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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2019  

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Medien
Eins von zehn Geburtstagsgeschenken für den WDR zum 50sten
"Misshandlungen durch die Kölner Polizei"
Von Peter Kleinert

Nachdem wir dem WDR zu seinem Geburtstag schon zweimal einige in den vergangenen Jahren verbotene Filme als Geschenk zum 50sten angeboten hatten (siehe NRhZ 24 und 25), wollte sich auch die ARD nicht lumpen lassen. Weil Intendant Pleitgens Sender schon mal so viel Geld für Wilfried Huismanns 9/11-Doku über Lee Harvey Oswald als angeblich von KGB und Cuba gedungenen Auftragskiller Präsident John F. Kennedys ausgegeben hatte, stellte "Das Erste" die am vergangenen Freitag tatsächlich ins Programm. Filmkritiker und CIA-Experten nannten das Ergebnis "alte Verschwörungstheorien in neuen Schläuchen". Huismanns "story" sei "faul" und "schon seit 40 Jahren widerlegt", und darum "kräht in den USA auch kein Hahn nach der Geschichte, obwohl sie doch für das US-Fernsehen weitaus interessanter wäre als in Deutschland." Damit das angeschlagene Geburtstagskind wieder zu Kräften kommt und trotz der vier Jahre lang umsonst rausgeschmissenen Euros für Oswald weiter Programm machen kann, bieten wir ihm heute ein ganzes Paket verbotener Filme kostenlos zum Senden an.

'Eine Reise nach Cuba'
"Eine Reise nach Cuba"
Foto: KAOS-Archiv



Geschenk Nummer 1 ist - es gibt eben keinen Zufall - ein Cuba-Film. WDR-Redakteur Alexander von Cube hatte uns im November 1977 den Auftrag gegeben, für seine Sendereihe "Eine Reise nach..." eine deutsche Touristengruppe auf die Insel zu begleiten. Wir sollten dokumentieren, "ob, und wenn ja, warum sich deren positive oder negative Vorurteile über die cubanische Gesellschaft und die Regierung Fidel Castros bestätigen". Und weil wir dann ja schon mal dort wären, sollten wir auch gleich unseren zweiten Vorschlag realisieren, einen Film über die Ergebnisse der Alphabetisierungskampagne, die damals immer noch lief. Für den ersten Film bekamen wir einen Vertrag. Den für den zweiten versprach Cube uns "aus haushaltstechnischen Gründen" für Anfang 1978, wenn wir mit dem 16mm-Filmmaterial wieder zurück in Köln wären.

"Eine Reise nach Cuba" wurde mit kräftigem Presse-Echo gesendet. Der Alphabetisierungsfilm wurde verboten. Nicht vom verantwortlichen Redakteur, sondern von seinem Fernsehdirektor. Dieser, Heinz Werner Hübner, hatte inzwischen von seiner Presseabteilung erfahren, dass der Unions-nahe Mediendienst "telecontroll" unserem Film "Propaganda für den Diktator auf der Roten Insel...auf Kosten der Gebührenzahler" vorgeworfen hatte. Wir hatten ca. 70.000 Mark in den Sand gesetzt. Unsere erst ein paar Monate zuvor gegründete Filmproduktion ging beinahe pleite.

Geschenk Nummer 2 ist aus dem Jahr 1978. Darüber, warum der 45 Minuten-Film "Ist die Rundfunkfreiheit bedroht?" produziert und ein paar Tage vor der Sendung verboten wurde, haben wir in NRhZ 24 b berichtet. Eigentlich kein richtiges Geschenk. Der WDR hat ihn ja bezahlt.

'Der würgende Tod  - BAYER forscht für den Umweltschutz'
"Der würgende Tod - BAYER forscht für den Umweltschutz"
Foto: KAOS-Archiv



Geschenk Nummer 3 "Der würgende Tod - BAYER forscht für den Umweltschutz" (siehe auch NRhZ 24) ist eigentlich nur ein halbes Geschenk. Anstelle der auf Intervention der BAYER AG 1983 verbotenen aber ordentlich bezahlten MONITOR-Sendung über das US-Giftgaslager in der Pfalz, die ja nur zehn Minuten lang war, schenken wir dem WDR die später auf einigen Festivals und vielen Veranstaltungen der Friedensbewegung vorgeführte Langfassung von 28 Minuten.

Geschenk Nummer 4 ist der Wallraff-Film "Ganz unten". Den hatte 1986 Radio Bremen für eine Sendung im "Ersten" in Auftrag gegeben. Der Thyssen-Konzern hatte protestiert. Der Film flog aus dem ARD-Programm raus, nur Radio Bremen sendete ihn und später KANAL 4. Der WDR bekommt jetzt die 102 Minuten des mit drei Internationalen Filmpreisen ausgezeichneten Dokumentarfilms auch für sein Programm.

