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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Unerträgliche gesellschaftliche Missstände
Von Hans-Dieter Hey



Die diesjährige Verleihung des „Kölner Karls-Preises für engagierte Literatur und Publizistik” an Wolfgang Bittner am 6. August stieß schnell auf großes öffentliches Interesse. Eigentlich kein Wunder, denn er spricht aus, was viele denken. Eckart Spoo, Herausgeber der Monatsschrift Ossietzky, weiß warum und liefert in seiner Laudatio dafür die Gründe, warum Wolfgang Bittner die Seelen der Menschen trifft.

Schon am Vortag führte ein Ausschnitt aus Bittners Rede zur Preisverleihung in der WDR 5-Sendung Politikum zu überraschenden Zuhörerreaktionen. Und der Moderator Phillip Engel meinte, es sei „eine Rede, die es in sich hat”.

Den Ausschnitt können sie nochmal hier hören:
Zum Start bitte den kleinen Pfeil anklicken!

  
Quelle: WDR 5, Politikum v. 5.8.2010 (Ausschnitt)


Gerechtigskeitssinn aufgrund eigener Erfahrungen

Mit einem musikalischen und literarischen Rahmenprogramm wurde in diesem Jahr Wolfgang Bittners schriftstellerische Arbeit gewürdigt. Bekannte politische Künstler wie Klaus der Geiger und Rolly Brings spielten und sangen eigene und Texte von Bert Brecht. Werner Rügemer, Träger des Kölner Karls-Preises aus dem Jahr 2008, sprach „über ein Problem, wegen dem die „Neue Rheinische Zeitung gegründet wurde.” Er las zur Freude des Publikums seine Satire zum Untergang des Kulturgutes „Kölner Stadtanzeiger” vor, die vor einiger Zeit in der NRhZ erschien.

Eckart Spoo kennt Bittner länger als die Hälfte seines Lebens, hat in den 1970er und 1980er Jahren mit ihm zusammengearbeitet und kennt daher auch die meisten Bücher von ihm. Vor allem kennt er sein Anliegen, nämlich dass die Menschen „unbeeinflusst von gesellschaftlichen Verpflichtungen, Moden und sogenannten Sachzwängen ihre Meinung äußern, denn die Verhältnisse auf dieser Welt sind momentan derart irrsinnig und bedrohlich, dass es vieler Phantasie bedarf, um die Menschheit vor ihrem Untergang zu bewahren.”

Spoo gratuliert vor allem zu Bittners neuem Werk „Der schmale Grat“, der die Poesie des Lebens beschreibt. Er habe in diesem Bändchen manche heiteren Zeilen gefunden.

„Doch diese Leichtigkeit ist nicht gerade charakteristisch für Wolfgang Bittner. Die Schriftstellerei, das hat er in seinem Buch ‚Beruf: Schriftsteller‘ deutlich gesagt, ist harte, schwere Arbeit, und ich hatte nie den Eindruck, dass ihm seltene Wörter einfach geschenkt werden, dass ihm die Worte einfach zufliegen.” Ein Literat also, der wohlüberlegt abwägt.

Der Antrieb des Dichters sei – so Spoo – die eigene Leid- und Unrechtserfahrung, die Kindheitserfahrung, dass gewohnte Sicherheiten zerstört wurden, die Bittner widerfahren seien am „Ende und im Ergebnis des Hitlerfaschismus und des zweiten Weltkriegs. Der Verlust von Familienmitgliedern, die Vertreibung aus Schlesien ins ferne Ostfriesland, die Armut in der Barackensiedlung, die Hochnäsigkeit der Einheimischen – das alles weckte Wünsche nach Gerechtigkeit, Träume von einer anderen, besseren Welt.”


Eckart Spoo - Zeitschrift "Ossietzky"
Foto: Hans-Dieter Hey


Aus der Sinnsuche nach Gerechtigkeit seien seine „Rechtssprüche“ entstanden, und sehr zu empfehlen sei auch der von ihm herausgegebene Sammelband „Strafjustiz“, der den ganzen grausigen Komplex des Strafrechts enthält. „Mit solchen Fragen ging Wolfgang Bittner auf Distanz zum Justizapparat, wurde zum Kritiker und Aufklärer”, so Spoo, die ihn schließlich weg von der Juristerei und hin zur Gesellschaftskritik brachte.

