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Aktueller Online-Flyer vom 25. Juli 2016  

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Globales
"Freedom-Flottille“ - Hilfsaktion für die Bevölkerung von Gaza
Neue Horrorwaffen Israels
Von Peter Kleinert

Die Blockade von Gaza mit drei Frachtschiffen mit etwa 5.000 Tonnen Ladung und fünf Passagierschiffen mit etwa 600 Menschen aus 20 Ländern zu durchbrechen, um die im Gazastreifen Gefangenen mit Hilfsgütern zu versorgen, ist das Ziel einer vor Pfingsten gestarteten internationalen “Freedom-Flottille“, an der sich auch einige Deutsche beteiligen. Gleichzeitig machte die britische Organisation “Academics for Justice“ bekannt, dass durch Untersuchungen von Opfern der israelischen Armee an drei Universitäten in Rom, Kalmar (Schweden) und Beirut giftige und krebserregende Stoffe aus neuen Waffen, die sogar genetische Mutationen verursachen können, in den Gewebezellen von Menschen gefunden wurden, die im Gazastreifen während der israelischen Militäroperationen 2006 und 2009 verletzt worden waren.
 

Schiff der “Freedom-Flottille“ vor dem Start
in Griechenland
Die Untersuchungen sind bei Biopsien (Gewebeunter-suchungen) von Wunden durchgeführt worden, die durch Waffen verursacht wurden, die keine Fragmente hinterlassen, eine Besonderheit von im Gazastreifen verwendeten Waffen, auf die von Ärzten bereits wiederholt hingewiesen wurde. Die in Laboratorien der Universitäten La Sapienza in Rom, Kalmar und Beirut vorgenommenen Untersuchungen wurden von der “New Weapon-Research-Gruppe“ (Nwrg) koordiniert - einem unabhängigen Komitee von Wissenschaftlern und Experten, die die Anwendung von unkonventionellen Waffen und deren mittelfristige Wirkungen auf die Bevölkerung in Nachkriegsgebieten untersuchen. Im aktuellen Fall geschah dies in Zusammenarbeit mit Ärzten des Shifa-Krankenhauses in Gaza-Stadt anhand von 16 Gewebebeispielen, die zu 13 Opfern gehörten. Vier der Gewebeproben waren bereits im Juni 2006 während der Militäroperation “Summerrain“ genommen worden, während die anderen von Opfern der Operation “Cast Lead“ in der ersten Januarwoche 2009 stammen.
 
Die Gewebeproben gehören zu vier Arten von Wunden: Amputationen (in der Studie mit A bezeichnet), verkohlten Wunden (C), Verbrennungen (B) sowie multiplen tiefen Wunden, hervorgerufen von weißem Phosphor (M). Folgende Elemente wurden dabei in nicht normalen Mengen gefunden: Aluminium, Titanium, Kupfer, Strontium, Barium, Kobalt, Quecksilber, Vanadium, Caesium und Zinn in den A- und C-Wunden; Aluminium, Titanium, Kupfer, Strontium, Barium, Kobalt, Quecksilber in den M-Wunden; Kobalt, Quecksilber, Caesium und Zinn in den B-Wunden; Blei und Uran in allen Arten von Wunden; Barium, Arsen, Mangan, Rubidium, Cadmium, Chrom und Zink in allen außer in den M-Wunden; Nickel in A-Wunden.


Opfer des Überfalls auf Gaza am 6. Januar 2009 in der UNO-Schule
Quelle: orientbruecke.wordpress.com

Einige der entdeckten Elemente sind krebserregend (Quecksilber, Arsen, Cadmium, Chrom, Nickel und Uran), andere sind potentiell krebserregend (Kobalt und Vanadium), wieder andere sind giftig für Föten (Aluminium, Quecksilber, Kupfer, Barium, Blei und Mangan). Nach Mitteilung der Nwrg-Wissenschaftler können die ersteren auch genetische Mutationen verursachen; die zweiten können dieselben Auswirkungen auf Tiere haben. Die dritte könne giftige Auswirkungen auf Menschen haben und entweder den Embryo oder den Fötus bei schwangeren Frauen beeinträchtigen. Alle Metalle, die in größeren Mengen bei den Kontrollen gefunden wurden, hätten Krankheiten erregende Auswirkungen auf menschliche Atemorgane, die Nieren und die Haut und Auswirkungen auf sexuelle und neurologische Entwicklung und Funktionen.
Prof. Paola Manduca, Sprecherin der New Weapon Research-Gruppe und Dozentin für Genetik und Forscherin an der Universität Genua, erklärt in der Pressemitteilung: „Bis jetzt hatte niemand bioptische Analysen aus Gewebeproben von Wunden durchgeführt. Wir konzentrieren unsere Aufmerksamkeit auf Wunden, die von Waffen/Munition verursacht wird, die keine Bruchstücke/Splitter hinterlassen, worauf mehrfach von Ärzten in Gaza hingewiesen wurde, weil Waffen, die keine Splitter hinterlassen, erst in den letzten Jahren entwickelt wurden. Wir wollten überprüfen, ob darunter Metalle sind, die in den Wunden und in der Haut bleiben… Zu unserer Überraschung fand man nicht nur Metallkomponenten bei amputierenden Waffen, sondern sogar eine hohe Komponente Metalle in Brandwunden, die von weißem Phosphor verursacht wurden.“ Einige dieser Metalle aus den Waffen verteilten sich auch in unbekannten Mengen in der Umwelt, würden sowohl von Opfern wie von Umstehenden eingeatmet und stellten so ein Risiko nicht nur für die Opfer dar, sondern auch für Menschen, die nicht direkt von einem Bombardement getroffen würden.
 