'Keine Nazis in der Elsaßstrasse!'
"Keine Nazis in der Elsaßstrasse!"
Foto: KAOS-Archiv



Geschenke Nummer 5, 6 und 7 haben eine Vorgeschichte. 1987 sendete die "Aktuelle Stunde" einen Achteinhalbminüter über eine Demonstration wegen des vor allem gegen Kölner Antifas eingesetzten "Terrorparagraphen" 129a. Die hatte anlässlich der Shakesspeare-Aufführung "Maß für Maß" auf der Bühne des Kölner Schauspielhauses unter dem Transparent "Das Maß ist voll!" unter Beifall und Buhrufen der Zuschauer stattgefunden. Nach der Sendung beschwerten sich der Kulturausschussvorsitzende und der Intendant darüber, und Claus Hinrich Casdorf entschuldigte sich tags drauf öffentlich im "Kölner Stadt-Anzeiger", dass so etwas nicht wieder vorkommen werde. Der Film sei "nur aus Versehen gesendet" worden.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
"Karikatur: Kostas Koufogiorgos"

Zwei Jahre später passte man besser auf: Wir hatten wieder einen Auftrag von einem AKS-Redakteur, diesmal über "Misshandlungen durch die Kölner Polizei". Es ging vor allem um türkische Jugendliche, einen jungen Schwulen und um Schülerinnen und Schüler, die bei Demonstrationen gegen die NPD wiederholt grässlich misshandelt worden waren. Vor unserer Kamera, aber auch im Knast. Der Film wurde nicht gesendet, weil der Polizeiprässident im Sender angerufen hatte, nachdem wir ein Interview zu den Misshandlungen mit seinem Pressesprecher aufgenommen hatten. Weil er so kurz ist, packen wir gleich noch die eigentlich für AKS geplante Sendung "Keine Nazis in der Elsassstrasse" von 1993 dazu und die ebenfalls aufgrund eines Anrufs des Polizeipräsidenten gekippte Sendung über die Verfolgung der "illegalen" Roma-Frau Nidar Pampurowa durch Neonazis und Kölner Stadtverwaltung.

'Menschenjagd auf Nidar Pampurowa'
"Menschenjagd auf Nidar Pampurowa"
Foto: KAOS-Archiv



Geschenk Nummer 8 heißt "Hölle im Berg" und ist ein 30 Minuten-DokFilm über den "Mythos um Wernher von Braun". Den wollte 1994 eigentlich ein WDR-Redakteur für "seinen Sender" machen, weil er bei Recherchen darauf gestoßen war, dass der "Vater der Weltraumraketen" für den Bau der V2-Raketen gegen England von der SS Häftlinge in dem eigens dafür eingerichteten Konzentrationslager DORA im Harz zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Der Vorschlag des Kollegen wurde "von Oben" abgelehnt. So wurde er - notgedrungen - Co-Autor dieses Films unter dem Pseudonym Hans Georg, weil wir inzwischen, aufgrund der Zensur-Erfahrungen mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, auf den Frequenzen von RTL und SAT1 das "unabhängige Fernsehfenster" KANAL 4 gegründet hatten.

'Hölle im Berg - - oder der Mythos um Wernher von Braun'
"Hölle im Berg - oder der Mythos um Wernher von Braun"
Foto: KAOS-Archiv



Geschenk Nummer 9 - ein Porträt des ehemaligen FDP-Wirtschaftsministers und Dresdner Bank-Chefs Hans Friderichs hat eine ähnliche Geschichte. "Heute Minister morgen Bankier. Heute Bankier morgen Minister", ein 49 Minuten-Dok-Film über den Flick-Skandal und die darin verwickelten Partner des Ministers aus den Konzernen war offensichtlich sogar so brisant, dass nach seiner KANAL 4-Ausstrahlung 1991 keine der bürgerlichen Zeitungen darüber auch nur eine Zeile veröffentlichte.

'Heute Minister, morgen Bankier. Heute Bankier, morgen Minister' - Hans Friderichs, ein Porträt
"Heute Minister, morgen Bankier. Heute Bankier, morgen Minister" -
Hans Friderichs, ein Porträt
Foto: KAOS-Archiv



Geschenk Nummer 10 heißt "Freiheit wird nicht erbettelt, sondern erkämpft" und sollte eigentlich ein Film über die Leipziger "underground"-Galerie "eigen + art" des inzwischen berühmten Galeristen Judy Lybke werden. Der stellte damals in einem ehemaligen Werkstattgebäude DDR- KünstlerInnen aus, die außerhalb des Künstlerverbandes "gegen den Strich" arbeiteten. Dazu gehörten auch junge Filmemacher, die sich auf Super 8 ihre eigenen Gedanken über notwendige und mögliche Veränderungen in der DDR machten. "So etwas", beschied uns einige Wochen nach dem ersten Gespräch die verantwortliche Redakteurin der WDR-Sendereihe, in der damals vergleichende Porträts von BRD- und DDR-BürgerInnen gezeigt wurden, "können wir nicht bringen. Dann dürfen unsere Mitarbeiter keine Filme mehr in der DDR machen." Also sendeten wir die Super 8-Filme der DDR-Avantgardisten bei KANAL 4, im dazu passenden Rahmen der Hausbesetzer-Szene im Kölner Weißhaus. Keine/r der DDR-KünstlerInnen hat nach der Sendung Schwierigkeiten bekommen, obwohl sie in Leipzig und Dresden ein gutes halbes Jahr vor der "Wende" von vielen Leuten gesehen wurde.

Geschenk Nummer 5, "Misshandlungen durch die Kölner Polizei", finden Sie in unserer Rubrik "Filmclip".


Online-Flyer Nr. 26  vom 11.01.2006

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