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Aktueller Online-Flyer vom 23. Februar 2020  

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Kommentar
Autonomie, Demokratie und Frieden auf die Agenda der Hochschulen!
Freiheit statt Freiherr
Von Dietrich Schulze und Peter Kleinert

Den Verdacht des Dresdener Medienwissenschaftlers Stefan Weber von Mitte Februar, dass es nach Faktenlage fraglich sei, dass zu Guttenberg die Doktorarbeit selbst geschrieben hat, wies dieser postwendend mit der Versicherung zurück, dass die Anfertigung seine eigene Leistung gewesen sei. In der ZDF-Sendung mit Markus Lanz am 1. März begrüßte Gertrud Höhler, Publizistin und ehemalige Beraterin von Helmut Kohl, dass sich so viele junge Menschen und Akademiker gegen den Verteidigungsminister ausgesprochen haben. Sie wiederholte in der Diskussion die Vermutung, dass er die Doktorarbeit gekauft hat und deshalb auch gar nichts von den Plagiaten wusste. Das erkläre jedenfalls viel besser sein spontanes Abstreiten.


Cartoon: Kostas Koufogiorgos
 
Wenn das stimmt, steht ein weiter gehender Glaubwürdigkeitsverlust für ihn, die Kanzlerin und Noch-Ministerpräsident Mappus bevor. Die ganze Welt wird sich dann über den betrogenen Betrüger Karl-Theodor, den ehemals glanzvollen Kriegsminister und Kanzlerkandidaten und seine mit lügenden SpießgesellenInnen vor Lachen ausschütten. Was wird der Freiherr wohl für das wertlose Plagiat bezahlt haben?
 
Dass er sich seine Doktorarbeit von einem Ghostwriter gekauft hat und schlicht zu beschränkt war, dessen Fälschungen zu bemerken, glauben ohnehin viele. Das aber konnte sich die herrschende Klasse nun wohl doch nicht mehr leisten, einem weiteren Scharlatan den Aufstieg zum deutschen Kanzler zu ebnen, so dringend sie einen Populisten für Krisenmanagement und Durchsetzung der neudeutschen Interventionsarmee auch braucht. Der unverzügliche Rücktritt war unvermeidlich geworden. Man stelle sich nur einmal vor, was er noch als Kriegsminister mit einer solchen Kombination aus Eitelkeit und Beschränktheit hätte anstellen können, zum Beispiel nach ähnlichem Muster den Ausschlag für die Anschaffung eines wertlosen milliardenschweren Waffensystems zu geben.
 
Die von ProfessorInnen und DoktorandInnen ausgelöste Protestwelle hat dann eine nachhaltige Wirkung, wenn sie über die individuelle Seite der Angelegenheit, die Redlichkeit in der Wissenschaft, zu konkreten Forderungen nach deren gesellschaftlicher Verantwortung voranschreitet. Und wenn daraus ein Beitrag wird gegen die wachsende Militarisierung der gesamten Innen- und Außenpolitik, insbesondere für den Rückzug der Bundeswehr aus allen Kriegs- und Krisengebieten.
 
Wir alle können dazu beitragen, diese Entwicklung zu befördern. Im Kontext mit der Tätigkeit der Initiative gegen Militärforschung an Universitäten bedeutet das vor allem
-          Wiederherstellung von Freiheit und Autonomie durch Vollfinanzierung der Hochschulen aus öffentlichen Mitteln,
-          Re-Demokratisierung statt Umwandlung der Hochschulen zu marktförmig arbeitenden Wissenschaftsunternehmen und
-          Gestaltung der Friedensbindung mittels Zivilklauseln in Senatsbeschlüssen, Grundordnungen und Landeshochschulgesetzen.
 
Dazu sind erste Schritte unternommen worden. Mit der Bremer Erklärung von 63 ProfessorInnen und WissenschaftlerInnen gegen die Stiftungsprofessur des im Rüstungsgeschäft tätigen Bremer Unternehmens OHB Systems („Spionagesatellit HiROS“, erst kürzlich über US-Depeschen und Wikileaks enttarnt). Mit drei studentischen Urabstimmungen für die Einführung einer Zivilklausel in den Unis Karlsruhe, Köln und FU Berlin. Mit einer rechtsgültig gewordenen Zivilklausel an der Uni Tübingen. Mit einem Internationalen Appell gegen Forschung und Lehre für militärische Zwecke an allen Universitäten. Und nach Jahrzehnten wird diesem wichtigen Thema wieder eine Konferenz gewidmet sein, Ende Mai an der TU Braunschweig. An inzwischen zwei Dutzend Hochschulen sind kritische Geister dabei, Demokratie mit Leben zu füllen und Widerstand zu entwickeln. (PK)
 
Mehr über Guttenberg
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16215
Mehr über die Zivilklausel-Bewegung
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16184
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14694
Lesenswert hierzu auch „Ein betrogener Betrüger?“ von Heinrich Hannover
http://www.sopos.org/aufsaetze/4d789e2ff2858/1.phtml
 
 
Dr.-Ing. Dietrich Schulze ist Beiratsmitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative "Verantwortung für Frieden und Zukunftsfähigkeit", die sich gegen die Einflussnahme von Rüstungsindustrie und Militär und für eine "Zivilklausel" an allen Hochschulen einsetzt. Er war von 1966-2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter und von 1984-2005 Betriebsratsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe.
Weitere Informationen www.stattweb.de und dietrich.schulze@gmx.de


Online-Flyer Nr. 293  vom 16.03.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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