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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Glossen
„Die Kellerfenster würde ich vergittern lassen.“
Google Street View als Hoffnung
Von Wolfgang Bittner

Hin und wieder hilft mir jemand, den ich noch von früher kenne, bei der Gartenarbeit. Er war Vorarbeiter in einer Fabrik, die ihre Produktion vor einigen Jahren nach Bulgarien verlegt hat, und lebt nun schon länger von Hartz IV. „Zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben“, sagt er. Aber kürzlich fuhr er zu meiner Überraschung mit einem Mercedes vor.

Hin und wieder hilft mir jemand, den ich noch von früher kenne, bei der Gartenarbeit. Er war Vorarbeiter in einer Fabrik, die ihre Produktion vor einigen Jahren nach Bulgarien verlegt hat, und lebt nun schon länger von Hartz IV. „Zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben“, sagt er. Aber kürzlich fuhr er zu meiner Überraschung mit einem Mercedes vor.
 
Während ich dann Unkraut jätete und er ein Beet umgrub, vertraute er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, dass er für sich einen recht einträglichen Nebenerwerb entdeckt habe, den er noch auszuweiten beabsichtige, sobald Google sein Street-View-System für unsere Stadt freischalte.
 
Nachdem er sich nach allen Seiten umgeschaut hatte, flüsterte er: „Als Einbrecher. Manchmal kundschafte ich Gelegenheiten aus und schlage dann in der zweiten Nachthälfte zu, wenn alles im Tiefschlaf liegt. Das bringt Abwechslung in diesen ansonsten trostlosen Alltag.“



Eigentlich müsste mal die Fassade erneuert werden
Foto: Hans-Dieter Hey - gesichter zei(ch/g)en

Fast schwärmerisch fuhr er fort: „Du glaubst gar nicht, welche Mengen an Wertgegenständen in den Villen am Stadtrand gehortet werden: Schmuck, echte Gemälde, Skulpturen, Goldmünzen, sogar Goldbarren oder wertvollste elektronische Geräte und so weiter. Ich nehme alles, was sich leicht transportieren lässt. Die Leute haben Angst vor einer Geldentwertung und decken sich ein. Oft haben sie nicht einmal einen Tresor.“
 
Selbstverständlich ging ich sofort auf Distanz. Auf meine verblüffte Frage, was denn seine neuerlichen nächtlichen Aktivitäten mit dem Street-View-System von Google zu tun hätten, erhielt ich zur Antwort: „Die fotografieren doch sämtliche Häuser von vorn, von hinten und von den Seiten. Da weiß man ganz genau, wo die Schwachstellen liegen und wo man am besten einsteigen kann.“
 
Er zeigte auf unser Haus und meinte: „Das Kellerfenster würde ich vergittern lassen. Und die Fassade müsste erneuert werden. Diesen und den nächsten Satz verstehe ich nicht. Die kann sich dann schließlich jeder im Internet ansehen. Wenn du dich demnächst mal beruflich verändern willst …“
 
„Aber es ist doch noch gar nicht sicher, das Google weitermachen und alle Häuser fotografieren darf“, entgegnete ich. „Man kann Widerspruch einlegen, und vielleicht wird diese ganze Aktion noch verhindert. Womöglich verstößt das alles gegen die Persönlichkeitsrechte der Hausbesitzer und Mieter oder gegen die Eigentumsrechte, oder es ist sogar Spionage, Vorbereitung auf den Häuserkampf, Hochverrat oder so etwas Ähnliches.“
 
Ich holte die Zeitung und las vor, dass die Verbraucherschutzministerin Google gebeten habe, das Abfotografieren erst mal einzuschränken. Mir fiel noch ein: „Falls der Innenminister Wind davon bekommt, wird das womöglich wegen staatsgefährdender Umtriebe verboten. “
 
Das war meinem Helfer gar nicht recht. „Ich fände es schade, wenn die Regierung das stoppen würde“, meinte er. „Gerade habe ich mich mit zwei ehemaligen Kollegen zusammengetan, um unsere Unternehmungen auf eine breitere Basis zu stellen.“ Etwas bedrückt verabschiedete er sich schließlich mit den Worten: „Da versucht man, wieder Arbeit zu finden und außerdem das Verteilungsproblem individuell zu lösen. Und dann kommen einem diese Gutmenschen mit ihrem Sicherheitsfanatismus in die Quere.“ Kopfschüttelnd stieg er in seinen fast neuen Mercedes und fuhr reifenquietschend davon. (HDH)


Erschien in: „Ossietzky – Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft“
 


Online-Flyer Nr. 267  vom 15.09.2010

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