Dr. Derek Summerfield von den
“Academics for Justice“
Foto: privat
Zu den Wissenschaftlern der New Weapon Research-Gruppe gehört auch der britische Psychiater Dr. Derek Summerfield, der während des Apartheidregimes in Südafrika aufgewachsen ist. Als Kind einer Mutter aus Simbabwe und eines britischstämmigen Vaters, machte er Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung und Segregation und ging deshalb gegen Ende der ersten Intifada (1987-1992) nach Palästina. Seine Erfahrungen mit „Israel's systematic and institutionalised torture of Palestinians” brachte ihn dazu, „that I had always been angry at Israel".

Zwei weitere Studien wurden am 17. Dezember 2009 und am 17. März 2010 veröffentlicht. Die erste berichtete vom Vorhandensein toxischer Metalle in Gebieten mit Kratern, die von israelischen Bomben im Gazastreifen stammten, die zweite von der Präsenz toxischer Metalle in Haarproben palästinensischer Kinder aus Gebieten israelischer Bombardements. Beide Untersuchungen weisen auf Umweltverschmutzungen hin, die die Lebensbedingungen dort verschlimmern, wo Unterkünfte Wind und Staub ausgesetzt sind. Aufgrund der israelischen Blockade, die kein Baumaterial und kein Werkzeug nach Gaza einführen lässt, können die zerstörten Häuser nicht wieder aufgebaut oder repariert werden.
 
"Free Gaza Movement"

Diesem Ziel soll unter anderem die in der vergangenen Woche aus europäischen Ländern von Irland bis Griechenland gestartete “Freedom-Flottille“ dienen. Aus Deutschland beteiligen sich daran fünf Passagiere: Matthias Jochheim, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Sektion der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW), Norman Paech, emeritierter Hochschullehrer und IPPNW-Beiratsmitglied, der in Deutschland lebende Palästinenser Nader el Saqa von der Palästinensischen Gemeinde Deutschland e.V., und die beiden Abgeordneten der Linksfraktion des Deutschen Bundestages, Inge Höger (Mitglied des Verteidigungsausschusses) und Annette Groth MdB (Mitglied im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe). Organisator der Flotte ist das "Free Gaza Movement", eine internationale Kampagne, mit dem Ziel, die Blockade von Gaza zu beenden. Eigentlich sollte das Schiff mit den deutschen Aktivisten am 22. Mai von Kreta aus in See stechen und um den 1. Juni zurück in Griechenland sein. Es kam jedoch beim Start zu Verzögerungen, wie Paech und Jochheim berichteten (http://ippnw.blogspot.com/).
 

Norman Paech
Foto: Gabriele Senft
Das Frachtgut besteht aus Baumaterial und ganzen Fertighäusern, aber auch aus Rollstühlen, Krankenhausbetten, Wasseraufbereitungsgeräten, sowie aus Schulmaterialien und Spielzeug. Aus Deutschland stammen 5 Tonnen der Fracht, dazu Medikamente, Verbandstoffe und Medizinische Geräte - gespendet von der Deutsch-Palästinensischen Medizinischen Gesellschaft.
 
„Ohne freien Zugang zu Grundversorgung mit Lebensmitteln leben die Menschen dort in tiefster Armut“, betont die Generalsekretärin von pax christi, Christine Hoffmann. „Die internationale Staatengemeinschaft geht nicht gegen die völkerrechtswidrige israelische Blockade vor. Umso intensiver muss die internationale Zivilgesellschaft sich dafür einsetzen“, sagt Gisela Siebourg vom Deutschen Koordinationskreis Palästina Israel. „Wir wollen mit unserer Aktion auf die Menschenrechtsverletzungen an der Bevölkerung von Gaza
aufmerksam machen. Durch die Blockade fehlen Medikamente und Ersatzteile für medizinische Geräte. Patienten, die in Gaza nicht versorgt werden können, haben keinen Zugang zu adäquater medizinischer Behandlung außerhalb der belagerten Region. Unseren israelischen Kollegen, den `Ärzten für Menschenrechte´, sind bereits Fälle bekannt, in denen Patienten gestorben sind, weil sie nicht rechtzeitig behandelt werden konnten", erklärt Matthias Jochheim.
 
„Dem Schweigen in den Medien entgegenwirken“
 
„Die Flottille nach Gaza soll mit ihren Hilfsgütern nicht nur die Blockade von Gaza überwinden, sondern auch durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit dem Schweigen in den Medien entgegenwirken und Druck auf die internationale Politik entfalten, sich deutlich gegenüber Israel für ein Ende der Blockade einzusetzen“, so Annette Groth, menschenrechtspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE.
 
Bereits seit 2009 bemüht sich der deutsche “Koordinationskreis Palästina Israel“ der “Free Gaza Bewegung“, ein Schiff mit medizinischen Hilfsgütern nach Gaza zu schicken, und hat dafür breite Unterstützung eingeworben (http://www.freegaza.de/petition/unterzeichner.php). Obwohl “Free Gaza“ sich nur in internationalen und palästinensischen Hoheitsgewässern bewegen wird, hat Tel Aviv bereits angekündigt, die Flotte nicht bis zur Küste von Gaza segeln zu lassen. “Free Gaza“ will sich aber - unter Verweis auf das Völkerrecht, das internationale Seerecht und die Menschenrechte - durch solche Drohungen nicht einschüchtern lassen. (PK)
 
Kontakt: Angelika Wilmen, IPPNW, Tel. 030-69 80 74-15, www.ippnw.de, Email: ippnw@ippnw.de. Tägliche Berichterstattung: http://ippnw.blogspot.com/.
 
Übersetzung der Pressemitteilung von “Academics for Justice“ von Ellen Rohlfs.


Online-Flyer Nr. 251  vom 26.05.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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