„Unerträgliche gesellschaftliche Missstände benennt Wolfgang Bittner hier im Ton ruhiger, sachlicher Feststellung. Um so direkter kann uns LeserInnen oder HörerInnen das Grauen packen, das Grauen über die Inhumanität der real existierenden Klassenjustiz. Entscheidend – da gestattet Wolfgang Bittner sich und uns keine Illusionen – entscheidend sind die Besitz- und Machtverhältnisse, die sich alles Recht unterwerfen”.

Wolfgang Bittner setze sich mit der grundrechtlich garantierten Meinungsfreiheit auseinander. Vor allem auch mit den Grenzen, „die der Informations- und Meinungsfreiheit durch die Besitz- und Machtverhältnisse entzogen werden, speziell in den Medien, die eigentlich der Aufklärung und Kritik dienen sollten, aber im Dienste bestehender Herrschaft für Propagandazwecke missbraucht werden.”

Pervertierung von Medien und Parteipolitik

Bittner weise auch auf die Pervertierung des Parteienwesens hin, „das entgegen der ursprünglichen grundgesetzlichen Vorstellung, die Parteien sollten an der politischen Meinungsbildung mitwirken, inzwischen den Anspruch erhebt, ‚die Politik‘ selber zu sein und zum Beispiel über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bestimmen zu dürfen.”

In Wolfgang Bittners Romanen erlebten und erlitten die Hauptpersonen „ähnlich wie er selbst die Pervertierung der Justiz, die Pervertierung der monopolisierten Medien, die Pervertierung der Parteipolitik und des parlamentarischen Systems. Sie halten es unter diesen Umständen nicht länger aus, sie hauen ab, suchen nach anderen Lebensformen. Damit spricht er viele Leser an, insbesondere jugendliche Leser.”

Eckart Spoo stellt sich vor, dass Bittner eine andere, eine bessere Welt wolle – und sieht die Widerstände: „Aber wie das, wenn das Große Geld die Regierung in der Hand hat und die Justiz und die Medien?...Und trotz aller Erfahrung mit Agenda 2010 und Hartz IV glauben immer noch führende Gewerkschafter, der SPD nachlaufen zu müssen, selbst wenn die Partei in neue Kriege marschiert”, so Spoo.

Doch es gäbe keine Demokratie ohne Demokratisierung der Medien! Schon Karl Marx habe es ausgesprochen: ‚Die erste Freiheit der Presse ist, kein Gewerbe zu sein.‘ Schließlich Dankt Eckart Spoo für das Werk, das Wolfgang Bittner hinterlässt:

„Dank an Wolfgang Bittner, dass er sich Geschichten ausgedacht hat, die unsere Phantasie anregen. Dank, dass er genau beobachtet, gesellschaftliche Zusammenhänge und Widersprüche und die ganze Perversität kapitalistischer Ausbeuterherrschaft durchschaut und bewußt macht. Dank, dass er zentrale gesellschaftliche Fragen zuspitzt, bis sie weh tun. Dank, dass er seine Leserinnen und Leser wie auch alle Figuren seiner Erzählungen ernst nimmt, auch und gerade die Schwachen, auch die Kinder. Dank für dieses reiche, vielfältige Werk, ein Werk der Humanität, ein Werk der Solidarität mit den Opfern von Ausbeutung, Willkür und Gewalt, so gesehen ein Werk der Parteilichkeit. Dank für seine realistische Schreibweise, der alles Elitäre und Bornierte fremd ist. Und Dank für jahrzehntelange Freundschaft, lieber Wolfgang. Dank aber auch an die „Neue Rheinische Zeitung“, die Wolfgang Bittner einen Auftritt im Internet verschafft und die ihn heute mit dem Kölner Karlspreis ehrt.” (HDH)

Festschrift und Rede können hier zum Selbstkostenpreis von 8 Euro incl. Porto bezogen werden:

Neue Rheinische Zeitung
Marsiliusstr. 49
50937 Köln
oder per Mail: info@nrhz.de

 



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Online-Flyer Nr. 262  vom 23. Oktober 2017



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