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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Sport
FCR 01 Duisburg & Turbine Potsdam verlieren, Verfolger Wolfsburg & Frankfurt punkten
Schwächegefühle
Von Bernd J.R. Henke

Löwen stehen unter Artenschutz, die Löwinnen aus Duisburg noch nicht. Dass es am Niederrhein kriselt, zeigen die letzten Ergebnisse unter der Trainerinnen-Agide Martina Voss-Tecklenburg. Seit Abwehrchefin Annike Krahn am Saisonbeginn mit Kreuzbandriss ausfiel, versprüht die FCR-Vereinsspitze mit Vorstand Dieter Oster samt sportlicher Leiterin öffentliches Selbstmitleid. 
Ausgelaugt

Größtes Verletzungspech in der Vereinsgeschichte, falsches Los durch Glücksfee Maren Meinert,  ein seit zehn Jahren noch nie da gewesener Kalender-Engpass, als hätte sich die ganze Welt verschworen.  Eigentlich liegt doch der Hase woanders im Pfeffer. Noch im Frühjahr frohlockten die erfolgreichen Löwinnen über talentierten Nachwuchs – sämtlich unter 20 Jahren – der sich seinen Platz im Kader sichern würde oder im Fall vom neuen Superstar Alexandra Popp schon beispielhaft gefunden hätte. Dem Rivalen und Rekordmeister 1.FFC Frankfurt wären die Duisburgerinnen substanziell und nominell im Kaderaufbau überlegen. Prinz und Co. wären doch ausgelaugt und langsam. Weltfußballerin Birgit Prinz ein Schatten ihres gestrigen Erfolges, das Frankfurter Team im Altersquerschnitt maßlos überaltert und die Nachwuchsarbeit durch das große Geld der Sponsoren gänzlich erstickt.  
                                                               

Marith Prießen, ehemalige junge "Wilde" des FCR, im neuen Vereinsdress
des Bayer 04 Leverkusen | Foto: framba.de

Junge Wilde

Es gäbe nur noch zwei deutsche Spitzenmannschaften, nur zwei europäische Hauptdarsteller des Deutschen Frauenfußballs: Turbine Potsdam und man selbst. Sieben auf einen Streich, die „jungen Wilden“ des FCR 2001 Duisburg würden mit Macht nach vorne drängen, sieben hungrige Spielerinnen im Löwen-Käfig. Das war im Frühjahr 2010. Im Herbst 2010 aber waren es nur noch zwei. Am fünften Spieltag im PCC-Stadion: zwei der Wilden spielten gegen den Rivalen Frankfurt – die beiden U-20-Weltmeisterinnen Alexandra Popp und Turid Knaak. Davon eine seit Monaten ohne Pause im Rampenlicht,  so munkelt man  klammheimlich mit Spritzen versorgt. Des Erfolges wegen, wegen der internationalen Aufgaben des Vereins, der  A- Nationalmannschaft und der U-20-Juniorinnen. Kämpfen, kämpfen bis zum Umfallen. Etwas mehr Schongang für „Super-Poppy“ wäre angesagt. Ein gesundheitlicher Ausfall wäre ein Verlust für die DFB-Nationalelf und die WM 2011.


Marith Prießen - Sportlerin mit gewachsener Verantwortung | Foto: privat

Löwinnen

Wer fehlte von den „wilden“ Löwinnen vom Frühjahr 2010? Zu aller erst Abwehrspielerin Marith Prießen, die in ihrer langen Duisburger Zeit mit Robustheit und konsequenter Spielweise aufwarten konnte, ein Talent, dass auch in der U-20-Nationalmannschaft zum Zuge kam. Prießen, die aus der eigenen Jugend, verließ den Verein zu Saisonbeginn zum Aufsteiger Bayer 04 Leverkusen, zu groß war der Schatten der gestandenen Kerntruppe um Grings, Laudehr, Bresonik, Kiesel, Maes und Krahn.  Jetzt saß die Letztgenannte mit Krücken am Spielfeldrand. Marith Prießen hätte als Löwin Verantwortung übernehmen können.

