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Aktueller Online-Flyer vom 19. September 2019  

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Inland
Hoeneß, Rummenigge und der FC Bayern sind schuld...
...wenn WIR nicht Weltmeister werden
Von Hermann

Deutschland wird Weltmeister" sollte ursprünglich der Titel dieser Kolumne lauten. Leider bin ich inzwischen fest davon überzeugt, dass daraus nichts wird. Bedanken dürfen wir uns dafür bei den Herren Hoeneß und Rummenigge. In einem von äußerstem Antipatriotismus geprägten Akt haben die Burschen vom FC Bayern vor der WM Lukas Podolski verpflichtet, obwohl doch die Statistiken bekannt sein dürften, nach denen Deutschland noch nie ohne Kölner Beteiligung Weltmeister wurde.

Gut, Uli Hoeneß ist bereits erfahren im Verwirken von Titeln - 76 ist unvergessen. Doch das dürfte ihn nicht daran hindern, am unrühmlichen Ende dieser WM Jürgen Klinsmann dafür verantwortlich zu machen. Um dem vorzugreifen stelle ich hier klar, dass die Schuld allein bei der Führung des FC Bayern München zu suchen ist.

Ganz ehrlich gesagt bringt es natürlich auch Vorteile, dass Deutschland nicht Weltmeister wird. Heute brachte meine Frau vom Einkaufen Hundegebäck mit, das den Namen "Gewinner Kekse" trägt, und auf dem Karton ist ein einem Fußball hinterher eilender Vierbeiner abgebildet. Mit Verpackungen dieser Art wären wir bei einem Deutschen WM-Erfolg noch mindestens zwei weitere Jahre gequält worden. So aber wird in den Regalen der Supermärkte bald wieder Normalität einkehren. Auch der Beflaggung unserer Straßen wird ein jähes Ende gesetzt. Man könnte dem FC Bayern München also fast dankbar sein.

Apropos Bayern München: unter den unzähligen Nachteilen des Podolski-Transfers gibt es einen, der mich besonders schmerzt: Die Chancen eines lächerlich gekleideten, sich peinlich benehmenden und das Ganze mit der Verbreitung von "ein bisschen Flair" erklärenden Schlages Mensch sind erheblich gestiegen. Die Rede ist von einer der größten selbstverschuldeten Randgruppen des Landes, die sich alle vier Jahre von Neuem materialisiert: Brasilien-"Fans". Ich meine um Gottes Willen nicht hier lebende oder angereiste Brasilianer, die ihr Team unterstützen wollen, sondern jene blassen und hüftsteifen Gestalten, die sich mangels eigenen Interesses am Ballsport einreden ließen, allein das Betrachten des "Zauberfußballs" vom Zuckerhut würde ihr Blut in flüssige Samba verwandeln.

Bemerkenswert, dass der Brasilien-Kult grade bei linken, alternativen und kritischen Menschen weit verbreitet ist. Im Prinzip ist Brasilien das Bayern München des Weltfußballs. Genauso wie Kinder, die, solange sie noch dumm, unschuldig und ahnungslos sind, Bayern-Trikots ungeachtet ihrer heimischen Umgebung auftragen, ist ein alternativer Länderspielgucker mit Brasilien immer auf der sicheren Seite, was den messbaren Erfolg angeht. Fünf gewonnene Weltmeisterschaften sprechen für sich. Den Grund dafür kennt der Brasilien-"Fan" natürlich: "Zauberfußball". Und wo rührt der her? Natürlich von der Mentalität. Eben Samba im Blut.

Überraschend, dass sich grade Brasilien-"Fans" gern am lautesten über das nationalistische Gehabe während einer WM in ihrer Nachbarschaft aufregen. Denn ihr Positiv-Rassismus ist nur schwer durch Deutschen Patriotismus zu übertreffen. Samba im Blut? Was haben dann die Anderen im Blut? Völkermord (Deutschland, USA), Klein- und organisierte Kriminalität (Polen und Italien)? Nein, so meint der Brasilien-"Fan" das natürlich nicht. Nur die vielen schwarz-rot-goldenen Fahnen hierzulande in den Fenstern erinnern halt an düstere Zeiten. Da ist es natürlich nur logisch, dass auch der Brasilianer gerne Flagge zeigt, bei ihm halten die düsteren Zeiten ja bereits seit der Kolonialisierung an.

Unvergessen, unvergeben: EM 76
Unvergessen, unvergeben: EM 76
Foto: Hermann


Mit meiner Abneigung gegen den Zauberfußball-Fetischismus stehe ich alles andere als alleine da. Der spanische Schriftsteller Javier Marías schrieb bereits vor einiger Zeit: "Genauso, wie man jemanden lediglich bestimmte Schriftsteller loben hören muss, um sicher zu sein, dass dieser Jemand nichts von Literatur versteht, reicht es auch schon, Leute zu hören, die bei Brasilien prinzipiell aus dem Häuschen geraten, um zu dem Schluss zu gelangen, dass diese Leute von Fußball keine Ahnung haben. Manche Kommentatoren zerfließen förmlich, sobald sie sehen, wie Cafú in der Mitte des Platzes einen völlig ungefährlichen Ball stoppt: "Was für ein Ballgefühl, es ist unglaublich." Solche Bauernfänger sollten auf der Stelle entlassen werden."

Ich hatte mich bereits auf einen Monat voll Früchte tragendem Rumpelfußball gefreut. In der Vergangenheit versuchten nur Wenige, die Deutschen Erfolge bei Weltmeisterschaften klein zu reden. Warum sollte eine Deutsche Nationalmannschaft auch anders spielen, als es die Pflicht der Tradition gebietet? Von den Brasilianern werden Übersteiger und andere Kabinettstückchen erwartet, Deutschland hat gefälligst schnörkellos und effektiv zu spielen. Oliver Welke sah (beziehungsweise hörte) ich kürzlich überrascht im Fernsehen einen weisen Satz sagen: "Kein Spielzug ist zu schön, um ihn nicht mit einer wohlgesetzten Grätsche zu zerstören." Und genau dieses Spiel ist unser "Zauberfußball". Wir haben eben die Grätsche im Blut, daher wohl auch der Begriff "Blutgrätsche".

Mit einem vierten Stern auf dem Trikot der DFB-Elf wird es diesmal nichts. Diese Tatsache beschützt uns allerdings auch vor allzu großen Auswüchsen des Proll-Patriotismus Marke Gunther Gabriel. Der erklärte seine deutschlandfarbene Gitarre einst damit, dass er nun mal ein Deutscher Jung sei, das hätte nichts mit Nazi zu tun, aber er wäre nun mal stolz ein Deutscher zu sein. Solcher Unsinn hätte uns bei einem WM-Erfolg natürlich verstärkt geblüht. Jenen Spinnern, wie dem Hausboot-Barden, muss erklärt werden, dass es nur Idioten, die rein gar nichts im Leben auf die Reihe bekommen, nötig hätten, auf ihre angeborene Nationalität stolz zu sein. Denn dafür haben sie nichts geleistet, sie wurde ihnen bei der Geburt geschenkt. Stolz kann jemand darauf sein, dass er gut Auto fahren oder leckeren Kuchen backen kann, denn das sind Leistungen. Wenn jetzt aber die peinlichen Einbürgerungstests kommen, werden jene, die nach bestandenem Fragebogen ihren Pass ausgehändigt bekommen, die ersten sein, die darauf stolz sein dürfen.

Natürlich darf man sich darüber freuen, in Deutschland geboren zu sein, denn es gibt jede Menge Länder auf der Welt, die dafür weniger gut geeignet sind. Brasilien zu Beispiel. Da ist die Kindersterblichkeitsrate zehnmal höher als in Deutschland. Dafür haben die Brasilianer aber auch gute Chancen auf die Titelverteidigung, und dürfen sie sich beim FC Bayern dafür bedanken. Für die Chancen, nicht für die Kindersterblichkeit. An der sind die Herren Hoeneß und Rummenigge dann doch nicht schuld, sondern die Konzerne, die als WM-Sponsoren mit Sprüchen wie "Die Welt zu Gast bei Freunden" Werbung für sich machen und gleichzeitig die armen Länder dieser Welt nach wie vor ausbeuten.

Online-Flyer Nr. 47  vom 06.06.2006

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