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Aktueller Online-Flyer vom 29. Juni 2017  

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Lokales
Warum sind viele Medien wie der KStA und ihre Polizeireporter so unbelehrbar?
Schlagstöcke statt Jugendhilfe
Von Klaus Jünschke

In den vergangenen Jahren war die Kriminalberichterstattung der Kölner Medien unzählige Male Thema in der Regionalgruppe der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen und im Kölner Arbeitskreis Straffälligenhilfe. In Gesprächen mit Journalisten, auf Podiumsveranstaltungen, mit Leserbriefen und mit Appellen an die Chefredaktionen wurde immer wieder von Wissenschaftlern und Praktikern darum gebeten, die Mindeststandards der Jugendhilfe zu respektieren, wenn es um die Straffälligkeit von Jugendlichen geht. Unbeeindruckt von all diesen Bemühungen kommt es in den Medien immer wieder vor, dass Kinder und Jugendliche - losgelöst vom sozialen Kontext - als „Koma-Schläger“ oder „Monster-Kids“ dargestellt und als „Intensivtäter“ angeprangert werden. Die Verantwortung der Erwachsenengesellschaft für das Verhalten von Kindern und Jugendlichen bleibt ausgeblendet.


Obwohl in diesem Jahr sogar „Wir helfen – der Unterstützungsverein des Verlag M. DuMont Schauberg e.V.“ die jährliche Aktion zur Förderung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen dem Thema Ausgrenzung gewidmet hat, geht die Kriminalberichterstattung des Kölner Stadt-Anzeiger davon unberührt weiterhin auf Jugendliche los.
 
Ein aktuelles Beispiel findet sich an diesem Samstag, den 29.5.2010 im Lokalteil. Tim Stinauer, der Polizeireporter der Zeitung, eröffnet seinen Artikel zur Gewalt gegen Polizeibeamte mit diesen Sätzen: „Die Täter feiern sich im Internet, zwei Klicks genügen. Ihre verwackelten Handyvideos heißen ‚Scheißbullen’, ‚Bullen auf die Fresse’ oder ‚Immer auf die Bullenschweine’. Die Bilder zeigen vermummte Jugendliche, die einen Streifenwagen umschmeißen, Demonstranten, die eine Hundertschaft mit Feuerwerkskörpern beschießen oder zwei Halbstarke in gerippten Unterhemden, die einen Streifenpolizisten bei einer Verkehrskontrolle anherrschen: ‚Geh weg von mir, lass mich in Ruhe, bist du mein Vater oder was?’ Es sind Szenen, die fast alle 1.400 Kölner Streifenpolizisten so oder so ähnlich schon erlebt haben.“ Da der ganze Artikel unter der Überschrift „Schlagstöcke im Streifenwagen“ erschienen ist, steht außer Zweifel was damit bezweckt werden soll. 
 
Anlass für diese dramatische Skandalisierung einer scheinbar völlig ausgerasteten Jugend war für Tim Stinauer die Präsentation der Ergebnisse der Studie „Gewalt gegen Polizei“, die von der Kriminologischen Forschungsstelle Niedersachens in der vergangenen Woche vorgestellt worden sind. Hätte er sich diese Studie etwas näher angesehen, wäre sein Bericht vielleicht etwas anders ausgefallen. Ein Kollege vom SPIEGEL hat es getan und das liest sich dann so:
 
„Die gefährlichsten Gegner für deutsche Polizisten sind nicht Hooligans oder Krawall- Demonstranten, sondern offenbar gewalttätige Ehemänner. Das ist ein Ergebnis einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) zum Thema ‚Gewalt gegen Polizeibeamte’, bei der etwa 20 000 Bedienstete unter anderem Auskunft über Verletzungen im Dienst gaben. Bei Hausbesuchen aufgrund familiärer Streitigkeiten erlitten genauso viele Beamte schwere Verletzungen wie bei Demonstrationen und Einsätzen im Stadion zusammen. Sie wurden oft schon an der Wohnungstür mit Flaschen oder Knüppeln empfangen, berichtet KFN-Direktor Christian Pfeiffer. Insgesamt stieg die Zahl der Fälle, in denen Polizisten bei Einsätzen wegen häuslicher Gewalt mindestens sieben Tage lang dienstunfähig waren, zwischen 2005 und 2009 um fast 80 Prozent an. Ein Grund für den hohen Anstieg ist das 2002 erlassene Gewaltschutzgesetz, das es Angehörigen erleichtert, gewalttätige Familienmitglieder von der Polizei aus der Wohnung entfernen zu lassen.“
 
Und wie in der NRhZ schon oft genug hervorgehoben, kann auf der Homepage von Christian Pfeiffers Institut nachgelesen werden, dass die Jugendkriminalität in den vergangene Jahren  u.a deshalb gesunken ist, weil in den Familien weniger geschlagen wird. Auch weil dankenswerter Weise Polizeibeamtinnen und -beamte ihre Köpfe hinhalten, wenn durchgeknallte Ehemänner die alte Nummer vom Herr im Haus nicht aufgelöst kriegen.
Hedwig Neven DuMont, die Vorsitzende vom „Wir helfen e.V.“  hat die Leserinnen und Leser des Kölner Stadt-Anzeiger in einem Brief mit den folgenden Worten gebeten, für Aktionen gegen Ausgrenzung zu spenden: „Es schmerzt, nicht dazu zu gehören. Ausgeschlossen zu sein, weil man anders ist. Weil man fremd aussieht. Weil man durch finanzielle Not aus dem Rahmen fällt. Leider werden Kinder bei uns ununterbrochen ausgegrenzt. Das beginnt im Kopf, setzt sich fort im schiefen Blick und dem großen Bogen, der um bestimmte Kinder gemacht wird.“
Und immer mal wieder beginnt die so beklagte Ausgrenzung im Kopf eines Polizeireporters.Warum ist er in dieser Sache so unbelehrbar? (PK)
 
Klaus Jünschke hat mit Christiane Ensslin und Jörg Hauenstein das Buch „Pop Shop – Gespräche mit Jugendlichen in Haft“ gemacht, das Grundlage für eine Aufführung am Staatstheater Dresden und für den Spielfilm PICCO wurde. (www.picco-film.de/)  
 
Bis zum Ende des Sommersemesters wird ihre Ausstellung „Menschen statt Mauern – für ein Europa ohne Jugendgefängnisse“ im Hörsaalgebäude der Universität zu Köln zu sehen sein. Siehe www.jugendliche-in-haft.de/


Online-Flyer Nr. 252  vom 02.06.2010

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