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Aktueller Online-Flyer vom 01. Dezember 2020  

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Inland
Conterganhersteller Grünenthal droht ein neuer Prozess seitens der Opfer
Akten vernichtet
Von Peter Kleinert

Nach Angaben der im Eigentum der Familie Wirtz befindlichen Pharmafirma Grünenthal GmbH in Stolberg bei Aachen wurde Thalidomid, der Wirkstoff von Contergan, Anfang der 1950er Jahre durch Mitarbeiter der Forschungsabteilung dieses Unternehmens entwickelt. Überraschend ist, dass die zuständigen Forscher, der Pharmakologe Herbert Keller und der Apotheker Dr. Wilhelm Kunz, die erst Anfang 1954 bei Grünenthal eingestellt worden waren, bereits im März 1954 Thalidomid (damalige Bezeichnung: K 17) entwickelt haben wollen. Noch mehr allerdings verwundertdie Contergan-Opfer, dass diese – auch im Alsdorfer Conterganprozess (1967 – 1970) zu Protokoll gegebene Aussage – offensichtlich nicht den Tatsachen entspricht.       


Protest von Contergan-Opfern vor der deutschen Botschaft in London
Quelle: http://www.sternentaler.com
 
Bereits in früheren Pressemitteilungen hatte der “Untersuchungsausschuss Conterganverbrechen“ (U.A.C.) zahlreiche wissenschaftliche Quellen benannt, welche die Entwicklung von Thalidomid / K 17 durch Grünenthal bestreiten und diese der Pharmafirma Ciba (Basel / Schweiz) zuschreiben. Inzwischen liegt – nach Mitteilung von Stephan Nuding aus Bergisch Gladbach, Sprecher des U.A.C. – diesem ein Aufsatz aus dem Winter 2006/2007 vor, „der von keinem Geringeren als Sol Barer, einem der Spitzenmanager (Chairman and Chief Executive Officer) des US-amerikanischen Pharmariesen Celegene, verfasst wurde. Celegene ist das Unternehmen, das sich seit den 1990er Jahren mit der Forschung, Nutzung und Vermarktung von Thalidomid u.a. als Medikament gegen Lepra und AIDS/HIV beschäftigt.“   
 
Nuding: „Unter dem Titel „Celegene: The Pharmaceutical Phoenix“ schrieb Sol Barer im Winter 2006/7 im „Chemical Heritage Magazine“, Vol. 24, No.4, zur Herkunft von Thalidomid: “Flash back to 1953 when researches at the Ciba corporation discovered a chemical that acted as a nonaddictive barbiturate. A German firm, Chemie Grünenthal, launched the drug under the trade name Contergan on October 1957, but we remember it by its generic name: thalidomide”. Es ist also festzuhalten: Einer der führenden Köpfe von Celegene, dem Unternehmen, das sich fast zwei Jahrzehnte intensiv mit Thalidomid beschäftigte, erklärte schriftlich, dass Grünenthal nicht der “Erfinder“ von Contergan ist. Nein, es war Ciba!“   
 

Stephan Nuding
Für den U.A.C. stellt die Aussage von Sol Barer laut Stephan Nuding einen
entscheidenden Meilenstein in der Aufklärung des Conterganverbrechens dar, „das tausende von Menschen weltweit tötete und verstümmelte“. Grünenthal, dessen Beruhigungsmittel Contergan, das von Oktober 1957 bis November 1961 schwangeren Frauen in der Bundesrepublik gegen die morgendliche Übelkeit verordnet wurde, könne also nicht mehr von einer “Tragödie“ sprechen. Nuding: „Eindringlich mahnen wir die Verant-wortlichen der Firma Grünenthal, insbesondere aber deren Eigentümerfamilie Wirtz, endlich das ganze Ausmaß der Schuld ihres Unternehmens offen zu legen, den deutschen Conterganopfern den Schadensersatz zu leisten und Respekt zu zollen, der ihnen zusteht. Für Grünenthal ist dies die letzte Chance einer außergerichtlichen Einigung mit den, durch den U.A.C. vertretenen, deutschen Conterganopfern.“           
       
Die Bundesregierung, insbesondere aber das Bundesfamilienministerium, weist der U.A.C. erneut nachdrücklich darauf hin, „dass die Bundesrepublik Deutschland – durch das seiner Zeit fehlende Arzneimittelgesetz – erhebliche Mitschuld an unseren Leiden, Schmerzen und Verstümmelungen trägt. Es ist nicht nur die moralische Pflicht, sondern auch nach Recht und Gesetz, dass die Bundesregierung umgehend und bedingungslos ihren Beitrag zum Schadensersatz der deutschen Conterganopfer beiträgt“. Man bitte „die Verantwortlichen in der Justiz und in den Medien, das Ihrige dazu beizutragen, damit das Conterganverbrechen restlos aufgeklärt wird und dessen Opfern endlich, nach fünf Jahrzehnten, zu ihrem Recht verholfen wird“.      
 
