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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Glossen
Friedensbewegung anlässlich Gaza-Flottille Paktieren mit Faschos vorgeworfen
Möchtegern-Linker mit missionarischem Eifer
Von Peter Adolffs

Es geschah in einem Provinzstädtchen, wie es jedes Provinzstädtchen sein könnte. Eine kleine Linksfraktion nahm die Arbeit im Rathaus auf, nachdem man es zur eigenen Überraschung auf die notwendige Mandatszahl gebracht hatte. Jedoch erwies sich einer der Mandatsträger schnell als Kuckucksei. Der junge ambitionierte, aber offensichtlich nur Teil-Linke nahm sich der sozialen Themen um Hartz IV & Co. an. Im Internationalen entpuppte er sich jedoch schnell als Antilinker, die auch oft "Antideutsche" genannt werden. Da wurde Hegemonalstreben plötzlich toleriert, solange es von den USA und Israel ausging, denn diese vertraten für den jungen Stadtrat alle Freiheitswerte schlechthin. Wikileaks hin oder her, nachgewiesene geheime Missionen, Swiftabkommen, Patriot Act und etliche andere antifreiheitliche Tendenzen mehr, schienen angesichts der von ihm geglaubten islamistischen Weltverschwörungstheorie als vernachlässigbarer Tineff.


Demo gegen Moschee in Pankow von IPHAB und BPE im Herbst 2008
Quelle: http://europenews.dk/de/node/15079
 
Er empfahl Websiten wie lizaswelt, stop the bomb (weil Iran = Atombombe, also notfalls durch ein Bombardement des Iran) und verwies auf Aufrufe, die auch von den sog. Bürgerbewegungen Pax Europa (BPE) beworben werden: Auf dem ebenfalls antideutsch angehauchten Kritiknetz hatten die einschlägig bekannten Hartmut Krauss und Heinz Gess einen solchen ins Leben gerufen, um Gegenstimmen zu dem Aufruf des Interkulturellen Rates zu sammeln, der warnte: "Rassisten sind eine Gefahr, nicht Muslime". Im antideutschen Milieu geht das auf keinen Fall, denn schließlich sei Israel nicht durch eine internationale Rechtslage und etliche Rechtsverstöße bedroht, sondern neuerdings durch den Islam. Das ist praktisch und wirkt überall entlastend für die eigene Politik.
 
Die Enthüllungen von Wikileaks bestätigen vergleichbares in Bezug auf Afghanistan: Statt sich an internationales Recht zu halten, wirbt man lieber für Solidarität mit afghanischen Frauen und Mädchen und rechtfertigt so illegale Militäreinsätze, die auch mit einem nachträglichen UNO-Mandat nicht legaler werden.
 
Pinkelt alle an und oft daneben
 
Aber schweifen wir nicht zu weit ab, denn wir werden feststellen müssen, dass unser Möchtegern-Linker weder der internationalen noch der regionalen Lage gewachsen ist. Er pinkelt nämlich alle an und oft daneben, merkt es jedoch selber nicht. Diejenigen seiner Partei, die es merken, gebieten ihm nicht Einhalt, weil auch sie wie die Bundeslinke glauben, den antideutschen Wahn des Kollegen aussitzen zu können. Damit verscherzen sie es sich zwar mit der potentiellen Wählerschaft, aber der kleine Fraktionsstatus ist zunächst einmal gerettet. Wenn da nicht der missionarische Eifer des vermeintlichen Linken wäre. Religionen lehne er ja ab, darum darf man auch über die Moslems herziehen und Kooperationen zwischen den Religionsgemeinschaften als „Dialüg“ abtun. Aber die Juden umgarnt er und die bemerken das doppelte Spiel anscheinend nicht. Mit diesem Trick aber kommt man in die Zeitung, nicht nur in die Provinzpresse.
 
Und so wirft er in einem Leserbrief der Friedensbewegung vor Ort, die anlässlich des Aufbringens der Gaza-Flottille für mehr Besonnenheit und gegen eine Isolierung Israels demonstriert hatte, vor, sie paktiere mit Faschisten und Neonazis. Im Originalton klingt das so:
 
"Bei den Free Gaza -Demos marschieren einträchtig die Anhänger der radikalislamischen HAMAS, der nationalfaschistischen türkischen Grauen Wölfe neben PACE-Fahnen und neben Mitgliedern der Linkspartei, der SPD und diversen kommunistischen Splittergruppen. Selbst die NPD hat ihre eigenen Free Gaza-Plakate."
 
