NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Glossen
Seehofer, Mißfelder & Co in der Luftschlacht über Kackbraun
Ziel: der rechte Rand
Von Frank Kopperschläger

Da tobt er mal wieder, der Kampf um die Lufthoheit über den Stammtischen. Und Bordschütze Horst Seehofer (CSU) feuert gleich mal aus allen Rohren: “Wir als Union treten für die deutsche Leitkultur und gegen Multikulti ein – Multikulti ist tot.” Soll wohl heißen, die Migranten sollen sich gefälligst assimilieren oder besser gleich verschwinden – es gibt keine Kultur neben der deutschen Leidkultur.


Cartoon: Frank Kopperschläger
 
Nein, nix gegen türkischstämmige oder polnische Migranten, wenn sie denn in unserer Nationalelf fleißig Tore schießen. Aber ansonsten gilt: Schnauze halten und ducken! Wer hier in Deutschland glaubt, er habe was zu melden, nur weil er seit 30 oder 40 Jahren durch seiner Hände Arbeit dieses Land zu Wohlstand führte, der hat die Rechnung offensichtlich ohne die Seehofers, Merkels und Mißfelders in diesem Land gemacht!
 
Überhaupt – Stammtisch: Stammtischgerede kennen wir ja seit langem zu Genüge – und die damit einhergehende Verlogenheit und Heuchelei ebenfalls. Man betrachte nur das Geheuchel bezüglich der jüdisch-christlichen Wurzeln unserer Kultur, welche uns immer dann vor Augen geführt werden, wenn es darum geht, Andersgläubige in ihre Schranken zu verweisen.
Doch was passiert denn an den Stammtischen, wenn sich in diesem Lande mal ein Jude zu Worte meldet? Ich habe schon unzählige Male diesen Stammtisch erlebt, wenn die Stimmung hochkocht, weil der Zentralrat der Juden sich zu irgendeinem Thema zu äußern wagt: “Können diese Juden nicht endlich mal die Schnauze halten – die wollen doch eh nur unser Geld!” Und überhaupt, unter die deutsche Geschichte – das muss erlaubt sein – muss endlich mal ein Schlussstrich gezogen werden, kann ja wohl nicht angehen, dass uns das Ermorden von Millionen von Menschen heute noch vorgehalten wird.

Bloß keine Ansprüche stellen!
 
Die kulturelle Leistung jüdischer Künstler, Schriftsteller oder Musiker heften wir Deutschen uns natürlich gerne ans Revers und auch gegen Filmpreise, die türkischstämmige Regisseure gewinnen, haben wir ja nix, wenn die denn alle ansonsten nur das Maul halten und bloß keine Ansprüche stellen.
 
Und ja, natürlich gibt es zahlreiche Beispiele bestens integrierter Migrantinnen und Migranten, die beruflich erfolgreich sind, die deutsche Sprache besser beherrschen als so mancher “Arier” und trotzdem nicht akzeptiert werden. “Alibitürken” oder “Plastikdeutsche” (wegen des plastikummantelten deutschen Personalausweises) heißen diese bestens Integrierten am Stammtisch und taugen allenfalls als “Ausnahme von der Regel”. Deutlich wird das spätestens dann, wenn sie es wagen, beispielsweise durch Tragen eines Kopftuches ihre eigene religiöse und kulturelle Identität zu demonstrieren – da nützt der beste Hochschulabschluss und dialektfreies Hochdeutsch ganz schnell gar nichts mehr.
 
140 Kollateralschäden
 
Doch den Herren Seehofer, Mißfelder und Co. geht es ja in Wirklichkeit auch gar nicht um Integration, sondern eben nur um Stimmenfang am rechten Rande der Gesellschaft. Mit Forderungen nach mehr Patriotismus versucht man, den Umfragetiefs zu entkommen und nimmt es billigend in Kauf, die Gesellschaft tief zu spalten. Sündenböcke, seien es nun Migantinnen und Migranten oder Arbeitslose, haben schon immer gut getaugt, um von den wahren Problemen abzulenken und dem zunehmend erbosten Volk ein Ventil zu bieten. Dass dieses Schüren von Vorurteilen seit der Wiedervereinigung bereits 140 Menschen das Leben gekostet hat, weil gesellschaftlich schlecht integrierte Schlägerbanden auf offener Straße den von Seehofer propagierten “Patriotismus” mit Baseballschläger und Springerstiefeln ausgelebt haben, ist eben ein Kollateralschaden, den man für Stimmenzuwachs hinnehmen muss.
 
Merkels “christliches Menschenbild”
 
Ein Letztes noch! Auch die Kanzlerin hat das Volk in diesem Zusammenhang wieder einmal auf unser “christliches Menschenbild” eingeschworen. Als Atheist möchte ich gerne ein paar Worte dazu verlieren: Liebe Frau Merkel! Ihr christliches Menschenbild interessiert mich nicht im Geringsten, zumal die Politik geradezu ununterbrochen gegen die Prinzipien der Nächstenliebe und andere christliche Grundsätze verstößt, uns belügt, wo sie nur kann und oftmals jegliche Moral vermissen lässt. Sie dürfen für sich persönlich gerne glauben, was Sie möchten und ich respektiere das gerne. Aber ich respektiere ebenso jedes andere Weltbild, sei es philosophischer oder religiöser Natur, solange es sich mit unseren Gesetzen und den Prinzipien des Grundgesetzes in Einklang bringen lässt. Was ich jedoch nicht akzeptiere, ist, dass auch Ihre Partei zunehmend versucht, die Menschen dieses Landes gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen!
 
Wenn Sie also etwas zur Verbesserung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, zur Förderung von Integration, für mehr Bildung und Chancengleichheit tun wollen, dann hören Sie bitte endlich auf, mit Ihrer Trümmertruppe von CDU und CSU und ihren Verbündeten von der FDP dieses Land zusehends zu spalten. Ziehen sie bitte alle gemeinsam ihre Köpfe wieder aus den Gesäßöffnungen der Lobbyisten und Krisenprofiteure und machen sie gefälligst wieder Politik für alle Menschen im Lande, anstatt Deutsche gegen Migranten, Alte gegen Junge und Arbeitslose gegen Arbeitnehmer aufzuhetzen. Ihr “christliches Menschenbild” sollte Ihnen dieses gebieten – oder wenigstens unser Grundgesetz! (PK)


Online-Flyer Nr. 272  vom 20.10.2010

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie