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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Medien
Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!
Sarrazin und die Medien
Von Frank Kopperschläger

Geht es nur mir so? Wird nur mir zunächst speiübel und im nächsten Moment Angst und Bange angesichts der politischen Entwicklung, die dieses Land derzeit nimmt? Bin ich paranoid, dass mich Tag für Tag beim Durchforsten der Medienlandschaft das Gefühl befällt, dass Geschichte sich zwar vielleicht nicht wiederholt, jedoch die Denkmuster – und damit die daraus resultierenden Konsequenzen und Gefahren – sich durchaus in einem schlechten Remake des Unvorstellbaren darstellen?


Cartoon: Kostas Koufogiorgos
 
Gerade erst war es wieder einmal so weit, dass mir beim Lesen eines Artikels in einer renommierten deutschen Zeitung die Gänsehaut über den Rücken kroch und nicht mehr weichen wollte. In der Onlineausgabe der “Financial Times Deutschland” vom 21.09.2010 stieß ich auf einen Artikel unter der Headline “Sarrazin will Ausländern an die Existenz”.

In dem als “Streitgespräch” angekündigten Artikel lassen sich die Herren Sarrazin (Noch-Bundesbank-Vorstand/SPD) und Straubhaar (Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft/Ökonom) nach Lust und Laune über Migration, Integrationsverweigerer und den Sozialstaat im Allgemeinen aus. Von “Streit” kann da natürlich keine Rede sein, wenn “Integrationsforscher” Straubhaar auf “Statistikfetischist” Sarrazin trifft – im Gegenteil hauen die Herren einvernehmlich auf alles ein, was von Ihnen als schlecht integriert verortet wird. So heißt es beispielsweise über Sarrazin:
 
In dem Capital-Gespräch forderte Sarrazin weiter, dass Familien, die Transferleistungen beziehen, die volle Aufmerksamkeit des Staates spüren müssten – von Ämtern und Behörden über die Arbeitsagentur bis zur Polizei.
 
Die “volle Aufmerksamkeit des Staates spüren” klingt für mich nicht unbedingt nach staatlicher Fürsorge, sondern ganz klar nach einer offenen und unverhohlenen Drohung gegen jeden, der sich nicht Sarrazins menschenverachtendem Weltbild unterordnet. Sind wir schon wieder so weit, dass die vermeintliche Elite dieses Landes sich anmaßt, mit staatlicher Gewalt für eine ihr genehme, möglichst homogene, wirtschaftlich verwertbare “Unterschicht” sorgen zu müssen – unter Einbeziehung ekelhaftester Phantasien aus dem Bereich der Eugenik, die sich schon unter den Nazis als effiziente Methode erwiesen hat, unerwünschtes Leben zu “regulieren”?
 
Weiter heißt es: “Wir dürfen nicht zulassen, dass sich arabische Familien in Neukölln in den Schluchten unserer Verwaltung verstecken und sich jeder effizienten Kontrolle und Steuerung entziehen.” Bei der derzeitigen Handhabung “lässt Zuwanderung aus muslimischen Ländern unsere Unterschicht anwachsen”.
Wer nun denkt, der Gipfel der Geschmacklosigkeit sei hiermit erreicht, hat leider die Rechnung ohne den weiteren Teilnehmer des “Streitgesprächs”, Herrn Straubhaar,  gemacht. Nach der üblichen Hetze gegen Zuwanderer, die seiner Ansicht nach nur wegen der Transferleistungen unser Land aufsuchen, bringt er sein menschenverachtendes Weltbild auf den Punkt. Zwar stellt er zunächst noch in eigener Erkenntnis fest, dass es nach geltendem Recht diskriminierend wäre, Ausländer schärfer zu sanktionieren als Deutsche, geht aber dann genau den Weg, der sich in den letzten Jahren scheinbar wachsender Beliebtheit erfreut. Unser Recht lässt keine Diskriminierung zu? Na, dann ändern wir es eben einfach, damit Diskriminierung legal wird.
“Ich wäre dafür zu haben, vom Wohnsitzland- auf das Herkunftslandprinzip umzustellen”, führt Straubhaar aus. Im Klartext: “Ausländer bekämen die sozialen Grundleistungen nicht mehr nach deutschem Standard – sondern nach den Regeln, die in ihrem Heimatland gelten.”
 
Und wer jetzt denkt, dass es schlimmer nicht mehr kommen könne, für den legt er gleich noch einmal großzügig nach und vergleicht den Zuzug von Ausländern mit dem Import von Waren: “Importierte Turnschuhe werden ja auch nicht zu deutschen Löhnen und Sozialstandards hergestellt.”
 
Entschuldigung, wenn ich es so wenig taktvoll ausdrücke, aber ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte – und wer sich des historischen Ursprungs dieses Ausspruchs bewusst ist, dem muss ich wohl nicht mehr extra erklären, was genau ich damit zum Ausdruck bringen möchte. Für alle, denen der Ursprung nicht bekannt ist, hier der erläuternde Link: http://de.wikiquote.org/wiki/Max_Liebermann
 
Weitere Texte des Autors finden Sie unter www.kopperschlaeger.net


Online-Flyer Nr. 269  vom 29.09.2010

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