Die Juden aus der Provinz glaubens und schieben gleich ein paar empörte Leserbriefe hinterher. Die Zeitung druckt alles wohlfeil, wie es sich für ein Provinzblatt gehört. Da ist sie also die Weltverschwörung von Islamisten, Neonazis und Linken bis Sozis. So stand es schließlich in der Zeitung. Und dann werden zwei inhaltsgleiche Leserbriefe dieser Meinung gleich nebeneinander abgedruckt, zur Verstärkung. Hätten doch die Juden mal auf den Blog des eingebildeten Linken geguckt, hätten sie gesehen, dass der Neo**** eher hier zu finden gewesen wäre.
 
Fällt auf manches rein
 
Antideutsche Blogs wie LizasWelt sind ebenso verlinkt wie Gegenaufrufe zum Rassismus beworben werden. Die Nähe zu den BPE scheint nicht zu stören, obwohl sich dort weitere Antideutsche, Hartmut Krauss, bis ganz Rechte tummeln und auch pro Deutschland nicht weit weg ist. Daneben ein bisschen Kritik an Orthodoxen in Israel, an Islamisten und deren „Verharmlosern“ sowieso, und auch der Propagandaaufruf gegen die Steinigung einer Frau im Iran ist dort zu finden: Darauf ist nicht nur er hereingefallen, die Petition kursiert immer noch, obwohl der Vollzug der Strafe längst ausgesetzt wurde. Außerdem sind Steinigungen im Iran verboten (wenn sie auch auf dem Land immer noch rechtswidrig stattfinden) und die besagte Frau war wegen Mordes zum Tode verurteilt. Leider und in der Tat gibt es immer noch Länder, die die Todesstrafe praktizieren. Aber die Auswahl auf der Website hätte doch ein Alarmzeichen sein können, dass man es gar nicht mit einem wirklichen Freund, jedenfalls nicht aller Menschen, zu tun hat, sondern mit einem verkappten Rassisten erster Güte, der seine eigene Herkunft durch die Abqualifizierung eines anderen kaschieren will. So scheint es oder so ist es. Nun ja, es kommt sehr darauf an, wie man etwas sagt. Bloß keine falsche Tatsachenbehauptung in die Welt setzen, indem man etwa einen Schein als ein Sein formuliert. Schon hagelt es Abmahnungen. Ja, tatsächlich von einem, der auf dem gleichen Blog jammert, wie wenig er das sagen dürfe, was er meine und wie sehr er für die freie Meinungsäußerung kämpfen müsse. Also seine eigene und nicht die der anderen. Auch dies ein allseits bekanntes Phänomen der Aufklärer 2.0., die zwar Kant reklamieren, ihn aber nicht ernst nehmen. Und Voltaire muss sowieso draußen bleiben!
 
Die Sozis reagieren mittels eines Leserbriefes, der auch die Warnungen enthält, die man dem Agitierenden schon lange aufgetischt hatte – dieser aber ignorierte nichts weniger als den ehrenrührigen Hinweis darauf, er würde sich mit Rechtspopulisten gemein machen. Denn der beworbene Gegenaufruf aus dem Dunstkreis von Pax Europa und pro NRW weist nun einmal alle Kriterien rechtspopulistischer Agitation auf und entspricht inhaltlich eigentlich genau dem, wovor der Aufruf des Interkulturellen Rates warnt. Auch Juso-Leserbriefe gibt es zwei: Einer, der über eine Mailinglist verschickt wurde und den demnach kaum jemand lesen konnte, wird abgemahnt. Der andere, gekürzt um die eigentlich interessante Passage, erscheint in der Lokalzeitung für alle sichtbar. Ausgerechnet der Abmahner selbst hat anscheinend durch die Veröffentlichung des Briefes, der nur für eine interne Mailinglist bestimmt war, auf seinem Blog erst für den Tatbestand gesorgt, den er nun abmahnt – eine erreichte Unterlassung würde also vor allem ihn selber treffen. 

Wir dürfen also sehr gespannt sein
 
Aber es geht noch kurioser: Nicht der Inhalt der Texte und deren hetzerisches Potential soll zur Debatte stehen, sondern ob nun die beiden Autoren des Gegenaufrufs nicht nur auf der Website der besagten BPE firmieren, sondern auch tatsächlich Mitglied der Organisation sind. Wir dürfen also sehr gespannt sein, ob diese dubiose Organisation, die sich das Mäntelchen der Bürgerbewegung umlegt, nun ihre Mitgliedslisten herausgibt und wer da so alles drauf steht. Ob das jedoch unserem Möchtegern-Linken zur Ehre gereichen würde, darf bezweifelt werden. Manch missionarischer Eifer führt ja zu seltsamen Koalitionen: Von antilinken Linken mit Rechtspopulisten und Verfassungsschützern, die gerade wieder den „Linksextremismus“ auf die Agenda geschrieben haben. Es scheint so zu sein, dass nicht nur die Hüter der Verfassung Schwierigkeiten haben, noch zwischen links und rechts zu unterscheiden. (PK)


Online-Flyer Nr. 263  vom 18.08.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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