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Aktueller Online-Flyer vom 26. Juli 2016  

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Globales
Solidarität mit den Palästinensern – ja, doch warum nicht mit den Juden?
Israels kollektive Angstpsychose
Von Philip Weiss

Philip Weiss, ein US-amerikanischer Journalist, betreibt mit seinem Kollegen Adam Horowitz das Blog Mondoweiss, eines der großen, meinungsbildenden, von Juden betriebenen Blogs, das sich mit dem Nahen Osten, Israel/Palästina und jüdischer Identität beschäftigt. Im folgenden Artikel führt er das Verhalten Israels auf eine kollektive Angstpsychose zurück, aus der man den davon Befallenen heraushelfen müsse. – Die Redaktion
 

Quelle: veganunderground.com
Ich war entsetzt über den hysterischen Ton im Artikel von Hirsh Goodman (http://mondoweiss.net/2010/06/pillow-talk-nyt-correspondents-husband-says-israel-is-in-a-war-against-critical-information.html), in dem er sagte, Israel müsse kritischen Informationen den Krieg erklären. Man sollte doch meinen, Goodman wäre abgeklärter. Er ist in Südafrika aufgewachsen und hat viele Jahre als Reporter gearbeitet (http://www.abfition.com/history/hirsh-goodman.htm), und er ist mit einer Korrespondentin der New York Times verheiratet. Doch er verteidigt die mörderische Attacke auf die Freedom Flottille vor einem Monat, den Angriff auf Gaza 2008/2009 und ist verärgert, daß Israel seine Message nicht durchbringt, um sein Image in der Welt und die Lebensader zur internationalen Unterstützung aufrecht zu erhalten.
 
Die offenkundige Antwort auf Goodman ist die, daß dieses Gefecht verloren ging. Die Welt ist es müde, daß sich Israel jede Nachricht passend macht, die Welt ist der wundersamen Kämpfe mit Terroristen müde, in denen dann neun Nichtjuden ermordet werden und in denen alle Israelis überleben und die Enteignung nicht aufhört. Sogar die öffentliche Meinung in den USA ist mit im Spiel. Jeden Tag werden auf der Westbank auf Nur-für-Juden-Straßen PalästinenserInnen von jüdischen KolonistInnen überfahren, erschießen israelische SoldatInnen palästinensische Jugendliche oder vertreiben Familien aus ihren Häusern. Und das ist es, worauf die Welt focussiert ist.
 
Doch: Hirsh Goodman fühlt die Wände auf sich zukommen. Fast alle Israelis scheinen das Gleiche zu empfinden.
 
Ich habe eine Menge Zeit mit der Solidarität für Palästina verbracht und dabei versucht, mir anderer Leute Schuhe anzuziehen. Doch was ist mit der Solidarität mit den Israelis? Warum bin ich zu einer Zeit, in der viele Leute Israel klar dämonisieren (andere Staaten machen auch schlimme Dinge; ich war letztes Jahr in Ägypten, unterdrückerisch…), nicht auf der Seite des Volkes, das ich erzogen wurde, das Meine zu nennen – der Juden und mit ihnen der Israelis, von denen so viele mir kulturell ähnlich sind?
 
Das ist eine echte Herausforderung, moralisch, spirituell und politisch.
 
Zuerst vernahm ich es in Gaza. Ein Psychotherapeut sagte zu meiner Gruppe: „Bitte, bitte, versetzen Sie, die Sie Freunde der Israelis sind, sich in deren Lage: wir hier in Gaza sind eingesperrt, doch sie sind unfrei. Die Angst hat sie im Griff; wie sonst kann man ihre böswillige Zerstörung unserer Gesellschaft erklären? Für diese Menschen muß etwas getan werden, und der Therapeut rief uns auf, unsere Hand auszustrecken und sie zu heilen.
 
Der Therapeut fühlte das Gleiche wie ich: es würde mit hoher Wahrscheinlichkeit immer mehr Blutvergießen geben, bis die Israelis ihre Psychose überwinden. Wie schrieb Matthew Taylor? (http://bit.ly/cIL3v6) „Während meiner Reisen in Israel fand ich, hinter allem Getöse und toughen Gerede von „keinen Fußbreit für die Araber, viele der von mir interviewten israelischen Juden bis ins Mark verängstigt. Wir müssen uns erinnern: verständliche und gerechtfertigte Angst vor antijüdischer Unterdrückung war der machtvollste Motivationsfaktor für das Projekt des politischen Zionismus, das vor 130 Jahren begann. Nach meiner Meinung ist Angst der primäre Motivationsfaktor, ob sie nun berechtigt ist oder nicht.“ - Mit einem Wort: HirshGoodman.
 
Der Grund, warum ich mit Palästina aktiv solidarisch bin, ist, daß es keine Frage ist, wer in Israel oder Palästina leidet und wer nicht. Das ist eine grotesk ungerechte Situation, was Menschen- und Bürgerrechte betrifft und erinnert in seiner Ungerechtigkeit und der Art und Weise, wie diese Ungerechtigkeit in Washington abgesegnet wurde, an die amerikanische Sklaverei. Zu jener Zeit hätte ich sicher für eine Zeitung geschrieben, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzt.
 
