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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Glossen
Hatte unser Selbstverteidigungsminister einen allzu gestressten "Ghostwriter"?
Fragen zu Guttenbergs "eigener Leistung"?
Von Peter Kleinert

"Hat er für seine Jura-Promotion 2007 an der Universität Bayreuth, für die Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg die Bestnote summa cum laude bekommen hatte, geschummelt?" fragen FAZ und die anderen üblichen Medien. Warum gehen sie nicht mal dem Verdacht des Dresdner Medienwissenwissenschaftlers Stefan Weber nach, er habe möglicherweise einen (allerdings nicht besonders sorgfältigen) "Ghostwriter" beauftragt? Schließlich hat der bisher so beliebte "Herr Doktor von und zu" selbst angedeutet, dass er in der Zeit seiner Promotionsarbeit zwischen 2005 und 2007 durch politische Verpflichtungen "sehr belastet" gewesen sei. Während er angeblich seine umfangreiche Dissertation über "Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU" selbst verfasste, hatte der aufstrebende CSU-Mann neben seinem Bundestagsmandat auch noch viel Arbeit als Obmann der Union im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags und als Fraktionssprecher für Abrüstung am Hals.


  Etwas älterer aber durchaus aktueller Cartoon von Kostas Koufogiorgos

Aufgeflogen ist das Ganze durch Recherchen des Bremer Juraprofessors Andreas Fischer-Lescano. Danach sollen in dem vom Doktorvater Professor Peter Häberle an der Uni Bayreuth mit "summa cum laude" bedachten Buch mindestens neun kopierte aber nicht mit Quellenhinweisen durch Fußnoten versehene Textstellen nachweisbar sein. Im Internet wird inzwischen gar von mehr als 20 getalkt. Die Passauer Professorin und Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig, bei der Guttenberg schon wesentliche Teile der Einleitung seiner Dissertation abgeschrieben haben soll, fordert nun wie Andreas Fischer-Lescano und Medienwissenwissenschaftler Stefan Weber, ihm den Doktortitel abzuerkennen. Ihr Text, der am 27. November 1997 in der FAZ erschienen war, decke sich "fast wortwörtlich" mit dem einleitenden Absatz der Arbeit zu Guttenbergs. Aber, so die FAZ: "Das Zitat ist bei zu Guttenberg weder im Text als solches kenntlich gemacht, noch ist Zehnpfennig in der Einleitung als Quelle angegeben."
 
Neuauflage?
 
Der Doktor "summa cum laude" wusste dafür vor seiner Abreise nach Afghanistan einen Grund: "Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus", erklärte er laut FAZ. Er sei aber gern bereit zu prüfen, "ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten". Dies würde bei einer Neuauflage auch berücksichtigt werden. Dass ihm eine – angesichts seiner großen Belastung durch politische Verpflichtungen sooo lässliche Sünde widerfahren sein soll – mag ihm glauben, wer will. Schließlich würde Barbara Zehnpfennigs Text in der angekündigten Neuauflage die Fußnote Nummer 1 tragen.
 
Vorbild Kollege Jaspers?
 
Merkwürdig, dass der reiche Adelsmann – ohne dass ihm gegenüber bislang JournalistInnen einen entsprechenden Verdacht geäußert hatten – vom SPIEGEL bis zur Frankenpost gestern und heute mit dem Satz zitiert wird: "Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung." Ob er dabei an seinen CDU-Kollegen, den ebenfalls wohlhabenden Unternehmer Dieter Jasper gedacht hatte? Der hatte nämlich schon im April 2004 von der Schweizer Titelmühle "Freie Universität Teufen“ den akademischen Grad eines Doktors der Wirtschaftswissenschaften erworben und dann mit entsprechenden Auftritten vor seinem Wahlvolk bei der Bundestagswahl 2009 im Wahlkreis Steinfurt III ein keineswegs sicheres Direktmandat errungen. Der Fall wurde von regionalen Medien öffentlich gemacht, und Anfang 2010 forderten deshalb Politiker der SPD, der Grünen und der Linken im Bundesstag Jaspers Rücktritt, weil der gekaufte Doktortiel "im Wahlkampf eine große Rolle gespielt“ habe und Jasper "unter falschen Voraussetzungen gewählt worden“ sei. Am 4. März 2010 entschied sein Parteifreund, Bundestagspräsident Norbert Lammert, keinen Widerspruch beim Wahlprüfungsausschuss des Bundestages einzulegen. Ein zuvor von der Staatsanwaltschaft Münster gegen ihn in Gang gebrachtes Ermittlungsverfahren wegen Titelmissbrauchs wurde am 6. Mai 2010 ebenfalls gegen Zahlung von 5.000 EUR eingestellt: "Auch wenn der Beschuldigte über einen längeren Zeitraum einen Titelmissbrauch betrieben habe", so die Staatsanwaltschaft laut Emsdettener Volkszeitung im Kreis Steinfurt in ihrer freundlichen Begründung, "sei seine Schuld bei vergleichsweise geringer Strafandrohung - eine Geldstrafe oder Freiheitsstrafe im Höchstmaß bis zu einem Jahr ist laut Strafordnung vorgesehen - zusätzlich durch eine geständigen Einlassung und Reue gekennzeichnet."

Nachdenken in Afghanistan?
 
Sollte Jaspers Kollege, der zurzeit – begleitet ausgerechnet von einem der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" – in Afghanistan weilt, von diesem zum Nachdenken gebracht werden, könnte er ja wie sein am Ende reuiger Parteifreund ebenfalls wegen rechtzeitig "geständiger Einlassung und Reue" mit 5000 Euro davon kommen und nicht wegen einer "Freiheitsstrafe im Höchstmaß bis zu einem Jahr" von seinem Amt als Kriegsminister zurücktreten müssen und doch noch Chancen als Nachfolger Angela Merkels haben. Afghanistan hatte ihn ja schon mal zum Nachdenken gebracht, wie unser Cartoonist Kostas Koufogiorgos oben zeigt.

Nachtrag:
 
Nur sah es danach am Abend, nachdem wir diese Vermutung ins Netz gestellt hatten, überhaupt nicht aus, weil er einen angekündigten Besuch bei Parteifreunden zu einer Informationsveranstaltung der JU und der CDU in Barleben/Sachsen-Anhalt kurzfristig abgesagt hatte. Erwartet hatte man dort, dass er nach seiner Rückkehr vom Außenposten OP North in der Unruheprovinz Baghlan nicht nur wie angekündigt über die "Neugestaltung der Bundeswehr", sondern auch über das Zustandekommen seiner Doktorarbeit aufklären würde. "Karl-Theodor zu Guttenberg zieht Konsequenzen" behauptete dpa denn auch am 17.02.11 | 19:06 Uhr im ersten Satz einer Eilmeldung dazu im Netz. Doch anstatt nach Barleben ging der Freiherr vorsichtshalber zu seiner Parteivorsitzenden. Ob die ihm beibringen konnte, dass er am 18.02.11 die "Konsequenzen" zieht und anschließend in einer Pressekonferenz endlich die Wahrheit sagt? Wir bleiben dran. (PK)

Neue Infos:
 


Online-Flyer Nr. 289  vom 17.02.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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