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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Filmclips
„Kuhle Wampe"
Von Hans-Dieter Hey



Kuhle Wampe war ein Aufsehen erregender Film von Bert Brecht und Ernst Ottwald, dem Regisseur Slatan Dudow und dem Komponisten Hanns Eisler. Zweimal wurde er verboten. Das Berliner Wort „Kuhle Wampe" bedeutet auch „leerer Bauch“ und weist damit auf die soziale Aussage im Film hin. Leere Bäuche hatten viele in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Armut – insbesondere Kinderarmut – ist wegen „Hartz IV" heute wieder mit auf dem Tisch. Deshalb ist dieser Film beängstigend modern und Parallelen zum Heute sind erlaubt.

Der Film erzählt die Geschichte der Arbeiterfamilie Fritz und Gerda Bönicke, die während der Weltwirtschaftskrise aus ihrer Wohnung vertrieben wird und in die Gartenkolonie „Kuhle Wampe“ im Osten Berlins zieht. Sie entstand bereits 1913 als erstes Zeltdorf und gab später dreihundert Arbeitslosen und Arbeitern Schutz vor Not. Zu Beginn des Films hatte sich Sohn Kurt in den Tod gestürzt, weil er keine Arbeit bekam. Schwester Anni wird schwanger und erfährt auf einem Arbeitersportfest so etwas wie solidarische und politische Gemeinschaft. Der Höhepunkt des Filmes spielt sich in einer Bahnfahrt ab. Dort streiten sich einige Bürgerliche mit Arbeitern über die Weltwirtschaftskrise. Ein Arbeiter bemerkt, dass Wohlhabende die Welt ohnehin nicht ändern würden. Darauf antwortet Gerda, dass nur die, denen sie nicht gefällt, sie ändern müssten.

„Kuhle Wampe – Wem gehört die Welt“ gilt als „der“ politische und einzige proletarische Film, der in der Weimarer Republik gedreht wurde. In ihm geht es um die Folgen der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre. Er spiegelt plakativ die gesellschaftlichen Verhältnisse – ein wenig bieder, ein wenig vereinsmeierisch und mit konservativer Rollenverteilung – wider, bestätigt aber damit das damalige Arbeitermillieu mit seiner Spießbürgerlichkeit. Solche Kleinbürgerlichkeit ist – wie heute – zum Beispiel geprägt von der Beschäftigung mit Unwichtigem und Vorurteilen gegenüber Arbeitslosen einerseits und der Raserei auf der Suche nach einem Arbeitsplatz andererseits. Dieses aufgebaute Spannungsfeld hat seine propagandistische Wirkung damals nicht verfehlt, indem es das typische Millieu angesprochen hat.

Es sollte polarisiert und politisiert werden. Nicht ohne Grund orientiert sich Regisseurs Slatan Dudow an den alten russischen Revolutionsfilmen von S. M. Eisenstein (Streik: 1924, Panzerkreuzer Potemkin: 1925, Oktober 1927, Alexandr Njewskij: 1938). Durch „Kuhle Wampe“ werden die gesellschaftlichen Zusammenhänge erlebbar und einsichtig gemacht mit durchaus revolutionärer Sprengkraft, denn der Film orientierte sich schon am solidarischen Klassenkampf, um die imperialistisch-kapitalistische Wirtschaftsweise zu überwinden. In der Woche der Uraufführung hatte er im Berliner Kino „Atrium“ 14.000 Besucher.

Das störte offenbar damals einen Rezensenten, ein gewisser Erbe, Sozialdemokrat: „Wir können uns nur den gesamten Bildstreifen ansehen, und da finden wir, dass in einer tendenziösen Weise die sozialdemokratische Partei, der Staat, unsere gesamte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung angegriffen werden.“ Der meinte das allen Ernstes noch 1932! Die SPD hatte damals Hindenburg unterstützt, der Adolf Hitler mit an die Macht brachte.

Auch die höhnische Kritik von Georg Herzberg vom „Film-Kurier“ nach der Uraufführung des Films traf nicht den Punkt: „Da schläft man nächtelang nicht, weil man Transparente kleben muss. Da jagt man auf hochfeudalen Motorrädern über die Chausseen. (Ist es wirklich etwas anderes, wenn beim Avus-Autorennen der Kronprinz in der Fox-Wochenschau neben dem Mercedes-Fahrer steht?) Da rudert man und schwimmt man, da macht man ein bisschen Musike und scheint allen Ernstes anzunehmen, das Sporttreiben sei eine KPD-Erfindung.“

Ganz sicher wollte der Film auch von von einer anderen Solidarität erzählen. Doch sie hätte man nicht nur durch Arbeitersportvereine, sondern auch durch Arbeiterkultur und -bildungsvereine mit ihrer politischen Ausrichtung deutlicher hervorheben können. Der Film endet, wie es sich für ein proletarisches Lied gehört, mit dem Singen des Solidaritätsliedes: „Vorwärts und nicht vergessen / Worin unsre Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen / Vorwärts, nicht vergessen / Die Solidarität!“. Und mit den Arbeiterbildungsvereinen und den Arbeitersportvereinen wie auch mit dem Solidaritätslied war es 1933 zu Ende.

Eine andere Solidarität zu zeigen, zumal eine kommunistische, war nämlich für den heranstürmenden Nationalsozialismus durchaus eine Gefahr. Deshalb mussten schon die Dreharbeiten vor Nazi-Schlägern geschützt werden. Schließlich wurde Kuhle Wampe verboten, dann unter Schnittauflagen erlaubt und 1933 ganz verboten. Erst nach dem Kriege wurde er nur in der DDR gezeigt oder 1968 in kritischen Studentenkreisen in der BRD.

Das Verbot oder die Unterdrückung von kritischen Filmen hatte offenbar auch nach dem Kriege in der BRD eine Renaissance. So wurden beispielsweise der Film „Ist die Rundfunkfreiheit bedroht?" vom  damaligen Fernsehdirektor Hübner, von Chefredakteur Theo M. Loch und seinem Stellvertreter Claus Hinrich Casdorff verboten ebenso wie der Film „Der würgende Tod - BAYER forscht für den Umweltschutz" 1983 vom WDR-Intendanten bei MONITOR aufgrund einer Intervention von BAYER. Aber auch ein Film in Köln darüber, wie die Kölner Polizei mit Schwulen und Antifas umging, wurde im WDR nicht akzeptiert.

Mit „Kuhle Wampe“ hatte der Suhrkamp-Verlag seine Filmedition 2008 mit einem historisch wichtigen Dokument hervorragend erweitert. Gratulieren kann man auch zu der bestens gelungenen technischen Bearbeitung des Films. Sehr gut ist auch die beiliegende Dokumentation und das filmische Bonusmaterial. Dass der Film an Aktualität nichts eingebüßt hat, zeigt, dass er auch im Jahr 2010 in vielen Städten gezeigt wird. Das ursprüngliche Programmplakat finden Sie hier.

Wer sich für weitere Filme der Filmedition Suhrkamp interessiert, die aus der Masse der DVD-Beliebigkeit herausragt (Neues Deutschland), findet diese hier.



D: 19,90 €
A: 20,50 €
CH: 30,50 sFr
Erschienen: 08.12.2008
fes 2, 57 Seiten
ISBN: 978-3-518-13502-0


DVD mit Begleitheft,
darin Kommentar und Materialien,
zusammengestellt von Heinrich Geiselberger. 148 Min.
DVD 5 codefree. PAL, Schwarzweiß (4:3). Mono. Deutsch

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Online-Flyer Nr. 268  vom 16. Dezember 2017



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