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Aktueller Online-Flyer vom 30. Oktober 2020  

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Lokales
KHD-Besetzer besetzen Rathaus
Autonomes Zentrum: Räumung oder Rettung?
Von Hans-Detlev v. Kirchbach

"Kein Tag ohne autonomes Zentrum!" Mit Parolen wie dieser, Transparenten, Verpflegung und Entschlossenheit zogen etwa 40 BewohnerInnen des "Autonomen Zentrums" (AZ) in Kalk am Dienstag Mittag ins Historische Rathaus ein. Hier aktuelle Eindrücke. Die Redaktion.

Ungeladene Gäste - geladen

Stundenweise fand eine Besetzung des Rathaussaales statt, was für die Stadtspitze schon unter normalen Umständen ein höchst unangenehmer

Mit Flagge instandbesetzt
Quelle: Pyranhas
Tatbestand gewesen wäre. Nun aber drohte die Besetzung geradezu die an diesem Tag angesagte Friedhofsruhe des Festsaales zu stören, denn für 17 Uhr war eine Feierstunde zum 200. Geburtstag des Melaten-Friedhofes angesetzt. Da galt es schon, die unpassend jungen, allzu lebendigen, sekundenweise lautstarken AZ-Aktivisten möglichst elegant und ohne allzu viel Aufsehen rechtzeitig aus dem Zeremoniensaal zu entfernen oder freiwillig sich entfernen zu lassen. Immerhin musste auch ein opulentes Buffet, das aus Anlaß der Friedhofsfeier aufgefahren wurde, unter allen Umständen für die geladenen Gäste aus den besseren Kreisen der Stadt  gerettet werden. Wenn schon eine "Kampagne Pyranha" anrückt, dann sind natürlich Sekt und Schnittchen in höchster Gefahr.  Doch wir können aufatmen: Das Festmahl für den gepflegten Tod im Rheinland konnte ohne "Pyranhas" stattfinden. Dank der De-Eskalationsstrategie des erfahrenen Polizeistrategen Jürgen Roters ließen sich die Ungeladenen zunächst in den benachbarten "Muschelsaal" transponieren und zogen nach etlicher Beratung schließlich ab, noch ehe die geladenen und gehobenen Festgäste zum "Happy Birthday Melatenfriedhof" eintrafen.

Räumungsgefahr...

Hintergrund der Aktion waren akute Befürchtungen,  das im April instandbesetzte ehemalige Kantinengelände von Klöckner-Humboldt Deutz

Quelle: Pyranhas
  (KHD) an der Wiersbergstraße in Kalk könne gerade am Dienstag gewaltsam geräumt werden. Die Stadt hatte eine "Begehung" des Areals angekündigt, um dessen bauliche Mängel in Augenschein zu nehmen. Wenn man einer Presseerklärung des Rathauses trauen will, angeblich auch aus Fürsorge für die BesetzerInnen, denn immerhin seien "durch die Besetzer Veranstaltungen in dem Gelände angekündigt" worden. Zur Absicherung dieses fürsorglichen Unterfangens habe "die Stadt Köln deshalb vorsorglich ein Amtshilfeersuchen an die Polizei gestellt", so die Presseerklärung. Im AZ kursierte mithin die konkrete Befürchtung einer bevorstehenden Räumung und löste höchste Alarmstufe aus. So entschlossen sich die "Pyranhas", an die jenseitige Rheinseite zu navigieren und probeweise das Rathaus zu besetzen.

... einstweilen abgewendet?

Das erwünschte Gespräch mit OB Roters kam an diesem Tage freilich nicht zustande. Dafür muss man Verständnis haben. Denn der Oberbürgermeister aller Kölner war an diesem Tage aus Anlass der Melaten-Geburtsfeier vorrangig für die verewigten Bürger der Stadt zuständig. Den Lebenden wird er sich dann ankündigungsgemäß am Donnerstag wieder zuwenden: Für Donnerstagvormittag ist ein Gespräch zwischen Roters und Vertretern des AZ vorgesehen. Damit waren die "Pyranhas" einstweilen zufrieden und setzten friedlich wieder aufs andere Rhein-Ufer über.

Vierzig Pyranhas, zweihundert Polizisten

Nun konnte eine gut aufgelegte Friedhofscombo im Festsaal mit Frohsinn zum Geburtstagsständchen aufspielen. Und die Besatzungen von etwa 15  Polizei-Mannschaftswagen, die auf dem Roncalliplatz aufgezogen waren und im Stand ihre Motoren laufen ließen, konnten in Ruhe ihre Eistüten schlabbern. Ebenso wie ihre Kollegen, die am Rudolfplatz die Festung der Sparkasse Köln Bonn, der gegenwärtigen "Eigentümerin" des KHD-Geländes, vor befürchteten Angriffen der "Pyranhas" zu schützen hatten.


Kurzzeitig besetzt: Kölner Rathaus
Foto: Karin Richert

Enteignung - das gehört sich


Ginge es nach der Sparkasse, so würde natürlich eher gestern als heute geräumt. Man hat das Areal, immerhin ein Dokument der Industrie-und Sozialgeschichte in Köln-Kalk und schon von daher von unmittelbarem öffentlichen Interesse, zwar jahrelang verfallen lassen, was dem breiteren Stadtpublikum allerdings erst durch die Besetzung zu Bewusstsein gekommen ist. Somit haben die BesetzerInnen über ihr AZ-Projekt hinaus ein Stück, in diesem Sinne, öffentliches Eigentum der durch Kapitalverfügung und "Privateigentum" enteigneten Öffentlichkeit zurückgegeben. Das ist de facto schon ein Stück "Enteignung" des sogenannten Privateigentümers, der sich durch die Besetzung vorerst an "freier Verfügung" über das Gelände gehindert sieht. Doch sei daran erinnert, dass Enteignung sogar im Grundgesetz ermöglicht wird, wenn sie im öffentlichen Interesse liegt, auch und gerade wenn dieses mit dem Interesse des "Privateigentümers" kollidiert. Das scheint hier ohnedies der Fall zu sein.  Denn dass "Eigentum" zu irgendetwas anderem als zur rein rechnerischen Mehrung desselben "verpflichten" könnte, dürfte gerade bei diesem Eigentümer eher außer Betracht stehen. (Siehe hierzu in anderem Zusammenhang auch: "Entschuldigen Sie mal!", NRhZ 187 vom 4. 3. 2009).

Die weitere Entwicklung wird die NRhZ als Fachorgan für freilebende Pyranhas weiterhin aufmerksam beobachten.

Online-Flyer Nr. 256  vom 30.06.2010

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