Nörgeln

Lag es etwa am Nörgeln der Trainerin, auch die U-19-Nationalspielerin Eunice Beckmann sprang aus dem Löwinnen-Käfig und suchte freie Bahn bei Bayer 04 Leverkusen. Dort verstärkt sie Mittelfeld und Angriff. Beim 3:2 Sieg der Werkselfen über den Tabellenzweiten VfL Wolfsburg  belebte sie das Offensivspiel durch energischen körperlichen Einsatz und sorgte für beispiellosen Druck. Die Dritte im Bunde der „jungen Wilden“ Irini Ioannidou, ebenfalls U-19-Nationalspielerin  verstärkte diese Saison die SGS Essen-Schönebeck. Immerhin spielte die talentierte Technikerin  sechs Jahre beim FCR 2001 Duisburg. Zurückgeworfen durch Verletzungen war sie aber in diesem Jahr fit und spielte bei der U-19-Europameisterschaft.
Eine weitere „Wilde“ Luisa Wensing, die 2009 als Jugendspielerin zum FCR stieß, flüchtete nicht aus dem Löwinnen-Käfig. Sie wurde Shooting-Star, kam von der zweiten Mannschaft sofort in den Kader der Ersten. Die erst 17-jährige Nationalspielerin steht aber temporär nicht zur Verfügung, denn sie steht im Dienst des DFB bei der U-17-WM in Tobago. Gleichzeitig mit einer Spielerin vom 1,FFC Frankfurt und drei Juniorinnen aus Potsdam. Auch diese Vereine zahlen personellen Tribut , nicht nur der FCR 2001 Duisburg.


Eunice Beckmann, die junge "Wilde" und Ex-Duisburgerin in neuer Heimat
Leverkusen | Foto: framba.de

Die einzige „Wilde“, die blieb, aber vom Pech verfolgt, ist die gebürtige Heidelbergerin, Stürmerin und U-19-Nationalspielerin Hasret Kayikci, die zwar am Wochenende im PCC-Stadion anwesend war, aber im Lazarett der Löwinnen geduldig auf Gesundung wartet. Kayikci zog sich während der U-19-Europameisterschaft  sich einen Kreuzbandriss zu. Die Story vom „Sieben auf einen Streich“ im Löwinnen-Stall, das war einmal. Drei wichtige „Wilde“ fehlen für immer. Mittlerweile verstärkt selbst der 1.FFC Frankfurt seine Nachwuchs-Schmiede und Potsdam so und so.
 
Kassenlage                                                                                                                                           

Gewiss, der Duisburger FCR ist strukturell etwas benachteiligt. Es fehlt ein global, überregional  agierender Hauptsponsor. Auf den Weg zur Professionalisierung des Duisburger Vorort-Vereins wird noch eine Wegstrecke zu laufen sein. Die famosen Champions League Spiele und Erfolge  sowie  der  letztjährige nationale Pokalsieg  sprechen für sich. „Ein mittelfristiges Weiterkommen steht und fällt mit einem gesicherten Finanzplan sowie einem höheren Gesamtbudget dank eines starken Hauptsponsors.  Der große Rivale aus Frankfurt sollte Vorbild sein,“ analysiert Fußballexperte Johann Blaha. „ Die Duisburger stellen zu wenig ihr internationales Image auf die Goldwaage. Es gelingt ihnen nicht aus sportlichen Erfolgen eine finanzielle Grundbasis zu finden“

                                                                  Irina Ioannidou, die junge "Wilde" und Ex-Duisburgerin in neuer Heimat
bei der SGS Essen-Schönebeck | Foto: SGS

Just am fünften Spieltag waren die Frankfurterinnen zu Gast im Duisburger PCC-Stadion. Etwas enttäuschend war der Zuschauerzuspruch mit 1500 verkauften Karten. Immerhin standen dreizehn Spielerinnen des erweiterten Kaders der A-Nationalmannschaft auf dem Platz, der am Mittwoch im Dresdener Rudolf-Harbig-Stadion ein Länderspiel gegen Kanada absolvieren wird. Sponsoren werden da nicht glücklich sein.

Niederlage                                                                                                                                              

Unter den Augen von Bundestrainerin Sylvia Neid setzte sich der 1. FFC Frankfurt  mit 2:1 (1:0) beim DFB-Pokalsieger durch. Turbine Potsdam unterlag zeitgleich beim VfL Wolfsburg mit 1:2 (0:1). In Duisburg gingen die Gäste aus Frankfurt durch U 20-Weltmeisterin Jennifer Maroszan in der 34. Minute in Führung. In Hälfte zwei glich A-Nationalspielerin Linda Bresonik zum 1:1 aus (53.). Conny Pohlers erzielte den Siegtreffer kurz vor dem Abpfiff (88.). Duisburg liegt nun auf Platz drei mit zehn Zählern zwei Punkte hinter dem Spitzenduo Wolfsburg und Potsdam zurück, Frankfurt ist Vierter mit drei Punkten Rückstand auf die Spitze.


