannte ihn nicht - ist so ein Wirtschaftsethiker. Und er hat einen Gedanken gehabt, der war ein richtig juristischer Gedanke, und er hat ihn ausgewalzt und breitgetreten und schließlich bei einer Veranstaltung in München in die Welt gesetzt. Der Gedanke hat den klangvollen Namen "impliziter Vertrag". Also ein Vertrag, sagt der Herr Homann, "der nicht schriftlich fixiert ist". Nun lernen angehende Juristen schon im zweiten Semester, dass längst nicht alle Verträge schriftlich fixiert werden und trotzdem richtige Verträge sind. Der Herr Homann aber hat den Lehrstuhl für Philosophie und Ökonomik in München inne. Ist das vielleicht der Grund? Wildert hier ein Ethiker im Gestrüpp der Juristen? Wie auch immer: er erlegt einen kapitalen Bock, womöglich gar einen kapitalistischen Keiler - eben den "impliziten Vertrag". Solche Verträge - so lese ich - "die einer stillschweigenden Übereinkunft gleichkommen", seien aus dem modernen Wirtschaftsleben nicht wegzudenken. Sie hätten eine "deutlich höhere Anreizwirkung als explizite Verträge". Denn: alles was schriftlich fixiert sei, führe zu einer "Minimum-Strategie". Der Vertragspartner halte sich "nur noch an die Buchstaben." Der implizite Vertrag dagegen...

Fern-SeherHalt!! Aufhören!!! Wie? Wer schreit da? - Aufhöööörennn!!! Schwachsinn!!! - Das kann nur ein Nicht-Jurist sein, der da mosert. Jetzt, wo es gerade so richtig modern wird! Die moderne Marktwirtschaft - sagt nämlich der Herr Homann, der wie gesagt eigentlich philodoof ist, aber gerade juristisch heftig in der Gegend herum-onaniert, die moderne Marktwirtschaft könne nicht mit den Maßstäben der vormodernen Welt analysiert werden. Und ethisch und implizit habe jener Herr Esser völlig zu Recht die 15 Millionen Euro erhalten. Und das beeindruckt auch mächtig die Frau Daniela Kuhr, die den SZ-Artikel geschrieben hat, einen Heißluftballon von gigantischen Ausmaßen, den auch der zuständige Redakteur der SZ nicht am Aufsteigen hindern wollte, weil ja die gesamte Wirtschaftsredaktion dieser Zeitung aus tapferen Rittern jener Schwafelrunde besteht, welche implizit und explizit und transplizit die postmodernen Zusammenhänge einer vormodernen Leserschaft so um die Löffel schlagen muss, dass diese bedingungslos nachbetet, was Frau Kuhr als Resümee des Wirtschaftsethikers zitiert: "Wir leben in und von der Marktwirtschaft, aber in unseren Moralvorstellungen leben wir gegen sie."

Ja, pfui Teufel aber auch! Höchste Zeit, dass damit aufgeräumt wird! Wie? Von wem? Von gläubigen Journalisten jeglichen Geschlechtes. Und vor allem: von den Juristen natürlich, auch wenn sie ihr karges Brot als Philosophen und Ökonomiker verdienen müssen.

Sehen Sie: das hat mich an diesem angeblich so trockenen Jurastudium so bleibend fasziniert. Bis zum bitteren Ende.


Unser Fern-Seher
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Foto: NRhZ-Archiv


Online-Flyer Nr. 47  vom 06.06.2006

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