Als Jude glaube ich, daß der einzige Weg, meine Mit-Juden vor der Verzweiflung zu retten, über das, was aus Israel geworden ist, der ist: Israels Handlungen nicht zu rechtfertigen. Das bedeutet für amerikanische Juden, ihre liberalen Traditionen zurückzufordern, die Israel-Lobby in unserem Land zu bekämpfen, sowie den Israelis ihre sozialen und politischen Grundsätze zu vermitteln.
 
Ich benutze das Wort „Psychose“, weil die Israelische Gesellschaft konditioniert ist vom Holocaust, den sechs Millionen und der Überzeugung, daß Juden niemandem trauen können. Wie Norman Mailer sagte, war es Hitlers bitterster Erfolg, Juden auf die besorgte Frage zu reduzieren: „Ist es gut für die Juden?“
 
Und dies ist die traurige Wahrheit über den Zionismus: er ist destilliertes Mißtrauen. Sein nationalistischer Ruf sortierte die Juden in jene, die Angst vor dem Antisemitismus haben und andere, die diese Angst nicht haben. Es sortierte die aus, die glauben, daß Juden sich vor jenen Juden in Acht nehmen müssten, die sich lieber in westliche Gesellschaften Integrieren. Es trennte die ethnozentrischen „Ist das gut für Juden“-Typen von Juden, die es OK finden, Nichtjuden zu heiraten. In dieser Sortierung übernahmen die Ängstlichen die Macht. Sie gingen nach Israel oder besetzten die Barrikaden der Israel-Lobby, während die Integrationswilligen Nicht-Juden heirateten, Bücher über Jazz schrieben und sich aus dem Diskurs abmeldeten. Den Ängstlichen verlieh die übrige Gemeinschaft Macht.
 
Ist es nicht Zufall, daß Leon Wieseltier (1), einer der getreuen Anhänger der Israel-Lobby in unserem Land, jemand ist, der einige Zeit unter Paranoia litt (ich glaube, er nannte es „Besorgnis“) und Mitglied in der Jewish Defence League (2), als er auf die High School ging? Richard Perle (3) und David Frum (4) („Sieg oder Holocaust“, als sie uns in den Irak schickten) sind möglicherweise genauso schlimm. Jeffrey Goldberg (5) zog als junger Mann aus dem Studium von Holocaust und der amerikanischen Antwort darauf den Schluß, daß Diaspora die „Krankheit“ sei und Israel das Heilmittel; deswegen ging er nach Israel und leistete seinen Wehrdienst in einem Gefängnis ab, in dem Palästinenser unterdrückt wurden. All diese Männer denken, daß Juden sich auf sich selber verlassen müssen. Und mit diesem Verständnis isolieren sie die Juden Israels vom Rest der Welt.
 
Somit akzeptiere ich meine Verantwortung. Ich bin Teil der jüdischen Gemeinschaft und fühle Solidarität mit den Juden Israels. Und das Beste, was ich für sie zurzeit tun kann, ist, ihnen freundlich aber bestimmt zu vermitteln, daß man so, wie sie es tun, mit anderen Menschen nicht umgeht, und daß viele, viele Juden das bereits verstanden haben. Ihr isoliert Euch von der Welt! Es ist Zeit, zuzuhören. Bitte! (PK)
 
Der Artikel erschien im Original (http://mondoweiss.net/2010/06/solidarity-with-palestinians-yes-but-why-not-solidarity-with-jews.html) auf dem Mondoweiss-Blog. Wir bedanken uns bei Philip Weiss für die Erlaubnis zur Übersetzung und Übernahme.
 
(1) http://en.wikipedia.org/wiki/Leon_Wieseltier
(2) http://en.wikipedia.org/wiki/Jewish_Defense_League
(3) http://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Perle
(4) http://en.wikipedia.org/wiki/David_Frum
(5) http://en.wikipedia.org/wiki/Jeffrey_Goldberg
 
Philip Weiss, geboren 1955, ist ein investigativer Journalist, der, mit Adam Horowitz, das blog Mondoweiss betreibt, das sich mit Nahost-Politik, Israel/Palästina und jüdischer Identität beschäftigt.
Er schreibt für: The New York Observer, The Nation, The American Conservative, National Review, Washington Monthly, New York Times Magazine, Esquire, Harper's Magazine, and Jewish World Review. Er schrieb 1994 den politischen Roman Cock-a-Doodle-Doo und das “Buch des Jahres 2004”, American Taboo: A Murder In The Peace Corps.
 
Anfang 2006 begann Weiss sein politisches Online-Blog “Mondoweiss”, das sich im Wesentlichen auf US-Israelische Beziehungen, Jüdisches Leben in Amerikay und die Rolle der “Israel-Lobby” im politischen und kulturellen Leben der USA. Wie Weiss sagt, hörte er im Frühjahr 2007 auf, auf der Website des New York Observers zu bloggen, da der Observer die Zahlungen an ihn eingestellt hatte. Über die Reaktion des Observers auf seine Kolumnen, in denen er die Politik der israelischen Regierung kritisierte, hat er auf den Seiten von “The American Conservative” ausführlich geschrieben.


Online-Flyer Nr. 255  vom 23.06.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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