Torjägerin Zsanett Jakabfi, verfolgt von Yuki Nagasako, im Hintergrund
Jennifer Zietz | Foto: VfL

Ungarisch                                                                                                                                                             

Im zweiten Spitzenspiel des Tages sorgte Wolfsburg für die erste Saisonniederlage der Turbinen. Zsanett Jakabfi erzielte in der 23. und 75. Minute die Tore für die "Wölfinnen", Yuki Nagasato traf in der 90. Minute zum wichtigen Anschluss. Dank des besseren Torverhältnisses bleiben die Turbinen damit Tabellenführer.

Aufbau                                                                                                                                                          

In Wolfsburg wird ein erfolgreicher Kurs fortgesetzt, der schon in der Saison 2008/2009 begann, als  die Wölfinnen das DFB-Halbfinales erreichten. Der nächste Schritt folgte. Mit einer guten Hinrunde und einer überragenden Rückserie wurde in der Saison 2009/2010 Platz Fünf in der Liga durchgesetzt. Die Mannschaft entwickelte sich sportlich weiter. Der erste Sieg gegen den 1.FFC Frankfurt auswärts war ein Beleg davon. Frankfurt verlor dabei den Anschluss an die Spitze. Mit 37 erreichten Punkten war dies die beste Saison, die eine Frauen-Bundesligamannschaft des VfL Wolfsburg je gespielt hat.


Melidssa Wiik im Duell mit Bianca Schmidt | Foto: VfL

Nicht zuletzt auch des Kaderaufbaus durch die damaligen Neuzugänge mit U-20-Juniorinnen Weltmeisterin Selina Wagner,  U-23-Nationalspielerin Alisa Vetterlein und der ungarischen Nationalspielerin Zsanett Jakabi, die sich hervorragend in das Team integrierten. Aber auch die Winter-Transfers der Norwegerin Melissa Wiik, 52 Länderspiele zu Saisonbeginn,  und der Finnin Anna-Kaisa Rantanen, 95 Länderspiele zu Saisonbeginn,  fanden schnell ihre Positionen um die Säulen Navina Omilade und Spielführerin Martina Müller im Team, und trugen zum Erreichen des Saisonziels bei.
Vertrauensbeweise                                                                                                                                     
Die Arbeit des  Trainerteams Ralf Kellermann, Britta Carlson, Frank Pichatzek und Fabian Lucas trägt Früchte. Seit Mai 2010 ist Ralf Kellermann  zudem sportlicher Leiter. Ein großer Vertrauensbeweis des Männer-Großvereins, der langsam begreift, dass seine Frauen nicht zu vernachlässigen sind. „Ich möchte gemeinsam mit dem VfL und unserem Team die Strukturen weiter ausbauen. Prozesse optimieren und die Mannschaft mittelfristig an der Spitze etablieren,“ verkündete Cheftrainer Kellermann vor Saisonbeginn. Er tat es.


Martina Muller im Zweikampf mit Josephina Henning, im Hintergrund
Babett Peter | Foto: VfL

Nicht nur, dass er dafür verantwortlich zeichnete, dass erfahrene Spielerinnen beim VfL gehalten wurden oder dass mit der norwegischen Nationalspielerin Leni Larsen Kaurin,  der Ex-Jenaerin und Ex-Frankfurterin Yvonne Hartmann und der schweizerischen Nationalspielerin Martina Moser gestandene Bundesligaspielerinnen verpflichtet wurden. Er lockte auch die erst 21-jährige U-23-Nationalspielerin Verena Faißt vom SC Freiburg, wo sie seit vier Jahren in der Bundesliga spielte, in die Autostadt Wolfsburg.

Etablierte                                                                                                                                   

Zurückgemeldet mit einer nachhaltig guten Leistung hat sich das Team des 1.FFC Frankfurt. Deren Manager Siegfried Dietrich erklärte mit Stolz: „Ich freue mich, dass unsere Mannschaft mit einer außerordentlich engagierten Leistung in Duisburg einen sehr wichtigen Sieg erspielt hat und sich eindrucksvoll im Kampf um die Spitze zurückgemeldet hat. Jetzt gilt es, in den nächsten Spielen nachzulegen und die Tendenz zu festigen. Insgesamt waren die Ergebnisse des fünften Spieltags ein deutliches Ausrufezeichen der positiven Entwicklung der Frauen-Bundesliga als Marke. Noch nie haben sich so viele Mannschaften in der Spitzengruppe etabliert. Ich erwarte pünktlich zur WM die spannendste Saison seit Bestehen der eingleisigen Liga!“


