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Lokales
Wolfgang Bittner wird für seine Schriftsteller- und Autorenarbeit ausgezeichnet
Kölner Karls-Preis
Von Peter Kleinert

Die Redaktion der NRhZ wird am Freitag, dem 6. August 2010, aus Anlass ihres fünfjährigen Bestehens zum zweiten Mal den “Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik“ vergeben. Der Namensgeber des Preises, Karl Marx, war vom 1. Juni 1848 bis zu deren Verbot am 19. Mai 1849 Redakteur der radikaldemokratisch-sozialistischen Neuen Rheinischen Zeitung in Köln. Nach dem Kölner Autor Werner Rügemer erhält nun Wolfgang Bittner, bekannt vor allem durch seine Bücher, Hörfunk-Sendungen sowie Zeitungs- und Zeitschriften-Beiträge, den Kölner Karls-Preis.


Wolfgang Bittner
Fotos: Archiv W. Bittner
Der Schriftsteller besitzt nicht nur ein ausgeprägtes Gefühl für Sprache, er hat oft auch problematische Entwicklungen in Kultur und Politik thematisiert, und zwar fundiert und couragiert mit der ihm eigenen Haltung. Das gilt sowohl für seine publizistische wie auch für die schriftstellerische Arbeit, in der fast immer auf subtile Weise und abseits der üblichen Phraseologie der gesellschaftliche Hintergrund zum Tragen kommt. Seine literarische Handschrift ist unverwechselbar, das Sujet originär und nicht selten antizipatorisch geprägt. Wolfgang Bittner, „eine singuläre Erscheinung auf dem Literaturmarkt der Eitelkeiten“, verdient es, geehrt zu werden.

Die Preisverleihung findet in dem Kölner Szenelokal “Weißer Holunder“ in der Gladbacher Straße 48 von 18 bis 20 Uhr statt. Die Laudatio auf Wolfgang Bittner wird der langjährige Bundesvorsitzende der Deutschen Journalisten-Union (dju) und Herausgeber der Zweiwochenzeitschrift “Ossietzky“, Eckart Spoo, halten. Für kölsche Unterhaltung sorgt Rolly Brings, dann Übergang in den offenen Kneipenabend mit Essen, Trinken und 
Rauchen auch für's Stammpublikum.

Preisgeld und Karl Marx-Münze

Seit dem 16. August 2005 versucht die www.nrhz.de mit ihren ohne Honorare arbeitenden RedakteurInnen, AutorInnen, InformantInnen und LeserInnen die Tradition der ursprünglichen Neuen Rheinischen Zeitung fortzusetzen. Mit journalistischen Beiträgen zu Themen, die in den üblichen Medien tabu sind oder zensiert werden, mit engagierter Literatur, Kunst, Videos und Fotografie. Weil auf dem Gebiet der Literatur schon seit Jahren Beliebigkeit und Opportunismus vorherrschen und prämiert werden und kritische Publizistik kaum noch Verbreitung findet, vielmehr häufig unterdrückt wird, soll der Kölner Karls-Preis an Persönlichkeiten vergeben werden, die sich in der Tradition der Neuen Rheinischen Zeitung auf diesem Feld verdient gemacht haben. Beabsichtigt ist, damit den Fokus auf ein Gebiet zu richten, das zwar immer wieder gern öffentlich beschworen wird, in der deutschen Realität aber ins Abseits geraten ist. Da der Namensgeber am 5. Mai 1818 geboren wurde, erhält Wolfgang Bittner in diesem Jahr ein Preisgeld von 192 Euro, eine historische Karl Marx-Münze und einen Urlaub auf der türkischen Datca-Halbinsel zwischen Rhodos und Kos, wo der griechische Künstler Praxiteles seine weltbekannte Aphrodite über den Hafen des antiken Knidos gestellt hat.

