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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Glossen
Der hässliche Deutsche oder Radikale im öffentlichen Dienst:
Diesmal ist es Friedrich
Von Markus Omar Braun

„Damals war es Friedrich“, so ein Jugendbuch von Hans Peter Richter, und da war Friedrich das (jüdische) Opfer sehr national gesinnter Deutscher. Heute ist es Herr Friedrich; der möchte gern sich und Deutschland als Opfer darstellen. Natürlich behauptet er nicht, persönlich zum Opfer des jetzt drohenden "Menschen-Tsunamis“ zu werden, sondern bloß, dass Deutschland zum Opfer zu werden drohe, zum armen, armen Opfer dieser ausgehungerten nordafrikanischen Menschenmassen, die wohl demnächst, wenn wir sie nicht effizient genug abwehren, auch noch das friedlichste bayerische Dorf durch ihre Anwesenheit verheeren werden. Dass allein diese Haltung schon Opfer produziert, sagt in Deutschland leider kaum einer.
 

Innenminister Hans Peter Friedrich (CSU)
– toleriert sogar Muslime, wenn…
Quelle: CSU
Wir können sicher sein, dass allein durch die jetzt aktuelle Thematisierung des Flüchtlingselends für manchen Mitbürger mit Migrationshinter-grund, besonders die mit afrikanischem oder arabischem, das Leben schon deutlich schwerer geworden ist. Wie genau, prüfen "wir" lieber nicht genau nach, der "gute Deutsche" fertigt lieber eine Statistik der Ausländerstraftaten an (und behandelt darin ein Visumsvergehen gleich wie eine Körperverletzung), als dass er Straftaten an Ausländern bilanziert, bei denen echte Menschen an Leib und Leben geschädigt, zumindest aber wirksam terrorisiert werden.
 
Manche seiner Verwandten sind sogar Muslime...
 
Herr Friedrich hat nichts gegen Tunesier und andere ziemlich schon ausländisch aussehende Mitmenschen aus Nordafrika und von anderswo. Er toleriert sogar Muslime, vor allem, wenn sie zuhause bleiben; er toleriert sie aber auch in Deutschland, obwohl er von der CSU ist! Dass man ihm das hoch anrechnet, erwartet er als selbstverständliches Privileg der überlegenen europäischen Menschenart, in die er geboren und und in der er erzogen wurde - spätestens, wenn er bekannt gibt, türkisch verschwägert zu sein. „Einige meiner N…r sind Freunde“, so Robert Gernhardt (oder FK Waechter?) von der Neuen Frankfurter Schule in einem Cartoon, und hat damit den Nagel der Herrenrassen-Logik auf den Kopf getroffen. Muslime akzeptiert er scho', der feine Herr aus Bayern, nur diese komische Religion, die gehört fei' net zu unserem Erbe, das möcht' er mal betonen.
 
Wir erfahren: Muslime dürfen in Deutschland bleiben, sofern sie nur ordentlich Sitz
machen lernen, sobald Herr Friedrich „Sitz, Muslim!“ sagt. Und der Sitz des Muslims ist gefälligst am Rande der Gesellschaft. Auf religiöse Legitimation ihrer gesellschaftlichen Position hat nur eine Partei, pardon: Religion ein Recht, und das ist die mit dem C vor dem Namen. Die mit J kommt nominell zwar auch vor, aber das muss man ja in Deutschland tolerieren, nachdem der Kanzler von vor 1950 das versaubeutelt hat mit dene' J. So feiert die hässliche Lüge vom christlichen Abendland fröhliche Urständ' in der verschämten Form der Beschwörung einer "jüdisch-christlichen Prägung“, bei der es gar nichts schadet, dass sich für das Judentum eh keiner inhaltlich interessiert. Solches Interesse könnte auch nur schaden, zum Beispiel, wenn man feststellte, dass Judentum und Islam recht viele Gemeinsamkeiten haben...
 
Schon wieder Ärger mit dem Mittelmeer
 
Das hat nun blöd angefangen, für den Herrn Friedrich, mit der Islamkonferenz. Fast versiebt hat er sie, weil ihm die kaum verkappte Fremdenfeindlichkeit dort nicht jeder durchgehen lassen wollte, vor allem nicht die in Deutschland geborenen und akkulturierten Mitbürger; schon eine Schande, wenn gerade "integrierte“ Damen ohne Kopftuch und mit "fundamentalistischem“ Hintergrund auf der Pressekonferenz einem öffentlich die Leviten lesen... Und dann kommen auch noch diese frechen Italiener her und meinen, aus den EU-Verträgen Rechte ableiten zu müssen, die sie dann auch noch wahrnehmen und die Flüchtlinge einfach in das Schengen-Land ihrer Wahl durchreisen lassen wollen. Das geht nun aber gar nicht, da kennt sich der Herr Friedrich als deutscher und christsozialer
Vollblutpolitiker aus: Wir Deutschen haben zwar praktisch in jedem Land dieser Welt unsere diplomatische Vertretung und vor allem unsere Interessen, die diese vertritt; wir übernehmen zwar auf Teufel komm 'raus "Verantwortung“ und mischen gerne weltweit mit, verteidigen Deutschland sogar am Hindukusch, wir beliefern auch die halbe Welt mit Waffen (bis gestern auch Gaddafi). Wir konnten prima mit Herrn Ben Ali und Herrn Mubarak, diesen ach so demokratischen und menschenfreundlichen Garanten von Stabilitöt (sic) in ihren Ländern. Wir können heute noch prima mit den übrig gebliebenen Potentaten von Marokko bis nach Bahrain und Jordanien; wir heucheln jetzt auch prima Sympathie mit den Volksbewegungen in Tunesien und Ägypten, um dort morgen wieder mächtig Einfluss auszuüben und "emerging markets“ abzusahnen – aber "wir“ sind doch nicht verantwortlich oder gar rechenschaftspflichtig für die Folgen!
 
Schon gestern wurde dem deutschen Normalbürger in gewohnt unheimlicher Einheit von Medien und Politik verschwiegen, dass die afrikanischen "Wirtschaftsasylanten“ da übers Meer schippern, weil erstens das Boot zuhause nicht mehr gebraucht wird, alldieweil dort längst EU-Konzerne das Meer leer fischen, und zweitens sich neben den nun arbeitslosen Fischer der arbeitslose Bauer gesellt, der mit den subventionierten EU-Agrarimporten nicht mehr mithalten konnte. Ja, ja, der risikobereite Afrikaner... Die Bananen und das Aluminium nehmen wir schon gerne, aber warum können diese vielen Leute nicht zuhause bleiben?
 
Immer wichtig: Christliche Prägung
 
Nachdem uns kürzlich Herr von und zu Gutenacht aufgeklärt hat, wie führende CSUler christliche Wahrhaftigkeit buchstabieren (mit Frau Merkel und Herrn Seehofer als Sekundanten), erhalten wir also nun von Herrn Friedrich eine Lektion in christlicher Nächstenliebe, eine Auslegung der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Der Herr Friedrich, der weiß, wie christlich-jüdisches Erbe geht, der nimmt in dieser Geschichte einfach selbstbewusst die Rolle des Pharisäers ein, und schon ist alle im christ-sozialen Lot.  (PK)

 
Markus Omar Braun, Jahrgang '67, ethnisch Deutscher, ist seit 1999 Muslim (praktizierend), Diplom-Mathematiker und lebt zur Zeit in Frankfurt am Main.

Online-Flyer Nr. 297  vom 13.04.2011

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