NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 06. Dezember 2021  

zurück  
Druckversion

Lokales
Argentinische Autorin im Bürgerzentrum der Alten Feuerwache Köln
Stella Calloni: Auch Europa in Gefahr
Von Horst Hilse

Am 28. Februar fand im Bürgerzentrum der Alten Feuerwache in Köln eine bemerkenswerte Veranstaltung statt. Die Argentinierin Stella Calloni berichtete in auf Grundlage ihres Buches "Operation Condor" über ihre nun mehr als 40 Jahre andauernde Beschäftigung mit den mörderischen Diktaturen der 70er und 80er Jahre in Lateinamerika. Sie ist darum bemüht, die Erinnerung an die Opfer wach zu halten und zugleich die Strukturen zu enthüllen, die diese Verbrechen möglich machten.
 

Stella Calloni
Stella Calloni spricht von einer imperialistischen "Internationale des Terrors", die diese schlimmsten Jahrzehnte lateinamerikanischer Geschichte bewusst geplant und organisiert hätte. In ganz Lateinamerika fielen etwa 250.000 Menschen diesem Terror zum Opfer. Allein in ihrem Heimatland Argentinien waren es etwa 30.000.
 
Das Schicksal vieler Opfer ist heute noch ungeklärt und die Terrorstruktur bisher nur teilweise entziffert. Die Erfassung dieser Struktur sei sehr wichtig zum Verständnis des heutigen Imperialismus, so die Autorin. Denn als intellektueller Kopf fungierte im Hintergrund immer der US-Geheimdienst in seinen verschiedenen Organisationsformen.
 
Als Beispiel ging Stella Calloni näher auf die "Operation Condor" in ihrem Heimatland ein, über die sie ein Buch geschrieben hat, das auch in Deutschland veröffentlicht wurde. Die Aktion begann im November 1975 mit einer Geheimkonferenz in Chile. Teilnehmer waren Vertreter der US-Geheimdienste, Vertreter einer CIA-Gruppe der Exilkubaner sowie führende Geheimdienstler aus Chile und Paraguay. Vereinbart wurde ein gemeinsames Vorgehen gegen die sich radikalisierende Sozialbewegung auf mehreren Ebenen. Eine mediale Desinformationskampagne gehörte ebenso dazu wie der Austausch, der Abgleich und die Sortierung von Personendaten. Damit wurden die Opfer "gekennzeichnet". Die Opfergruppen waren linke Journalisten, Gewerkschaftsvertreter und Lehrer sowie die Führungen aller linken Parteien und Gruppen. Das Kidnapping, die Verschleppung, Folterung und Ermordung wurden so organisiert, dass die jeweils unterschiedlichen Gesetzeslagen der verschiedenen Nationalstaaten berücksichtigt wurden. War beispielsweise eine Folterung in einem Staat gegenüber vorgesetzten Behörden meldepflichtig, wurde sie eben in einem anderen Staat durchgeführt. Allein etwa 5.000 Kinder, von denen viele in den Gefängnissen geboren waren, wurden verschleppt und ihre Mütter ermordet. Stella Calloni hat die Namen von 100 dieser Kinder klären können. Die Schreie der Folteropfer wurden auf Tonband aufgenommen und dann oftmals Angehörigen am Telefon vorgespielt, um sie zur Kooperation mit den Behörden zu veranlassen. Stella Calloni kann Fälle dokumentieren, wo Familienangehörige nach solchen Anrufen Selbstmord begingen oder am Herzinfarkt verstarben.


"Madres de Plaza de Mayo" trauern um ihre ermordeten Angehörigen
NRhZ-Archiv
 
Die Terrororganisatoren waren als internationales Team organisiert, und in den verschiedenen Staaten tauchten dieselben Personen als Verantwortliche auf. Es handelte sich um eine kleine Gruppe. So wurde der Kreis der "Mitwisser" klein gehalten. Weit entfernte Staaten und Gruppen waren allerdings in Form von "Assistentengruppen" durchaus in den Planungen berücksichtigt. Auch die Bundesrepublik unter ihrem damaligen Außenminister Dietrich Genscher habe dabei eine Rolle gespielt. So hat Deutschland laut Stella Calloni bis heute keine ernsthafte Aufklärung über die bis heute "verschwundenen" 94 deutschen Staatsbürger betrieben. Faschistengruppen aus Spanien und Italien waren in Mordanschläge in Europa verwickelt. So wurde in Rom nachweislich ein geflohener Argentinier von italienischen Nazis erschossen.
 
Reise durch Europa
 
Stella Calloni bereist derzeit Frankreich, Deutschland und Italien, um die lateinamerikanischen Erfahrungen hier zu vermitteln und zu warnen. Sie meint, es gäbe viele strukturellen Änderungen in Europa, die die Gefahr einer ähnlichen Entwicklung heraufbeschwören könnten:
Anwachsenden und sich radikalisierenden sozialen Protest auf der einen, enge Zusammenarbeit der Geheimdienste mit den US-Diensten auf der anderen Seite.
Armeereformen, die eine Abschottung der Armee von der Öffentlichkeit beinhalten sowie ihre Umstellung auf operative Kleingruppen - bei gleichzeitiger Existenz der Gladio-Geheimarmee in Europa.
Politische Zersplitterung der nationalen europäischen Behörden bei gleichzeitig erfolgender enger Kooperation jedes europäischen Staates mit den US- Geheimdiensten.
 
Die Autorin verwies mahnend auf die bereits stattgefundenen Personenverschleppungen mit Hilfe europäischer Geheimdienste, was im EU-Parlament keinen politischen Skandal auslöste. Auch in den dabei zur Sprache gekommenen Geheimgefängnissen der CIA in Rumänien, Polen und im Kosovo sieht sie bedrohliche Anzeichen einer gefährlichen Entwicklung. Die europäische Politik hat sich nach ihrer Auffassung bereits dazu entschlossen, die ökonomischen Interessen durch Kriegseinsätze abzusichern, was auch in den neuen Bundeswehrrichtlinien festgehalten worden sei. Sollten sich die europäischen Staaten in krisenhafter Lage dazu entschließen, die Absicherung der Ökonomie auch durch klandestinen Terror zu bewirken, so wäre die Infrastruktur dafür bereits vorhanden.
 
Stella Canelloni brachte ihr Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass diese Fragen in den Debatten der europäischen Linken keine Rolle zu spielen scheinen. Ihre Europareise diene u.a. dazu, hier bewußtseinsverschärfend zu wirken.
 
Auch wenn man dieser Veranstaltung mehr Zuhörer und Mitdiskutanten sowie eine bessere Sprachübersetzung gewünscht hätte, so war es doch ein sehr spannender und nachdenklich stimmender Abend.
 
Stella Calloni ist Journalistin und Schriftstellerin aus Argentinien, mit dem Schwerpunkt
Internationale Politik. Sie war Korrespondentin auf lateinamerikanischen Kriegschauplätzen und erhielt den lateinamerikanischen "Journalistenpreis José Martí" (1986), den Preis der "Madres de la plaza de Mayo" (1989); Menschenrechtpreis der Union der Frauen Argentiniens "Margarita Ponce" (2001) und den Preis des Medienfachbereiches
der Universidad Nacional de la Plata, Argentinien (2002).
 
Neben Stella Callonis Buch "Operation Condor" ist in diesem Zusammenhang auch das Buch von Daniele Ganser "NATO Geheimarmeen in Europa - Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung" lesenswert. (PK)


Online-Flyer Nr. 292  vom 09.03.2011

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FOTOGALERIE