Wolfgang Bittners Biographie

Geboren am 29. Juli 1941 in Gleiwitz/Oberschlesien (heute Gliwice/Polen), aufgewachsen in Ostfriesland, lebt Wolfgang Bittner als Schriftsteller und Publizist in Göttingen und Köln. Nach dem Abitur (auf dem zweiten Bildungsweg 1966) studierte er Rechtswissenschaft, Soziologie und Philosophie in Göttingen und München. 1970 absolvierte er das erste juristische Staatsexamen, promovierte 1972 über ein strafrechtliches Thema, um dann 1973 das Referendariat und seine Studien mit dem zweiten juristischen Staatsexamen abzuschließen. Bis 1974 ging er verschiedenen Berufs- und Erwerbstätigkeiten nach, u.a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko, Kanada und Neuseeland.

Nachdem er in Juristenkreisen 1972 durch die Einführung eines „sozial-normativen Gewahrsamsbegriffs“ im Strafrecht auf sich aufmerksam gemacht hatte, begann er sich ab 1974 beruflich mehr und mehr auf Literatur und Publizistik zu konzentrieren. Seine seit 1975 veröffentlichten justizkritischen „Rechts-Sprüche“ (von denen einige Dutzend auch im NRhZ-Archiv zu finden sind) erregten ebenso Aufsehen wie sein 1978 erschienener sehr erfolgreicher Debütroman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, ein „exemplarischer Entwicklungsroman“ (so Martin Walser) vor dem Hintergrund des deutschen Wirtschaftswunders und der Studentenrevolte. Zahlreiche weitere Bücher für ein erwachsenes Leserpublikum sowie für Jugendliche und Kinder folgten.

Daneben war Bittner, dessen Spektrum an Veröffentlichungen sehr groß ist, als freier Mitarbeiter bei Rundfunk-anstalten wie NDR, WDR, Radio Bremen und Deutschlandfunk tätig und schrieb u.a. für Die Zeit, Frankfurter Rundschau, Welt der Arbeit, Neue Zürcher Zeitung, den Vorwärts, und das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt; außerdem erschienen Beiträge in diversen Anthologien und in Zeitschriften wie Pardon, Kunst & Kultur, Theater heute, Buchreport, Die Horen oder in Zblizenia/Annäherungen, einer polnisch-deutschen Publikation.

Mit seinen Jugendromanen „Abhauen“ und „Weg vom Fenster“ brachte Bittner 1980 und 1982 einen neuen Ton in die seinerzeit weitgehend noch von Kitsch und Tümelei geprägte Kinder- und Jugendliteratur ein. Es geht um Jugendliche, die trotz aller Enttäuschungen und Verirrungen schließlich ihren Weg in die Gesellschaft finden.

In dem Gesellschaftsroman „Bis an die Grenze“ gab Bittner 1980 „eine gesellschaftlich differenzierte Darstellung der Bundesrepublik in den achtziger Jahren“ (Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur), und mit einer Reihe von zum Teil sehr erfolgreichen Bilderbüchern – illustriert von namhaften Künstlern – wandte sich der außerordentlich vielseitige Autor an die jüngsten Leser. Zudem zeugen mehrere Gedichtbände, Satiren und Sachbücher von der Vielfalt seines Schaffens.

Nach längeren Aufenthalten im kanadischen Norden erschienen seit Mitte der 1980er Jahre nach und nach fünf Abenteuerromane, in denen der Autor den Lesern auf einem guten literarischen Niveau und „ohne in Holzfällerromantik zu verfallen“ (Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt) das Leben am Rande oder abseits der Zivilisation auf durchaus spannende Weise nahe bringt. 1996 schrieb Bittner dann das Drehbuch für den ZDF-Film „Tommy und Beule“ nach seinem gleichnamigen Roman.

In den 1985 und 2002 veröffentlichten Büchern „Von Beruf Schriftsteller – Das Handwerk mit der Phantasie“ und „Beruf: Schriftsteller – Was man wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will“ setzt sich der Autor mit der schriftstellerischen Arbeit und der Existenz in freier Autorenschaft auseinander, wobei er sowohl über eigene Erfahrungen berichtet, als auch in den Literaturbetrieb und seine Bedingungen Einblick gewährt. Er ist der Meinung, die Literatur leide häufig darunter, „dass sich Autoren ihre Erfahrungen aus sekundären Quellen verschaffen“ (Lexikon der Reise- und Abenteuerliteratur). Von sich sagt er, dass er „schon immer den Drang hatte, hinter den Horizont zu blicken und die Welt kennenzulernen“ (Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur).