Auf Nachfrage der NRhZ-Redaktion: „Wenn Ciba der "Erfinder" von Thalidomid / K 17 ist, wie kann dann allein Grünenthal für die Opfer dieser Erfindung verantwortlich gemacht werden?“ antwortet Stephan Nuding: „Wie Grünenthal in den Besitz von Thalidomid gekommen ist, wird sich noch herausstellen. Aus dem Alsdorfer Conterganprozess ist ja bekannt, dass Grünenthal kistenweise Akten zum Thema vernichtet hatte. Grünenthal war es, die Thalidomid / Contergan in Deutschland auf den Markt gebracht und verkauft haben. Es wurde damit sehr viel Geld verdient. Auch dann noch, als hunderte von Hinweisen auf die Gefahren von Thalidomid/Contergan bei Grünenthal eingingen, wurde es in unverantwortlicher Weise als „harmlos wie ein Zuckerplätzchen“ beworben. Das die Überlebenden der Conterganvergiftung verstümmelt und unter Schmerzen ihr Leben fristen müssen, das ist aus meiner Sicht keiner „Tragödie“, sondern den s.Zt. Verantwortlichen der Firma Grünenthal schuldhaft zuzuschreiben. Dafür ist Grünenthal schadensersatzpflichtig. Auch noch heute!“ Und aus der Literatur wisse man, dass der Schweizer Pharmahersteller Ciba, der inzwischen zur BASF gehört, das Thalidomid als Mittel gegen Epilepsie nutzen wollte, dann aber – mangels Wirkung – davon abgekommen sei. Nuding: „Wo ich z.Zt. selbst noch nachforsche ist, welche Tierversuche Ciba angestellt hat. Die Frage, über die ich bei meinen Forschungen immer wieder stolpere ist: Warum - selbst bei Wissenschaftlern, die zum Thema gearbeitet haben - immer das große Schweigen eintritt, wenn man nachfragt. Für mich steht fest, dass hinter den bekannten Fakten des Conterganverbrechens weit größere, sorgsam verschwiegene und verborgene, Delikte stecken. Aber auch den diesbezüglichen Indizien wird der U.A.C. nachgehen.“
Der U.A.C. fordere die Firma Grünenthal und die Bundesregierung zur sofortigen Aufnahme von Gesprächen auf. „Diese haben zum Ziel:
- Die Fa. Grünenthal GmbH, wie auch deren Eigentümer, die Familie Wirtz, legt umgehend das ganze Ausmaß des Conterganverbrechens offen und zahlt einen Schadensersatz von durchschnittlich 1 Million Euro (pro deutschem Betroffenen) aus.
- Die Bundesregierung kommt umgehend ihren übernommenen, wie auch den aus eigener Schuld resultierenden, Verpflichtungen gegenüber den deutschen Conterganopfern umgehend nach und versechsfacht die derzeitigen monatlichen Renten.
- Der sogenannte, aus unserer Sicht menschenverachtende, "Forschungsauftrag zur Ermittlung des Hilfsbedarfes für Contergangeschädigte" wird sofort gestoppt.
Auch entspräche es den primitivsten Formen des Anstandes, wenn sich die Fa. Grünenthal und die Bundesregierung bei den Opfern ihrer Handlungen und Versäumnisse entschuldigen und ihre Schuld eingestehen würden!“ (PK)
 
 
Weitere Auskünfte erteilt der Untersuchungsausschuss Conterganverbrechen (U.A.C.) c./o. Stephan Nuding (Sprecher) UAC@gmx.net    
Stephan Nuding (49) ist Historiker und Bürgerrechtler, schwer contergangeschädigt. Er war Mitorganisator und Teilnehmer des 27tägigen Hungerstreiks deutscher Conterganopfer im September/Oktober 2008.
Stets aktuelle Infos zum Thema Thalidomid / Contergan unter: www.contergan-sh.de


Online-Flyer Nr. 252  vom 02.06.2010

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