Alexandra "Ally" Krieger | Bildagentur A2 Hartenfelser

Hervorzuheben

Insbesondere hervorzuheben bei den Frankfurterinnen waren die beiden Amerikanerinnen im Trikot des Rekordmeisters. An US-Nationalspielerin und Außenverteidigerin Alexandra Krieger kam keine Duisburger Gegnerin vorbei, Turid Knaak, Inka Grings oder Simone Laudehr kapitulierten.  US-Außenverteidigern Gina Lewandrowski  legte Jennifer Oster völlig lahm und glänzte mit beherzten Schüssen aus der zweiten Reihe. Die sprichwörtliche Duisburger Flügelzange wurde durch die USA-Power des FFC demontiert. Alexandra „Ally“ Krieger sorgte zudem auf der rechten Flügelseite für Offensivdruck, sodass Alexandra Popp zu den viel beschäftigten Duisburgerinnen gehörte und nur selten in die gegnerische Hälfte vorpreschen konnte, um Duisburger Druck aufzubauen.


Gina Lewandrowski | Bildagentur A2 Hartenfelser

Mehrfachbelastung

Beste Akteurinnen beim FCR waren Annemieke Kiesel und Simone Laudehr, beide ackerten was das Zeug hält, der Rest war im grauen Mittelfeld der Uninspiration und Planlosigkeit anzutreffen. Bei Frankfurt lief der Ball präziser, die Pässe waren genauer und der körperliche Fitness eine Klasse besser als Duisburg. Der Verschleiß des Duisburger Kaders ist erkennbar. Die Mehrfachbelastungen der nächsten Wochen in der Champions League, auch der Potsdamerinnen, werden die Deutsche Meisterschaft in diesem Jahr offener denn je gestalten. 

Weitere Spiele

SC 07 Bad Neuenahr setzte sich 5:1 (3:1) gegen Aufsteiger Herforder SV durch. Lena Gößling legte mit dem 1:0 den Grundstein zum Sieg. Ein Doppelschlag von Celia Okoyino da Mbabi sorgte für den Drei-Tore-Vorsprung (24., 31.). Den Treffer für Herford erzielte Laura Feiersinger vier Minuten später (35.). Abermals Gößling (79.) und da Mbabi (86.) sorgten für den Endstand. Neuenahr belegt nun Platz fünf, der Aufsteiger hingegen wartet weiter auf die ersten Punkte und ist Schlusslicht.

Bayer Leverkusen kam nicht über ein 1:1 (1:0) gegen die SG Essen-Schönebeck hinaus. Ilka Pedersen sorgte per Eigentor für das 1:0 für Bayer (43.), die Ex-Duisburgerin und „Ex-Junge-Wilde“ U-19-Nationalspielerin Irini Ioannidou sorgte für den Ausgleich (63.).

HSV und Bayern mit Auswärtssiegen

Eröffnet wurde der 5. Spieltag mit zwei Begegnungen. Dabei kamen der Hamburger SV und Bayern München zu Auswärtssiegen. Der HSV gewann nach Toren von Kim Kulig (56.), Nicole Zweigler (65.) und Antonia Göransson (74.) 3:1 (0:1) beim 1. FC Saarbrücken. Danielle Sweeney hatte die Gastgeberinnen in der 23. Minute in Führung gebracht. Der FCB kam durch Treffer von Nina Aigner (8.), Petra Wimbersky (40., 54.) und Vanessa Bürki (43.) zu einem ungefährdeten 4:0 (3:0) beim FF USV Jena.

Krisenstimmung

Die Spitze in der Frauen-Bundesliga rückt näher zusammen. Wolfsburg brachte Tabellenführer Potsdam die erste Niederlage bei und rückt punktgleich mit Turbine auf Platz zwei vor. Duisburg rutschte auf Rang drei ab. Potsdam verfügt als einziges Bundesligateams über einen ausreichenden Gesamtkader, um den wahrhaft engen Kalender-Termindruck international standzuhalten. In der derzeitigen Verfassung gehört das Duisburger Team nicht mehr zur europäischen Spitzenklasse der „Big Four“. Krisenstimmung in Duisburg, gestärktes Selbstbewusstsein in Wolfsburg und Frankfurt, leichte Unsicherheit in Potsdam. (HDH)


Online-Flyer Nr. 270  vom 06.10.2010

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