Große Beachtung fand 1992 der Roman „Niemandsland“, in dem – wie schon im Aufsteiger“ – autobiographische Erfahrungen verarbeitet sind. In der taz hieß es dazu: „Niemandsland ist als Kommentar zur Geschichte der alten Bundesrepublik aufzufassen, vielleicht sogar als literarischer Schlusspunkt“. In dem Roman „Marmelsteins Verwandlung“ von 1999 geht es dann um den Versuch eines Ausstiegs aus einem maroden Literaturbetrieb in den kanadischen Norden, „eine fesselnde Kriminal- und Liebesgeschichte“ (Kölner Stadt-Anzeiger). In seinen Büchern „Gleiwitz heißt heute Gliwice“ und „Überschreiten die Grenze“ spürt der Autor 2003 und 2004 nach Aufenthalten in Polen auf bewegende Weise seiner frühesten Kindheit nach. Der Band „Das andere Leben“ (2007) fasst schließlich 16 in der Zeit von 1975 bis 2000 bereits veröffentlichte Erzählungen und Kurzgeschichten zusammen.



Bittner, der nach dem zweiten Weltkrieg in einem Barackenlager aufwuchs, schreibt fast immer mit einem gesellschaftspolitischen Hintergrund, „im besten Sinn tendenziös, dazu unterhaltend, spannend“ (Hannoversche Allgemeine Zeitung). Es geht ihm nach eigenem Bekunden um die Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens, um Probleme unserer Gesellschaft und Gesellschaftsordnung (Munzinger Archiv), letztlich auch um Bewusstseinserweiterung bei sich und bei anderen (Beruf: Schriftsteller). Die Zeit nannte ihn einen der „konsequentesten und sachkundigsten Vertreter realistischer Jugendliteratur“, in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wurde er als „eine singuläre Erscheinung auf dem Literaturmarkt der Eitelkeiten“ und in der Neuen Rheinischen Zeitung als „Solitär unter den heutigen Autoren“ gewürdigt.

Wolfgang Bittner hat mehrere Preise und Auszeichnungen erhalten, z.B. 1978 den Egon-Erwin-Kisch-Preis, 1979 den Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen – Förderpreis, 1993 den Literaturpreis der Stadt Dormagen, 2001 das Stipendium an der Cité Internationale des Arts in Paris und 2003 das Literaturstipendium der Kulturstiftung der Länder in der Villa Decius in Krakau. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Von 1996 bis 1998 wurde er vom Verband deutscher Schriftsteller (VS) in den WDR-Rundfunkrat entsandt. Er übernahm Lehrtätigkeiten im In- und Ausland, darunter in den Jahren 2004/05 und 2006 Gastprofessuren in Polen. Bittner ist Mitglied des P.E.N. und im VS, dessen Bundesvorstand er von 1997 bis 2001 angehörte.


„Wächter“ nannte Wolfgang Bittner diese
Skulptur, die er aus Holz, Steinen und
sonstigen am Strand gefundenen Gegen-
ständen im Mai 2007 zusammenbaute,
um so ein sechs Millionen Jahre altes
Dünengebiet auf der türkischen Datca-
Halbinsel zu schützen.
Foto: Peter Kleinert
Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller und Publizist hat sich Wolfgang Bittner erfolgreich auch der bildenden Kunst gewidmet. Seit 1977 sind bildnerische Arbeiten von ihm (Eisenplastiken, Malerei usw.) immer wieder in Ausstellungen gezeigt worden. Weitere Fotos und einen ausführlichen Text zu einem gemeinsamen Kunstprojekt zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin und Künstlerin Renate Schoof, finden Sie auf der Webseite www.praxiteles-stipendium.de.  
Ein umfangreiches Werkverzeichnis von Wolfgang Bittner finden Sie unter: www.wolfgangbittner.de.

Einige Texte von Wolfgang Bittner werden wir bis zur Preisverleihung in den nächsten NRhZ-Ausgaben veröffentlichen.  (PK)


Online-Flyer Nr. 254  vom 16.06.2010

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